Rundblick

6. Juli 2026

Waldgespräch mit Barbara und Ingo Blunck

Interview mit Weinbergbesitzern aus Ohlstedt

Der Tangstedter Forst an einem Juni-Nachmittag – alte Bäume, gedämpftes Licht, die Ruhe, die nur ein Wald bietet. Auf unserem Waldsofa, mitten zwischen den Bäumen, sitzen Barbara und Ingo Blunck. Sie haben Zeit für ein Gespräch über ihr IUMBProjekt, über 15 Jahre Weinleidenschaft und darüber, wie aus einer privaten Tradition ein verbindendes Gemeinschaftserlebnis wurde. Der Wald ist der richtige Ort für dieses Gespräch – ebenso nachdenklich, ebenso lebendig, wie die beiden selbst.
Lieber Weihnachtsmann, ich und auch viele Menschen fragen sich: Woher stammst Du?

Thomas Staub:
Wann habt Ihr gemerkt, dass aus dem privaten Weingenuss ein echtes Projekt wird?
Barbara und Ingo Blunck:
Uli, das „U“ von IUMB, und ich, das „I“, haben über viele Jahre eine feste Tradition gepflegt: Rund um den Buß- und Bettag sind wir für vier Tage auf eine Nordseeinsel gefahren – mit langen Spaziergängen, gutem Essen und gutem Wein. Dabei kam immer wieder die Idee eines eigenen Weinbergs auf.

Der entscheidende Impuls kam 2009 eher zufällig. Uli war bei einem Familienfest an der Mittelmosel und saß dort neben Gerrit Walter, dem Junior-Chef einer Winzerfamilie in Briedel mit einer Tradition seit 1568. Aus diesem Gespräch entstand sehr schnell die konkrete Idee, gemeinsam einen eigenen Weinberg zu entwickeln. Danach ging alles zügig: Marlene und Barbara, das „M“ und „B“, wurden eingebunden, und kurz darauf standen wir gemeinsam mit Gerrit in Briedel. Ab diesem Moment wurde aus der Idee ein richtiges Projekt – von der Wahl des Weinbergs im Steilhang über Flasche, Korken und Etikett bis hin zur Gründung unserer IUMB GbR. Unser Ansatz war von Anfang an klar: lieber weniger Menge, dafür wirklich hochwertiger Wein.

Thomas Staub:
Wie war der Moment, als Ihr dachtet: „Das wollen wir mit anderen teilen“?
Barbara und Ingo Blunck:
Natürlich wollten wir einen Top-Wein für uns, aber 1.000 Flaschen trinken wir nicht allein. Daher war von Anfang an klar: Wir stellen unseren Wein dem Familien- und Freundeskreis zu einem fairen Preis zur Verfügung.

Barbara und Ingo Blunck mit Thomas Staub im Wald.

 

Seit wann habt Ihr Euren IUMB-Riesling?
Unser erster Jahrgang war der 2011er mit rund 1.000 Flaschen. Nach und nach haben wir weitere Reihen hinzugenommen und kommen bei optimaler Lese inzwischen auf rund 1.700 Flaschen. Leider macht uns die Natur hin und wieder einen Strich durch die Rechnung – beim aktuellen Jahrgang 2025 haben wir „nur“ rund 750 Flaschen zur Verfügung.

Von der Villa-Verde über die Corona-Pause bis zur Jahrgangsverkostung in Eurem Garten – wie hat sich das Projekt entwickelt?
Gestartet sind wir mit rund 30 Personen in der Villa-Verde – Hotel Bellevue. Als der IUMB-Riesling-Freundeskreis auf knapp 100 Teilnehmende anwuchs, wurde es dort zu eng. Vor vier Jahren haben wir das Event in unseren Garten in Hamburg-Ohlstedt verlegt – und hatten seitdem jedes Mal Glück mit dem Wetter.

Die Corona-Zeit war die größte Herausforderung: Persönliche Treffen waren nicht möglich, also haben wir eine Videokonferenz ausprobiert. Den neuen Jahrgang sowie eine Flasche des Vorjahres haben wir vorab verschickt. Die Beteiligung hat uns überwältigt – manche Teilnehmer saßen gemütlich zuhause vor dem Bildschirm, andere im Garten und waren mit Käse, Oliven und Brot dabei. Die Stimmung war großartig.

