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15. Oktober 2018

Marmeln

… und unten wartet Gerdi

Die schwergängige Haustür stemmt er nur ein wenig auf, gerade weit genug, um sich an ihr vorbei aus dem dunklen Treppenhaus ins Freie zu winden. Hinter ihm liegt eine flinke Abfahrt am Treppengeländer aus dem dritten Stockwerk, so schnell und gewandt, wie es wohl kein anderer Siebenjähriger im ganzen Mietblock fertig bringt: Den angewinkelten Arm über den polierten Handlauf eingehängt, einen Fuß abstoßbereit gegen die Stufenkante gestemmt, ruhig durchatmen, die Stille im Treppenhaus prüfen, und sobald die vergilbten Wände ihm dann aufmunternd zuzwinkern, geht es schwungvoll los bis zur ersten Wende. Die Richtungswechsel zwischen den Stockwerken verlangen besonderes Geschick. Wenn eine Bestzeit erzielt werden soll, und diese Absicht besteht an den meisten Tagen, müssen alle Bewegungen bis zum Parterre im Fluss bleiben.
Heute war es Winfried wieder gut gelungen. Niemand war ihm auf der Treppe begegnet, der zu grüßen gewesen wäre und damit den Rekordversuch zunichte gemacht hätte. Es gab freie Fahrt durch alle Etagen, und sein schnellster Pullover garantierte wie schon so oft höchstes Tempo. Der blaugraue Pulli zeigt nicht mehr viel her, an den Ellenbogen ist er schon durchgescheuert und von der Oma gestopft, aber kein anderes Kleidungsstück gleitet so wunderbar auf dem hölzernen Handlauf. Ganz sicher wäre er heute Sieger geworden, hätte sich ein Herausforderer mit ihm messen wollen. Winfried hat daran keinen Zweifel und nimmt sich daher etwas von dem stolzen Gefühl, das für die Gewinner bestimmt ist. Das Treppenhaus freut sich still mit ihm, er kann es spüren. Es entlässt ihn in einen frischen Septembertag und wartet nun mit der Duldsamkeit betagter Gemäuer auf seine Rückkehr.

Winfrieds Vater kommt mit der neuen Arabella nach Hause.

Er trabt zu der großen Linde auf dem Platz vor dem Haus, einem der beiden wichtigsten Treffpunkte aller Kinder der umliegenden Mietblöcke. Tagsüber bietet der Platz eine freie Spielfläche für Ballspiele oder das geliebte Kippel-Kappel, erst abends parken dort einige Väter ihre Autos. Ein Opel Olympia, ein DKW und ein grauer Goliath stehen dort regelmäßig. Auch Winfrieds Vater stellt nach der Rückkehr aus dem Büro seinen Wagen auf dem Lindenplatz ab. Vor zwei Wochen war er mit der neuen Arabella nach Hause gekommen. Alle haben sie bestaunt. Kein Vergleich mit dem Lloyd 600 zuvor, da war man sich einig.

Die zweite bevorzugte Anlaufstelle und Ausgangspunkt der meisten Spiele ist die kleine plattenbelegte Fläche vor den drei Ladengeschäften hinter der nächsten Ecke des Blocks: Milchmann, Schlachter, und, von ganz besonderem Reiz, der Laden der Familie Dahlheim. Dort bekommt man Zeitungen, Zigaretten, Papierwaren und Süßigkeiten aller Art. Auch Fußballbilder zum Sammeln. Ein wundervoller Laden, in dem auch die jüngsten Kunden für voll genommen und mit Ernsthaftigkeit bedient werden. „Eine, zweie, dreie, viere …“ Herrn Dahlheims Berliner Dialekt beim leisen Abzählen von Bonbons oder farbigen Papierbögen ist ihm bei jedem Einkauf eine friedvolle und wärmende Melodie.

Am Lindenplatz und vor Dahlheims Laden schaut sich Winfried um, aber von den Freunden zeigt sich niemand. Vielleicht liegt es daran, dass noch Mittagszeit ist. Er bummelt zwischen Laden und Linde hin und her, sieht durch das Schaufenster des Milchmanns auf die große Uhr hinter dem Tresen, erwägt und verwirft den Gedanken Uwe rauszuklingeln – seine Mutter lässt ihn immer deutlich merken, dass das mittags störend ist – und beginnt ein wenig zu frösteln. Die Sonne kann erst am Nachmittag den Lindenplatz bescheinen, jetzt ist es dort noch schattig und kühl.

