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20. September 2019

Schlagerwahrheiten

„Warum hast du nicht nein gesagt?“, fragte ich meinen Florian, als er mir den Inhalt seines Telefongespräches erzählte.
„Das kann ich doch nicht machen, Inga. Meine Tante wäre sicherlich beleidigt gewesen“, erklärte Florian.
„Wann genau ist der Termin?“, fragte ich meinen Mann und war dabei schon ziemlich genervt.
„Genau in vier Wochen, Inga.“
„Das ist ja nicht mehr lange hin.“
Florian und ich waren zum 77. Geburtstag seiner Tante Elsa ins westliche Niedersachsen eingeladen. Sie wollte diesen Schnapszahlgeburtstag richtig groß feiern. In ihrem Dorf war sie damit wohl die einzige, denn andere feierten nur die runden Geburtstage mit vielen Gästen. Allerdings bedeutete bei ihr groß feiern, dass ihre weiblichen Gäste in langen Kleidern escheinen sollten. Ich in einem Kleid, das hatte schon Seltenheitswert. Ich allerdings in einem langen Kleid, das
hatte es bisher noch nie gegeben! Florian hatte natürlich mal wieder, wie viele andere Männer, Glück. Er konnte seinen alten Konfirmationsanzug anziehen. Na ja, fast.
„Florian, du weißt, was das bedeutet – wir müssen shoppen gehen“, sagte ich zu meinem Mann, der das ganze Ausmaß seiner telefonischen Zusage wohl nicht richtig durchdacht hatte.
„Du meinst wegen des Kleides?“, fragte er ganz gelassen.
„Ja, genau. Weiß du eigentlich, wie gern ich lange Kleider trage?“, fragte ich, „und außerdem werde ich das Kleid doch eh nie wieder anziehen.“
„Ja, ich weiß. Aber lass‘ uns doch nächstes Wochenende mal schauen gehen. Ich bezahl‘ das auch“, schlug Florian vor.
Wir fuhren also am Samstag mit Bus und Bahn in die Innenstadt.
Abendkleider im August zu finden, war gar nicht so leicht. Die Abibälle waren Vergangenheit und die Ballsaison hatte noch nicht begonnen. Im ersten Kaufhaus, das auf unserer Strecke lag, fragten wir einen Verkäufer nach der Abteilung. Der schickte uns nach kurzer Überlegung und einem merkwürdigen Faltenwurf im Gesicht in den zweiten Stock. Als ich die Kleider sah, hätte ich schon aus dem Geschäft rennen können. Ich stellte in Millisekunden fest, dass ich eindeutig der Jeans- und T-Shirt-Typ bin. Florian schaute mich und die Kleider an. Ein Wort von ihm und ich wäre geplatzt. Mein Blutdruck stieg und ich bekam Platzangst. Die langen, weiten Kleider in glänzenden Stoffen gaben mir das Gefühl erdrückt zu werden.
„Inga, schau mal. Das hier sieht doch ganz nett aus“, sagte Florian, der hinter mir stand. Ich ermahnte mich innerlich, ruhig zu bleiben. Langsam drehte ich mich zu meinem Mann um. Er hielt ein marineblaues Kleid in der Hand.
„Nett, was ist das denn für ein Wort für ein Kleid, Aber blau ist es, das ist schön“, sagte ich und bewunderte meinen Mann. Irgendwann schien er mir doch mal zugehört zu haben. Was ich damit sagen wollte: Er hatte behalten, dass ich keine Kleider in Pastell, Rosa oder Lachsfarbe mochte.
„Ich finde, das passt zu dir. Dazu noch eine witzige Handtasche und coole Schuhe und du kannst glatt als Zwanzigjährige durchgehen“, sagte Florian, „willst du das Kleid nicht mal anziehen?“
„Lass uns lieber noch woanders gucken“, schlug ich vor und bemerkte, dass Florian ein wenig enttäuscht war.
