Moderne Medien

26. April 2016

Das wird nix

Ansichten eines Nerds

Ein humanoider Roboter stampft selbstständig auf zwei Beinen durch eine verschneite Hügellandschaft. Keine Kabel, keine Fernbedienung, versorgt durch Akkus und angetrieben von rhythmisch surrenden Servomotoren bahnt sich das weiß-metallische Ungetüm stoisch seinen Weg durch einen natürlichen Hindersnisparcours. Dieses Video der Google Ex-Tochter Boston Dynamics ließ mich nach dem ersten Sehen entsetzt und erstaunt zurück. Die Reaktion meines Sohnes – mittlerweile “schon fünf” – fiel deutlich nüchterner aus: “Papa, baust Du mir auch so einen Roboter?”

Mein Einwand, dass das nicht so einfach sei und sich sehr viele kluge Köpfe ihre schweren Gedanken gemacht haben, um es überhaupt zu schaffen, dass sich eine Maschine wie ein Mensch fortbewegen kann, ließ er nicht gelten. “Papa, das ist doch nun wirklich ganz einfach. Du hast mir doch schon einmal einen Roboter aus Pappe gebaut. So einen baust Du mir noch einmal und malst ihn weiß an und dann klebst Du da einen Motor dran und dann läuft er los, so. So einfach ist das, Papa.” Ich wandte ein, dass ein Motor aber auch Strom brauchen würde. “Ach, Papa”, erwiderte er mit deutlich ungeduldigem Ton, “dann klebst Du da eben auch noch eine Batterie dran, Papa.” Warum ich diesen ganzen Aufwand überhaupt betreiben sollte, war ebenfalls schnell geklärt: “Damit ich mit dem Roboter spazieren gehen kann, Papa.” Bums, fertig, so einfach ist das.

Die Sicht meines Sohnes mag kindlich naiv sein. Manch einer mag sie vielleicht niedlich finden. Bei vielen mag sie auch ein Stück weit gütiges Mitleid provozieren. Der kleine Mann, er hat noch so viel zu lernen. Die Welt ist viel komplizierter als er heute auch nur erahnen kann. Seine Unschuld wird schon in wenigen Jahren von der Last der Wahrheit erdrückt werden. Er muss und wird lernen und irgendwann erkennen, dass nicht selten der einzig gewinnbringende Zug der ist, nicht zu spielen, etwas nicht zu tun, weil es sinnlos ist. Ich sehe das jedoch etwas anders. Ich wünsche mir von Herzen, dass er sich seine Leichtigkeit bei der Sicht auf die Dinge erhält und das obwohl er die Welt um sich herum besser versteht. Die Entwickler bei Boston Dynamics dürften jedenfalls wenig Zweifel daran gehabt haben, dass es grundsätzlich möglich sein wird, einen Roboter auf zwei Beinen alleine durch den Schnee zu schicken. Anderenfalls gäbe es ihn heute wohl nicht.

Im magischen Dreieck des Fortschritts existiert neben der Entwicklungshöhe und -geschwindigkeit eine weitere, sehr wichtige Variable: Ressourcen. Und die wesentliche ist, Sie ahnen es sicher: Geld. Wo Geld für Roboter zu holen ist, die sich ihren Weg durch schwieriges Gelände bahnen können, weil sie in der Lage sind, ihre Umgebung zu erkennen und zu interpretieren, die außerdem nicht aufmucken, schwere Lasten tragen können und Ziele nicht aus den künstlichen Augen verlieren, ist leider sehr naheliegend. Was Rüstung angeht, gibt es international mehr Visionäre und Geldgeber als die Welt vertragen kann.

Geradezu zynisch scheinen mir vor diesem Hintergrund die ewigen Nörgler und Miesmacher, die jede noch so kleine Innovation mit einer Mischung aus Unkenntnis, mangelnder Weitsicht und vergessener Freude an Neuem in Grund und Boden quatschen. Jeder, der sich schon einmal selbstständig machen wollte und nicht nur seinen engsten Freundeskreis um eine Meinung zur Geschäftsidee gebeten hat, kann den absoluten Klassiker, die unangefochtene Nummer Eins der Killer-Phrasen auf der Orgelpfeife spielen: “Gibt es schon.” In den Top-Drei der Hitliste folgen: “Wozu soll das gut sein?” und das etwas differenzierter wirkende, aber in Wahrheit sehr schwammige “Das Risiko ist zu hoch”. So werden Visionen im Keim erstickt. Gesteigert wird dies nur durch das bornierte Zerstampfen von Ideen, die den Sprung in die Realität schon längst gemacht haben. Elektroautos sind doof, weil sie nicht nach verbranntem Benzin riechen und nicht nach Maschine klingen. Virtual Reality Brillen sind doof, weil man mit ihnen doof aussieht. Raumfahrt zum Mars ist doof, weil es auf dem Mars keinen Sangria und auch sonst (außer Robotern!) nichts gibt und wir hier auf der Erde schon genug Probleme haben. Und das neue Feature von Google ist doof, einfach weil… Datenkrake. Statt den Dingen ihren Lauf zu lassen, sich ihnen neugierig zu nähern und Potenziale nach und nach zu entdecken, werden sie doof gefunden, meist noch bevor sie sich wirklich entfaltet haben. Doch wo nur gut ist, was schon immer da war oder unmittelbar nützlich ist, entsteht Stillstand, gedeihen nur Monokulturen.