Winfried steckt die Hände in die Hosentaschen, fühlt die 20 Pfennig vom letzten Taschengeld und einige Glasmarmeln. Er hofft heute auf spannende Partien um einen richtigen „Pott“: Um den verlockenden Inhalt einer mit den eingesetzten Marmeln gefüllten Erdmulde. Mit Beginn des Herbstes werden allmählich andere Spiele zu ihrem Recht kommen, aber vor ein paar Tagen hatte er an den Wegrändern vor den Mietshäusern noch einige Pötte gesehen. Da hatten wieder harte Hackenabsätze als Erdbohrer gedient und kundige Hände den Rand glatt geklopft. Ja, so formt man einen gleichmäßigen Marmelpott. Um wieviel mag gespielt worden sein? Um drei oder fünf Marmeln? Oder gar um acht? Wenn vier Jungs um fünf Marmeln spielen, liegen am Ende 20 im Pott. Eine überaus spannende Sache. Und anders als beim Fußball kommt es dabei nie auf Körpereinsatz an, nein, hier ist Geschicklichkeit gefragt. Winfried behält die Hand in der rechten Hosentasche und ertastet die unterschiedlichen Marmelgrößen. Er hat einige Einer und Zweier, aber auch eine Dreier eingesteckt. Oben in seiner Zigarrenkiste lagern noch weitere Marmeln, genug, um mehrmals die Hosentaschen zu füllen. Eine tiefblaue Fünfer ist seine schönste und größte, niemals würde er diese Prachtmarmel im Spiel einsetzen.

Im Augenblick jedoch ist kein Mitspieler zu finden. Winfried lässt sich vom alten Dahlheim Salmis für zehn Pfennig abwiegen und geht mit der kleinen Spitztüte in der Hand zum Lindenplatz zurück. Einige Salmis presst er mit der Zunge unter den Gaumen, wo sie sich langsam auflösen. Der Tüteninhalt wird bis zum Nachmittag reichen.

Mit Schlenderschritt nun zu Milchmann Willing ans Fenster, zuschauen, wie er Butter auf Vorrat abpackt. Klack klack, die hölzernen Spatel stechen und schlagen zackig die abgewogenen Butterportionen in Form, ruckzuck sind sie eingewickelt und aufgestapelt. Dabei die Augenbrauen gewichtig hochziehen und Erklärungen aller Art abgeben, denn Herr Willing weiß Bescheid, und das mag er den Hausfrauen auch zeigen. Seine Frau lächelt dazu und bedient die Kunden. Solange ihr Mann hinter dem Tresen steht, sagt sie kaum etwas. Jetzt kommt Frau Modrow vom zweiten Stock mit gefüllter Einkaufstasche aus dem Laden, wie immer mit ihrem Hütchen auf dem leicht geneigten Kopf. Im Gehen lächelt sie zu Winfried herüber. Er mag sie leiden und schaut ihr nach, bis sie im Hauseingang verschwindet. Die Feder auf ihrem Hütchen wippt mit jedem Schritt.

Noch einmal zurück zum Lindenplatz. Mit dem Baum auf andere Kinder warten. Wieder Salmis an den Gaumen kleben. Ein Schuhband ist aufgegangen. In die Hocke gehen, neue Schleife binden. Der erste Versuch ist nichts geworden, also noch einmal. Salmitüte in die Tasche stecken. Eine Marmel vors Auge halten: Wie wird der bunte Farbstreifen im Innern wohl gemacht?

„Na Winni, wartest auf was Bestimmtes?“ Winfried hat Gerdi gar nicht kommen sehen. Gerdi ist ein feiner Kerl, schon fünf Jahre älter als Winfried, kräftig, immer fair und fröhlich und in der ganzen Nachbarschaft anerkannt. Er scheint Winfried gern zu haben, denn häufig sorgt er dafür, dass Winfried mit ihm und den anderen älteren Jungs mitspielen kann. „Du hast Marmeln dabei?“ Gerdi hat auch Marmeln mit rausgenommen, noch fühlt er sich dafür nicht zu alt. Einen ganzen Beutel voll trägt er bei sich, spielbereit wie Winfried. Doch es fehlen weitere Mitspieler, zu zweit bringt es nicht genug Spaß, eine Partie ist dann zu schnell beendet. Es sei denn, man spielt um viele Marmeln. Ja. Um sehr viele. Hmm, um zwanzig Marmeln vielleicht. Genau! Oder um dreißig? Das wäre ein enorm großer Pott, hoch spannend. Und der Gewinner, der könnte sich freuen! Eine außergewöhnliche Sache, das müsste man wirklich einmal machen!

