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6. Januar 2026

Die Heiligen Drei Könige

Wolf-Ulrich Cropp

Es liegt schon einige Jahre zurück, doch stets zur Weihnachtszeit werde ich an ein Gespräch erinnert. An ein Gespräch mit meinem Enkel Julius. Er war damals sechs Jahre alt. Seine Fragen beschäftigen mich immer noch. So sehr, dass ich darüber berichten möchte:
Heiligabend neigte sich dem Ende zu. Weihnachtslieder waren gesungen worden, Julius hatte neben dem festlich geschmückten Tannenbaum ein passendes Gedicht aufgesagt, ganz auswendig, und Schwesterchen Julia hatte auf der Blockflöte „Stille Nacht, heilige Nacht“ gespielt. Dann war sogar ein Weihnachtsmann mit einem Sack voller Pakete erschienen, der jedoch trotz Kapuze, Wallebart und verstellter Stimme von den Kindern rasch als Herr Schulz aus der Nachbarschaft entlarvt worden war. Endlich hatten sich unsere Enkelkinder über die Geschenke hermachen können, die Verpackungen aufgerissen und sich mit Ahs und Ohs über die Gaben gefreut.
In diesem Jahr waren wir von der Familie unseres älteren Sohnes eingeladen worden, Weihnachten bei ihnen in Berlin mitzufeiern. Der harmonische Weihnachtsabend sollte für Julius nun nach dem Abendessen ausklingen. Immerhin ging es schon auf fast dreiundzwanzig Uhr! Wo war er eigentlich?
Er lag unter dem Tannenbaum, neben der aus Holz geschnitzten Krippe. Ich hatte das edle Stück einst in Freiberg, im Erzgebirge, erworben. Seitdem stand es, so als Wanderpokal, unter den jeweiligen Tannenbäumen der Familien. Als schöne dekorative Zierde, doch eigentlich immer unbeachtet. Julius hatte die Müdigkeit übermannt, er schien zu schlafen. Ich trat an den Baum.
Zu meiner Überraschung sagte er plötzlich: „Schau mal, Opi, diese drei Figuren da an der Krippe, was bedeuten die? Was ist mit denen?“
Ich kniete nieder, setzte mich auf den Teppich neben Julius und erklärte: „Das sind die Heiligen Drei Könige.“
„Heilige Drei Könige? Komisch, das verstehe ich nicht! Kannst Du mir etwas dazu erzählen?“
„Ach, Julius, das ist eine lange Geschichte. Die erzäh‘ ich Dir ein anderes Mal.“
„Aber ich möchte, dass Du sie mir jetzt erzählst!“
„Andermal, es ist schon so spät.“
„Nein, Opi, bitte jetzt!“
Julius‘ Eltern nickten mir zu. Ich begann:
„Vor langer, sehr langer Zeit lebten im Morgenland besonders ausgebildete Menschen, die sich mit der Sternenkunde beschäftigten. Aus dem Lauf der Gestirne glaubte man Erkenntnisse für das Geschehen auf der Erde ableiten zu können …“
„Was ist das Morgenland?“, unterbrach mich Julius.
„Das Morgenland ist das Land, wo die Sonne aufgeht. Wir
leben im Abendland, da geht die Sonne unter.“
„Aber bei uns scheint die Sonne doch auch!“
„Schon richtig, aber immer etwas später. – Also, eines Tages, vor über zweitausend Jahren, wurde in westlicher Himmelsrichtung ein besonders heller, strahlender Stern entdeckt, der vielen Menschen sehr rätselhaft erschien. Drei Männer deuteten das wunderbare Leuchten als ein besonderes Zeichen. Es war nämlich schon lange vorausgesagt worden, dass ein König geboren werden sollte, dessen Licht leuchten möge über die Völker der Erde.“
„Wer waren die Männer?“, fragte Julius.
„Wie Du an der kostbaren Kleidung und der Kopfbedeckung, den Turbanen, siehst, mussten es sehr reiche Männer gewesen sein. Königliche Gelehrte aus einem Land, das heute Iran heißt. Sie beschäftigten sich als Wissenschaftler schon viele Jahre mit der Himmelskunde. Bei uns werden sie Die Drei Weisen aus dem Morgenland, oder auch Die Heiligen Drei Könige genannt.“
„Hatten die Männer auch Namen?“
„Aber ja! Caspar, Melchior und Balthasar.“
„Und die drei suchten einen König? Wie spannend!“

