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26. April 2016

Backfrischer Fahrwahnsinn

Kurzgeschichte von Gabriela Lürssen

Ich bin Erika, 65 Jahre alt und Rentnerin. Zusammen mit meinem Mann Friedrich, 67 Jahre und auch Rentner, wohne ich in Hamburg. Um ganz genau zu sein, in Hamburgs Nordosten, gleich an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Wir wohnen in einem geräumigen Einfamilienhaus. Rotklinker mit weißen Fenstern. So wie die Häuser in Barmbek, nur kleiner. Unsere Kinder sagen dazu immer, dass unser Haus old-fashioned sei. Sie wohnen mit ihren Familien in solchen Häusern, bei denen man immer denkt, dass die roten Steine oben ausgegangen wären. Da habe ich mich jetzt etwas komisch ausgedrückt – oder? Ich finde, dass diese Häuser immer so ein wenig nach Rohbau oder nach akutem Geldmangel aussehen.

Seitdem die Kinder vor ein paar Jahren ausgezogen sind,
haben wir richtig Platz für unsere Hobbies. Wir haben sozusagen jeder unser Hobby-Zimmer. Und wir genießen das. Wir sind beide auch sehr naturverbunden und verbringen viel Zeit in unserer schönen Umgebung.
In letzter Zeit bemerken wir immer wieder Dinge und geraten in Situationen, die uns fremd sind. Wir haben schon überlegt, ob wir jetzt alt werden und die Neuzeit uns überfordert oder ob die Menschen heute anders „ticken“. Also letzte Woche, da haben wir wieder so etwas beobachtet…

Friedrich und ich hatten am Samstagmorgen eine Verabredung in der Innenstadt. Ja, auch Rentner haben mal ein Date. Sagte man doch heute so, oder nicht? Friedrich fährt seit seiner Augen-OP nicht mehr so gern mit dem Auto, deshalb hatten wir uns entschlossen, den Bus zu nehmen. Wir gingen also rechtzeitig zur Haltestelle. Friedrich mag nicht hetzten. Er wartet lieber etwas länger. Und bevor er den ganzen Tag wieder bockig und muffelig gewesen wäre, bin ich mitgegangen. So standen wir beide nun also ungefähr zehn Minuten zu früh an der Bushaltestelle. Das war nicht weiter schlimm, denn das Wetter war richtig schön. Es roch schon ein wenig nach Frühling.

Von der Station aus, konnten wir drei Bäckereien bzw. Konditoreien sehen. Vor allen Geschäften standen die Kunden bis auf den Fußweg in langen Schlangen. Es waren nahezu nur Männer, die anstanden, fast alle zwischen 25 und 40 Jahren alt. Also geschätzt und aus 30 Metern Abstand. So hatte meine Weitsichtigkeit auch mal Vorteile.

Brote

Dürfen nicht fehlen – die Sonntagsbrötchen

Wir standen da also nun an der Bushaltestelle. Erst jetzt bemerkten wir, wie viele Autos auf dieser Straße fuhren. Fast alle Autos waren schwarz. Fast alle Autos waren groß. Viele hatten abgedunkelte Scheiben. So was gab es sonst nur in drittklassigen amerikanischen Serien. Also wie albern diese Autos wirkten. Aber jetzt das Wichtigste: Fast alle Autos hielten bei den Bäckereien/Konditoreien an. Natürlich gab es nicht so viele Parkplätze. Das störte die „Schwarzfahrer“ aber nicht, sie parkten dann eben auf der Straße, auf dem Radweg und die richtig dreisten, die parkten auf dem Fußweg.

Aus den Autos sprangen oder krochen wieder Männer. Die Springer waren frisch gegelt, trugen ihre überteuerte Sonnenbrille mal auf der Nase, mal im gegelten Haar. Die musste doch hinterher kleben? Also ich würde die nicht saubermachen, wenn Friedrich mir so ein Schmierding hinlegte.

Neben diesen stylischen und hippen Männern gab es auch die ungewaschenen. Und davon gab es viele. Sehr viele. Ich gehe mal davon aus, dass die ungewaschen waren. So wie die gekleidet waren. Die meisten ungewaschenen Kriecher trugen Karo-Bermudas und alte T-Shirts. Friedrich trägt solche immer als Sommerschlafanzug. Im letzten Sommer hatte er mal mit seinen Karo-Bermudas zum Briefkasten gehen wollen. Unser Briefkasten steht an der Straße. Ich konnte ihn gerade noch abfangen. Ich hatte kurz mal mit der Scheidung gedroht, wenn er so rausginge. Er hat es gelassen.

Und die Haare, wie sahen bloß die Haare von diesen Männern aus. Ich würde sagen, sehr ungepflegt. Also, wenn Friedrich jemals so aus dem Haus gegangen wäre, also ich hätte ihm aber ein paar Takte erzählt. Hoffentlich rochen die Männer nicht auch noch. Die Verkäuferinnen taten mir richtig leid. Die Verkäufer natürlich auch. Bevor sich hier wieder jemand beschwert, wegen Gleichberechtigung und so. Die Menschen sind heute aber auch empfindlich geworden.

