Artikel

10. Februar 2014

Neues Jahr. Neues Glück. Neuer Lebensabschnitt.

Ganz normaler Familienwahnsinn

Kinderkriegen ist nichts für „Anfänger“ – das ist erste große Erkenntnis nach der Geburt.

Kinderkriegen ist nichts für „Anfänger“ – das ist erste große Erkenntnis nach der Geburt.

Da ist sie nun. Nicht mehr in meinem Bauch. Sondern davor. Meine kleine Tochter schläft gerade süß und friedlich in ihrem Tragetuch, das ich mir vor Brust und Bauch gebunden habe. Echt praktisch diese Dinger. Mona liebt es darin zu schlafen. Und ich habe beide Hände frei und bin beweglich. So sitze ich nun also, immer leicht wippend bei jedem Mucks, der aus dem Tuch kommt, auf meinem Bürostuhl – gefühlt einen halben Meter vom Schreibtisch entfernt, weil ich den kleinen Wurm vorm Bauch habe und schreibe diesen Artikel. Dieses Bild beschreibt eigentlich gerade sehr schön meine aktuelle Situation: Obwohl sich auf den ersten Blick nicht viel verändert hat, ist bei genauerer Betrachtung (fast) nichts mehr so, wie es war. Und das ist großartig.

Das letzte Mal, dass so viel Bewegung in meinem Leben herrschte, war das Jahr, in dem ich Abitur gemacht hatte und anschließend anfing zu studieren. Damals zog ich von zu Hause aus in eine neue Stadt. Neues Umfeld, neue Leute, neue Inhalte. So ist es auch jetzt. Gut, ich bin nicht umgezogen oder nur im übertragenen Sinne. Ich wurde quasi über Nacht in einen neuen Lebensabschnitt katapultiert.

Natürlich hatte ich schon in der Schwangerschaft darüber gelesen und mit Freunden gesprochen, dass sich vieles ändert, wenn man Mutter ist. Aber so richtig begreifen kann man das erst, wenn man es selbst erlebt.

Schon als ich 2011 aus Berlin nach Duvenstedt gezogen bin, hatte ich das Gefühl eine Art Entschleunigung zu erleben. Momentan mache ich eine zweite Entschleunigung durch. Ich denke nicht mehr in Tagen und Wochen sondern nur noch von einem Windelwechsel bis zum nächsten. Vermeintlich große und wichtige Dinge verlieren an Bedeutung. Zumindest für den Moment.

Ich kann stundenlang in das Gesicht meiner kleinen Tochter starren und über ihre Grimassen schmunzeln, die sie beim Stillen oder im Schlaf schneidet. Oder ihre kleinen Hände mit diesen winzigen Fingernägeln betrachten. Die feinen Härchen an ihren Ohren bestaunen und mich an ihren langen Wimpern erfreuen.

To-Do-Listen sind nur noch halb so lang und ich habe kaum ein schlechtes Gewissen, wenn ich am Tagesende trotzdem nicht alle Punkte durchstreichen kann. Ich bin glücklich, wenn ich nachts zwei, drei Stunden am Stück schlafen und alle zwei Tage duschen kann. Das abendliche Tatortgucken am Sonntag ist plötzlich etwas besonderes – wie ein Stück Schokolade, das man sich hin und wieder zu einer Tasse Kaffee gönnt. Ich freue mich über die Marmeladenbrote, die mein Mann mir jeden Morgen ans Bett bringt oder an den Herd stellt, bevor er zur Arbeit geht.

Was soll ich sagen: Das Leben ist schön. Wahrscheinlich auch deshalb, weil dieser Zustand nicht von Dauer ist. Das ist auch gut so. Jeder, der mich etwas besser kennt, weiß, dass mir das auf Dauer nicht reichen und ich mich irgendwann langweilen würde. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich die Hummeln in meinem Hintern wieder bemerkbar machen. Aber solange sie das nicht tun, lebe ich nach dem Motto: Weniger ist mehr.

Und natürlich ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Anträge müssen ausgefüllt werden: Mutterschaftsgeld, Kindergeld, Elterngeld, Familienversicherung. Darüber hinaus, so finde ich, muss man in den ersten Wochen ziemlich oft zum Arzt: Hüftscreening, Hörscreening und zur U3. Wir müssen außerdem zwei Mal in der Woche zur Krankengymnastik, weil Mona einen Sichelfuß hat. Das ist nichts Schlimmes und kommt häufiger vor, als man denkt. Aber es muss behandelt werden. Das alles wirft immer wieder den Tagesablauf durcheinander.

