Moderne Medien

8. Dezember 2017

HEIMAUTOMATION

Ansichten eines Nerds

Es fing – wie eigentlich immer – ganz harmlos an. Die Tage wurden kürzer und das Wetter immer ungemütlicher. Dies hatte zweierlei zur Folge. Erstens: Sohnemann (6) und ich (42) verlagerten unsere Freizeitaktivitäten zunehmend nach drinnen. Zweitens: In mir brodelte und gärte das Bedürfnis, es im Haus so richtig, aber wirklich so richtig gemütlich zu machen.

Wenn es etwas gibt, das im Verströmen von Gemütlichkeit nicht zu übertreffen ist, dann ist das ein Kamin. Die wohlige Wärme, das dumpfe Grummeln, das sanfte Knacken und Knistern, das Farbenspiel der züngelnden Flammen. Ganz klar, das würde es sein, keine Frage – Problem gelöst. Die Dinger gibt es für einen Appel und ´n Ei im Baumarkt und einen solchen bei mir gleich um die Ecke. Ich würde mir so ein Teil fix in meinen Polo laden, auspacken, ein Loch in die Wand stemmen – Schornstein habe ich schon – Rohr dran, anfeuern und es könnt’ strömen.

Der Weg zum Baumarkt führt von meinem Wohnzimmer aus durch unseren Flur und somit an einem handtellergroßen, Krater gleichem Loch in der Wand vorbei. An dieser Stelle sollte eigentlich ein Bild hängen, doch irgendetwas geriet mir seinerzeit außer Kontrolle. Ich hielt kurz inne und entschied sehr schnell, mich auf ein etwas weniger invasives Projekt zu konzentrieren. „Dann basteln wir eben kleine Lampions für eine Lichterkette”, dachte ich. Ich gebe zu, dieser Gedankensprung muss etwas verwirrend erscheinen. Aber zum einen können warmweiß vor sich hin glimmende  Lichterketten mit drolligen, kleinen Lampions daran verdammt gemütlich sein. Zum anderen würde ich Filius massiv in den Bau einbinden und beschäftigen können, quasi eine Win-Win-Idee. Und so tat ich es dann auch.

Es dauerte nicht lange, da hing sie auch schon im Fenster und glimmte bunt. Mangels Schalter tat sie das nur, wenn man eigenhändig den Stecker in die Steckdose steckte, wo er aber, zum Zwecke des Stromsparens, nicht rund um die Uhr verweilen konnte. Dieses Hin- und Hergestecke gefiel mir gar nicht. Schon gar nicht, weil ich mich dafür auch noch bücken musste. Das war dann wohl auch der Punkt, an dem es eskalierte.

Klar, ich kannte Zeitschaltuhren, die gibt es nämlich auch im Baumarkt. Und ich kannte auch die Art und Weise wie diese programmiert werden. Ich meine nicht die analogen Dinger, mit diesen fitzeligen, kleinen Steckerchen, die die ganze Zeit vor sich hin ticken. Die gibt es gar nicht mehr. Heutzutage ist alles digital und benötigt eine Extrabatterie, hat tausende Tasten und kommt mit kryptischen Bedienungsanleitungen daher. Diese digitale Sorte auf unsere Bedürfnisse zurechtzucodieren, würde ich in diesem Leben nicht mehr schaffen. Etwas Besseres musste es sein und – oh preiset das Internet – fand ich es ziemlich schnell. Und zwar in Form von Funksteckdosen, die sich mit meiner Telefonbasis bzw. dem Router verbinden und über eine WEB-Oberfläche einrichten lassen. Zwei dieser Wunderkästen kamen wenige Tage später per Post ins Haus. Schalten nach Uhrzeit, Schalten im Intervall, Schalten nach Sonnenauf- und -untergang, Schalten wenn man klatscht, Schalten im Wechsel, Schalten nach Zufall, Schalten in Gruppen, kurzum: Vor mir tat sich ein ganzer Ozean an Möglichkeiten der modernen Lichterkettensteuerung auf. Ich geriet in einen Rausch.