Wir gingen ins nächste Geschäft. Kaum waren wir in dem Laden, da kam auch schon eine Verkäuferin auf uns zu.
„Sie suchen bestimmt ein schönes Kleid für eine Feier“, sagte sie, als sie uns sah.
„Sie sollten Hellseherin werden“, antwortete Florian in seiner charmanten Art.
Die Verkäuferin lächelte uns an. Mein Mann lächelte zurück.
„Darf ich mal vorgehen?“, fragte sie rhetorisch, wie auf der letzten Fortbildung gelernt, „folgen Sie mir einfach. Hier haben wir wunderschöne Kleider. Sie können wirklich alles tragen.“
„Ich, ich glaube, ich …“, brachte ich nur heraus.
„Meine Frau will sagen, dass sie kein Kleid in Pastellfarben möchte“, sagte Florian und lächelte immer noch die Verkäuferin an.
„Verstehe, schauen Sie mal. Ich habe hier ein schönes Modell für Sie. Möchten Sie es gleich mal anprobieren?“, fragte sie und hielt mir ein Abendkleid in Orange vor die Nase.
Ich war sprachlos. So etwas Hässliches hatte ich noch nie gesehen. Es war nicht nur orange, es war neonorange. Es sah aus wie eine leuchtende Sicherheitsweste. Dazu war es so tief ausgeschnitten, dass ich damit sicherlich ins regionale Dorfblatt kommen würde.
„Nein, das gefällt mir nicht“, sagte ich abweisend. Florian und die Verkäuferin schauten erst einander, dann mich an.
„Ja, manchmal sehen Kleider auf dem Bügel ganz anders aus als getragen. Überlegen Sie es sich doch noch einmal. Das Kleid ist aus der aktuellen Kollektion …“, erklärte sie, während ich sie unterbrach.
„Für dieses Kleid müsste ich noch Geld dazubekommen. Es sieht einfach nur scheußlich aus. Die Farbe ist unmöglich und die Optik sieht wie eine Plastiktüte aus. Und Plastiktüten benutzen wir seit einiger Zeit nicht mehr. Komm‘ Florian, hier finden wir nichts. Lass‘ uns gehen.“
Mein Mann und die Verkäuferin schauten mich an. Ich verabschiedete mich und ging. Florian kam hinter mir her. Nein, ich wollte mich nicht mehr umschauen. Der Laden war nun wirklich nichts für mich.
„Liebling, was war das jetzt?“, fragte mich Florian, als wir wieder auf der Straße waren.
„Sag mal, merkst du das nicht? Die haben megamäßig überteuerte Preise, die Kleider sehen billig aus und die Bedienung fragt uns gar nicht nach unseren Wünschen. Nee, Liebling, das ist kein Kundenservice“, sagte ich und erkannte mich kaum wieder. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich Kleider eben nicht mochte.
„Inga …“
„Florian, lass‘ uns doch nach einem neuen Anzug und Hemd für dich schauen. Der alte Anzug ist ja doch schon ein wenig ausgebeult.“
„Ja, Inga.“
Wir gingen in ein Herrenausstattergeschäft.
„Moin“, sagte ein junger Verkäufer, der auf uns zukam.
„Hallo“, sagte Florian.
„Womit kann ich Ihnen helfen?“, fragte der junge Mann und strahlte dabei über das ganze Gesicht.
Ich musste grinsen. Der Verkäufer war so was von sympathisch in seiner Art. Und er sah wirklich gut aus. So einer vom Typ Schwiegersohn.
„Wir suchen einen Anzug“, sagte ich und verbesserte mich gleich, „mein Mann sucht einen Anzug.“
„Ich verstehe. Kommen Sie doch bitte mit. Ich zeige Ihnen unsere neuesten Modelle“, sagte der Verkäufer und ging vor uns durch den halben Laden.
Ich sah schon den Blick von Florian, als er die Anzüge sah.
„Ich soll jetzt aber nicht so einen karierten Anzug anprobieren. Ich will doch nicht zum Fasching, Inga“, sagte Florian leise zu mir und schaute mich dabei flehend an.
