Artikel

12. Juli 2016

Weniger Meertüten

Kurzgeschichte von Gabriela Lürßen, aus der Sicht von Rentnerin Erika
Ich heiße Erika, bin 65 Jahre alt und Rentnerin. Seit mehr als 40 Jahren bin ich mit Friedrich, 67 Jahre, verheiratet. Wir haben zwei erwachsene Kinder und sind auch schon stolze Großeltern. Unser Zuhause ist der Nordosten von Hamburg.

Morgens lesen Friedrich und ich immer die Tageszeitung. Ich beginne die Zeitung von hinten an zu lesen. Friedrich fängt von vorne an. Er interessiert sich sehr für die Politik und das Geschehen in Hamburg. Ich bin dem Klatsch und Tratsch nicht abgeneigt.

Wir beide sind zwar Rentner, aber wir sitzen nicht die ganze Zeit auf dem Sofa und besprechen unsere Cholesterin- und ähnliche Werte. Nee, zu dieser Art von Senioren gehören wir nicht und wollen wir auch nie gehören. Wir sind noch total aktiv im Leben und erleben immer wieder so besondere Geschichten. Zu dem folgenden Erlebnis gibt es eine kurze Vorgeschichte, die sich vor ein paar Monaten abspielte …

Friedrich hatte morgens wieder ganz vertieft in der Zeitung gelesen. Plötzlich hatte er hochgeschaut und mich angesehen.

„Du, was da in der Zeitung steht, das glaubst du nicht“, sagte er zu mir.
„Was steht denn da so Spannendes?“, fragte ich nach.
„Die wollen Geld für Plastiktüten erheben.“
„Ach Friedrich, das machen die Geschäfte doch schon immer, oder besser gesagt, schon lange.“
„Nein, ich meine nicht die Discounter und Supermärkte. Ich meine die anderen Geschäfte, zum Beispiel die in den Einkaufszentren.“
„Das haben die doch schon einmal versucht. Das ist ein paar Jahre her. Und jetzt wollen die das wieder einführen? Hast du dich da nicht verlesen, Friedrich?“
„Nein, die schreiben, dass die Weltmeere durch den Plastikmüll extrem verschmutzt sind und dass die Tier- und Pflanzenwelt darunter leidet.“
„Aha.“
Ich hätte gern weiter mit Friedrich darüber diskutiert, aber ich hatte ja noch einen Arzttermin gehabt. Nur ein Routinecheck.

Die Wochen vergingen …
Friedrich und ich wollten heute mal richtig schön einkaufen fahren und zwar in das größte Einkaufszentrum dieser Gegend. Wir gingen rechtzeitig zu der nahegelegenen Bushaltestelle. Nach einer kurzen Wartezeit kam der Bus, und wir stiegen ein.
Im Einkaufzentrum angekommen, ging ich als erstes in die Drogerie. Ich benötigte nur ein paar Kleinigkeiten. Friedrich wartete vor der Tür. Drogerien wären was für Frauen, sagte Friedrich immer. Was glaubte mein lieber Mann nur, wo die Schuhcreme wohl herkäme? Aber egal.

Ich ging mit meinen Einkäufen zur Kasse. Meine Hand hob sich langsam, um eine von den kleinen Tüten abzureißen, die immer in der Kassenzone hingen. Aber was war heute los? Meine Hand griff ins Leere. Es hingen keine kleinen Plastiktüten mehr an dem Haken. Die Verkäuferin sagte mir, dass sie die kostenlosen kleinen Plastiktüten seit ein paar Monaten nicht mehr anbieten würden. Als Gründe nannte sie mir die Umwelt und die Vermüllung der Natur. Sie bot mir an, eine andere Tasche zu kaufen. Das lehnte ich dankend ab. Mit meiner vollgestopften Handtasche verließ ich die Drogerie.

Friedrich schaute mich staunend an, als ich aus dem Geschäft kam. Leicht grinsend fragte er mich, ob ich die ganze Handtasche voller Diebesgut hätte. Ich erzählte Friedrich, dass es in dieser Drogerie keine kostenlosen Plastiktüten mehr gäbe. Kaum hatte ich das ausgesprochen, fiel mir der Zeitungsbericht ein, den Friedrich vor ein paar Wochen gelesen hatte. Wir waren jetzt in der Realität angekommen. Es gab keine kostenlosen Plastiktüten mehr!

