Schlusslicht

23. April 2018

April! April?

Das letzte Wort hat Wulf Rohwedder

Na, auch in den April geschickt worden? Eigentlich sollte es Spaß machen, dem Urheber des Scherzes, im besten Fall aber auch seinem Opfer. Aber irgendwie ist das nicht mehr wie früher, seitdem es keine noch so absurde Behauptung mehr gibt, die einem nicht irgendjemand abnimmt – und keine empirisch x-mal bewiesene Tatsache, die nicht in Zweifel gezogen wird.

Spätestens seit eine offizielle Repräsentantin einer globalen Großmacht konstatierte, dass es so etwas wie alternative Fakten gibt, kann alles sein oder eben auch nicht: Wenn schon nicht hier – in irgendeinem Paralleluniversum wird es schon stimmen.

Oder hätten Sie vor einigen Jahren geglaubt, dass es 2018 millionenschwere „Forschungs“-Programme gibt, die beweisen sollen, dass die Erde flach ist? Oder dass ein Politiker in einem europäischen Land offizielle Parlamentsanfragen über die Existenz geheimer Wetterbeeinflussungsprogramme zur Bevölkerungsmanipulation stellt – und dann fast zum Staatsoberhaupt gewählt wird?

Irgendwie kann das ja sein – und wenn es sogar die Lieblingsinfluencerin auf YouTube glaubt… deren Schminktipps funktionieren ja auch. Und wenn dann auch der Super-Gangsta-Rapper in einem Video ein Lineal an den Horizont hält und so endgültig beweist, dass die Erde im Gegensatz zu allen anderen Himmelskörpern flach sein muss, dann ist klar: Jeder, der was anderes behauptet, ist Opfer oder sogar Mittäter einer Verschwörung der globalen Globusindustrie.

Für alle, die den Da-Vinci-Code für eine geschichtswissenschaftliche Abhandlung halten, würden auch noch die ältesten Aprilscherze wieder brauchbar sein – so wie der „Bericht“ der BBC über die Ernte der Spaghettibäume in der Schweiz aus dem Jahr 1957.

Man müsste die Geschichte lediglich ein wenig aufpolieren, zum Beispiel so: Ein einschlägig übel beleumundeter Agrar-
­konzern hat in geheimen Genlabors eine Pflanze entwickelt, die als Früchte Nudeln in der gewünschten Form trägt. Damit sollen nicht nur arme, ehrliche Hartweizenbauern um ihr Einkommen gebracht werden, die ahnungslosen Konsumenten der üblen Teigwaren entwickeln zudem einen unstillbaren Hunger auf Tomatensoße aus Früchten von derselben Firma.

Ja, es stimmt: Verschwörungen, Geheimgesellschaften und sinistere Absprachen gab es tatsächlich, und es wird sie immer geben – allerdings würden sie nicht sehr lange unentdeckt bleiben, wenn sich die Protagonisten dabei so bescheuert anstellen würden, wie es so manche „Aufklärer“ unterstellen. Wer über ungeahnte Machtmittel, die fortgeschrittensten Technologien oder sogar einen direkten Draht zu Außerirdischen verfügt, wird nicht so blöd sein, seine Pläne durch geheime Zeichen und Symbole in Musikvideos, auf Geldscheinen, Speisekarten oder am Himmel zu verraten.

Kritisch und wachsam zu sein, vieles in Frage zu stellen, ist daher wichtiger denn je. Aber das heißt nicht, von allen landläufigen Meinungen stumpf das Gegenteil zu glauben. Dann klappt es vielleicht auch wieder mit dem Aprilscherz.

Wulf Rohwedder