Moderne Medien

2. März 2017

Künstliche Intelligenz

Interview mit Buchautor Jay Tuck

Herr Tuck, was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben? Was fasziniert Sie am Thema Künstliche Intelligenz?
Jay Tuck: Als langjähriger Journalist und verantwortlicher Leiter einer wichtigen deutschen Nachrichtensendung habe ich mich immer für aktuelle Themen interessiert, die unser Leben verändern. Ob in Nachrichtensendungen im Fernsehen oder in Leitartikeln der Tagespresse, für mich sind Themen aus dem technologischen Bereich besonders wichtig. Leider werden sie häufig vernachlässigt. Beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) kann man schon heute erkennen, wie sie in unzähligen Bereichen weltweit das menschliche Leben beeinflusst. Viele der großen Denker im kalifornischen Silicon Valley sind davon überzeugt, dass Künstliche Intelligenz eine ernsthafte Bedrohung für die Menschheit ist.

Man hat den Eindruck, KI rückt aktuell sehr in den Fokus. Weshalb ist das so? Was beschleunigt diese Entwicklung Ihrer Meinung nach?
Tuck: Künstliche Intelligenz ist ein Segen für die Menschheit, egal ob es sich um Verbesserungen im Management von Großkonzernen oder die Verlängerung menschlichen Lebens handelt. Die Vorteile von Künstlicher Intelligenz sind unstrittig. Gerade deswegen sind wir geneigt, die Vorteile zu genießen und die Bedrohung für unsere Existenz zu übersehen.

Welcher Konzern engagiert sich am meisten in KI?
Tuck: Zweifelsohne ist das weltweit führende KI-Unternehmen Google. Es hat in einer weltweit angelegten Akquisitionswelle die führenden Firmen auf diesem Sektor gekauft und mit einer großen Palette von Rüstungsunternehmen komplettiert. Dass KI eine Existenzgefährdung der Menschheit bedeuten könnte, ist bei Google durchaus bekannt. Das Unternehmen hat eine eigene Ethikaufsicht eingerichtet, die vor diesen Gefahren rechtzeitig warnen soll. Gleichzeitig weiß das Unternehmen, wie viel Macht mit KI einhergeht.

Deep Learning ist ein Schlüsselbegriff. Können Sie ihn kurz erläutern?
Tuck: Deep Learning bezeichnet die Fähigkeit von Computern eigenständig zu lernen und zu wachsen. Wenn intelligente Software ein Computerspiel lernen kann, ohne dass man ihr die Regeln erklärt, sind das kognitive Fähigkeiten wie bei Menschen. Es ist sicherlich ganz niedlich, wenn denkende Computer zur Überraschung ihrer Entwickler selbständig lernen und Spiele gewinnen. Es ist ganz und gar nicht niedlich, wenn denkende Drohnen selbständig entscheiden, welche Ziele sie zerstören.

Was bedeutet KI im Hinblick auf die Vision vom ewigen Leben?
Tuck: Es gibt Anhänger der Künstlichen Intelligenz, großartige Visionäre wie Ray Kurzweil, die davon überzeugt sind, dass man in nicht allzu ferner Zukunft unsere Intelligenz, und womöglich unsere Gefühle, in Computer uploaden kann. Ich persönlich halte das für unwahrscheinlich. Wenn eine Superintelligenz entsteht, die tausendfach klüger als die Menschheit ist, bin ich nicht so sehr davon überzeugt, dass sie sich um deren Prioritäten scheren wird. KI wird eigenen Wege gehen.

Welchen Einfluss hat KI auf unsere Finanzmärkte?
Tuck: Die globalen Finanzmärkte sind heute schon in hohem Maße automatisiert. Künstliche Intelligenz ist eben der bessere Börsenbroker. Denkende Software hat das weltweite Marktgeschehen im Blick und kann es mit sämtlichen Faktoren in Echtzeit abgleichen. Nur eine KI ist in der Lage, die Blitzgeschäfte der modernen Märkte in Mikrosekunden abzuwickeln. Die Software ist lernfähig, befindet sich aber noch in der Ausbildung. So kam es beim sogenannten „Flash-Crash“ vom 6. Mai 2010 durch Wechselwirkung unterschiedlicher KI-Systeme zu einem schweren Sturz.

Anlage bedeutet Chance. Welche Chancen sehen Sie in KI?
Tuck: Das Potenzial einer Superintelligenz ist für uns kaum vorstellbar. Stellen Sie sich eine moderne Stadtplanung mit 20 Architekten, Bauingenieuren und anderen Experten vor und vergleichen deren Möglichkeiten mit einer Künstlichen Intelligenz, die alle Stadtpläne der menschlichen Geschichte untersucht. Dazu kann KI zukünftige Mobilitäts- und Bevölkerungstrends, seismische Risiken und Klimaprognosen in ihre Berechnung einbeziehen. Mit ihrer Stadtplanung ist KI in 4,8 Sekunden fertig. Ähnliches kann sie für den Umweltschutz, Welternährung und vor allem für die Medizin leisten.

Welche Risiken sehen Sie bei KI? Wovor warnen Sie?
Tuck: Eine Künstliche Intelligenz wird ihre Sache gut machen, viel besser, als wir es uns vorstellen können. Das macht sie so gefährlich. Wir müssen dafür sorgen, dass ihre Ziele mit der menschlichen Ethik übereinstimmen. Sonst wird sie ohne Rücksicht auf Menschen, oder menschliches Überleben eigenständig agieren.

Gibt es noch Weg zurück? Könnten wir uns KI noch entziehen, wenn wir es wollten?
Tuck: Das ist wie bei der Atombombe. Man kann eine schreckliche Erfindung nicht rückgängig machen. Einen geweckten Geist werden wir nie in die Flasche zurückbefördern. Wenn wir die Gefahren rechtzeitig erkennen, haben wir jedoch Optionen. Angesichts der Geschwindigkeit der KI-Entwicklung müssen wir aber schnell handeln, sehr schnell.

Ihr Resümee, Herr Tuck: Was bedeutet KI für uns Menschen – eher Segen oder Fluch?
Tuck: Erst Segen. Dann Fluch.

Das Interview führte Thomas Staub