Rundblick

20. September 2019

Komm’ zurück in die Schule

Gelegentlich aufkommende Schulmüdigkeit ist normal. Zahlreiche Kinder gehen mal gern und dann wieder lustlos in die Schule. Alarmierend wird es, wenn sich der unregelmäßige Schulbesuch vom Fehlen einzelner Stunden bis hin zur totalen Abkopplung erstreckt. Schuldistanz ist eine weitverbreitete Erscheinung. Eltern und Lehrkräfte wissen häufig nicht, wo sie dieses widerspenstige Handeln einordnen sollen. Schulverweigerung steht im Fokus vieler politischer Diskussionen. „Es gibt viele Schüler, die nie zu einem Abschluss gekommen sind, weil sie das System Schule innerlich abgehakt haben“, sagt Arne Feddersen, Lehrer an der Wichern-Schule. Vor allem Eltern sieht der Gesetzgeber in der Pflicht, auf die Einhaltung der Schulpflicht zu achten.

Doch der Umgang mit schulmüden Jugendlichen, die den Unterricht rigoros verweigern, stellt Erziehende vor ein großes Problem. „Manche Eltern gehen davon aus, dass ihr Kind lustig in die Schule geht, da kommt es jedoch nicht an. Ihrem Kind das vorzuwerfen, führt nur dazu, dass sich der Jugendliche noch mehr von der Schule entfernt“, betont Arne Feddersen. Wo hat sie sich versteckt, die Lust am Lernen? Der eigentliche Grund kann sich aus vielschichtigen Hintergründen herleiten. „Mobbing in der Schule, traumatischer Verlust eines Elternteils, falsche Freunde, Konflikte im familiären Umfeld“, nennt Arne Feddersen einige der Gründe. Aber auch unerwartete Lebensereignisse wie Arbeitslosigkeit in der Familie oder Scheidung der Eltern sind kritische Phasen, die Schuldistanz auslösen können. Unentschuldigtes Fernbleiben kann auch eine Rebellion gegen Langeweile im Unterricht sein. Angst vor Lehrkräften? „Manche Schüler sammeln schlechte Erfahrungen mit einem bestimmten Lehrertypus, mit dem sie dann schlichtweg überfordert sind“, berichtet Lars Rieck aus der Teamleitung der Kinder- und Jugendhilfe.

Grundsätzlich müssen Erziehungsberechtigte dafür Sorge tragen, dass Kinder ihrer Schulpflicht nachkommen. Anderenfalls kann die Schulbehörde Bußgelder verhängen. Doch Eltern erfahren häufig erst aus heiterem Himmel von der Schulleitung, dass sich ihr Kind der Pflicht widersetzt hat. „Sie wissen nicht Bescheid und kommen ihrem Nachwuchs erst spät auf die Schliche“, sagt Lars Rieck. Nämlich erst dann, wenn die Information der Schule bereits im Briefkasten liegt. Was tun, damit Schulschwänzen nicht das Erreichen eines erfolgreichen Schulabschlusses und die Entwicklung von Zukunftsperspektiven verhindert? In Kooperation mit der Wichern-Schule sowie der Kinder- und Jugendhilfe des Rauhen Hauses setzt das Projekt „Comeback – Neustart für Schüler“ auf die Verbindung zwischen Familie, Schüler und Schule und sorgt für eine enge Einbindung in den Alltag.

Und das funktioniert so: Eine Anfrage erfolgt über das Jugendamt oder die regionalen Beratungszentren. „Dort schickt die Schulbehörde Kinder hin, die in einer staatlichen Regelschule nicht mehr tragbar sind“, erläutert Arne Feddersen. Es folgt ein gemeinsames Kennenlerngespräch und die Absolvierung einer Probewoche. Gibt der Jugendliche sein Einverständnis, wird er ins Projekt aufgenommen. Damit ist der erste Schritt, wieder zur Schule zu gehen, vollzogen. „Die Jugendlichen werden im Projekt ans Lernen, an frühes Aufstehen und einen geregelten Tagesablauf gewöhnt, was in der Anfangsphase nicht immer leicht ist“, betont Lars Rieck. Doch schnell kommt die Erkenntnis: Ich hab’s kapiert – Schule ist wichtig. Schüler, die bei „Comeback“ mitmachen, bleiben, weil sie merken, dass die Schuleinrichtung ein sicherer Hafen ist. Hier können sie sich in einem sehr geschützten Rahmen wieder auf die Schule einlassen und Probleme verarbeiten.

Zudem sollen Jugendliche eine realistische Selbsteinschätzung entwickeln. „Sie lernen mit uns ihren Tag zu strukturieren. Ist sich der Jugendliche sicher, dass er es hinbekommt, geht der Unterricht los“, sagt Arne Feddersen. Unterrichtet wird in kleinsten Gruppen, dabei gilt es nicht nur den versäumten Stoff aufzuholen, sondern wieder ein Gefühl für das Leben in der Gemeinschaft zu bekommen. Im aktuellen Schuljahr nehmen derzeit 15 Jugendliche an dem Projekt teil. Sie leben in einer Wohngruppe oder sind bei ihren Familien untergebracht. Nach erfolgreicher Projektteilnahme erwerben die Jugendlichen die formale Zugangsvoraussetzung für die Absolvierung einer Berufsausbildung. „Comeback“ bietet gezielte, individuelle Unterstützung durch Lehrer und Sozialpädagogen. Damit werden Chancen eröffnet, den Weg zurück zu einem regelmäßigen und erfolgreichen Schulbesuch zu finden.

Anja Junghans-Demtröder