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13. Februar 2026

Die Kuchenfrau

Fortsetzungsgeschichte von Andreas Richter

Teil 1: Ankunft

Die elegant gekleidete Frau stand auf der anderen Straßenseite und betrachte das freistehende Gebäude. Der Rotklinkerbau aus den 1950er Jahren stand auf einem 240 Quadratmeter großen Grundstück. Rechts schloss sich eine Garage mit zweiflügeligem Holztor und kleinen Sichtfenstern an, die zu schmal war für moderne, große Pkw. Der Eingang mit dem Treppenaufgang lag auf der linken Seite.

Das Ladengeschäft im Erdgeschoss hatte eine große Fensterfront. Laut Exposé verbargen sich dahinter 66 Quadratmeter, davon 54 Verkaufsfläche und zwölf Nebenfläche, sowie ein kleines WC. Das Gebäude war teilunterkellert, Ladengeschäft und Keller waren über eine Bodenluke miteinander verbunden. Das Obergeschoss hatte 58 Quadratmeter. Zwei Zimmer, neue Küche, modernisiertes Badezimmer, separates WC, ein halbrunder Balkon mit Schmuckgeländer und Blick in den kleinen Garten. Vor einem Jahr war die Heizungsanlage erneuert und eine Einblasdämmung vorgenommen worden. Das nicht ausgebaute Dachgeschoss bot rund 30 Quadratmeter Abstellfläche.

„Und, wie gefällt es Ihnen?“, fragte die Maklerin. Sie sah die Frau an und versuchte erneut, ihr Alter zu schätzen. Von Anfang Vierzig bis Mitte Fünfzig schien alles möglich. Die Frau war schlank und trug einen brünetten, mittellang gestuften Bob. Ihr Gesicht war glatt, doch mit feinen Linien um die blauen Augen und den Mund. Die Maklerin fragte sich, ob die Frau hatte nachhelfen lassen, und falls sie es getan hatte, hatten die Chirurgen gute Arbeit geleistet. Vielleicht trug die Frau das eng gewickelte Halstuch und die dünnen Lederhandschuhe, um die Stellen zu verbergen, die ihr wahres Alter preisgaben.

Die Frau antwortete nicht. Das Gebäude machte soweit einen guten Eindruck, jedoch reichte es nicht an jene heran, die sie von früher kannte, erst recht nicht an die im bayrischen Rothenburg ob der Tauber oder in Quedlinburg im Harzvorland. In beide Gebäude war sie regelrecht verliebt gewesen und wäre gerne länger geblieben. Sie hatte nun mal eine Schwäche für mittelalterliche Städte mit verwinkelten Gassen, Kopfsteinpflaster und Fachwerk aus vergangenen Jahrhunderten. All das bot Duvenstedt nicht, doch soweit sie wusste, ließ es sich hier im grünen und beschaulichen Norden Hamburgs auch gut aushalten. Sie würde jedoch nicht wegen der Lebensqualität herziehen, sondern weil der kleine Stadtteil den für sie entscheidenden Vorzug bot.
„Wie lange steht es schon leer?“, fragte sie schließlich, ohne den Blick von dem Gebäude zu nehmen. Sie spürte, dass die Maklerin versuchte, sich ein Bild von ihr zu machen.

„Seit drei Monaten“, antwortete die Maklerin. „Der Vormieter hatte Produkte aus Modena angeboten, Olivenöl, Balsamico, Wein. Wir haben hier in den Walddörfern zwar eine hohe Kaufkraft, aber die Verkaufspreise waren drüber, wie man so schön sagt. Wenn man im Supermarkt ähnliche Produkte für ein Drittel bekommt, kauft man dort. Jedenfalls hatte das Ganze nicht funktioniert und nach einem dreiviertel Jahr war Schluss. Konzept gescheitert.“
Die Frau ging nicht darauf ein. „Und in der Wohnung darüber hatte er gewohnt?“

„Wie in der Anzeige steht, vermieten wir beides nur zusammen. Unten arbeiten und oben wohnen suchen viele, die diese Art von Gewerbefläche betreiben möchten. Das Geschäfts- und Privatleben befindet sich unter einem Dach, gleichzeitig sorgt die räumliche Trennung für eine klare Abgrenzung. Besser geht es nicht.“

Ein kurzes Schweigen folgte, dann sagte die Frau: „Die Fensterfront ist groß. Das ist ein Pluspunkt, weil dies kein A-Standort ist. Es ist ein B-Standort. Nicht die Haupteinkaufsstraße, sondern eine ihrer Seitenstraßen.“
„Es sind nur vierzig Meter bis zur Hauptgeschäftsstraße“, beeilte sich die Maklerin zu sagen.