„Wir haben da eher an etwas Dunkles und Schlichtes gedacht“, sagte ich und versuchte so das Verkaufsgespräch in eine andere Richtung zu lenken.
„Oh, da habe ich was für Sie. Schauen Sie mal. Dieser Anzug müsste genau Ihren Vorstellungen entsprechen, stimmt’s?“, fragte der ehrgeizige Verkäufer.
„Na ja, schwarz ist er schon mal. Ich probiere ihn gleich einmal an“, sagte Florian völlig unerwartet.
Der Verkäufer und ich warteten im Vorraum der Umkleidekabine. Erst jetzt sah ich mir den Verkäufer genauer an. Er war so Mitte Zwanzig und hatte einen exakt geschnittenen Haarschnitt. Sein Hemd war sehr körperbetont. Wenn da mal kein Knopf abriss, wenn er sich bückte. Zu dem hellgrünen Hemd trug er eine pe­trolfarbene Hose, die auch ziemlich eng war. Aber wahrscheinlich trug man das jetzt. Die Socken waren gut sichtbar. Sie waren himmelblau und steckten in mittelbraunen Schuhen. Er hatte höchstens Größe 43. Die Schuhe waren jedoch so spitz, dass sie wie Größe 47 wirkten. Die enge Hose unterstützte diesen Effekt. Die Schuhspitze war nach oben gebogen, so ähnlich wie bei Narrenschuhen.
Florians „Er passt wie angegossen“, riss mich aus meinen Gedanken.
„Der steht Ihnen wirklich sehr gut. Drehen Sie sich bitte einmal um. Perfekt. Es ist wirklich selten, dass jemand so perfekt in einen Anzug passt. Da brauchen wir ja gar nichts mehr zu ändern“, sagte der Verkäufer sichtlich aufgeregt. So als ob er hier durch Alexa kontrolliert würde.
„Ich muss sagen, er hat recht. Du siehst sehr gut aus“, bestätigte ich. Mit dieser Aussage fiel Florian wohl ein Stein vom Herzen, denn seine verkrampfte Haltung wich einem entspannten Stehen und leichtem Grinsen.
„Okay, den nehmen wir. Ich brauche dann noch ein weißes Hemd. Schlicht sollte es aber sein“, sagte Florian.
„Sehr gern“, antwortete der Verkäufer, der uns gleich das passende Hemd heraussuchte.
Wir gingen zur Kasse, bezahlten Hemd und Anzug und verließen das Geschäft. Ich war froh, dass zumindest Florian etwas gefunden hatte.
„Du Florian, lass‘ uns noch einmal in das Geschäft von eben gehen. Das blaue Kleid, das du mir gezeigt hattest … ich würde das jetzt doch gern mal anprobieren. Das war auch nicht so teuer“, sagte ich.
Glücklicherweise war es noch da. Wer sollte auch bei diesem warmen Wetter so ein Kleid kaufen. Ich ging mit dem Kleid in die Umkleidekabine. Florian sagte nichts. Wahrscheinlich war er durch meine zielstrebige Aktion völlig sprachlos geworden.
„Komm‘ mal bitte“, rief ich aus der Umkleidekabine. Florian eilte zu mir.
„Was ist denn?“, fragte er.
„Kannst du bitte den Reißverschluss schließen?“, bat ich meinen Mann, „hier an der Seite. Pass‘ auf, dass du den Stoff oder meine Speckschichten nicht einklemmst.“
„Wow, du siehst traumhaft aus. Und die Länge ist auch richtig“, stellte Florian fest, als ich eingekleidet vor ihm stand.
Ich musste zugeben, dass es mir wirklich ganz gut stand. Und unbequem, wie erwartet, war es auch nicht.
„Ich nehme es“, sagte ich und strahlte meinen Mann an.
