Moderne Medien

28. November 2016

Immer dasselbe

Ansichten eines Nerds

Es geht wirklich nichts über Konstanten im Leben. Eine meiner ist der Morgenkaffee mit einem kleinen Schuss Milch. Die im Leben meines Sohnes, nunmehr fünf Jahre alt, ist „Die Sendung mit der Maus“ (siehe auch Duvenstedter Kreisel, Ausgabe 15, Mai/Juni 2015). Die kleinen Geschichten des pfiffigen, orangenen Etwas mit seinem kleinwüchsigen, blauen Kumpel sind seit einem Jahr der Hit. Eine kleine Veränderung gibt es dennoch, denn Sohnemann hat herausgefunden, dass man sich die spaßigen Videos nicht nur auf dem Fernseher im Wohnzimmer, sondern auch auf Papas Handy und auf das Tablet in der Küche herbeizaubern kann.

Mich bekümmert das nicht so sehr, da er trotz – oder gerade wegen – der ständigen Verfügbarkeit nur wenige Minuten am Tag mit dem Schauen von Videos verbringt. So ist das nunmal mit Dingen, die selbstverständlich sind. Und wenn man sich obendrein den Zeitpunkt der gewünschten Zerstreuung und Unterhaltung selber aussuchen kann, passt es immer und man verpasst auch nichts, wenn man die Kiste einfach wieder aus macht. Ich will meine erzieherische Herangehensweise nicht unbedingt empfehlen, aber wir fahren bisher ganz gut damit. Jedenfalls sah das zu meiner Zeit noch ganz anders aus. Vorausgesetzt, die Eltern konnten fernsehschauenden Kindern nichts Problematisches abgewinnen, gab es wochentags zwischen 17.00 und 18.00 Uhr die „Kinderstunde“ in der Glotze. Um da nichts zu verpassen, musste der Alltag schon sauber durchgetaktet sein. Und ich wollte eigentlich nie etwas verpassen.

Was mich viel mehr beunruhigt ist, dass mein Sohn irgendwie an der „Maus“ hängen geblieben ist. Seit einem Jahr fast jeden Tag dasselbe Geklacker und heisere Tröten. Mir wäre das zu langweilig. Hin und wieder versuche ich diese Monotonie zu durchbrechen und ihm etwas anderes unterzujubeln. Doch sobald er vor die Wahl gestellt wird, landen wir wieder beim Wohlbekannten. Das hat es damals natürlich auch nicht gegeben. In der Welt des linearen Fernsehens galt (und gilt) „friss oder stirb“. Mir hat damals vor allem der Donnerstag gestunken, weil es aus mir unerfindlichen Gründen statt meiner geliebten „Sesamstrasse“ lediglich „Die Sendung mit der Maus“ gab, die ich wiederum überhaupt nicht ausstehen konnte. Geschaut habe ich sie dennoch. Wir hatten ja nichts anderes. Am Ende war dafür aber mein Horizont ein wenig erweitert, weil ich plötzlich wusste, wie Wattestäbchen gemacht werden oder warum eine Trillerpfeife trillert.

Das führt mich zu einem ganz interessanten Problem bei Inhalten, die man sich selber bei Bedarf – neudeutsch „on Demand“ – heranholt. Denn wenn man nur bekommt, was man schon kennt, gart man ständig im eigenen Saft. Das macht die Sache auf Dauer langweilig und was langweilig ist, wird irgendwann nicht mehr genutzt. Das wissen natürlich auch die großen Videoportale wie YouTube, Netflix etc.pp. und haben da einiges in petto um uns bei Laune zu halten. So ist es zum Beispiel gängige Praxis, nach, neben oder unter jedem Video, das wir uns ansehen, Empfehlungen anzuzeigen. Um diese zu generieren werden zwei Methoden angewandt, die ich hier grob skizzieren möchte.