„Vierzig Meter Seitenstraße bleiben vierzig Meter Seitenstraße. Eine Seitenstraße bedeutend immer weniger Laufkundschaft. Aber mit einer großen Fensterfront lässt sich etwas Boden gutmachen, wenn man die Ware richtig präsentiert.“

Die Maklerin fragte: „Was sagten Sie noch gleich, werden Sie anbieten?“ Die Frau strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich sagte noch gar nichts. Doch wenn mir der Laden und die Wohnung innen soweit gefallen und ich mich für die Miete entscheide, erfahren Sie es selbstverständlich sofort.“

„Ich bin gespannt“, sagte die Maklerin und zog einen Schlüsselbund aus ihrem Schulterbeutel. „Dann schlage ich vor, wir gehen rein und sehen es uns in aller Ruhe gemeinsam an. Zuerst die Wohnung oder das Ladengeschäft?“
„Den Laden.“

Während sie die Straße überquerten, sagte die Maklerin. „Ich hoffe, Ihr Konzept wird besser funktionieren als das des Vormieters.“
„Oh, das wird es“, sagte die Frau. Sie warf der Maklerin einen Blick zu und lächelte dünn. „Es funktioniert immer.“

*****

Sophia war vierzehn Jahre alt, und kein Tag verging, an dem sie sich nicht vorstellte, wie viel schöner ihr Leben und wie viel glücklicher sie wäre, wenn ihre Mutter noch lebte. Dann hätte ihr Vater nicht erneut geheiratet. Doch so hatte er es getan. Das war schlimm genug, doch weshalb es ausgerechnet Maike hatte sein müssen, würde Sophia für ewig ein Rätsel bleiben. Zu allem Übel hatte Maike auch noch zwei Söhne mit in die Ehe gebracht, um die sich alles drehte. Ihr Ex hatte sie mit den Jungen sitzengelassen und sich mit einer Anderen aus dem Staub gemacht hat. Weshalb er das Weite gesucht hatte, wusste Sophia nicht, doch sie war überzeugt, dass Maike es verkackt hatte. Die Frau war einfach furchtbar.

Auch die Vornamen ihrer Söhne begannen mit dem Buchstaben M, und das war garantiert Maikes ultralustige Idee gewesen. Malte war sieben Jahre alt und Michel war vier. In Sophias Augen war Malte ein Klugscheißer, der mit seiner dauernervigen Art hart nach seiner Mutter kam. Michel hingegen war gar nicht so übel und eigentlich ganz niedlich, doch das behielt Sophia schön für sich, denn erstens wollte sie Maikes Söhne nicht mögen, und zweitens gingen ihre Gefühle niemanden etwas an. Jedenfalls war Sophias Leben eine einzige Katastrophe, und schuld daran war dieser verdammte Autofahrer, der beim Abbiegen ihre Mutter übersehen hatte. Wegen ihm hing Sophia jetzt in diesem Patchwork-Familie-Super-GAU fest. Sie wünschte ihm alle schlimmen Krankheiten der Welt an den Hals.

Zum Glück gab es Opa Karl, den Vater ihrer Mutter. Er lebte alleine, seit seine Frau gestorben war. Damals war Sophia noch ein Baby gewesen. Er war geistig voll auf der Höhe und für seine sechsundsiebzig Jahre körperlich total fit. Sophia hatte ein paar gute Freundinnen, doch Opa Karl war der einzige Mensch, der Sophia wirklich verstand. Zumindest meistens. Er hörte zu wie kein Zweiter. Bei ihm konnte Sophia all ihre Enttäuschung, Unzufriedenheit und Wut abladen. Sie verbrachte gern Zeit mit ihm. Regelmäßig besuchte sie ihn in seiner kleinen Wohnung oder sie trafen sich zum Spaziergang im Duvenstedter Brook oder im Ortskern auf eine Pizza, ein Eis oder ein Stück Kuchen. Wenn Sophia danach nach Hause zurückkehrte, war ihre Laune meist besser, als sie gewesen war, bevor sie das Haus verlassen hatte – zumindest für eine Weile.