Dazu gesellen sich neben Freude und Glücksgefühlen auch Ängste und Sorgen, die ich vorher so nicht kannte. Mache ich alles richtig? Geht es meinem Kind gut? Warum weint es jetzt? Warum schläft es nicht? Warum schläft es so lange? Neulich bei der U3 hat Mona die ganze Zeit gebrüllt wie am Spieß und dicke Tränen kullerten über ihre kleinen Pausbäckchen. Sie ließ sich auch nicht beruhigen. Diese Situation war absolut neu für mich. Sie hat mich überfordert und dermaßen mitgenommen, dass ich ebenfalls in Tränen ausgebrochen bin.

Die Hilflosigkeit, die ich in diesem Moment empfand, hat mich für einen kurzen Moment völlig aus der Bahn geworfen. Dabei ist die U3 eine harmlose Untersuchung, Mona hat nicht mal eine Spritze bekommen. Ich darf gar nicht daran denken, wie es mir wohl gehen wird, wenn sie wirklich krank ist. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass die Angst und Sorge um mein Kind mich ab sofort ebenso begleiten werden wie positive Gefühle. Das mag naiv klingen, aber es war mir vorher nicht wirklich bewusst.

Man kann eben nicht alle Dinge im Vorfeld lesen, hören und verstehen. Manches wird erst klar, wenn man es erlebt. Jedes Kind lernt, dass es sehr weh tut, wenn man sich die Finger an der heißen Herdplatte verbrennt. Aber wie es sich tatsächlich anfühlt, versteht es erst, wenn es einmal auf die heiße Herdplatte gefasst hat. Ungefähr so ging es mir beim Kinderarzt.

Auseinandersetzen musste ich mich auch mit dem Thema PEKiP und DELFI – ja oder nein. Für alle, die nicht wissen, was das ist: Das sind Kurse, in denen die Entwicklung des Kindes gefördert werden soll, indem Wahrnehmungsübungen oder Bewegungsspiele durchgeführt werden. An sich ist das bestimmt eine gute Sache. Leider bin ich diesbezüglich durch meine Berliner Zeit bzw. das langjährige Wohnen im berühmt-berüchtigen Prenzlauer Berg vorbelastet. Derartige Kurse sind für mich ein rotes Tuch.

Statt entspannt Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen, beäugen sich die Mütter gern argwöhnisch wie Konkurrentinnen und prahlen damit, was ihre Kinder schon alles können (müssen). Im schlimmsten Fall muss man sich nicht nur ihnen sondern auch von der Kursleiterin vorwurfsvolle Kommentare anhören: „Wie? Ihr Kind kann sich noch nicht alleine umdrehen?“ Mag sein, dass hier in Hamburg alles ganz anders ist. Und bestimmt kann man auch totales Glück mit solchen Kursen haben.

Ich habe dennoch beschlossen weder PEKiP noch DELFI zu b(es)uchen. Austauschen kann ich mich auch außerhalb solcher Kurse – mit Müttern, die ich kenne und die mir sympathisch sind. Mit denen treffe ich mich dann auch gern mal zu einer „privaten Krabbelgruppe“, wo sich die Kinder beschnuppern können und man in kleiner Runde gemütlich zusammensitzt. Und außerdem: Als ich 1979 im tiefsten Osten geboren wurde, gab es keine PEKiP- und DELFI-Kurse. Ich bin der Meinung, dass ich mich trotzdem ganz gut entwickelt habe.

Apropos entwickelt: Ent-WICKELN muss ich jetzt auch meinen kleinen Mausebär. Der gnäckert nämlich schon eine Weile leise vor sich hin im Tuch und wird sicher gleich wach. Alles wippen auf dem Stuhl ist jetzt umsonst. Mein Gefühl sagt mir, dass der letzte Pups, der aus dem kleinen Körper kam, es in sich hatte und nun meine volle Aufmerksamkeit braucht. So dann: Bis zum nächsten Mal. Man liest sich.

Teresa Stockmeyer