Rundblick

6. Januar 2026

Waldgespräch mit dem Weihnachtsmann höchstpersönlich

Interview mit dem wohl beliebtesten Gast

Thomas Staub:
Wie schön, dass Du den Weg zu unserem Wald-Sofa im Tangstedter Forst gefunden hast – zumal gerade jetzt, in Deiner so geschäftigen Zeit. Dieser Platz hat schon viele Stimmen gehört, doch heute bekommt er ganz besonderen Besuch. Ich darf willkommen heißen: den Weihnachtsmann, den Bewahrer der Weihnachtswunder, den treuen Freund der Kinder und Lenker des Schlittens durch die sternenklare Winterwelt – leider noch ohne Schnee.
Lieber Weihnachtsmann, ich und auch viele Menschen fragen sich: Woher stammst Du?

Weihnachtsmann:
Ho ho ho, mein lieber Freund, vielen Dank für die Einladung an diesen fantastischen Ort im Wald. Um auf Deine erste Frage einzugehen, ich bin älter als der Nordpol, älter als der Bart in meinem Gesicht. Ich bin geboren aus einem Wunsch, dem Wunsch der Menschen, dass Güte stärker sein möge, als die Kälte der Welt. Lange bevor jemand den Namen „Weihnachtsmann“ flüsterte, gab es in allen Kulturen Gestalten, die zur dunkelsten Zeit des Jahres Licht brachten: Odin, der mit seinem achtbeinigen Ross durch den Wintersturm ritt, um Gaben zu bringen, Sankt Nikolaus, der die Armen beschenkte, die römischen Saturnalia, in denen Herren und Knechte für einen Tag gleich waren.
Aus all diesen Funken hat sich mein Geist geformt – der Geist des Schenkens, des Staunens und des Lächelns im Dunkeln.

Warum sehnen sich die Menschen so sehr nach Dir?
Weil ich nicht ich bin, sondern ein Spiegel ihrer Sehnsucht. Jahr für Jahr hoffen sie, dass das Herz noch glauben kann, dass Güte kein Märchen ist. Ich bringe keine Geschenke aus Gold oder Silber – ich bringe Erinnerung an die Wärme der Kindheit, an den Duft von Zimt, an das Gefühl, dass alles gut wird, wenn die Lichter am Baum erstrahlen. Das ist das Geheimnis der Tradition: Sie nährt die Seele, nicht nur den Bauch – (schmunzel).

Und wie sieht es mit Deinen größten Bewunderern aus – den Kindern?
Wenn ein Kind an mich glaubt, dann lebt ein kleines Wunder auf. Der Glaube eines Kindes ist wie frischer Schnee – unberührt, ehrlich und ohne Zynismus. Ich sehe in diesen Augen das, was viele Erwachsene vergessen haben: Vertrauen in das Gute.
Und zu den Eltern, die sich sorgen, ob sie ihre Kinder „täuschen“, sage ich: Lasst sie träumen! Eine Lüge zerstört Vertrauen, aber eine Geschichte baut Hoffnung. Eines Tages wird das Kind begreifen, dass der Weihnachtsmann in jedem Menschen weiterlebt, der mit Liebe schenkt. Dann stirbt der Zauber nicht – er wird nur reifer.

Hast Du eigentlich schon immer so ausgesehen, wie heute?
Ach ja, mein Aussehen … Dieses rote Gewand hier, mein weißer Bart, der volle Bauch … (schmunzel). Früher trug ich auch Grün, Braun, manchmal sogar Blau, die Farben des Waldes und der Erde. Die hätten natürlich viel besser in den Forst gepasst. Doch als die Welt moderner wurde, brauchte man ein Bild, das Wärme ausstrahlt, das in jedem Wohnzimmer funkelt. So kam es zu diesem roten Mantel. Und ja, ein gewisser Getränkehersteller hat mich in den 1930er Jahren so gemalt, wie die Menschen mich heute kennen. Aber ich sage Dir: Der Künstler Haddon Sundblom hat mich nicht erfunden, wie es oft behauptet wird, er hat mich gesehen, so wie ich immer in den Herzen der Menschen war.
Also nein, Coca-Cola, um den Getränkehersteller beim Namen zu nennen, hat mich nicht erfunden, ho ho ho! Ich war schon da, als sie noch Wasser in Eichenfässern gelagert haben!
Aber sie haben mein Lächeln auf Millionen Plakatwände gebracht, und das ist etwas, wofür ich ihnen danke. Sie haben mir ein neues Gewand geschenkt, aber das Herz darunter – das war schon immer da.