„Hast du die Anzeige gesehen?“, fragte Sophia. Sie saß an Opa Karls Wohnzimmertisch und blätterte in der frischen Ausgabe des Duvenstedter Kreisel, der heute in seinem Briefkasten gesteckt hatte.

„Noch nicht reingeschaut“, sagte er, ohne vom Sudoku aufzuschauen. Er hatte es zu seiner Routine gemacht, jeden Tag fünf dieser Logikrätsel zu lösen. Nicht aus Freude, sondern um, wie er es nannte, Altersgehirnjogging zu betreiben. „Hab’s gleich, dann machen wir uns auf den Weg.“

Vor einer Woche hatte Sophia in Mathe eine Drei geschrieben. Ihrem Hassschulfach, in dem sie für gewöhnlich höchstens eine Vier schaffte. Opa Karl hatte mit ihr für die Klausur gepaukt und einen gemeinsamen Kinobesuch plus Getränk und Popcorn versprochen, sollte diesmal eine bessere Note herausspringen. Sophia hatte sich für einen Film entschieden und nun wollten sie rüber nach Volksdorf fahren, wo er sein Versprechen einlösen würde.

„Die Kuchenfrau“, las sie vor. „Köstliche Kuchen und Torten nach alten Familienrezepten. Handgebacken mit Liebe, Zeit und besten Zutaten. Täglich wechselndes Angebot.“ Sie drehte die Zeitschrift um und schob sie ihm hin. „Das Logo ist im Fifties-Diner-Style, richtig gut. Eröffnung ist nächsten Mittwoch. Was meinst du, Opa, wollen wir da mal auf ein Stück Kuchen hin?“

Opa Karl sah kurz hin. Er hatte einen geübten Blick für Bildsprache und Typografie. Früher war er Art Director einer großen Fernsehzeitschrift gewesen. Die klar gestaltete Anzeige umfasste eine halbe Seite und war auf den Punkt reduziert. Sie gefiel ihm.

„Wo ist das?“, fragte er.
„Ich glaube dort, wo die italienischen Spezialitäten drin waren. Die Weine und so, weißt du?“

„Ja“, brummte er und trug die letzten zwei Zahlen in ihre Kästchen ein. Fertig. Er legte den Bleistift aus der Hand und erhob sich. „Gut, dann lass‘ uns“, sagte er und klatschte zum Aufbruch einmal in die Hände.
Auch Sophia stand auf. Sie schnappten sich ihre Frühjahrsjacken und verließen die Wohnung. An die Anzeige der Kuchenfrau dachte Sophia da schon nicht mehr.

*****

Die Frau wirkte müde. Sie hatte Gewicht verloren. Hinter ihr lagen anstrengende Tage. Der ganze bürokratische Aufwand wie Handelsregistereintrag, Gewerbeanmeldung, Handwerksrolle, Handwerkskammer, Gesundheitszeugnis, Hygienevorschriften, Steuernummer und die Versicherungen hatten eine Menge Zeit, Geld und Nerven gekostet. Am kniffligsten war der Meisterbrief gewesen. Den brauchte sie, um selbstproduzierte Backwaren anzubieten, doch sie hatte keinen. Nicht mehr. Zwar war sie auch diesmal mit der gefälschten Urkunde durchgekommen, doch schon beim nächsten Mal konnte sie auffliegen. Bisher hatte sie einfach nur Glück gehabt. Solche Fälschungen flogen immer häufiger auf, seit die Handwerkskammern verschiedener Bezirke enger zusammenarbeiteten. Auch die Abnahme durch die Lebensmittelüberwachung und die Brandschutzprüfung waren glattgegangen. Beides hatte ihr Bauchschmerzen bereitet, weil das Gebäude nicht ideal war, doch es hatte geklappt. Wie immer.

