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22. Juni 2020

Alte Liebe darf nicht rosten

Nach Duvenstedt war sie nicht gekommen. Ein Wiedersehen war so sehr herbeigesehnt worden, doch sie war nicht da. Also musste anderswo nach ihr gesucht werden. Darf man es denn überhaupt riskieren, eine alte Liebe aus Kinder- und Jugendtagen zu treffen? Allen Warnungen zum Trotz? Das mahnende Sprichwort „Spinat und alte Lieben soll man nicht aufwärmen“ hat sich schließlich nicht ohne Grund verbreitet. Schon manch eine verklärt-idealisierte Erinnerung ist derart in Trümmer gefallen, dass das Wiedersehen nachhaltig bereut wurde. Auf der anderen Seite: No risk, no fun. Alte Liebe rostet nicht. Was man vom Objekt der Begierde allerdings nicht immer behaupten kann, das ist einem schon klar.

Mit Hilfe des Internets lässt es sich leicht suchen: nach Arabella! Und Google findet so allerhand: Die Nichte der Königin Maria Stuart, eine Rapssorte, die Zahnarztpraxis Arabella Dent in München Bogenhausen – hm, so kommen wir nicht weiter. Neuer Versuch mit verbesserter Suchanfrage: Lloyd Arabella. Na bitte! Da ist sie, in alter Schönheit. Und auch gleich ein ganzes Rudel ihrer Liebhaber, vereint im Verein Arabella-Freunde Deutschland (https://www.arabella-freunde-deutschland.de). Kurze Kontaktaufnahme, ein paar historische Fotos als Gastgeschenk, und schon steht die Einladung zu deren Jahrestreffen.

Im Sommer 1960 bereicherte die Arabella unsere Familie und blieb zehn Jahre bei uns. Es war Liebe auf den ersten Blick und den ersten Kilometer. In und mit ihr waren wir glücklich. Jedes Wochenende ging es ‚raus aus der Stadt ins Grüne, in einen sorgenfreien Tag, unbelastet von Vaters Bürostress und den Schularbeiten der Kinder. Unvergesslich die ersten Reisen, vor allem die Fahrt 1961 ins Tessin über den Sankt Gotthard, hinaufkriechend zwischen brüllenden Lastwagen, mit Schnee auf der Passhöhe und heißen Bremstrommeln in den 24 Kehren der gepflasterten Tremolastraße hinab nach Airolo. Auf Mutters Schoß der Shell-Atlas und auf dem Dachgepäckträger das verschnürte Sportberger-Zelt.

Sobald der Motor ansprang, durfte sich auf ein interessantes Ziel gefreut werden. Und er sprang immer an. Im Winter bekam Arabellas Gesicht vorsorglich eine Maske verpasst, das liegt heute ja allgemein wieder im Trend. Damals sollte es frostigen Fahrtwind vom Motorraum fernhalten. Ihr unverwechselbarer Sound war die Begleitmusik für prägende Erlebnisse zwischen meinem sechsten und 16. Lebensjahr, in den aufregenden Sixties, einer Zeit voller Aufbruch und Veränderung. Mobile Jahre ohne regelmäßige Staumeldungen. Und ohne Sicherheits­gurte, ohne Abgasreinigung … auweia, aber so waren die Zeiten nun einmal. Inzwischen ist die Arabella eine Rarität, selbst auf Oldtimer-Treffen sucht man sie meist vergebens. Sie jetzt noch einmal zu hören und mit ihr eine Runde zu drehen – die Arabella-Freunde wollen es ermöglichen. 16 Exemplare werden zum Treffen erwartet. Möge die verklärt-idealisierte Erinnerung das unbeschadet überstehen.