Was macht die Jahrgangsverkostung im Garten so besonders?
Das Schönste ist, dass wir so viele großartige Menschen kennen, die unsere Leidenschaft teilen. Freunde haben im Laufe der Jahre weitere nette Menschen mitgebracht. Manche sind seit über zehn Jahren dabei, andere haben sich bei unserem Event erstmals kennengelernt und freuen sich jedes Jahr aufs Wiedersehen.

Besonders freut uns, dass immer mehr Nachbarn aus Ohlstedt und den Walddörfern dazugehören. Stolz sind wir auch darauf, seit vier Jahren im Restaurant Lenz auf der Weinkarte zu stehen – und Leslie Himmelheber schaut persönlich bei unserem Event vorbei.

Schön ist außerdem, dass IUMB ein echtes Gemeinschaftsprojekt geblieben ist. Mit Anna und Sarah sowie ihren Partnern Tobias und David ist nun die nächste Generation dabei. Und unsere Enkelkinder Luca und Lucas helfen tatkräftig beim Ausschenken, während Jamie noch keine feste Rolle hat, dafür aber umso aufgeschlossener zwischen den Gästen umher rennt.

Ihr habt mittlerweile bis zu 100 Gäste – wie organisiert Ihr das?
So ein Event fällt nicht vom Himmel, aber die Vorbereitung macht uns allen Vorfreude. Jeder übernimmt Aufgaben: Stehtische und Gläser werden organisiert, Deko besorgt, IUMB-Plakate und unsere historische Weinbaukarte der Mosel von 1897 aufgestellt. Leo baut seinen mobilen Pizza-Stand mit Holzöfen auf, Nadine unterstützt großartig während des Events. Und wir überlegen jedes Jahr, wer die Begrüßung übernimmt – mit der richtigen Balance zwischen Neuem für erstmalige Gäste und Vertrautem für die Stammgäste.

Warum Riesling? Was fasziniert euch an dieser Rebsorte?
Riesling ist für uns eine der spannendsten Weißweinrebsorten überhaupt – er verbindet Frische mit Tiefe und zeigt wie kaum ein anderer Wein, wo er herkommt. An der Mosel mit ihren Steillagen und Schieferböden bekommt er diese besondere Mineralität und Eleganz. Dazu reift er wunderbar über viele Jahre. Und er ist schlicht das Aushängeschild des deutschen Weinbaus.

Wie würdet Ihr den 2023er und 2025er Jahrgang beschreiben – nicht als Wein, sondern als Person?
Der 2023er denkt erst – der 2025er geht ins Gespräch.

Was unterscheidet Euren Ansatz von anderen Weingütern?
Der größte Unterschied ist, dass wir kein klassisches Weingut sind, sondern aus privater Leidenschaft gestartet sind – mit der Freiheit, Qualität konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Wir stehen weder unter Volumen- noch Wachstumsdruck, und genau das ermöglicht uns, bei Stil und Qualität keine Kompromisse zu machen.

Unser Wein verkauft sich mit dem Ziel, am Ende eine schwarze Null zu erreichen. Aber das Wichtigste bleibt: Er ist ein verbindendes Element. Beim jährlichen Event gibt es deshalb auch immer eine kleine Vertikalprobe: In den ersten 45 Minuten wird der Vorjahresjahrgang zur Begrüßung ausgeschenkt, bevor unser Winzer von seinen Herausforderungen berichtet und gemeinsam der neue Jahrgang verkostet wird.

Ihr kennt viele Gäste seit Jahrzehnten – wie wichtig ist diese Kontinuität?
Sehr wichtig – gepaart mit Neugier. Viele begleiten uns seit Jahrzehnten, und genau das trägt die Atmosphäre. Der Wein ist dabei kein Selbstzweck, sondern das verbindende Element: gemeinsam Zeit verbringen, genießen, im Austausch bleiben. Und wir freuen uns, wenn neue, weininteressierte und nette Menschen hinzukommen.

Interessiert Euch, dass Menschen unterschiedliche Verbindungen zu den Weinen haben?
Genau diese Vielfalt fasziniert uns – dass jeder Mensch einen Wein anders wahrnimmt. Für den einen ist er „rockig“, für den anderen einfach „süffig“. Beides ist völlig in Ordnung. Die wichtigste Frage bleibt immer: Schmeckt er mir? Und wenn nicht – auch das gehört dazu. Wein schafft Gespräche und macht unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Das ist der eigentliche Reiz.

