Schlusslicht

27. Februar 2018

Scheiden tut weh…

Das letzte Wort hat Wulf Rohwedder

Und dann kommt der Moment. Man wusste, dass er droht, ja man hat ihn erwartet, sein Näherkommen gespürt, und doch ist es ein Schrecken, wenn er wirklich da ist: Der Zeitpunkt, an dem man weiß, dass man Abschied nehmen muss – von den Schuhen, die sich nun so weit in in ihre Bestandteile aufgelöst haben, dass sie beim besten Willen nicht mehr ihren ureigenen und einzigen Daseinszweck als Fußbekleidung erfüllen können.

Fast wie eine Ehe

Im Gedanken lässt man all die gemeinsamen Momente passieren: den Kauf, die ersten unsicheren Schritte des Einlaufens, die erste gemeinsame Party, der langsame Übergang von „für besser“ zu „für die Arbeit“, bis „für alles Mögliche“, bis man schließlich gemeinsam eben jene podologische Idealausformung erlaufen hat, die das Paar so unvergleichlich bequem gemacht hat.

Dann zeichneten sich die ersten Partnerschaftsprobleme ab: Gerissene Schnürsenkel, eine ablösende Sohle, die mit Komponentenkleber gerettet wurde, die abgewetzte Stelle in der Kappe, die alle Socken kaputt macht, all das war noch hinzunehmen. Aber jetzt: vorbei. Das Modell ist schon lange nicht mehr zu bekommen – und selbst wenn, wäre es einfach nicht das Gleiche.

Konstanten in einer Welt des Wandels

Mit fortgeschrittenem Lebensalter fällt es schwer, sich in einer immer schnelleren Welt zu orientieren.  Da braucht man gerade als Mann Dinge, die einem Halt geben – seien es gewohnte Kleidungsstücke, die Jeans mit den Ausbeulungen an genau den richtigen Stellen, das T-Shirt vom tollen Festival im letzten Jahrtausend, das fadenscheinige Basecap aus dem Super-Urlaub nach dem Abi.

Wenn man Glück hat, gibt es im Leben ein externes Korrektiv, das dafür sorgt, dass allzu ge- oder sogar verbrauchte Ober- und Unterbekleidung entsorgt wird. Andernfalls nähert man sich einem Status, in dem die Existenz mindestens zweier noch zusammenhängender Unterhosenmoleküle ausreicht, die Tragbarkeit eines Schlüpfers oder T-Shirts zu rechtfertigen – in modepathologischen Fachkreisen als „Geht-noch-Syndrom“ bekannt.

Ist doch alles da. Irgendwie.

Und überhaupt: Warum etwas Neues kaufen? Da sind doch noch jede Menge Sachen im Schrank – allerdings nur jene, die man nicht ganz so gerne trägt, was zum Teil daran liegt, dass sie an der unteren Amplitude der Bundweitenkurve des Lebens erworben wurden, aber „bestimmt mal wieder passen werden, wenn man nur…“

Welche gute Absicht auch immer am Ende dieses Satzes folgen wird – der Aussprechende ahnt in den meisten Fällen schon selbst, dass die Umsetzung ähnlich wahrscheinlich ist wie der plötzliche Ausbruch des Weltfriedens oder die Lösung aller irdischen Probleme durch wohlwollende Aliens.

Also folgt doch der gehasste Weg ins Fachgeschäft, aus dem man schnellstmöglich mit dem erstbesten Ersatzartikel flieht, der in Preis, Größe und Design noch erträglich ist. Und wer weiß: Vielleicht ist es der Beginn einer neuen, großen Liebe.

Wulf Rohwedder