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2. Mai 2017

Rasen? Aber bitte defensiv!

Udos Gedanken

Jeden Morgen erleben wir das gleiche Bild auf unseren Straßen. Dank sei der Automobilindustrie und unserem gnadenlosen Hang zum Individualverkehr. Es geht bequem und entspannt zum Arbeitsplatz. Wir sitzen in unserem 450-PS-SUV bei eingeschalteter Sitzheizung, mit einem Latte Macchiato in der einen Hand und dem akkubetriebenen Rasierer, oder, speziell die weibliche Bevölkerung, mit unserem Smartphone in der anderen Hand, hinter dem Steuer und lancieren unser Gefährt durch den Verkehr. Die angenehme Stimme unseres Navis begleitet uns, obwohl wir den Weg doch auswändig kennen. Ich habe ein paar Tipps zusammengestellt, wie wir den angestrebten Weg in Bestzeit absolvieren können und das volle Potential unseres Gefährts ausschöpfen können.

Sie wissen, dass man Wildschweinen, Rehen und sonstigem Getier auf den Straßen unserer Republik nicht ausweichen soll. Rein versicherungstechnisch empfiehlt es sich in jedem Fall voll drauf zu halten. Ist nicht gefährlich? Rein physikalisch nutzen wir die Bauart und die Aerodynamik des fahrbaren Untersatzes, um das tierische Hindernis nicht in die Windschutzscheibe zu bekommen. Mit höherer Geschwindigkeit katapultieren wir es locker über unser Auto hinweg. Es gibt aber hierfür keine Punkte in der B-Note. Bei größeren Fahrzeugen, etwa den besagten SUVs, die eine Kreuzung aus Geländewagen und ADHS-Rettungswagen sind, nutzen wir die volle kinetische Energie  der Fahrzeugmasse, um die non-vegane Rohkost schlichtweg zu pulverisieren.
Geben wir also Vollgas auf unseren Landstraßen und bewegen unsere Tachonadel zum Anschlag. Sollte uns ein widerspenstiges, ja gegnerisches Fahrzeug, mit niedrigem Tempo behindern, dann handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um eines dieser fahrbaren Reihen-Endhäuser mit einer Unzahl von Aufklebern verschiedener Orte auf dem Heck. Mensch Meier, wenn die dort überall schon waren, dann sind die Insassen bestimmt schon über 100. Jetzt heißt es rücksichtvoll zu fahren. Halten wir den Abstand also so gering wie möglich, insbesondere im Herbst. Das schützt uns vor herabfallenden Ästen und umher irrendem Luftgetier. Gut ist das dichte Auffahren auch gegen Steinschlag in der Windschutzscheibe. Aufspritzendes Wasser und Dreck wird von der Stoßstange aufgefangen; bei einem SUV wird dieser Dreck elegant unter dem Fahrzeug hindurchgeleitet. Und noch etwas Wichtiges: Wenn wir ganz dicht auffahren, wird der Vordermann von unseren Scheinwerfern definitiv nicht geblendet. Ja, er kann uns sogar durch Handzeichen, durch Körpersprache und Grimassen im Rückspiegel auf vor ihm liegende Gefahren auf der Strecke aufmerksam machen. Welch’ sicheres Fahrverhalten.

