Schlusslicht

25. April 2016

Wir haben doch keine Zeit!

Eine kleine Warnung vorweg: Das kann hier jetzt etwas dauern. Aber Sie sind ja bereits am Ende des Heftes angelangt – daher kann man annehmen, dass Sie Durchhaltevermögen besitzen. Oder Sie haben gleich die letzte Seite aufgeschlagen, was zwar schmeichelhaft, aber nicht unbedingt im Sinne dieser Publikation ist. In diesem Fall: Husch, husch, zurückgeblättert und mindestens noch drei Artikel gelesen!

So. Da sind Sie ja wieder – und blicken auf eine Bleiwüste ohne tolle Bilder, Animationen und Videos. Erst einmal danke, dass Sie trotzdem da sind. Denn eigentlich hat die Generation tl;dr – das steht für too long, did not read, also: zu lang, nicht gelesen – für so etwas weder Zeit noch Geduld.

Das fing schon vor mittlerweile zwei Jahrzehnten an, als eine Handy-SMS auf 160 Zeichen begrenzt war. Im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter ist sogar nach 140 Zeichen das Ende erreicht, ein Snapchat-Video ist nicht nur nach sieben Sekunden Schluss, es zerstört sich nach einmaligem Sehen von selbst. Auf Tinder werden mögliche Lebens(abschnitts)gefährten mit Wischgesten innerhalb von Sekundenbruchteilen ins digitale Nirwana befördert, wenn der allererste Eindruck nicht sofort überzeugt.

In der Kürze liegt die Würze? Kann sein, muss aber nicht. Denn gutes Weglassen erfordert Können – und viele Themen vertragen das Einpressen in Sekunden und Kurztextformate nicht sehr gut. Übrig bleiben dann verkürzte Ansichten und Meinungen – mit nicht selten fatalen Folgen, wie man in Internet-Foren und auf Wutbürger-Demonstrationen erleben kann.

Aber es gibt sie noch, die Inseln des Ausschweifenden. Haben Sie mal in letzter Zeit so ganz spät abends im NDR Fernsehen die Wiederholung alter Hamburg-Krimis angesehen? Da hatten Bösewichter wie Gesetzeshüter wirklich noch Zeit: So wendet, eingewiesen vom freundlichen Herrn Wachtmeister, ein Auto gleich mehrere Minuten lang. In aktuellen Serien hätten in dieser Zeit zumindest acht Sportwagen kollidieren und ein Helikopter in einen Tankwagen fliegen müssen, um die Zuschauer bis zur nächsten Werbepause durchhalten zu lassen.

Dazu gibt es dann Dialoge, so hölzern, dass man sie für das damals dräuende Waldsterben verantwortlich machen könnte. Als Zuschauer von heute wird man durch solche geradezu orgiastische Zeitverschwendung in einen fast zen-gleichen Zustand versetzt. Doch Vorsicht: Bei Überdosis droht Ungeübten ein TV-induziertes Koma.

Inzwischen gibt es erste Indizien, dass auch die digitale Welt die Langsamkeit für sich wiederentdeckt. So gab es Gerüchte, dass Twitter sich von seinem 140-Zeichen-Dogma verabschieden will. Allerdings dementierte das Unternehmen die Pläne, nachdem Experten darin den Anfang vom Ende des Kurznachrichtendienstes sahen. Denn wer hat denn schon so viel Zeit?

Wulf Rohwedder