Kolumne

23. April 2014

Schlaf Kindlein, schlaf

Ganz normaler FamIlienwahnsinN

22.1Das letzte Mal, als ich diese Kolumne schrieb, schlummerte meine kleine Tochter noch eingekuschelt vor meinem Bauch in ihrem Tragetuch. Das ist seit anderthalb Wochen Geschichte. Von einem Tag auf den anderen wollte sie das plötzlich nicht mehr. Ohne Vorankündigung. Ich nahm dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Das weinende Auge überwog ein paar Tage, weil sich das Ganze wie ein zweiter Abnabelungsprozess (der erste war die Geburt) anfühlte. Schließlich meldete sich neben dem lachenden Auge auch mein Rücken, der sich für die Entlastung bedankte. Außerdem schläft Mona nun endlich auch am Tage gern in der Horizontalen ein, was sonst nur am Abend funktionierte.

Jetzt kann ich endlich ausgedehnten Mittagsschlaf machen. Denn mit Mona im Tragetuch durfte ich mich zwar in meinen Bürostuhl setzen, aber jeglicher Versuch mich auf die Couch zu legen, wurde meist mit einem Knurren und Quengeln quittiert. Auch im Kinderwagen findet es Mona inzwischen richtig toll. Das war nicht immer so. Bisher fing sie sofort an zu weinen, wenn man sie dort hinein legte – außer sie war so müde, dass sie direkt einschlief. Aber sobald sie ausgeschlafen hatte, kullerten wieder Tränen. Spaziergänge mit dem Kinderwagen waren deshalb eine ziemliche Herausforderung. Insofern geht es für mich in Ordnung, dass Mona das Tragetuch nun nicht mehr mag, aber dafür gern im Kinderwagen liegt (und darin schläft!) und tagsüber das Bett nicht mehr verschmäht.

Mona ist jetzt viel aktiver und für mich ist es nun nicht mehr ganz so leicht „mal eben“ dies oder das zu erledigen. Auch diesen Artikel habe ich nicht mehr „in einem Rutsch“ geschrieben, sondern mich an drei Tagen zu unterschiedlichen Zeiten an den Computer gesetzt, weil Mona die meiste Zeit wach ist. Inzwischen liegt sie gern in ihrem Laufgitter und kann sich eine Stunde darin beschäftigen. Aber zwischendurch vergewissert sie sich, ob Mama auch noch da ist und kräht regelrecht nach mir.

Ihre kleine Welt ist inzwischen so aufregend, dass sie häufig vergisst, dass sie eigentlich müde ist. Auch ich übersehe manchmal noch, dass es längst Zeit für ein kleines Nickerchen ist.Aber man lernt ja dazu. Die Kinderärztin einer Freundin meinte, dass Babys in Monas Alter zwischen zehn und 18 Stunden pro Tag schlafen. Und auch wenn die Auszeiten meiner kleinen Maus nicht mehr als zwei Stunden am Stück und mehr betragen, so merke ich abends dann doch, dass es an manchen Tagen besser gewesen wäre, sie hätte etwas mehr Zeit im Standby-Modus verbracht.

Auch wenn es vielleicht komisch klingt – hat Mona mehrmals am Tag für insgesamt drei bis vier Stunden geruht oder geschlafen, so ist das abendliche Zubettgehen meist ein Klacks. Ansonsten kann sich das Ganze über eine Spielfilmlänge hinziehen. Das finde ich wirklich erstaunlich. Wenn dann noch Blähungen oder besondere Ereignisse (Arzttermin, Besuch, etc.) hinzukommen, dauert es mehrere Stunden bis der kleine Mausebär erschöpft einschläft.

Wie sehr ein weinendes Kind, das offensichtlich müde ist, aber nicht die Kurve kriegt, eine Herausforderung für die Nerven seiner Eltern ist, brauche ich wohl niemandem zu erzählen. Hier zahlt es sich wirklich aus, dass mein Mann und ich seit der Geburt in getrennten Zimmern nächtigen, damit er immer fit und ausgeschlafen ist. So kann er mich in schwierigen Situationen am allerbesten unterstützen (mal davon abgesehen, dass er im Augenblick den Großteil unserer Brötchen verdient und in meinen Augen ein Recht darauf hat ausgeschlafen zu sein).

Ihm ist es jetzt schon mehrfach gelungen, Mona mithilfe eines Schnullers zu beruhigen und in den Halbschlaf zu wiegen, obwohl sie ansonsten den Schnuller konsequent verweigert. An solchen Abenden folgt dann oft die „Wir-docken-siejetzt- on-the-fly-an-Methode“ Das bedeutet, dass ich mich ins Bett lege, eine Brust freimache, mein Mann Mona sanft den Schnuller wegnimmt und gleichzeitig direkt an meine Brust legt, an der sie im Halbschlaf noch einen Schluck nimmt, bevor sie endgültig im Reich der Träume ankommt.