Manchmal scheint es mir so, als ginge es beim Kritisieren und Bedenken-Tragen gar nicht so sehr um eine Meinung oder Bewertung im eigentlichen Sinne, sondern darum, dass die eigene Soll-Vorstellung von der Zukunft so sehr vom wahrscheinlichen Ist-Zustand abzuweichen droht, dass man es schlicht nicht mehr ertragen kann. Oder aber das Gefühl, Recht gehabt zu haben, löst bei manchen Menschen einen Rausch aus. Denn nicht jede Innovation ist zwangsläufig gut und nur verhältnismäßig wenige sind langfristig erfolgreich. Wenn man alles doof findet und nie eine Aussicht auf Erfolg prognostiziert, hat man am Ende bedeutend häufiger Recht, als jemand, der einen Durchbruch vorherzusehen glaubt. Vielleicht ist es aber einfach nur der Neid, selbst keine tolle Idee gehabt zu haben. Manche Dinge sind dann eben doch ganz simpel.

Es gibt noch eine weitere Spielart. Es ist eine ganz spezielle Mischung aus Bedenken-Tragen bei gleichzeitiger Innovationskraft. Sie scheint mir ein Alleinstellungsmerkmal deutscher Visionäre zu sein. Wenn das Internet seinerzeit eine deutsche Erfindung gewesen wäre, heute stünde in jedem siebten Haushalt ein verplombter Computer-Terminal im Alu-Gehäuse mit Post-Logo darauf. Sein Monitor trüge die Siegel von irgend einem Umweltverband, dem TÜV und dem Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie. Die Tastatur wöge knapp zwei Kilo, da sie mit einer Stahlplatte industrie-tauglich verstärkt würde und der Hub der feuer- und säurefesten Tastenkappen von handgedrehten Edelstahl-Federn mit Rändelmuttern individuell einstellbar wäre. Eine plane Standfläche wäre vom Kunden, der das Gerät im Paket “Digitalnetz plus, Variante international, drei Zonen, Familie” zur Miete erhielte, bereitzustellen. Hierzu hätte er sich vertraglich zu verpflichten. Mit diesem Monstrum wären ausschließlich Seiten von lizenzierten Betreibern aufzurufen, deren Inhalte ein dreistufiges Unbedenklichkeits-Audit durchlaufen müssten. Kurzum: Ergebnisse dieser Variante sind technisch tendenziell fortschrittlich, in der Umsetzung solide wie Krupp-Stahl und sehr, sehr, sehr viele Menschen hätten zuvor Bedenken eingebracht.

Dies ist kein Plädoyer für einen Mangel an Kritik, noch für allgemeine Sorglosigkeit. Natürlich dürfen, sollen und müssen Ideen diskutiert werden. So können sie reifen und im schlimmsten Fall rechtzeitig als Gefahr erkannt und begraben werden. Aber die Dosis macht das Gift. Nicht alles kann und muss im ersten Schritt perfekt oder nützlich oder machbar sein. Und was noch viel wichtiger ist: Man muss nicht zu allem eine Meinung haben. Ich erlaube mir das an dieser Stelle lediglich, weil hier noch etwas Platz war.

Ich werde meinem Sohn heute nicht erzählen, dass eine Papp-Figur mit aufgeklebter Batterie niemals von alleine wird laufen können. Das wird er morgen schon selber erkennen. Klar, ich werde es erst einmal ausbaden müssen, doch das tue ich gerne. Denn vielleicht erhält es die Spannung und inspiriert ihn irgendwann zu eigenen Experimenten. Vielleicht baut er ihn irgendwann, den Roboter, der mit dem Elektromobil über den Mars fährt und sich von der Erde aus via Virtual Reality steuern lässt, um Bilder für Google zu machen. Wozu das gut wäre, dass weiß ich heute noch nicht. Aber bis dahin ist ja noch ein wenig Zeit.

Sascha Kluger