Wenn unser Arbeitsweg auch über Landstraßen geht, also bei mehr als 50 km Wegstrecke zu unserem geliebten Arbeitsplatz, dann müssen wir uns sputen, die verlorene Zeit durch die vielen kleinen Dörfer auf unserer Strecke wieder aufzuholen. Also los! Auf Schulkinder und Katzen nehmen wir keine Rücksicht, denn das kostet uns wertvolle Sekunden. Seien wir realistisch. Wenn wir in diese „Hindernisse“ einfahren, schalten wir das Fernlicht nicht ab. Kinder sehen uns dann viel besser und bei unserer Geschwindigkeit jenseits der 70-Stundenkilometermarke mit unserem unverwechselbaren Sound wird es kein Kind wagen, auf unsere Rennstrecke zu treten und eine Katze von der Straße holen zu wollen. Kinder sind intelligent und erkennen diese Gefahr sofort. Also, wie in unserem ersten Absatz bereits erwähnt, voll auf die Katze draufhalten. Bei unserer Geschwindigkeit muss das Kind die Sprengung der Katze nicht erleben. Aerodynamisch befördern wir den Torso gleich komplett im hohen Bogen aus der Ortschaft. Die Anwohner des Dorfes werden es uns danken, denn so bleibt der Bürgersteig sauber und es gibt keinen Ärger mit den örtlichen Reinigungsdiensten.
Bei kurvenreicher Strecke, insbesondere aber mit Beginn des Dämmerlichtes, ob morgens oder abends, sollten wir unbedingt die vollen Ausmaße der Straße ausnutzen. Kurvenschneiden ist jetzt das Wichtigste. Immer an oder auf der Mittellinie entlanghangeln. So bleiben auch unsere Radkästen sauber, denn die vielen toten Kleintiere liegen statistisch gesehen meistens am Straßenrand unseres Arbeitsweges. Auch das Überholen von langsamen Schleichern (Tempo unter 100 km/h) wird deutlich sicherer. Wir können schneller und frühzeitiger auf die Gegenfahrbahn ausscheren und dem zu Überholenden dadurch deutlich machen, dass er mit seiner Nuckelpinne absolut chancenlos gegen unser Hightech-Fahrzeug ist und freiwillig auf den unbefestigten Seitenstreifen ausweichen sollte.

Und noch etwas: Da wir nicht vorhaben, auf unserem Weg zur Arbeit auch nur einen Stopp einzulegen, nur für den optimalen Rennverlauf betrachtet, ist natürlich der Bremsweg vor unserer Arbeitsstätte noch von Interesse. Wie der berechnet wird, haben wir in der Fahrschule gelernt. Die Reaktionszeit können wir dabei vernachlässigen. Auf unserer Fahrt zur Arbeit reagieren wir nicht, wir agieren. Keinerlei Reaktion zeigen ist angesagt, so können wir unsere
Aggression bis zum Arbeitsbeginn komplett auf dem Asphalt unserer bunten Republik Deutschland abbauen. In geschlossenen Ortschaften leiten wir bei Tempo 75 km/h frühestens sechs Sekunden vor Ankunft auf unserem Parkplatz den Bremsvorgang ein. Dann schaffen wir es, nach nur 37 Metern zum Stillstand zu kommen. Wir berücksichtigen, dass Kopfsteinpflaster, Katzen und Kinder unter unseren Hochgeschwindigkeits-Pneus den Bremsweg deutlich verlängern können. Achten wir also immer auf gute Reifen und genügend Bremskraft im rechten Bein. Aber Vorsicht bei Ankunft am Arbeitsplatz.

Davon ausgehend, dass wir zu den glücklichen Erdenbewohnern gehören, die eine feste Parkplatzreservierung am Arbeitsplatz haben, ist es recht unproblematisch. Haben wir diesen festen Parkplatz nicht, so empfiehlt es sich so schnell zu fahren, dass der Abstand zum Hintermann mehr als fünf m beträgt. Sonst knallt er uns bei unserem Landeanflug auf den einzigen noch freien Parkplatz ins Heck, oder er überholt uns sogar noch. Unmöglich! Sollten wir unseren Widersacher um den Parkplatz kennen, also einen Arbeitskollegen ausgemacht haben, so müssen wir blitzschnell eine Analyse des Fahrverhaltens dieses Kollegen machen. Wir erhöhen den Abstand zum Hintermann unbedingt auf das Doppelte, wenn uns klar wird, dass dieser Kollege nicht zu den Formel 1-Fahrern der Firma gehört und eben keine griffigen Gürtelreifen auf den Asphalt bringen kann.

Und in einer der nächsten Ausgaben widmen wir uns den anderen Verkehrsteilnehmern.

Udo Cordes (muc)