24.1Überwiegend sind die Abende jedoch frei von solchen Tragödien. Meist schläft Mona direkt an meiner Brust ein. Inzwischen passiert es auch oft, dass sie nach ihrer Mahlzeit noch wach ist und sich dann selbst in den Schlaf „schnuffelt“. Sie verlangt dann nach ihrem, welch Überraschung, Schnuffeltuch (ein gewöhnliches Moltontuch), an dem sie dann genüsslich saugt und ihr Gesicht darin vergräbt, bis sie eingenickt ist. Ein bisschen erinnert mich das an Linus van Pelt, den besten Freund von Charlie Brown, der an seiner Schmusedecke hängt und diese immer bei sich hat. Wir haben inzwischen auch überall Schnuffeltücher: im Bett, auf der Couch, im Kinderwagen…

Im Großen und Ganzen sind wir bisher ganz gut zurechtgekommen, was das Schlafen betrifft. Das ist ja immer ein Riesenthema. Schon in der Schwangerschaft bekommt man hierzu sehr viele Tipps rund um Schlafenszeiten und Bettrituale. Ratgeber zu Schlafkonzepten füllen ganze Regale in Buchläden. Ich bin der Meinung, dass kein Kind „das Schlafen lernen“ muss. Jedes Baby kann das bereits, wenn es auf die Welt kommt. Natürlich muss ein Kind später mit den Zeitrhythmen zurechtkommen, die in der Gesellschaft gelebt werden – was zunächst einmal Kita und Schule betrifft. Aber muss ein Baby, das noch kein halbes oder ganzes Jahr alt ist, wirklich schon zu einer ganz bestimmten Uhrzeit im Bett liegen? Und muss es mit drei, vier oder fünf Monaten wirklich alleine einschlafen können?

Mal ehrlich: Natürlich ist das für die Eltern komfortabler, wenn das eigene Abendprogramm immer zur gleichen Zeit beginnen kann. Und natürlich ist es eine Gratwanderung, die Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen, ohne sich dabei komplett selbst aufzugeben. Aber solange beruhigende Worte und Körpernähe von Mama und Papa eigentlich für fast alle Problemchen und Wehwehchen die Lösung sind, richten wir uns komplett nach unserem Kind und nicht umgekehrt.

Ich habe mich jedenfalls nicht von außen verrückt machen lassen und glaube, dass Mona deshalb schon so gut einschläft, weil wir sie in keinen festen Zeitrahmen pressen. Meist ist sie abends von allein zwischen sechs und sieben Uhr müde. Und wenn nicht, dann bringen wir sie eben erst später ins Bett. Sie ist sowieso jeden Morgen um sechs Uhr wach, egal, wann man sie abends ins Bettchen legt. Als hätte sie ne innere Uhr – mit Sekundenzeiger. Ich bin immer wieder verblüfft.

Auch die Theorie, dass ein Baby allein im eigenen Bettchen – am besten noch im eigenen Zimmer einschlafen muss, halte ich für totalen Schwachsinn. Kein Säugetier der Welt schläft nicht bei seinen Jungen. Und in vielen Kulturen schläft die ganze Familie sehr lange im selben Raum.

Mir ist auch bisher noch nicht zu Ohren gekommen, dass ein pubertierender Jugendlicher noch im Familienbett schläft, weil er nie gelernt hat, im eigenen Bett zu schlafen. Am gruseligsten finde ich jedoch die Ferber-Methode, nach der man sein Kind kontrolliert schreien lassen soll. Das geht so: Das Kind ins Bett legen, aus dem Zimmer gehen, kurz schreien lassen, reingehen, beruhigen, wieder rausgehen, länger schreien lassen, usw. Irgendwann schläft das Kind dann tatsächlich ein. Aber nicht, weil es jetzt das Einschlafen gelernt hat, sondern weil es erschöpft ist und resigniert hat – im Übrigen mit jeder Menge des Stresshormons Cortisol im Körper.

Es gibt inzwischen mehrere Studien, die sich damit beschäftigt haben. Aus allen geht hervor, dass Kinder sehr viel schneller allein einschlafen können, wenn sie sicher sind, dass Mama oder Papa kommen, wenn nach ihnen gerufen wird. Das Gedächtnis eines Babys funktioniert am Anfang ja noch nicht, also wird jeden Abend aufs Neue überprüft, ob jemand zum Trösten kommt, wenn man weint.

Eine bekannte Berliner Mama-Bloggerin hat es mal aus einem anderen Blickwinkel gesehen: „Wenn der Partner nicht da ist und wir allein ins Bett müssen, finden wir das doch auch doof und liegen dann rum und vermissen ihn. Aber Babys und Kleinkinder sollen munter in ihrem Bett im dunklen Schlafzimmer der Eltern oder im eigenen Zimmer liegen und seelig allein einschlafen.“ (www.supermom-berlin.de/)

Ich persönlich denke, dass am besten damit fährt, wenn man sich auf die Signale des Kindes verlässt und sich nach ihnen richtet. So hat sich bei uns von ganz allein schon eine Art Rhythmus eingestellt.

Heute hat Mona übrigens ihr komplettes Tagschlafkontingent auf einmal eingelöst und geschlagene vier Stunden geschlafen. In ihrem Tragetuch. Soviel zu Gewohnheiten und ihrer Gültigkeitsdauer.

Teresa Stockmeyer