„So war es, die Gelehrten wurden sehr neugierig und sagten sich, der besondere Stern wird uns zeigen, wo wir den Geburtsort des neuen Königs finden werden. Da der helle Himmelskörper aber nur wenig über den Horizont schaute, beschlossen sie nach Westen zu reisen, um ihn besser beobachten zu können. Wir müssen uns aufmachen, um den Herrscher möglichst rasch zu begrüßen, entschieden sie und sattelten ihre Kamele, die mit Geschenken beladen wurden. Dann …“
„Geschenke? Was für Geschenke, Opi?“, unterbrach mein Enkel hastig.
„Zu damaliger Zeit wertvolle Dinge, Julius, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und damit ritten sie über Berge und durch Wüsten, bis sie nach mühevoller Reise Jerusalem, eine große, glanzvolle Stadt im heutigen Israel, erreicht hatten. Dort fragten sie überall nach einem Schloss mit prunkvollen Gemächern, mit einem fürstlich geschmückten Saal, in dem sie einem gerade geborenen Königskind huldigen könnten. Doch niemand wusste etwas von einem neuen König. Es gab nur Herodes, einen grausamen Herrscher, der aus Angst, einmal von seinem Thron vertrieben zu werden, alle Babys aus einflussreichen Familien töten ließ. Zufällig stießen die drei Sterndeuter schließlich auf einen Propheten, einen Wahrsager, der ihnen riet, in den kleinen Ort Bethlehem zu reiten. Dort könnten sie vielleicht finden, was sie suchten. Mit der Information zogen die drei weiter, bis sie den winzigen Ort mit armseligen Behausungen und engen, schmutzigen Gassen erreicht hatten. Total verwundert waren die Männer, als sie etwas außerhalb des Ortes eine verfallene Hütte fanden, die von dem Stern mit ganzer Pracht angestrahlt und hell erleuchtet wurde. Zögernd und voller Zweifel, am richtigen Ort zu sein, näherten sie sich dem Stall mit einer Krippe, in dem ein Baby in Windeln gewickelt lag, das Jesus hieß. Bei ihm stand eine Frau, Maria, mit ihrem Mann Joseph. In unmittelbarer Nähe weilten ein Esel und mehrere Schafe, so wie es die Krippe hier zeigt. Die drei Weisen aus dem Morgenland konnten kaum glauben was sie dort an Armseligkeit vorfanden. Hatten sie doch Reichtum und Hofstaat erwartet!“
„Und was passierte dann?“, fragte Julius aufgeregt, ergriff die drei Holzfiguren und betrachtete Caspar, Melchior und Balthasar aus nächster Nähe.
„Mutter und Vater des Babys begrüßten die Fremden mit einem Lächeln und fragten verwundert: „Was wollen die hohen Herren bei uns? Wer seid ihr? Wir sind doch nur ein armes Ehepaar, das unterwegs ist, um gezählt zu werden, wie es der Aufruf verlangt. Auf dem Weg in unsere Geburtsstadt Bethlehem wurde Jesus, mein Kind, geboren“, erklärte Maria. Und über der Gruppe von Mensch und Tier lag eine tiefe, herrliche Stille. Ein wunderbarer Friede … Da geschah auf einmal etwas Seltsames. Ja, etwas gar Unglaubliches, als wäre in die Männer aus dem fernen Land eine besondere Kraft eingedrungen. Die drei weisen Sterndeuter knieten vor der Krippe mit dem Baby nieder. Sie falteten die Hände, senkten ihre Köpfe und beteten. In die erhabene Stille murmelten sie: „Wir haben den König, in der Krippe liegend, gefunden. Einen Heiland, der Großes vollbringen wird, das die Welt verändert.“
Nun machte ich mit der Geschichte eine Pause.
Julius schien nachzudenken. Nach einer Weile meinte er: „Sag‘, Opi, warum beteten die drei Könige aus dem Morgenland vor dem armen Baby?“
„Ja, Julius, das war ein Wunder. Die Männer mussten plötzlich gefühlt haben, dass das, was da auf Stroh in der Krippe lag, mehr war, als nur ein normales Kleinkind. Vielleicht wurde ihnen das Besondere ihrer Begegnung in dem Stall bewusst? Erkannten sie in Jesus eine Person, die uns Menschen vom lieben Gott geschickt wurde?“
„Oh ja“, rief Julius, „die Männer hatten den König der armen Menschen gefunden!“
„Nicht nur der Armen. Sie hatten den Heiland gefunden. Jesus Christus, Gottes Sohn, an den Christen glauben.“

„Sind wir auch Christen, Opi?“
„Aber ja, lieber Julius. Auch wir sind Christen. Weihnachten ist ein christliches Fest.“
„Jetzt verstehe ich das Weihnachtsfest! Wir beschenken uns, weil wir uns über die Geburt des Jesuskinds so sehr freuen? Ist das so – oder?“
„Ganz recht! Als die drei Sterndeuter ihr Gebet beendet hatten, übergaben sie aus lauter Freude über den gefundenen König ihre Geschenke – natürlich auch, weil sie große Dankbarkeit empfanden. Caspar schenkte Gold, Melchior Weihrauch und Balthasar Myrrhe. Und mit einem starken Glücksgefühl im Herzen verließen die drei den Stall des wunderbaren Friedens unter den Menschen und den Tieren. Sie verschwanden noch in selbiger Nacht. Wieder zu Hause berichteten sie von ihrer wundersamen Begegnung. Und ihr Bericht verbreitete sich als frohe Kunde in der ganzen Welt.“
Mein Enkelsöhnchen betrachtete immer noch ganz versonnen die drei Holzfiguren und meinte: „Opi, das war eine schöne Geschichte. Der liebe Gott im Himmel hat einen Menschen zu uns auf die Erde geschickt, das ist doch wirklich ein großes Wunder! Was meinst du, Opi?“
„Ja, das ist ein Wunder!“, entgegnete ich.
Mir fiel auf, wie zufrieden, ja glücklich Julius in dieser Nacht auf sein Zimmer ging. In seinen Händen hielt er die drei Krippenfiguren – fest an seine Brust gedrückt.

Wolf-U. Cropp