Wir gingen weiter einkaufen. Ich hatte ja im Werbeprospekt noch eine Hose gesehen, die ich mir zumindest mal ansehen wollte. Eventuell würde ich diese dann auch kaufen. Wir gingen also in das Warenhaus. Ich sah gleich den Ständer mit den Hosen. Die passende Größe fiel mir nahezu in die Hand. Ich musste sie nur noch kurz anprobieren, um zu wissen, ob sie passte. Sie passte.

Friedrich und ich gingen zur Kasse. Der Verkäufer fragte uns, ob wir die Hose „so mitbekämen“. Wir verstanden die Frage überhaupt nicht. Ich schaute wahrscheinlich so blöd aus der Wäsche, dass er mich ansah und seine Frage nochmals, anders formuliert, stellte. Er wies dabei auf die „Tragetaschen-Preisliste“ auf seinem Kassentresen hin. Da stand doch tatsächlich, dass unterschiedlich große Plastiktüten, unterschiedlich viel kosteten. Ich konnte es nicht glauben. Ich sollte 20 Cent für die Tragetasche zahlen, obwohl meine Hose 69 Euro kostete. Okay, sie war preisreduziert, aber das konnte doch nicht der Grund sein – oder doch?

Unglücklicherweise hatten Friedrich und ich ja keine Taschen dabei und meine Handtasche war ja bekanntlich auch schon bis zum Anschlag gefüllt. So mussten wir wohl oder übel die 20 Cent für die Plastiktüte bezahlen.

Das freundliche Grinsen des Verkäufers fanden wir wirklich nicht angemessen. Ganz zu schweigen von dem „einen schönen Tag“ Wünschen.

Friedrich und ich beendeten unsere Shopping-Tour. Selbstverständlich nicht ganz freiwillig. Nicht, dass wir uns die 20 Cent nicht leisten konnten. Wir sahen und verstanden den Sinn darin einfach nicht.

Unsere Nerven und Herzen brauchten jetzt erstmal frische Luft. Wir gingen die ersten beiden Busstationen zu Fuß und stiegen erst an der dritten Haltestelle in den Bus ein.

Shoppen ohne Tüte?

Shoppen ohne Tüte?

Auf dem Weg zur Bushaltestelle und während der Busfahrt haben wir sehr viele Menschen gesehen, die einen Plastik- oder Pappbecher in der Hand hielten, ohne auch nur einen Schluck aus diesem „Schnabelbecher“ zu trinken. Friedrich nannte diese Becher immer so. Unsere Kinder hatten damals auch ihren ungesüßten Tee aus so einem Becher bekommen. Natürlich war der damals aus Hartplastik und hielt Jahre. Und wir haben mehrere Autofahrer gesehen, die ihre Zigarettenkippen aus dem Auto warfen. Einfach so auf die Fahrbahn. Ein Tropfen Öl auf der Fahrbahn und es würde brennen. Und die ganzen Typen mit ihren Plastikflaschen. Ständig halten vor allem junge Menschen diese Flaschen in der Hand. Ja, Wasser ist gesund. Aber ständig mit so einer Flasche rumlaufen. Ich weiß nicht. Für uns wäre das nichts.

Wasser in Flaschen ist so billig, das verführt doch zum Wegwerfen der Flaschen. Wir konnten kaum glauben, wie die 20 Cent Plastiktüte unser Beobachtungsverhalten geschärft hatte.
Zu Hause wollten wir uns gleich im Internet über die „Plastiktüten-Berechnung“ informieren. Unser Nachbar grüßte uns freundlich, als er uns kommen sah. Friedrich und er gerieten in ein Gespräch, so dass ich schon allein ins Haus ging. Ich entleerte erst noch schnell meine moppelige Handtasche und ging dann zu unserem Computer. Im Internet stand tatsächlich, dass die Plastiktüten seit ein paar Tagen von den Geschäften berechnet werden konnten. Es sollte so verhindert werden, dass die Menschen den Müll nicht artgerecht entsorgten.

Ich war so vertieft im Internet, dass ich gar nicht bemerkte, dass Friedrich hinter mir stand. Sein „Das ist ja ein Ding. Das glaubt doch keiner“ ließ mich zusammenzucken. Friedrich fragte mich, ob ich gesehen hätte, wie viele Kaugummis auf dem Gehweg an der Bushaltestelle klebten? Ich sagte zu Friedrich, dass das nur daran läge, dass die Mülleimer an den Bushaltestellen immer demoliert waren. Wo sollten denn die armen Menschen mit ihren Kaugummis hin? Das müsste er doch verstehen, sagte ich ironisch grinsend zum meinem Friedrich.

