Moderne Medien

27. Februar 2018

BITCOINS

Ansichten eines Nerds

Mein Filius bekommt jetzt Taschengeld. Jede Woche zwei Euro. Damit darf er sich kaufen, was er möchte. Eine ganz dolle Sache. Jedoch: Die eigentliche Kaufkraft  interessiert ihn nicht die Bohne. Aber an dem sich langsam füllenden Taschengeld-Glas, an dem kann er sich erfreuen. Ein richtig kleiner Knauserer. Der bloße Gedanke daran, auch nur eine einzige der gesammelten Münzen wieder abgeben zu müssen, macht ihn schier verrückt. Das ist super.

Früher musste ich beim Einkaufen mit Vollgas an den Kinderzeitschriften und den Ü-Ei-Aufstellern vorbeiballern, wollte ich Diskussionen und ungeplante Ausgaben vermeiden. Heute bin ich ganz gelassen. Wenn es mal wieder irgend so eine dusselige Zeitschrift mit angepappten Plastik-Nippes sein soll, sage ich nur: „Klar, kannst du dir von deinem Taschengeld kaufen. Ich lege es dir aus.” Dann sagt er stets: „Nö, lieber nicht.” Meine wöchentlichen Investitionen in den Familienfrieden habe ich bisher nicht bereut. Daher kann ich auch gut darüber hinwegsehen, dass wir hier einen weiteren Staubfänger herumstehen haben, der obendrein stetig an Substanz gewinnt.

Apropos Substanz. Ich habe ein wenig in Kryptowährungen investiert. Von denen haben Sie bestimmt schon gehört. Nein? Wie haben Sie das denn geschafft? Kryptowährungen, allen voran der Bitcoin, sind momentan schwer angesagt. Diese Komplementärwährungen sind rein virtuell, daher maximal substanzlos. Für mich persönlich war es anfangs gewöhnungsbedürftig Geld auszugeben, das sich nach abgeschlossenem Tausch faktisch in nichts auflöst. Nicht, dass mich mein Sohn diesbezüglich nicht schon abgehärtet hätte. Und Girokonten kenne ich natürlich auch. Doch legen die Kryptowährungen noch eine Schippe drauf. Das geht im Fall des Bitcoins sogar so weit, dass man gar nicht weiß, wer ihn eigentlich erfunden hat.

Die Grundidee ist ein dezentrales System, in dem Geldeinheiten hin und her geschubst werden können. Banken oder andere Institutionen werden nicht benötigt. Weder wird das Geld von einer Zentrale ausgegeben, noch gibt es Mittelsmänner die Überweisungen und Konten verwalten. Klingt irgendwie alles ein bisschen nach naiver Schwärmerei für eine bessere Welt, nicht wahr? Das Verrückte ist, das System funktioniert. Zumindest aus technischer Sicht. Denn: Der Bitcoin ist schon längst bei den Spekulanten angekommen. Von wegen schöne neue Welt und so.

Wo kommt diese Währung denn nun eigentlich her? Obacht, jetzt wird es bizarr. Denn wo man keine Zentrale haben will, kann es auch keinen Verwalter geben. Und wo kein Verwalter ist, kann die Geldmenge nicht reguliert werden, geschweige denn gibt es einen, der Banknoten oder vergleichbare Urkunden ausgibt. Aber irgendeine künstliche Verknappung muss es geben, denn sonst würde das System eine Inflation abfeiern, die sich gewaschen hat. Und anders als Gold, Salz oder originalverpackte Actionfiguren hat ein Bitcoin noch nicht einmal die erwähnte Substanz, die ihm irgendeinen Wert geben würde. Diese Rolle übernimmt die Idee selbst und eine Software.

Denn zum Glück sind Nerds recht pragmatische Kerlchen. Was ist knapp? Na, Bodenschätze sind knapp. Wo findet man die? In Minen. Also programmiert man eben eine virtuelle Mine. Ist doch logisch. Irre. Eine Freundin können die sich nicht bauen, aber Bergwerke mit Schätzen darin. Na ja, streng genommen stimmt das so nicht ganz. Also das mit den Minen. Sie sind eher eine Metapher. Konkret geht es darum, eine mathematische Aufgabe zu lösen, beziehungsweise von einem Computer lösen zu lassen. Dieser Vorgang wird in der kreativen Bildsprache der IT-Typen „mining”, auf Deutsch „schürfen” genannt. Wenn eine Aufgabe gelöst ist, wird das Ergebnis als Beweis gespeichert, virtuell gepunzt und fertig ist die Münze. Jetzt wäre es natürlich blöde, wenn die Aufgabe immer die Gleiche bliebe. Sonst hätte sich das mit der Verknappung schnell wieder erledigt. Darum ändert sie sich ständig. Und der Aufwand sie zu lösen variiert. Und zwar proportional zur Summe der im System zur Verfügung stehenden Rechenleistung. Die Aufgabe ist darüber hinaus so gewählt, dass dem heutigen Stand der Technik nach die maximale Anzahl der jemals schürfbaren Münzen begrenzt ist. Das ist extremst vereinfacht dargestellt und trotzdem schon verrückt genug.

