Kirche

27. Februar 2018

War Jesus eigentlich perfekt?

Pastor Fahrs Worte

Einige Apostel schreiben das in ihren Briefen: Jesus, der einzig vollkommene Mensch, der die Vollkommenheit des Geschöpfes wiederhergestellt hat. Gegenüber Adam, dem Sünder, der durch seine Sünde für alle Menschen den Tod gebracht hat – und dann eben Jesus, der neue Adam, der das vollkommene Menschsein wieder ans Licht bringt. Wenn wir an Jesus glauben, wird uns Vergebung geschenkt. Und wenn wir uns durch den Glauben haben rechtfertigen lassen, also von Gott durch seine Gnade haben zurechtbringen lassen, kommen wir auch in den Himmel. Und dann ist alles perfekt.

Für Gott sollen wir eigentlich perfekt sein. Nicht wahr?

Nur: Sind wir dann überhaupt noch Menschen? Oder werden wir, indem wir vervollkommnet werden – im Glauben, im Himmel oder sonstwo – zu Göttern, Engeln, Sternen oder was auch immer? Sind wir dann keine Menschen mehr?

An diesem Bild, ganz gleich ob einige Briefe im Neuen Testament dieses Bild vermitteln, ist einiges etwas seltsam. Schräg geradezu.

Wenn manche Menschen den Satz „Wir sind doch alle nicht perfekt, sonst wären wir ja keine Menschen“ als faule Ausrede für eigene Fehler benutzen, nervt mich das. Allerdings sprechen sie damit auch eine tiefere Wahrheit aus: Zum Geschöpf gehört es, endlich und fehlerhaft zu sein. Nicht, weil Gott es nicht besser konnte, sondern weil es nichts Vollkommenes gibt. Ich glaube sogar, dass Jesus selbst nicht vollkommen war. Und deswegen müssen wir es auch nicht sein. Jesus war den gleichen Gefahren ausgesetzt wie wir: Sucht nach Allmacht, Sicherheit und Ruhm. In einer Szene hat er den symbolischen „Teufel“, die Versuchung, zwar von sich gewiesen, aber es gab auch Szenen, in denen er unduldsam, aufbrausend oder ängstlich war, in denen er zugegeben hat, dass er nicht alles weiß, kurz: nicht perfekt war.

Deswegen ist Weihnachten so ein beliebtes Fest. Gott kommt zu uns, wird wie wir. Endlich, unperfekt, teilt unser Schicksal. Diese Geschichte feiern viele Menschen, die sonst niemals auf die Idee kämen, eine Kirche zu betreten, jedes Jahr wieder zu und zu gerne. Und damit haben sie auch etwas ganz Wichtiges zu fassen: Es geht nicht darum, dass wir Menschen perfekt sind oder werden. Das wird ohnehin nix.

Das, was Gott mit Jesus wiederherstellt, ist nicht die Illusion eines perfekten Menschen, sondern: Es geht um Beziehung, eine gelingende und gelungene Beziehung zwischen Mensch und Mensch und Gott und Mensch. Es geht nicht darum, was wir SIND, sondern MIT WEM und WIE wir leben: Beziehungsfähigkeit. Barmherzigkeit. Respekt. Mitmenschlichkeit. Liebe  – und in Gemeinschaft mit Gott. Diese Gemeinschaft stellt Gott in Jesus wieder her, als er sich mit den fehlbaren und verkehrten Menschen gemein machte. Und an Ostern erkämpft dieser göttliche, menschliche, unvollkommene, aber großartige Jesus für uns die Dauerhaftigkeit unserer Beziehungen über den  Tod hinaus. Darum geht es.

Und das feiern wir im Frühling. Ich freu‘ mich darauf.

Herzlichst Ihr Peter Fahr