Schlusslicht

8. Oktober 2017

Hurra, wir sind wieder wer!

Das letzte Wort hat Wulf Rohwedder

Nun haben wir es offiziell: Hamburg ist die eigentliche Hauptstadt Deutschlands, vielleicht sogar der Welt. Die Titel-
geschichte eines – zufälligerweise – in der Stadt ansässigenNachrichtenmagazins macht klar: Berlin war gestern, mehr als Hamburg geht nicht. Und schon ist die Hansestadt in zwei Fraktionen geteilt: Die, die es schon immer gewusst haben und die, die mit dieser plötzliche Adelung so gar nicht leben können.

Aber wie kam dieser Hype zustande? Ganz einfach: Dafür reichten dem Magazin Elphilharmonie, Schanze und G20-Gipfel. Gut, das sind gleich drei Dinge, für die „umstritten“ bestenfalls ein Euphemismus ist. Bevor das Konzerthaus zu unserer „Elphi“ wurde, stand es vornehmlich für Missmanagement und galt als finanzielles Fass ohne Boden.

Auch an der Schanze scheiden sich die Geister: Für viele ist das Szeneviertel zum Symbol für Gentrifizierung und Abzocke geworden. Und die meisten Leute, die den G20-Gipfel nach Hamburg wünschten, dürften sich wohl außerhalb der Hansestadt befinden und – zumindest in diesem Fall – dankbar dafür sein, dass sie während der Tage nicht dort sein mussten.

Meckerer finden auch sonst genug zu kritisieren: das Hafenviertel? Eine mitten in die Stadt geklotzte, seelenlose Investitionsruine. Die Reeperbahn? Eine miese Touristenfalle. Die Gartenschau? Vergeigt. Olympiabewerbung? Von Bedenkenträgern beerdigt. Fußball? Der HSV ist trotz Riesen-Etats und Trainerkarussell nur Relegationsmeister. Medienhauptstadt? Die wichtigen Player sind doch längst alle in Berlin und anderswo.

Aber dafür ist St. Pauli ja hip. Nicht nur der FC, sondern der ganze Stadtteil – wenn er nicht gerade wieder von Provinz-Kegelclubs, Junggesellenabschieden, Musical-Pauschalgast-Bussen oder Schlagermove verstopft wird. Also eigentlich immer.

Dabei sind es oft dieselben Leute, die von ihnen bewohnte Szeneviertel hochloben – und sich dann beschweren, dass in ihren Augen nicht so coole Leute sich das einmal ansehen und dann vielleicht auch noch da wohnen wollen. Da wird aus dem urbanen Schanzen-Freak schnell der provinzielle Kleinbürger, der „solche Menschen“ nicht in seinem Vorgarten haben will – ebenso wie jene Menschen aus den gediegenen Villenvierteln, die mit hohem rhetorischen Aufwand erklären, warum bestimmte Gruppen sich bei ihnen so gar nicht wohlfühlen werden, obwohl sie selbst dort gerne leben und in Prinzip auch sehr tolerant sind.

Aber das ist für die meisten Hamburger so etwas von egal: Sie leben nicht hier, weil es ihnen ein Städteranking oder ein angesagtes Szeneportal vorgeschrieben hat, sondern weil es für viele einfach passt. Es gibt Alster und Elbe, viel Grün – und wenn man trotzdem mal weg will einen funktionierenden Flughafen. Hamburg bietet die Vorteile einer Großstadt, ohne zum Moloch zu werden. Das Umland ist schön, man ist schnell mal am Meer. Kurz gesagt: Für viele ist Hamburg ganz o.k. – mindestens. Und das ist gut so.

 

Wulf Rohwedder