Nach einer kurzen Erholungs- und Essenspause verschwand Friedrich in den Keller. Nach ungefähr einer Stunde kam er wieder hoch. Im Arm trug er einen großen Karton. Darin befanden sich Plastiktüten von Horten, Kepa, Brinckmann und anderen alten Geschäften, die es in Hamburg gar nicht mehr gab. Wir schauten uns die alten Tüten mit einem leicht verklärten Blick an. Jede Tüte hatte ihr eigenes Leben. Friedrich fragte mich, ob Plastiktüten Geschichten erzählen konnten. Sie konnten.

Es waren Hunderte von Plastiktüten, die mittlerweile verstreut auf dem ganzen Boden lagen. Und wir beide dazwischen. Von außen betrachtet sah das wohl so aus, wie das „Spieleparadies“ für Rentner. Hoffentlich kam jetzt kein Nachbar. Der hätte uns bestimmt für zwei „Messi-Rentner“ gehalten.

Zu einer Plastiktüte, so einer richtig schönen und stabilen, fiel uns die folgende Geschichte ein:
Unser Nachbarshund, ein stattlicher Kerl, hatte vor einiger Zeit Durchfall. Und genau diese Hinterlassenschaften, die in größeren Mengen in unserem Garten lagen, hatte Friedrich in eine Plastiktüte getan, um diese dann in den Müll zu werden. Ich hatte damals noch zu Friedrich gesagt, warum es denn gerade die neue schöne Plastiktüte genommen hatte. Eine ältere Tüte hätte es ja auch getan. Hätte Friedrich damals schon gewusst, wie wertvoll eine gute Plastiktüte sein konnte, seine Wahl wäre bestimmt auf eine andere Tüte gefallen. Wir mussten lachen.

Es war im Urlaub. Friedrich lag am Strand. Er trug eine wunderbare Karo-Badeshorts. Sein kleines Bäuchlein hing leicht über das zu enge Bündchen dieser Shorts. Er trank genüsslich sein Bier. Nach dem letzten Schluck aus der Plastikflasche warf er sie dann ins Meer. Bildlich sah das so aus, wie ein „Fallrückzieher“ beim Fußball, nur eben mit der Hand. Er drehte sich um, und holte eine Tüte Lakritzen aus der Tasche. Dann stand er auf und wollte ein paar Meter gehen. Er schmatzte, als er sich das letzte Stück Lakritze in den Mund schob. Die leere Verpackung ließ er einfach fallen. Friedrich ging zurück zu seinem Handtuch und legte sich wieder hin. Jetzt wollte er sich endlich seiner Zeitung widmen. Er las die Überschrift und erschrak. Dort stand, dass gestern an diesem Strand ein kleiner Junge gestorben war. Ertrunken. Er las den Artikel interessiert weiter. Der kleine Junge sah aus wie unser Enkel. Das Kind hatte im Wasser gespielt und war dann hingefallen. Als die Eltern ihn gefunden hatten, hatte der kleine Junge eine leere Plastiktüte im Mund und eine zweite über die Nase gestülpt. Friedrich war entsetzt. Er fragte sich, wie das passieren konnte? Ich kam ganz aufgeregt an den Strand …

Ich merkte, wie mir jemand sanft über den Kopf streichelte. Es war Friedrich. Ich war wohl in seinem Arm eingeschlafen. Nicht lange. Vielleicht so eine Viertelstunde. Ich schaute meinen Mann an und fragte, ob ich eingenickt war. Friedrich nickte mit dem Kopf. Aber Bier aus Plastikflaschen trank er nun wirklich nicht, sagte er grinsend zu mir. Ich fragte Friedrich, ob ich etwa auch noch im Traum gesprochen hätte? Er lächelte mich verliebt an und sagte, dass er Karo-Badeshorts gar nicht so schlimm fand.

Ich musste gestehen, dass die Sache mit der Berechnung der Plastiktüte, mich schon ganz schön mitgenommen hatte. Ich schlug Friedrich vor, ein Plastiktüten-Museum zu eröffnen. Wir könnten dann unsere ganzen Tüten ausstellen, kleine Anekdoten dazu erzählen oder aufschreiben. Und Bilder von Tieren, die am Plastikmüll verendet sind, sollten wir auch ausstellen. Friedrich schaute mich an und sagte, dass wir dann auch einen großen Parkplatz bräuchten. Die Besucher kämen doch nicht zu Fuß oder mit dem Bus. Ja und unser Werbespruch lautet dann „Mit dem SUV zur Plastiktütenausstellung“. Friedrich fragte mich, wie spät es wäre. Ich sagte, es wäre fünf nach zwölf. Wir gingen schlafen.

Gabriela Lürßen