Nun wird die ganze Sache erst dadurch interessant, dass man die Währung hin und her schicken kann. Eine kryptische Datei auf dem Rechner zu haben, die man dann „Münze” nennt, hat vielleicht einen extrem hohen Nerdfaktor, ist aber ansonsten weitestgehend unnütz. Sie per Mail zu verschicken ist auch doof, weil man sie dann kopieren und immer wieder verschicken kann. Also muss es irgendeine Art Kassenbuch geben, in dem alle Transaktionen und Besitzverhältnisse protokolliert werden. Und wer schreibt das, wenn es keine Zentrale gibt? Ganz einfach: Alle, die an dem System teilnehmen. Diese dezentrale Tabelle nennt man – Achtung, festhalten, Buzzword-Alarm: Blockchain.

Jede neue Transaktion hängt einen weiteren Eintrag an die Tabelle an. Da diese durch ein ganz ausgebufftes System unter allen Teilnehmern abgeglichen wird, weiß jeder über jede Änderung Bescheid, womit ein allgemeiner Konsens über die Legitimität einer Transaktion erreicht wird. Damit niemand auf die naheliegende Idee kommt an der Tabelle herumzumanipulieren, vielleicht um den einen oder anderen Kauf oder Tausch im Nachhinein ungeschehen zu machen, wird ein kleines Spielchen gespielt, das sich am ehesten mit dem Kinderspiel „Buchstabenkette” vergleichen lässt.

Kennen Sie bestimmt. Das kann man bei längeren Autofahrten ganz prima dem ungeduldigen Nachwuchs aufdrücken. Die Regeln sind wie folgt:  Jeder sagt der Reihe nach ein Wort. Der Haken: Jedes neue Wort muss mit dem Endbuchstaben des vorangegangenen Wortes beginnen. Das kann mit steigendem Tempo gemacht werden, was mitunter ganz ulkige Zungenbrecher provoziert. In der Blockchain ist das natürlich ein Ticken komplizierter, weil nicht nur einzelne, sondern ausnahmslos alle vorher genannten Buchstaben in das Spielchen miteinbezogen werden – Computer können sowas eben. Auf diese Weise erhält man eine Tabelle, aus der niemals Zeilen gelöscht werden können, da sonst alle Eintragungen hinter der manipulierten Stelle an Plausibilität verlören. Uns wenn es ums Geld geht, fliegt so etwas sehr schnell auf. Insgesamt ein sehr ausgeklügeltes Dingsbums, diese Blockchain.

An dieser Stelle kostenlos und ungefragt ein kleiner Rat: Um die Blockchain-Technologie gibt es derzeit einen regelrechten Hype. Die Idee an sich ist einfach so verdammt cool. Leider. Daher ist dieser Begriff schon durch jede größere Firma gegeistert. Wenn also irgendeiner Ihrer Kollegen meint: „Wir sollten mal was mit Blockchains machen”, dann laufen Sie. Und zwar so schnell Sie können. Und zwar noch schneller, als es darum ging mal „etwas mit dem Internet” zu machen. Anderenfalls riskieren Sie, sehr bald sehr viel Zeit damit zu verbringen, ein Problem zu suchen, das zur Lösung passt. Selbstzweck war noch nie eine gute Idee.

So ist es dann wohl auch zu erklären, dass der Bitcoin satte 15 Jahre vor sich hin dümpelte und hauptsächlich von, ich sage mal, eher zwielichtigen Gestalten als Mittel des anonymen Geldtransfers verwendet wurde. Davon, dass er sich großflächig als Zahlungsmittel durchsetzen würde, war bisher nichts zu spüren. Auch wenn einige Unternehmen dennoch mit ihm experimentierten. Dafür haben ihn vor einiger Zeit Spekulanten für sich entdeckt. Einfach, weil sie an ihn glauben. Oder vielleicht, weil sie Blockchains so toll finden. Ich weiß es nicht. Und wo Spekulanten sind, sind weitere Spekulanten nicht weit. Und wenn das so ist, kommen auch die ganz kleinen Lichter mit ihren Sparstrümpfen aus den Löchern gekrochen – so wie ich. So schwanken die Kurse für die meisten Kryptowährungen zurzeit wie nichts Gescheites, was einen baldigen Einsatz als brauchbares Zahlungsmittel nicht unbedingt wahrscheinlicher macht. Ganz schön paradox, finden Sie nicht auch?

Ich kann und werde Ihnen keinen Rat geben, in virtuelle Währungen zu investieren oder es eben nicht zu tun. Allein mein Gefühl sagt mir, dass mein eigenes Geld in dem Taschengeld-Glas meines Sohnes besser aufgehoben ist. Auch wenn das bedeutet, dass ich mir vielleicht die eine oder andere Chance auf den schnellen Reichtum entgehen lasse. Aber wie heißt es doch so schön: Lieber das ruhige Kind im Supermarkt als die Taube auf dem Dach, oder so ähnlich.

Sascha Kluger