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8. Dezember 2017

Raffaels Engel

Kurzgeschichte von Marlis David

Große Schneeflocken fallen einen Tag vor dem Weihnachtsfest auf den gefrorenen Boden. Über Nacht hat der Schnee die Landschaft in eine bizarre Winterwelt verwandelt, die jetzt makellos, fast jungfräulich aussieht. Staunend sieht Paolino aus dem Fenster der Gemäldegalerie Alte Meister, in Dresden. Er klatscht in die Hände und ruft: „Er hat’s gehört, er hat uns den Schnee zur Heiligen Nacht geschickt, so, wie ich es mir gewünscht habe. Sieh doch nur Benediktus, ist es nicht wundervoll?“

Benediktus ist das Lachen vergangen, er ahnt, wenn Paolino sich etwas in den Kopf setzt, dann führt er es auch aus.

„Nun ja, der Allmächtige hat wohl dein Gebet erhört und mit dem Schnee alles zugedeckt, die Erde verzaubert, in unschuldiges Weiß gekleidet. Es wirkt auf mich wie eine Kitschpostkarte, nicht realistisch, grässlich und so … mir ist bitterkalt!“ Benediktus schüttelt sich, er friert, wenn er Schneeflocken sieht.

Paolinos Augen blitzen spitzbübisch, er schmiedet bereits einen Plan. Hastig sieht er sich um. Der Papst Sixtus jedoch verharrt noch anbetungswürdig vor der Sixtinischen Madonna. Er hat ihrer Unterhaltung nicht gelauscht. Die Madonna mit dem Knäblein auf dem Arm schaut glücklich über ihre Köpfe hinweg. Nur die Heilige Barbara zu Füßen der Madonna sieht zu ihnen hinunter, sie hat sicher Wortfetzen ihrer Unterhaltung verstanden.

„Es ist die Gelegenheit, Benediktus, jetzt oder nie! Bevor es jemand bemerkt, sind wir wieder da! Hier in Dresden fallen wir doch gar nicht auf, wir lächeln von fast jedem Plakat, in vielen Schaufenstern, jeder kennt uns hier, alle lieben uns.“

Nachdenklich stützt Benediktus sein Kinn auf die Handfläche, wie er es immer macht, wenn er angestrengt nachdenken muss. „Ich möchte aber nach San Sisto zu den Benediktinermönchen, in Piacenza ist es jetzt schön warm … und dann diese herrliche, italienische Musik“, er verdreht die Augen himmelwärts, verliert sich in endloser Schwärmerei.    

Paolino knufft ihn in die Seite: „Komm wieder zurück ins Hier und Jetzt … psst … sieh nur, da kommen Besucher. Wir müssen still sein.“

„Oh, wie wunderschön, genauso habe ich mir die Sixtinische Madonna mit dem Jesuskind immer vorgestellt, aber das Originalgemälde ist ja noch fantastischer, findest Du nicht auch, Johann?“

Johann ist schon weitergegangen: „Wir müssen uns sputen, Friedel, sonst fährt der Bus ohne uns ab!“

Sie läuft ihm hinterher: „Hast du denn wenigstens die beiden berühmten Putten ganz unten im Bild gesehen?“

Er schüttelt desinteressiert den Kopf. „Hör mir bitte zu, Johann, … dann möchte ich auf jeden Fall, bevor wir wieder nach Hause fahren, noch einmal in diese Galerie. Ich  habe ja erst die Hälfte gesehen!“ Johann nickt, nimmt seine Frau an die Hand und zieht sie zum Ausgang. Die letzten Besucher haben gerade die Galerie verlassen, der Hausmeister die Türen fest verschlossen, da nimmt Paolino sofort das Gespräch wieder auf. „Eben war der Pastor der Frauenkirche hier … und ich habe die Unterhaltung belauscht. Er war völlig aufgelöst, sie können das Jesuskind für die Krippe nicht finden und heute Abend ist doch schon das Krippenspiel!“ Dabei wandert sein Blick zur Madonna mit dem Kind.

Benediktus sieht Paolino befremdet an: „Du glaubst doch nicht etwa … nein, nein, unsere Madonna wird ihr Knäblein dafür nicht hergeben, auch nicht für einen einzigen Tag … schlag dir das aus dem Kopf, Paolino!“ Er hat sich in Rage geredet, seine Wangen glühen vor Empörung.