Die eine ist, möglichst viele Inhalte zu analysieren und aus gemeinsamen Schnittmengen Beziehungen abzuleiten. In der Praxis sieht das so aus, dass Sie beispielsweise „Die Glücksritter“, „Beverly Hills Cop“ und „Jumpin´ Jack Flash“ vorgeschlagen bekommen, weil Sie sich „Ghostbusters“ angesehen haben. Denn diese Filme stammen alle aus der Mitte der 80er Jahre und sind Komödien. Die andere ist ein kollaborativer Ansatz. Hier werden nicht die Inhalte selbst in Beziehung zueinander gesetzt, sondern Benutzerprofile. Benutzer mit ähnlichen Interessen und Nutzungsverhalten werden miteinander verglichen und dienen gegenseitig als Basis für Empfehlungsdaten. Das klingt freilich etwas einfacher als es ist. Es versteht sich von selbst, dass komplizierte, komplexe Algorithmen durchkauende Programme involviert sind, die viele kluge Köpfe über Jahre entwickelt haben und weiter entwickeln.

Doch was nach automatisierter Horizonterweiterung klingt, führt in der Praxis paradoxer Weise zum genauen Gegenteil und zu etwas, das man „Filterblase“ nennt. Der algorithmische Versuch, jedem Benutzer die Informationen zu geben, die er am wahrscheinlichsten für interessant hält, bewirkt eine Abschottung gegenüber anderen Informationen. Etwas flapsig könnte man also sagen: Jeder bekommt das Internet, das er verdient. Wenn Sie sich beispielsweise in der Vergangenheit auf YouTube ein paar Videos zum Thema Hochseeangeln angeschaut haben, wird Ihnen YouTube zukünftig auch Hochseeangel-Videos vorschlagen. Das Ganze ist nicht immer absolut scharf. Es könnte also durchaus sein, dass man Ihnen auch Videos über Fliegenfischen oder Süßwasserangeln anbieten wird. Im Großen und Ganzen werden Sie aber Angel-Videos schauen können, bis der Arzt kommt. Und Sie werden niemals erfahren, wie schön Käscherfischen sein kann, denn das sehen die Empfehlungsprogramme nicht vor. Bloß keine Experimente und nicht anecken lautet nämlich die Devise. Wenn es um pures Entertainment geht, ist das schlimmstenfalls langweilig. Aber bedenken Sie, was das für Informationen aus Politik, Religion und anderen wichtigen Bereichen des Lebens bedeutet. Und es geht nicht um Videos allein. Facebook, Google und Co. verfahren ganz ähnlich, was Musik, Texte und Bilder mit einschließt.

Doch was können wir tun, um aus der Filterblase auszubrechen? Nur noch lineares Fernsehen schauen und Tageszeitungen lesen? Vielleicht nicht nur, aber es ist keine schlechte Idee. Natürlich sind redaktionell gepflegte Inhalte gefiltert und niemals objektiv, dennoch können sie die Perspektive erweitern und wichtige Impulse geben, unsere eigenen Vorlieben und Meinungen zu hinterfragen oder zu erweitern. Und wenn Sie wie ich keine Lust dazu haben nur noch 80er-Jahre-Komödien zu schauen oder aus dem Sog von Sportangel-Videos ausbrechen möchten, dann fragen Sie doch einfach mal einen Bekannten, womit er sich gerade die Zeit vertreibt. Es geht eben nichts über das Gespräch und den direkten Austausch ohne diesen ganzen technischen Firlefanz. Tja, und manchmal hilft nur noch Toleranz. So werde ich „die Maus“ weiter ertragen und hoffen, dass mein Sohn von alleine erkennt, dass er in seiner kleinen Filterblase gefangen ist. Das wird ganz sicher nicht mehr lange dauern.

Bei der Gelegenheit: Wussten Sie eigentlich, dass Leser, denen dieser Artikel gefallen hat, auch Artikel unter „http://www.duvenstedter-kreisel.de/moderne-medien/“ gelesen haben?

 

Sascha Kluger