An dieser Stelle verschmelzen meine Erinnerungen zu einem zähen Brei aus sehr viel Post, dem Geruch frisch ausgepackter Elektroware, Adaptern, Fluchen und Seligkeit. Ich kann Ihnen daher leider nicht berichten, was im Detail geschah. Was ich aber berichten kann, ist, dass ich früher den Lichtschalter neben der Wohnzimmertür betätigen musste, um das Oberlicht zu schalten. Heute kann ich mein Smartphone aus der Tasche zaubern, einschalten, entsperren, die Heim-Automatisierungs-Steuerungs-App starten und in deren Hauptmenü „Beleuchtung” auswählen. Danach bestimme ich meinen Standort, also beispielsweise „Wohnzimmer”, suche in der mir daraufhin angezeigten Liste die gewünschte Leuchte aus, wähle eine Farbstimmung und Dimmungs-Stufe – und schon ist sie an. Das funktioniert sogar vom Sofa aus. Zumindest dann, wenn zuvor niemand aus Gewohnheit (oder einfach, weil es Spaß macht) am Lichtschalter herumgespielt hat. Der muss natürlich stets auf „EIN” stehen. Das werde ich noch ändern, ihn einfach ausbauen und die Leitung durchschleifen. Das ist ganz leicht, dafür benötige ich nur einen Schraubendreher und etwas Gewebeklebeband.

Die Steckdosen von Waschmaschine und Trockner schicken mir neuerdings Mails, wenn die Geräte ihre Arbeit verrichtet haben und schalten automatisch ab – keine Ahnung warum. Letzteres ist Mist, weil ich sie danach manuell wieder einschalten muss, aber was ist schon perfekt. Das bisschen Bücken schadet ja nicht.

Mein Saugroboter saugt auf Knopfdruck oder immer dann, wenn niemand zuhause ist. Vollautomatisch und ungeheuer praktisch. Vorher räume ich Kabel, Gardinen und Stühle aus dem Weg. Natürlich muss ich darauf achten, dass er im richtigen Raum steht, weil der Akku nicht für mehrere Zimmer reicht und der kleine Kerl sonst an einem Punkt stehen bleibt, was zu einer echten Stolperfalle werden kann. Außerdem möchte ich auch der Heizkosten wegen nicht alle Türen sperrangelweit geöffnet lassen. Ich müsste sie sowieso fixieren, da der Saugroboter sie sonst selbst auf oder zu schiebt. Treppen kann er natürlich nicht saugen, aber das macht nichts, denn ich hole den Staubsauger ja sowieso regelmäßig aus dem Keller, um den Saugroboter auszusaugen – das Entleeren ist ansonsten eine Riesensauerei. Bei der Gelegenheit mache ich dann die Treppen gleich mit. Und die Ecken, denn in die kommt er nicht hinein. Und die Fußleisten. Und den Hochflor-Teppich. Und unter den Schränken.

Apropos Heizkosten. Seitdem ich alle Heizkörper mit Smarthome-Thermostaten bestückt habe, ist die Temperatur in allen von mir eingerichteten virtuellen „Wohnzonen” nahezu perfekt. Darüber hinaus gehört das Vergessen des allabendlichen Thermostat-Drosselungs-Rundgangs der Vergangenheit an. Ich muss allerdings regelmäßig den Batteriestand der Geräte prüfen. Dass das notwendig ist, wurde mir erst klar, als ich eines Morgens vollkommen durchgeschwitzt und unglaublich durstig bei gefühlten 50 Grad Zimmertemperatur wach wurde. Zu ähnlichen Fehlregulierungen kann es auch kommen, wenn die DECT-Funkverbindung, aus welchen Gründen auch immer, abbricht. Seit einem der letzten Firmware-Updates, die ich regelmäßig einspiele, scheint das Problem aber weniger häufig aufzutreten. Dafür surren die Dinger nun in unregelmäßigen Abständen wie blöde, gerne auch mitten in der Nacht. „Selbstreinigung” nennt sich dieser Vorgang, bei dem das Ventil dutzende Male automatisch auf- und wieder zugedreht wird. Aber daran habe ich mich schnell gewöhnt.

So sitze ich nun hier, in meiner verdrahteten, leuchtenden Gemütlichkeit bei Wohlfühltemperatur. Wobei, „leuchtend” stimmt gerade nicht ganz, denn ich muss noch warten, bis mein Handy-Akku wieder aufgeladen ist. Mein mir liebevoll um die Füße stromernder Saugroboter spendet mir jedoch Trost im Dunkeln, während ich nach LED-Kerzen mit WLAN-Anschluss recherchiere. Die wären nämlich eine ganz tolle Sache, ersparten sie mir doch das lästige Herumlaufen mit einem brennenden Streichholz. Das eilt ein wenig, weil, naja, Sie wissen schon… Daher wünsche ich Ihnen schon  jetzt, hier, an dieser Stelle ein angenehmes Jahresende und ein geruhsames Weihnachtsfest.

Sascha Kluger