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23. April 2018

Die computeraffine Dame

Udos Gedanken

Es ist schon ein paar Jahre her, dass eine Frau ein entscheidendes Upgrade des Betriebssystems ihres Home-Computers vornahm. Sie schaffte es, das Programm „Freund 4.0“ auf „Ehemann 1.0“ upzugraden. Ihr neues Homecomputergehäuse, immerhin mit verschiedenen parallelen Arbeitszimmern ausgestattet, hatte quasi nach diesem Upgrade geschrien. Aber, dieses Upgrade, so sagt sie, hat nicht zu dem erhofften Erfolg geführt. Nach ihren Erfahrungen war es ein schwerwiegender, nicht wieder gut zu machender Schritt.

   

Dieses undankbare Upgrade auf „Ehemann 1.0“ verbraucht nämlich sehr viel Arbeitsspeicher und raubt dieser Frau ihre letzten Systemressourcen. Sie stellte sogar fest, dass dieses Programm „Ehemann 1.0“ sogenannte „Nachwuchs-Prozesse“ unaufgefordert aufruft und damit noch mehr der ohnehin spärlichen Ressourcen verbraucht. Das kann im schlimmsten Fall sogar die wohlgepflegte Hardware deutlich verändern, ja deformieren. Und zu allem Übel kann das Programm „Ehemann 1.0“ in der Regel kaum etwas Sinnvolles mit den Nachwuchs-Prozessen anfangen; es ist hier wirklich nur deutlich eingeschränkt nutzbar.

Diese neue Applikation auf dem Home-Computer ist scheinbar direkt mit dem Betriebssystem gekoppelt, zumindest scheint es so. Bei jedem Booten des Home-Computers startet dieses lästige Programm automatisch mit und scheint das ganze System zu kontrollieren. Das Programm geht sogar so weit, dass ältere, bestehende Programme bei „Ehemann 1.0“ ihre Betriebserlaubnis anfragen müssen, und im Laufe der Zeit immer weniger, bis hin zu keine System-Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen.

Einige der liebgewonnenen älteren Programme, wie „Wellnesswochenende mit der Freundin 6.3“, „Tanzabend 5.2“, oder „Shoppingtour 10.7.5“ sind neben der Neuinstallation „Ehemann 1.0“ überhaupt nicht lauffähig. Ja, es scheint sogar so zu sein, dass „Ehemann 1.0“ durch die Vereinnahmung der Ressourcen dieser älteren Programme das gesamte Betriebssystem „Frau“ von Tag zu Tag mehr erleiden lässt. Hier wirkt „Ehemann 1.0“ wie ein eingeschlichener Trojaner, der langsam aber sicher zum Virus mutiert. Per E-Mail wurde übrigens deutlich vor der Installation des Programms „Ehemann 1.0“ von bereits geschädigten Anwenderinnen gewarnt. Allerdings wurde hier versäumt auf die Spezifika des Programms hinzuweisen, nämlich, dass es auf jedem Home-Computer unterschiedlich auf das vorhandene Betriebssystem reagiert. Eines der größten Probleme des Programms sind jedoch die fehlenden Optionen, die unerwünschten, ja lästigen Zusatzprogramme wie „Schwiegermutter 1.0“ oder „Schwester 2.1“ nicht zu laden. Sie werden einfach, ob gewünscht oder nicht, ko-installiert. Darüber hinaus hat man bei der Programmierung des Programms „Ehemann 1.0“ schlichtweg einige wichtige Features vergessen. Es fehlt zum Beispiel der äußerst wichtige Un-Installer, ja nicht einmal die Funktion über die Escape-Taste ist aktiv. Das System ist auch nicht in der Lage einwandfrei zu funktionieren, wenn weitere, für die Funktion des Systems „Frau“ notwendige Applikationen wie „Freundin 7.3“ oder „Yogagruppe 2.4“ Zugriff auf das Betriebssystem vornehmen. Mit diesen Programmen kann „Ehemann 1.0“ ja nicht einmal fachgerecht kommunizieren. Der Bug-Fix, der das Betriebssystem in regelmäßigen Abständen zum garantierten Absturz bringt, kann leider auch nicht behoben werden. Rufen Sie zum Beispiel grundlegend wichtige Funktionen im Programm „Ehemann 1.0“ auf wie „Bitte-abwaschen“ oder „Bring-doch-mal-den-Müll-runter“ werden Sie garantiert die Meldung „schwerwiegender Error im System, bitte wenden Sie sich an den System-Administrator“ erhalten. Aber der Systemadministrator ist doch das installierte Zusatzprogramm „Schwiegermutter 1.0“…

Anders, ja noch ungerechter reagiert „Ehemann 1.0“ auf die Zusatzfunktion „Fernsehen“. Bei ganz bestimmten Programmabläufen wie „Fußball-Länderspiele“ oder „RTLs lange Boxnacht“ kann das Programm absolut nicht mehr gestoppt werden.

Das Ende vom Lied ist dann die Re-Installation der „Freund-Programmreihe“. Aber Vorsicht, auch diese Programmreihe hat ihre Tücken. Es wird niemandem bei keiner Version der Freund-Programmreihe gelingen, die Nachfolgeversion über das Vorgängerprogramm zu installieren. Hier ist es sogar elementar wichtig die Vorgängerversion sauber zu de-installieren um sicherzustellen, das es zu keinen ungewollten Interrupts, respektive im schlimmsten Fall zur Interkommunikation zwischen der älteren Freund-Version und „Ehemann 1.0“ kommt. In diesem Fall ist es sicher, dass die frisch installierte Freund-Version voll abschmiert. Ergo muss man sich dann schon wieder eine Kopie oder das nächste Upgrade der Freund-Version beschaffen.

Die meisten Freund-Versionen verbergen jedoch auch noch ein weiteres, unsichtbares Problem, welches sich erst Wochen nach ihrer Installation zeigt. Sie tragen in sich die für das Betriebssystem „Frau“ lästige Aufforderung, sich doch das auf die aktuelle Freund-Version aufbauende Upgrade auf „Ehemann 2.0“ zu besorgen und zu installieren. Diese Aufforderung erscheint, wie bei den meisten Shareware-Programmen üblich, in unregelmäßigen Abständen, wobei die Abstände im Laufe der Zeit immer kürzer werden, respektive die Aufforderung erscheint dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann.

Also, liebe computeraffine Dame: Vorsicht ist geboten!

Udo Cordes (muc)