Gerdi grinst. „Wollen wir…?“

Schlagartig ist Winfried von begeisterter Erregung erfüllt. Der große Gerdi nimmt ihn, den so deutlich jüngeren, als vollwertigen Partner für eine so großartige Partie an. Von dem Spiel würde man auf den Straßen tagelang sprechen. Habt ihr gehört? Gerdi und Winni haben um einen riesigen Pott gespielt, ja, wirklich! Und Winni hat gewonnen. Oder verloren. Egal, darauf kommt es jetzt überhaupt nicht an. Natürlich könnte die Partie verloren gehen, es ist sogar wahrscheinlich. Das wäre dann tapfer wegzustecken, dem wäre man gewachsen. Und habt ihr das gehört? Winni hat ohne zu zucken bezahlt. Ja, der hat Format!

Um dreißig also. Abgemacht, Gerdi! Gleich kann’s losgehen! Nur eben schnell hoch und Marmeln nachholen. Bin gleich wieder da!

Im Laufschritt zur Haustür, rein ins Treppenhaus, hallo, ihr Stufen, da bin ich schon wieder, hab’ was Tolles vor! Jetzt aber im höchsten Tempo in den dritten Stock, klingeln, Mama, mach auf, muss schnell Marmeln holen, Gerdi spielt mit mir um dreißig, jawohl, staune nur, eine tolle Sache, kannst mir Glück wünschen, und falls ich doch verlier‘, ist’s nicht weiter schlimm. Jetzt nur schnell sein, Gerdi wartet unten auf mich – was für ein Tag!

Die Mutter schält Kartoffeln und schaut nur kurz auf. Sie hat ihre Sorgen, die er nicht kennen kann und ist heute unerreichbar für seine Begeisterung. „Nein, ich will nicht, dass Du das spielst.“ Ratscht, das Messer fährt durch eine Kartoffel, die Hälften plumpsen ins Wasser. Die Ablehnung ist endgültig.

Aus. Zerschnitten die Freude mit einem Satz. Der Schreck friert den Bauch ein, danach bohrt stille Verzweiflung. Und unten wartet Gerdi, oder nein: Der ganze Herbst wartet auf Winfried. Er soll doch spielen, wagen und wachsen. Eine kleine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen setzt sich fest und will nicht mehr verschwinden.

Was nun zu Gerdi sagen? Das Treppenhaus fühlt Winfrieds geknickten Schritt, den zusammengezogenen Blick und kann ihn doch nicht aufhellen. Das einladend glänzende Geländer bleibt unbeachtet. Winfried beugt sich über die Brüstung und schaut durch den breiten Mittelspalt des Geländers in die Tiefe bis zum gefliesten Boden im Erdgeschoss. Ganz ruhig hält er den Kopf, holt tief Luft und nimmt Maß. Dann lässt er einen Klacks Spucke runtertropfen. Und wenn der schnurgerade fällt, nicht am Geländer hängen bleibt und vollständig unten ankommt, dann – er überlegt kurz die Wette – ja, dann wird er eines Tages der netten Silke vom Nebenhaus nahe sein können. Vielleicht schon vor dem Winter. Während die Spucke fällt, halten die alten Wände bereitwillig still. Wenn es nach ihnen geht, so soll es glücken. Und verpetzen werden sie ihn auch nicht.

Ein leises, aber deutlich vernehmbares „klatsch“ aus dem Parterre verkündet den Erfolg seines Wettspiels. Dann dreht Winfried sich um, klingelt ohne viel nachzudenken noch einmal an der Haustür, murmelt zur Mutter etwas von „Ball aus dem Zimmer holen“, stopft dort ganz still beide Hosentaschen mit Marmeln voll, hält sich den Ball vor den Bauch und verlässt rasch die Wohnung. Hängt seinen Arm über den Handlauf und startet eine gleichmäßige Rutschpartie bis zum ersten Treppenabsatz. Das Geländer spürt, dass er an Gewicht gewonnen hat seit der Abfahrt vorhin. Und das liegt nicht nur an den Marmeln in den Taschen. Wagen und wachsen. Gerdi, gleich kann’s losgehen!

Wolfgang Wunstorf