Schmollend begibt sich die kleine Putte wieder an ihren angestammten Platz. „Aber bedenke doch, es ist ja nur für einen Tag … und … und ich möchte dieses Jahr endlich einmal Schnee anfassen und … einmal die fertige Frauenkirche sehen und Dresdner Christstollen probieren. Du hast es mir voriges Jahr zu Weihnachten, als wir in Piacenza waren, versprochen und Versprechen muss man halten!“

Abrupt dreht sich Benediktus um. Er bittet Papst Sixtus II, die Madonna und die Heilige Barbara zu einem Gespräch.

Es dauert und dauert … geht manchmal äußerst heftig zur Sache und Paolino sieht schon seine Wünsche entschwinden. Doch plötzlich verklärt sich das Gesicht der Madonna, sie strahlt ihn milde lächelnd an. Paolino glaubt ein Augenzwinkern wahrzunehmen. Auch die Heilige Barbara scheint einverstanden. Sein Blick wandert zum Papst, der jetzt seine Papstkrone, die Tiara, vom Boden aufnimmt und auf sein Haupt setzt, um die Entscheidung zu verkünden.

So geschieht es, dass zwei kleine, etwas rundliche Putten am frühen Heiligabend mit einem in Tücher gehüllten Jesuskind das Bild „Die Sixtinische Madonna“ von Raffael durch einen geheimen Ausgang verlassen. Vom Theaterplatz über die Brühlschen Terrassen zur Frauenkirche ist es nicht weit. Sie schweben unbemerkt mit ihrer kostbaren Leihgabe in die Kirche, um das Kind in die leere Krippe zu legen. „Aber nur für diesen einen Tag, … versprochen, Paolino?“ Benediktus ist nicht wohl bei dem Gedanken. Er kennt seinen kleinen Paolino nur zu gut und hat Furcht, der könnte vielleicht noch mehr Flausen im Kopf haben. „Die Madonna hat ihre Zustimmung nur für die Frauenkirche erteilt und nur für die Christnacht, dass du es weißt, Paolino!“

Als er sich umdreht, ist der schon verschwunden. Laut ruft er dessen Namen. Aus weiter Ferne sieht er ihn durch das herrliche Kirchenschiff schweben. „Sieh dir das an, Benediktus, so etwas Wundervolles habe ich noch nicht gesehen. Wie herrlich ist die Frauenkirche aus den Trümmern entstanden! Der barocke Kuppelbau – einmalig schön, findest du nicht auch?“ Benediktus nickt, er ist sprachlos und ergriffen von der überwältigenden Pracht. „Wir werden hier oben ausharren und uns das erstaunte Gesicht des Pastors ansehen, wenn er das Jesuskind in der Krippe findet!“ Paolino ist einverstanden. Sogleich schwingt er sich übermütig noch höher hinauf in die Kuppel.

Endlich ist es soweit. Tränen der Rührung laufen den kleinen Putten über die Wangen, als sie den Pastor in seiner Weihnachtsansprache von einem großen Wunder predigen hören. Immer wieder betont er, dass es Engel gewesen sein müssen, die ihm das Jesuskind in seine Krippe gelegt haben. Benediktus und Paolino lächeln zufrieden.

Gerade haben sie die Kirche verlassen, da fängt es wieder heftig an zu schneien. Paolino hüpft vergnügt durch den tiefen Schnee, wirft sich voller Wonne hinein und klatscht vergnügt  in die Hände, als er seinen Abdruck mit den ausgebreiteten Flügeln entdeckt. Benediktus steht zitternd dabei, er friert erbärmlich. „Jetzt noch schnell in eine Bäckerei mit dem herrlichen Dresdner Stollen … du hast es mir versprochen … bitte, Benediktus!“

Zielsicher steuern sie den Dresdner Striezelmarkt an, finden aber keinen Dresdner Stollen. „Dahinten sehe ich eine Bäckerei, die haben bestimmt was wir suchen … komm, Paolino!“

„Sieh doch nur, da im Schaufenster! Wir sind ja schon dort, inmitten der Kuchen und Torten. Und auf dem Schild steht: ‚Sie lächeln auch, wenn Sie unser Gebäck gegessen haben’“.

