Moderne Medien

2. Mai 2017

Computer, was ist Wissen?

Ansichten eines Nerds

 

Die Cheops-Pyramide ist ca. 4.640 Jahre alt und ca. 140 Meter hoch, unser Universum ist vermutlich 13,8 Milliarden Jahre alt, Hamburgs erstes Gebäude wurden vor 2.417 Jahren errichtet und Speiseeis macht man aus Milch, Sahne, Eigelb und Zucker. Das alles hat mir gerade mein neuer Sprachassistent auf Zuruf erzählt.

Wenn Sie mit einem Fünfjährigen zusammenleben, werden Sie mit Fragen konfrontiert, die sich Ihnen vorher vermutlich gar nicht stellten. Das kann durchaus erhellend sein. Mindestens dahingehend, dass man feststellt, dass man im Grunde nur wenig weiß. Aber wie der gute Albert Einstein schon sagte: „Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.“ Und da wir in einer so tollen Zeit mit einem Internet darin leben, muss man selbst das nicht wissen. Bei Wikipedia findet man – mit etwas Geschick bei der Wahl der Suchbegriffe – beinahe jede Information. Oder man macht es sich noch einfacher, nutzt Google und landet in der Regel von dort aus bei Wikipedia. Und wenn man sogar dazu zu bequem ist, dann stehen einem neuerdings einige sehr interessante, sprachgesteuerte Assistenten wie etwa Siri oder Alexa zur Verfügung. Sie ahnen es sicher: Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, so ein Teil kam mir sofort ins Haus.

Die Beschaffung von Informationen war vermutlich noch nie so einfach. Ich kann Ihnen berichten, dass diese Dinger erstaunlich geschickt darin sind, allgemeine Fragen zu beantworten. Einfach „Computer“ sagen, Frage formulieren und Antwort abwarten, zack, fertig. Da geht das Herz des „Star Trek“- Fans auf. Bücher wälzen oder Tasten tippen war gestern. Insofern kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass uns heute extrem zeitökonomische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um Informationen einzuholen. Aber macht uns das zwangsläufig schlauer ?

Es ist noch gar nicht so lange her, da stellte sich die Sache ganz anders dar. Lexika und andere Nachschlagewerke zu Hause zu haben, war, aufgrund der relativ hohen Anschaffungskosten, schon beinahe ein Statussymbol. Wer den „Großen Brockhaus“ in Ledereinband-Ausführung sein Eigen nennen wollte, musste mehrere tausend D-Mark auf den Tisch legen. Aus diesen stämmigen Büchern das gewünschte Wissen zu ziehen, war zwar nicht schwer, aber auch nicht immer von Erfolg gekrönt. Entweder waren sie schon bei Anschaffung veraltet oder die eigenen Fragen zu speziell, als dass die passenden Stichworte im Katalog zu finden gewesen wären. Die nächstmöglichen Alternativen: öffentliche Bücherhallen und Bibliotheken. Der Aufwand sich dort zu informieren setzte schon einiges an Wissensdurst voraus. Es war immer ein kleines Ritual, sich auf den Weg zu machen, an dessen Ende die Frucht der Erkenntnis lag. So wertete die Mühe die Information auf und machte sie nicht selten sogar nachhaltig.

Dagegen scheint mir Wissen heute wie Junk-Food für den neugierigen Geist. Der Weg zur vermeintlichen Erhellung ist schneller gegangen als eine Tütensuppe aufgerissen. Das Denken bzw. Erarbeiten bleibt auf der Strecke. In Wahrheit erweitern wir unseren Wissensschatz nicht, er verkümmert, weil wir ja eh zu wissen glauben, wo alles steht. Wir haben unseren Schatz de facto ausgelagert. Das Blöde dabei ist, dass wir nicht wissen, wer zwischenzeitlich in unserem ausgelagerten Reichtum herumrührt. Ähnlich wie bei Tütensuppen sollten wir sehr kritisch sein, wenn es um die Frage geht was wir aufnehmen. Denn das Internet ist nicht nur praktisch, sondern auch voller Unsinn. Dieser Schlamm macht auch vor Wikipedia nicht Halt, in der jeder und zu jeder Zeit Inhalte ändern oder hinzufügen darf. Was es daher neuerdings bedarf, ist Medienkompetenz und ständige Wachsamkeit. Es ist eben nur scheinbar einfacher geworden, den Geist gesund zu nähren. Daran ändert auch der vorlesende Sprachassistent nichts – im Grunde macht er es sogar nur noch schlimmer.

Tatsächlich ist das Sammeln von Informationen und deren gründliches untereinander Abwägen schwieriger als je zuvor. Allein die schiere Menge an Inhalten lässt zu praktisch jeder noch so absurden Fragestellung eine vermeintliche Antwort zu. So fördert beispielsweise die Frage „Ist die Erde flach?“ erschreckend viele Ergebnisse zu Tage, viele davon sind noch nicht einmal satirisch gemeint. So manipuliert schon die Frage die Antwort. Es ist im schlimmsten Fall eine, die uns lediglich in unserem Halbwissen oder bloßen Glauben bestätigt. In Zeiten der monolithischen Lexika hatten wir es noch mit Autoritäten zu tun. Die Demokratisierung der Information, mit der das Internet uns gesegnet hat, macht es zwar möglich, dass Ideen, Meinungen und Wissen jedem einfach und kostengünstig zugänglich sind. Die Kehrseite der Medaille jedoch ist, dass die Verantwortung der Prüfung und Recherche bei uns selbst liegt. Oder zumindest die, uns Quellen zu suchen, die der objektiven Wahrheit möglichst nahe kommen. Um das zu erreichen, müssen wir noch selber denken. Etwas Wissen kann dabei nicht schaden.

Mein Sohn wird mich jedenfalls weiter mit den großen und kleinen Fragen dieser Welt löchern. Den ollen „Computer”-Assistenten schalte ich wieder ab und verbanne ihn in die Kiste mit den anderen unnötigen Kabeln, Adaptern und Spielereien. Mir ist es lieber, mein Sohn fragt mich und ich kenne die Antwort nicht, als dass ihm eine Maschine dummes Zeug erzählt. Das kann ich im Zweifel mindestens genauso gut. Aber meine alten Jugend-Sachbücher, die werde ich wieder aus der Flohmarkt-Kiste wühlen. Alleine schon der inspirierenden Bilder wegen. Ich müsste auch noch eines über das alte Ägypten und die Pharaonen haben. Wie hoch war doch gleich die Cheops-Pyramide? Sehen Sie, das hatte ich schon wieder vergessen.

Sascha Kluger