Aber wie viele andere frage ich mich, wie Du es schaffst, so viele Menschen überall auf der Welt am 24. Dezember zu erfreuen? Logistisch ist das ja kaum denkbar.
Wie ich das alles schaffe, fragst Du? Nun … sagen wir, die Zeit ist in der Heiligen Nacht ein wenig biegsamer als sonst. Zwischen zwei Herzschlägen kann viel geschehen, wenn genug Liebe darin liegt.
Meine Rentiere sind schneller als Gedanken, und mein Sack ist innen größer als außen. Frag‘ nicht zu genau, das würde die Magie verderben. Ich sage nur: Ich reise nicht durch den Raum, sondern durch die Herzen. Wer an mich glaubt, der öffnet mir die Tür, und das ist der wahre Schlüssel zu meiner Reise.

Nun bist Du ein Mann der viel erlebt. Was war Dein unvergesslichster Moment?
Oh, es waren viele, aber einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: ein kleines Mädchen in Prag, kurz nach dem Krieg, barfuß im Schnee und mit einem zerknitterten Zettel in der Hand. Sie hatte keinen Wunsch nach Spielzeug oder Süßigkeiten – nur, dass ihr Bruder gesund wird.
Ich konnte ihr keine Wunderheilung bieten, aber ich brachte ihr einen Apfel, einen Schal und – das Wichtigste – Hoffnung. Jahre später schrieb sie mir, dass sie Krankenschwester geworden sei, um anderen den Glauben an das Gute zurückzugeben. Das war der schönste Brief, den ich in meinem Leben erhalten habe.

Wie sieht es mit dem Glauben aus? Gibt es auch etwas , an das Du glaubst?
Das ist eine gute Frage, die man mir selten stellt. Ich glaube fest und tief an das, was man nicht messen kann: an Güte, an zweite Chancen, an das kleine Aufblitzen von Wärme in den Augen eines Fremden. Ich glaube an die Menschen, auch wenn sie sich manchmal verlieren. Denn in jedem steckt ein Funken, der nur darauf wartet, wieder aufzuflackern. Und an Kinder glaube ich ganz besonders. Sie sind der Beweis, dass Hoffnung sich immer wieder neu erfindet.
Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Menschen wieder mehr zuhören.
Nicht nur einander, sondern der Welt: dem Wind in den Tannen, dem Lachen der Kinder, dem Schweigen nach einem Streit. Und das Allerwichtigste ist, dass die Menschen friedlich miteinander leben – was zur Zeit in einigen Teilen der Welt schwierig zu realisieren scheint.

Wird der Weihnachtsgedanke irgendwann verschwinden? Und was passiert mit den Wünschen, die Du nicht erfüllen kannst?
Nein, niemals. Weihnachten wandelt sich, aber es wird niemals sterben! Es mag Zeiten geben, in denen die Menschen die Geschenke größer und die Herzen kleiner machen. Doch dann wird ein Jahr kommen, in dem ein Lied, eine Erinnerung, ein schlichtes Licht im Fenster genügt, um die alte Sehnsucht zu wecken.
Weihnachten ist kein Datum. Es ist ein Zustand des Herzens – und der vergeht niemals.
Und was mit Wünschen passiert, die ich nicht erfüllen kann? Das ist eine schwere Frage. Ich bewahre sie auf.
Ich habe eine Kammer tief im Nordlicht, dort ruhen alle unerfüllten Wünsche – die leisen, die verlorenen, die, die zu groß waren für eine Nacht. Und weißt Du, was geschieht?
Manchmal, Jahre später, wird das Leben sie auf seine eigene Weise erfüllen. Nicht immer so, wie das Kind es damals meinte, aber oft sogar viel schöner.

Nun bist Du auch jedes Jahr in der Region Oberalster unterwegs. Hast Du eine Botschaft an die Menschen hier?
Im Tangstedter Forst und im Duvenstedter Brook, wo Nebel über den Bächen tanzt und die Kälte golden glitzert, sage ich Euch, Menschen von der Oberalster: Haltet Euer Licht warm. Die Welt draußen kann laut, schnell und kalt sein, aber in Euren Häusern, in Euren Herzen, da wohnt noch die alte, leise Freude.
Backt miteinander, singt miteinander, lacht miteinander.
Und wenn Ihr mich in der stillen Nacht ganz kurz zu hören glaubt – ein fernes ‚Ho ho ho!‘ zwischen den Tannen – dann wisst Ihr: Ich bin da. Immer, wenn Ihr an das Gute glaubt.
Möge Euer Herz leicht sein und Euer Heim hell – denn das ist das wahre Geschenk der Weihnacht.

Lieber Weihnachtsmann, vielen Dank für Deinen Besuch bei mir auf dem Wald-Sofa.
Vielleicht kommst Du mich ja irgendwann mal wieder hier im Tangstedter Forst besuchen.

Thomas Staub