Die Tür ist nur angelehnt, schnell huschen die Putten hinein. In der Backstube suchen sie zwischen den köstlichsten Keksen, Torten und Christstollen ein sicheres Plätzchen, setzen sich auf den Fußboden und schlemmen. Danach sind sie so satt, dass sie eine bleierne Müdigkeit überfällt. Paolino und Benediktus bemerken gar nicht, dass sie in der Backstube eingeschlossen werden. Eine endlose Zeit müssen sie geschlafen haben, denn als sie erwachen, ist es taghell. „Oh je, es muss schon der erste Weihnachtstag sein. Wir haben verschlafen, komm schnell, wir müssen doch unser Jesuskind aus der Frauenkirche holen, wir haben es der Madonna versprochen!“, ruft Benediktus erschrocken. Sie versuchen die schwere Eisentür zu öffnen, aber sie ist fest verschlossen. Schnell eilen sie zu den Fenstern, aber alle sind verriegelt. Paolino steigen Tränen in die Augen, verzweifelt fragt er: „Was machen wir jetzt? Wir müssen doch nach Weihnachten wieder an unserem von Raffael vorgegebenen Platz posieren.  Die Bäckerei hat sicher über die Feiertage geschlossen und … oh je, was nun?“ Benediktus überlegt fieberhaft, sucht nach einem Ausweg.

Plötzlich strahlt er: „Ich hab’s, wir setzen uns ins Schaufenster, nehmen das Pappschild weg und zeigen uns den Menschen, vielleicht merken sie es ja und jemand hilft uns hier hinaus.“ Am ersten Weihnachtstag, im Schaufenster der Bäckerei Stern, sitzen nun zwei kleine, etwas rundliche Putten und lächeln den vorbeieilenden Menschen zu. Aber niemand hat einen Blick für die Engelchen. Mit hochgeschlagenen Kragen hasten die Menschen im dichten Schneegestöber vorüber. So müssen die beiden Abenteurer auch noch den zweiten Weihnachtstag ausharren. Keiner nimmt Notiz von ihnen, denn sie lächeln für viele Artikel in Dresden, sie sind schon eine feste Institution, ein Markenzeichen geworden. Das einzig Gute: Es ist warm und sie haben herrliche Köstlichkeiten, von denen sie naschen können.

Am frühen Morgen nach Weihnachten, die Gemäldegalerie Alte Meister hat gerade geöffnet, betreten Friedel und Johann erneut das Gebäude. Friedel hat sich durchgesetzt und Johann überredet, noch vor ihrer Heimfahrt einen erneuten Besuch der Galerie mit ihr zu unternehmen. Mit offenem Mund starrt Friedel auf das Bild der „Sixtinischen Madonna“ von Raffael. Sie wischt sich mehrmals über die Augen, kann es nicht fassen … glaubt zu träumen, starrt immer wieder auf das Bild. Das Jesuskind ist verschwunden, genau wie die beiden Putten am unteren Rand des Bildes. Ihr Mann Johann ist schon wieder weitergegangen, hat von alledem nichts bemerkt. Eiligst läuft sie, laut rufend, durch die Räume: „Johann, Johann, wo bist du?“ Schnellen Schrittes eilt er zurück, denkt, ihr sei etwas zugestoßen. Außer Atem ruft sie schon von weitem: „Johann, stell dir vor, das Kind ist verschwunden und die Putten auch, komm und überzeuge dich … sie sind alle weg … ich glaube es nicht!“ Johann sieht seine Frau verunsichert an, er zweifelt an ihrem Verstand. Sie ergreift seine Hand, zieht ihn mit sich. Sie zeigt auf das Gemälde von Raffael: „Sieh doch …!“

Abermals wischt sie sich über die Augen und stammelt dann ungläubig: „Aber ich … wirklich … nicht da!“

Die Madonna hat ihr Jesuskind auf dem Arm, und ganz unten sitzen die beiden kleinen Putten mit unschuldigem Himmelsblick … etwas außer Atem, was jedoch keiner bemerkt.

Marlis David