Rassig und charmant
Die Werbung damals nahm den Mund recht voll: „Arabella rassig und charmant“, lautete die Parole. Einsortiert wurde sie in der unteren Mittelklasse. Bei 695 Kilo Leergewicht und 38 oder später 45 PS aus 897 ccm durchaus eine ambitionierte Einstufung, man mag das als fragwürdig ansehen. Und doch: Die Zeit des kleinen Kleinwagens ließ man damit hinter sich. Das Auto kam 1959 auf den Markt und beeindruckte mit einer Ausstattung, die selbst bei manch größeren Fahrzeugen noch nicht zum Standard gehörte: Zweispeichenlenkrad mit tiefliegender Nabe, Arretierung der Vordersitzlehnen gegen unkontrolliertes Vorklappen, gepolsterte Armaturentafel, variabler Kofferraum dank umklappbarer Rückbank, diverse Warnlämpchen, Reserverad in einer Halterung unter dem Wagen. Das konnte sich sehen lassen. Bei der Platzierung des Scheibenwischerknopfs, eine gute Armeslänge vom Fahrer entfernt auf dem Armaturenbrett kurz vorm Handschuhfach, muss beim Konstrukteur allerdings der gesunde Menschenverstand ausgesetzt haben. Die Arabella benötigte zwischen sieben und acht Liter Normalbenzin auf 100 Kilometer und hielt ein Tempo von 120 bis 130 km/h stundenlang durch. Gegenüber dem engen und trinkfesten VW Käfer oder den bläulich ausatmenden Zweitaktern von DKW mochte all dies als rassig durchgehen. Für den Charme sorgte das schnittige Erscheinungsbild mit moderner Panorama-Heckscheibe.

 

Firmengeschichte ohne Happy End

Doch leider galt auch hier: keine Rose ohne Dornen. Es gab Probleme mit dem Getriebe sowie Undichtigkeiten bei Regenwetter, teure Nachbesserungsaktionen waren die Folge. Außerdem war das Auto insgesamt zu knapp kalkuliert und fuhr keine Gewinne ein.

1960 geriet die Unternehmensgruppe von Carl F. W. Borgward in finanzielle Schieflage. Die Exporte waren zurückgegangen, Borgwards Modellvielfalt überforderte die Firma und das Geschäft mit der Arabella lief nicht wie erhofft. Es ging unaufhaltsam bergab: Der Bremer Senat zog Anfang 1961 seine Bürgschaftserklärung für Kredite zurück, Borgward war gezwungen, sein Unternehmen dem Land Bremen zu übergeben. Der Münchener Wirtschaftsprüfer Johannes Semler übernahm den Vorsitz des neuen Aufsichtsrats und leitete nach kurzer Zeit Vergleichs- und Konkursverfahren ein. Ob das unumgänglich war, ist bis heute strittig, denn alle Gläubiger­ansprüche konnten bedient werden. Zudem war Semler seinerzeit auch Aufsichtsratsvorsitzender beim Konkurrenten BMW, eine Interessenskollision war zumindest zu befürchten. Im Fernsehfilm „Die Affäre Borgward“, gesendet am 7. Januar 2019 im Ersten, wurde dieses Drama deutscher Wirtschaftsgeschichte nachgezeichnet. Die Firma war tot, doch die Arabella lebte, gut 47000 Stück waren auf den Straßen unterwegs.

 

Jahrestreffen – drei Tage im Gestern
Heute existieren in ganz Europa noch etwa 150 Exemplare, nicht alle sind fahrbereit. Zum Jahrestreffen des Vereins Arabella-Freunde aber kommt man stolz auf der eigenen Achse, aus allen Ecken des Landes. Auch Dänemark und Österreich sind mit je einem Fahrzeug vertreten. Für den geladenen Gast gibt es nun ein Wiedersehen mit der Glücksgöttin aus alten Zeiten, die schon seit Jahrzehnten aus dem Straßenbild verschwunden ist. Verklärte Erinnerung prallt auf Realität, live und in Farbe. Verflixt, wie ist sie klein. Und klang der Motor früher nicht kraftvoller?

„Setz‘ Dich rein, wir drehen eine Runde.“ Es ist nur ein altes Auto, schon klar, aber der Moment ist bewegend. Kaum Platz genommen und die Tür geschlossen, rollt ein Erinnerungssturm durch Kopf und Bauch. Mit dem Starten des Motors scheint auch der Vater (1976 zu früh gestorben) wieder lebendig zu werden, er tritt die Kupplung, legt den ersten Gang ein, Lenkradschaltung, und fährt an.