Nachdem erst der Elektriker und dann der Maler den Laden und die Wohnung nach ihren Vorstellungen hergerichtet hatten, hatte sie von der Spedition ihr eingelagertes Hab und Gut liefern lassen. Die Möbel und Lampen, die Kühlgeräte, Rührmaschinen und Kombidämpfer, die Vitrinen, Torten- und Servierplatten und alles Weitere. Auch das auffällige, doppelseitige Werbeschild für außen: Die Kuchenfrau.

So hatten sie die Großmutter genannt. Damals. Niemand im Dorf hatte sie bei ihrem eigentlichen Namen gerufen, immer nur Kuchenfrau. Später, als die Großmutter begonnen hatte, sie in die hellen und die dunklen Geheimnisse der Backkunst einzuweihen, hatte sie zunehmend verstanden, dass Kuchenfrau mehr war als ein Beiname. Es war eine Gabe. Eine Berufung. Nach dem Tod der Großmutter hatte sie beschlossen, den Namen weiterzutragen. In Gedenken und als Erinnerung, aber vor allem, weil er warm klang. Vertrauensvoll. Weil der Name perfekt war.

Es waren noch drei Tage bis zur Eröffnung. Neben der im Kreisel geschalteten Anzeige hatte sie Flyer verteilt. Sie hatte Handzettel in hunderte Privatbriefkästen gesteckt, außer dort, wo ein Keine-Werbung-Sticker klebte. In den Geschäften der Einkaufsstraße und den Restaurants hatte sie gefragt, ob sie einige Flyer auslegen durfte, und fast immer durfte sie und die Leute hatten ihr Erfolg gewünscht. Nur um die Bäckereien hatte sie einen Bogen gemacht.

Alles war rechtzeitig fertig geworden. An der Fensterfront hingen blickdichte Vorhänge. Sie waren seit Wochen zugezogen. Niemand konnte sehen, wie es innen aussah. Erst am Eröffnungstag würde sie die Vorhänge zur Seite ziehen. So, wie sie es immer tat. Auch ansonsten würde sie alles handhaben wie jedes Mal. Es gab keinen Grund, etwas zu ändern.

Das Lager im Keller war gefüllt. Morgen würde sie noch einige saisonale Zutaten besorgen. Es war Ende April, und somit gab es bereits eine Auswahl an Frischem aus der Region. Noch war es zu früh für Freiland-Erdbeeren, Himbeeren, Blaubeeren und Kirschen, doch es gab eingelagerte Äpfel aus dem vergangenen Herbst, die noch immer knackig und lecker waren. Und es gab frischen Rhabarber und frühe Möhren, und mit beidem backte sie einige ihrer besten Torten überhaupt. Tiefgekühltes oder Importiertes kam nicht infrage. Qualität und Frische waren das Wichtigste, auch das hatte sie von der Großmutter gelernt. Sie würde zum Obst- und Gemüsehändler gehen und schauen, was angeboten wurde. Sollte die Auswahl nicht viel hergeben, machte es nichts. Sie hatte über hundert Rezepte im Kopf, es war ein Leichtes, vier Kuchen und vier Torten zu backen. Sie backte immer vier und vier, nie mehr und nie weniger.

„Mach’s de Leit net z’leicht ond net z’schwer. Nur so werret se bereit z’zaahla, was’s wert isch… ond no a bissle meh“, hatte die Großmutter immer gesagt. „Mach‘ es den Leuten nicht zu leicht und nicht zu schwer. Nur so werden sie bereit sein zu zahlen, was es wert ist … und noch ein bisschen mehr.“ Niemand hatte die Menschen besser durchschaut als die Großmutter.

Die Menschen in Duvenstedt waren nicht anders als anderswo. Die Kuchenfrau war gespannt, welche Preise sie zu zahlen bereit wären. Wie weit sie gehen würden. Nicht mehr lange, und sie würde es herausfinden.

Ende Teil 1.
Weiter geht’s mit Teil 2 in Ausgabe 70.

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