Ich bin jetzt aber auch ganz vom Thema abgekommen…

Aber was ich eigentlich sagen wollte: Warum mussten diese Männer mit den Autos Brötchen holen fahren? Ich ging mal davon aus, dass sie Brötchen kauften. Friedrich glaubte das auch. Er stand fassungslos neben mir. Er verstand das auch nicht. Früher, früher sagte Friedrich zu mir, da er mit unseren beiden Kindern auch zum Bäcker gegangen. Gegangen war das Zauberwort. Wir wären nie auf die Idee gekommen, mit dem Auto zu fahren. Wir hatten damals zwar auch schon ein Auto, aber nicht zum Brötchenkaufen. Dafür war das Benzin auch viel zu teuer. Ja und heute, da ist das Benzin gefühlt wieder total billig. Und weil es so billig ist, fahren viele mit dem Auto zum Brötchenholen.

Ich konnte dieser Argumentation von Friedrich nicht so ganz folgen. Oder meinte er es vielleicht gar nicht so richtig ernst?

Die jungen Menschen wissen doch heute viel mehr über die Zusammenhänge zwischen Umweltverschmutzung und Klimawandel, sagte ich zu Friedrich. Er schaute mich nur an und antwortete, dass die Menschen das nicht zusammenbringen. Das eine sei im Fernsehen, in der Zeitung und im Internet und somit weit weg, das andere sei im Bauch und nannte sich Hunger. Und wenn der Hunger käme, versage bei vielen der Verstand, sagte Friedrich zu mir. Ich dachte auch, dass die Menschen das wohl nicht miteinander verbinden. Die denken wahrscheinlich, dass so eine kleine Autofahrt ja nun wirklich nicht schlimm sei. Wäre sie auch nicht, wenn das nicht jeden Samstagmorgen wahrscheinlich ein paar Hundertausende in Deutschland machen würden.

Ich sagte zu meinem Friedrich, dass die jungen Menschen schon ziemlich fußfaul wären. Friedrich nickte zustimmend. Ich musste auch an früher denken. Ich hatte da immer diese engen Schuhe getragen. Hühneraugen waren keine Lieblingsspeise von mir, sondern leidende Realität. Ich war aber auch wirklich viel zu Fuß unterwegs gewesen. Mein Arzt hat gerade zu mir gesagt, dass ich noch topfit wäre für mein Alter. Ich bewegte mich immer schon gern.

Wir standen also noch an der Bushaltestelle. Durch unsere angeregte Diskussion und unsere intensiven Beobachtungen, verging die Wartezeit sehr schnell. Der Bus kam und wir stiegen ein. Als er an den Bäckereien vorbeifuhr, schüttelte Friedrich seinen Kopf. Ich wusste gar nicht, wie beweglich mein Mann noch war.

Wenn der noch so fit war, dann könnte ich ihn ja zukünftig noch ganz anders im Haushalt einspannen.

Gabriela Lürssen

Gabriela Lürssen

Im Bus fragte mich Friedrich, wieso er morgens immer frische Brötchen bekäme, obwohl er nie zum Bäcker gehen müsste. Ich schaute ihn verwirrt an. Das konnte er jetzt nicht ernsthaft fragen, nach so vielen Ehejahren. Ich sagte ihm, dass die Brötchen aus dem Gefrierfach kämen. Sein Blick zeigte mir, dass er mich überhaupt nicht verstand. Ja, das ist wirklich so. Ich kaufe die Brötchen immer in größeren Mengen ein, wenn ich oder wir unterwegs waren. Zu Hause friere ich diese immer ein. In unserem Gefrierschrank kann man optimal die Ecken ausnutzen. Die Brötchen kaufe ich möglichst in Bioläden oder bei niedergelassenen Bäckereien. Bäckereiketten und Backshops in Supermärkten meide ich schon seit Jahren. Im Fernsehen habe ich mal gesehen, dass die Brötchen als Teigrohlinge aus Osteuropa kommen und hier nur aufgebacken werden. Und wie oft hatte ich schon hustende und niesende Kunden im Supermarkt gesehen, die Brötchen ohne Zange anfassten. Ich kann mich davor ekeln. Ok, vielleicht machen die alle Selbstversuche, wie lange sie gesund bleiben. Das mag sein. Nein, für solche Versuche stehe ich aber nicht zur Verfügung. Vielleicht sollte ich mir einen Aufkleber kaufen, der zu Menschenversuchen „nein danke“ sagt.

Aber jetzt noch mal zu unserer Busfahrt. Mein Friedrich ist schlau, denn er schlussfolgerte aus meinem gedanklich ausgesprochenen Monolog, dass die Männer in den schwarzen Autos wahrscheinlich alle Trabis gekauft hatten. Und genau diese Trabis sind im Westen dann aufgegangen, so wie Teigrohlinge aus Osteuropa im Westen aufgebacken werden. Die armen Männer können also gar nichts dafür, dass die Autos so groß sind. Die armen Männer sind also praktisch nur Versuchskaninchen. Bei der bildlichen Vorstellung mussten wir beide herzhaft lachen.

Gabriela Lürssen ©Copyright 2016