Habt Ihr besondere Geschichten, die aus diesem Projekt entstanden sind?
Wir freuen uns über jeden Gast! Das Schöne ist: Langjährige Freunde fragten irgendwann, ob sie eigene Freunde mitbringen dürfen – und so kamen von Anfang an tolle Menschen zusammen, die wiederum weitere tolle Menschen kannten.

Besondere Geschichten? Die gibt es so viele, dass wir dieses Interview um vier bis acht Seiten ergänzen müssten. Und viele davon sind einfach aus dem Moment heraus schön – die lassen sich gar nicht erzählen.

Wie geht es weiter? Bleibt das Projekt privat oder wird es größer?
Mit der nächsten Generation – innerhalb der Familie – haben wir einen wichtigen Schritt gemacht. Sie war Anfang des Jahres erstmals bei der Cuvetierung in Briedel dabei, hat die Entstehung im Keller, die Atmosphäre bei der Winzerfamilie Walter und den ersten gemeinsamen Schluck miterlebt. Daraus entstehen bereits erste eigene Ideen.

Unser Credo, der Geist von IUMB bleibt und wird um neue Perspektiven und frische Hände ergänzt. Es geht uns nicht um Wachstum, sondern darum, die Freude, die Qualität und die persönliche Art des Projekts zu bewahren.

Welche Rolle spielt Eure Familie?
Wir sind stolz und begeistert zugleich, dass unsere Töchter und deren Partner die nächsten Schritte mitgestalten werden und Bestandteil dieses schönen Projektes geworden sind.

Gibt es einen Wein, einen Moment oder ein Gespräch, das Euch besonders bewegt hat?
Ja, ganz aktuell: Beim Cuvetierungs-Wochenende im Januar 2026 haben wir ein paar gereifte Rotweine aus unserem privaten Bestand mitgebracht – Jahrgänge zwischen 1997 und 2010 aus dem Piemont, Bolgheri und der Toskana. Die nächste Generation sagte ganz offen, dass Rotwein eigentlich nicht ihr Thema sei, freute sich aber trotzdem auf die Probe.

Nach der Verkostung kam dann der Satz: „So kann Rotwein also auch schmecken …“ Das hat mich sehr gefreut. Es zeigt, dass sich Geschmack entwickelt und man manchmal einfach die richtige Erfahrung braucht. Neugierig bleiben, probieren – und am Ende ehrlich sagen: Schmeckt mir oder eben nicht.

Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?
Barbara und ich kennen uns seit 1978. Wir haben uns in der 8. Klasse am Gymnasium Bondenwald kennengelernt. Über das „dass“ sind wir uns völlig einig, über das „wie genau“ gibt es bis heute leicht unterschiedliche Versionen.

Was verbindet Euch als Paar?
Mit 15 Jahren den richtigen Partner zu treffen ist sicher nicht die Regel. Uns verbindet, dass wir beide wissbegierig und offen geblieben sind und unsere Beziehung immer wieder gemeinsam weiterentwickelt haben. Wir haben gute Lösungen gefunden, wenn es nötig war – und dabei nie den Bezug zueinander verloren. Und am Ende ist es vielleicht ganz einfach: Wir lieben uns immer noch sehr – mit allen Höhen und Tiefen, die dazugehören.

Wie unterschiedlich seid Ihr eigentlich?
Im Kern sind wir uns sehr ähnlich – Verbindlichkeit, Ehrlichkeit und ein respektvolles Miteinander sind uns gleichermaßen wichtig. In einer Zeit, die oft von Unruhe geprägt ist, ist uns das ein wichtiger Anker. Aber in den Details gibt es durchaus Unterschiede – und genau die sorgen dafür, dass es lebendig bleibt. Ein bisschen wie bei unseren Jahrgängen: gleiche Herkunft, aber immer mit eigener Persönlichkeit.

Ich danke Euch für dieses offenherzige Gespräch im Wald – und für die Leidenschaft, mit der Ihr Eure Geschichte erzählt habt. Es ist diese Authentizität, die IUMB ausmacht: Kein Pomp, keine Zirkus, sondern Menschen, die teilen, was sie lieben, damit andere mit Freude dabei sind.

Thomas Staub