Ja, so klang es, so fühlte es sich an, wenn es losging. Wenn wir aus der Stadt fuhren, häufig nach Tangstedt in die holperige Kopfstein-Dorfstraße, um das Baugrundstück zu besuchen. Oder wenn es Richtung Autobahn ging, mit belegten Broten und kaltem Zitronentee in der Korbtasche. Fahrten auf der Autobahn machten Spaß. Guck mal, da kommt ein Schneller. Guck mal, noch einer. Und da vorn, ein Laster, den überholen wir gleich! Für uns Kinder waren Ausflüge und Reisen auf vier Rädern wunderbare Unternehmungen. Auch wenn die Fahrzeit einmal länger dauerte und die Sprechstunde der Eltern auf den Vordersitzen eine Pause brauchte. Dauerbespaßung war nicht vorgesehen, digitale Unterhaltungselektronik nicht einmal denkbar. Man konnte die Verantwortung für die eigene Laune eben nicht nach Belieben an die Eltern abschieben. Und hatte dann auch mal eigene stille Gedanken. Das muss ja nicht nur schädlich sein.

Es ist ein prachtvoller Anblick, als die Arabella-Freunde bei bestem Wetter zu ihrer Ausfahrt starten, 16 herausgeputzte Oldies in einer Kolonne sieht man nicht alle Tage. Passanten winken fröhlich, die älteren unter ihnen lassen wohl kurz ihre Gedanken zu den eigenen motorisierten Anfängen schweifen. Unterwegs kommt uns sonor dröhnend ein anderer Oldtimer-Club entgegen: riesige Ami-Schlitten der 1950er-Jahre mit stilecht gekleideter Besatzung. Neben den sechs Meter langen Cadillacs mit ihren gigantischen Heckflossen und spritgurgelnden V8-Motoren kommen wir uns vor wie ein hüstelnder Flohzirkus.

Safer love
Die Arabella ist wirklich klein, oder sagen wir: schlank. Ein heutiger Mini ist 20 Zentimeter dicker, fast so breit wie ein Ford Granada, die geräumige Familienkutsche aus den 1970er-Jahren. Alle PKW sind seitdem deutlich in die Breite gegangen, die stabileren Türen haben ein wenig dazu beigetragen. Gut, dass wir damals nie in einen Unfall verwickelt waren, denn die Zeiten waren absurd unsicher: 1961 gab es 16400 Verkehrstote bei 11,6 Millionen zugelassenen Fahrzeugen. Erst 1974 kam die Gurtpflicht. Im selben Jahr wurde von GM in den USA der erste Airbag eingesetzt, sieben Jahre später führte ihn Mercedes Benz ein, gegen Aufpreis. Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 3180 Verkehrstote bei 57,6 Millionen Fahrzeugen. Das ist auch noch schlimm, aber die Entwicklung seit damals ist gleichwohl erstaunlich. Häufigste tödliche Unfallursache sind übrigens Baumunfälle, in Mecklenburg-Vorpommern macht das an die 40 Prozent aus. Die Bäume können zumeist nichts dafür.

Kein Jahrestreffen ohne Schrauberei und Austausch von guten Tipps und knapp gewordenen Ersatzteilen. Arabella-Besitzer sind allesamt findige Bastler und helfen sich untereinander, wo es geht. Für das alte Problem eindringender Nässe haben sie ihre Lösung gefunden. Rost darf keine Chance bekommen, das wäre der Liebe abträglich und auch nicht im Sinne der indiskreten Prüfer vom TÜV. Mein Vater hatte seinerzeit eine schnelle und rustikale Methode zur Entwässerung gewagt: Durch ein paar ins Bodenblech gebohrte Löcher lief das Regenwasser wieder ab. Erst nach zehn Jahren hatte der Rost gewonnen.

Danke der Arabella-Freunde für dieses herrliche Wochenende! Auf der Heimfahrt klingt es aus dem Radio „… we both know what memories can bring, they bring diamonds and rust.” Liebe Arabella, die alte Liebe rostet keineswegs, das Wiedersehen hat sie sogar noch weiter gefestigt. Zeige Dich, wo immer es Dich noch gibt. Und lass‘ Dich doch auch einmal auf dem Duvenstedter Oldtimertreffen sehen.

Wolfgang Wunstorf