Drei Wochen später war es soweit. Der Wecker klingelte früh. Nach dem Frühstück zogen wir unsere Festtagskleidung an. So aufgehübscht schauten wir in den Spiegel. Wir waren sprachlos. Die beiden da im Spiegel, die hatten kaum Ähnlichkeit mit uns.
„Du Inga, auf welche Königshochzeit sind wir eingeladen?“, fragte Florian.
„Auf die Feier von Tante Elsa von und zu Niedersachsen“, antwortete ich.
Wir mussten lachen, während wir uns immer noch im Spiegel anschauten. Da war schon was dran, dass Kleider Leute machen.
Nach zweieinhalb Stunden Fahrt kamen wir an. Der Himmel war einfach nur blau. Wunderbar. Wir stiegen aus und bekamen sofort die Wärme zu spüren. Es war noch nicht einmal zwölf Uhr und es war schon sehr heiß. Auf dem Parkplatz des Restaurants standen schon einige Autos.
„Du, wird sind nicht die Ersten“, stellte ich fest.
„Meine Verwandtschaft ist eben immer sehr pünktlich“, antwortete Florian.
Wir stiegen aus und gingen zum Eingang des Restaurants. Ganz Gentleman öffnete mir Florian die Tür. Ich schritt mit meinem Kleid durch die Eingangstür in den Vorraum. In diesem Moment kam uns Petra, Tante Elsas Tochter, entgegen. Sie schaute uns an und fing herzlich an zu lachen.
„Wie seht ihr denn aus?“, fragte sie und musterte uns von oben bis unten.
„Was meinst du?“, fragte Florian.
„Hat meine Mutter euch nicht angerufen?“, fragte sie, „na ja, wenn ich euch so ansehen, wohl eher nicht.“
„Warum … ich verstehe gerade überhaupt nichts“, sagte ich.
„Elsa hat doch alle Gäste angerufen und gesagt, dass sie auf das Gala-Outfit verzichtet. Es ist einfach zu warm, um sich so in Schale zu werfen“, erklärte Petra, „wie es aussieht, hat sie euch wohl vergessen. Aber kommt doch erst mal rein. Es sind schon viele da. Die werden sich freuen, euch mal wiederzusehen.“
Sie machte die Tür zum Festsaal auf. Ein hoher Geräuschpegel aus lauter Musik und Stimmengewirr erwartete uns. Als Verwandte und alte Bekannte uns sahen, mussten sie grinsen. Auch wir konnten uns ein Lachen nicht mehr verkneifen. Obwohl, ein wenig unangenehm war uns unser Styling schon, aber so war das nun mal. Wir unterhielten uns und brüllten uns dabei fast an, da die Musik aus den Lautsprechern gerade extrem laut war.
„Na, das ist ja ´nen Ding, Inga“, sagte Florian.
„Was meinst du?“, fragte ich.
„Das Lied, hör‘ doch mal“, erklärte Florian.
Es wurde gerade ein Lied von Roland Kaiser und Maite Kelly gespielt. Ich lauschte:
„Warum hast du nicht nein gesagt? Es lag allein an dir. Mit einem Hauch von fast nichts an …“
„Hast du den ersten Satz nicht damals zu mir gesagt, als ich mit Elsa telefonierte?“, fragte Florian.
„Ja, stimmt. Und es lag allein an dir, dass wir heute hier sind“, ergänzte ich und sah, dass der DJ auf uns zukam. „Und weiß du, dass ich unter diesem Kleid einen Hauch von fast nichts trage?“
Im Saal wurde es kurz still. Dann brach ein tosendes Gelächter los. Alle Gäste sangen textsicher mit Roland und Maite. Wir beide schauten uns an und verstanden die Situation überhaupt nicht. Der DJ erklärte uns, dass bei meinem letzten Satz wohl das Mikro offen war. Ich spürte wie mein Gesicht knallrot oder besser kirschrot wurde. Tante Elsa kam auf uns zu und sagte grinsend: „Ihr jungen Dinger …“

Gabriela Lürßen