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20. April 2018

Vier Augen sehen mehr als zwei

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Der Internationale Tango wird als „feurig“ und „leidenschaftlich“ charakterisiert

Kurzgeschichte von Marlis David

Es sollte ein besonderes Schmuckstück sein. Etwas Einzigartiges, Unverwechselbares, das diesem Anlass gerecht würde. Robert stand zum dritten Mal vor den exquisiten Auslagen des Schmuckgeschäftes E. C. Stiller. Der Ring, mit dem er die letzten beiden Male geliebäugelt hatte, war aus dem Schaufenster verschwunden. Enttäuscht betrat er das Geschäft. Der Verkaufsraum strahlte eine vornehme, gediegene Atmosphäre aus. Kleine Tische mit je drei bequemen Sesseln waren mehrfach in dem großen Raum verteilt. Eine Dame im eleganten Kostüm kam lächelnd auf ihn zu: „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ Robert versuchte ihr den besonderen Ring, den er im Schaufenster gesehen hatte, zu beschreiben. „Das ist bedauerlich, den haben wir gestern verkauft, es war ein Einzelstück. Etwas ganz Exquisites, eine Anfertigung für einen besonderen Anlass.“
„Wurde der Ring bei Ihnen gefertigt?“, fragte Robert. „Ja, er wurde von einer unserer jungen, begabten Goldschmiedinnen gearbeitet, es war ihr eigener Entwurf“, sagte die Verkäuferin lächelnd. „Ein großes Talent“, entgegnete Robert, grüßte und verließ enttäuscht das Geschäft.
Am nächsten Tag schneite es. Die Flocken tanzten sachte zur Erde und blieben auf dem gefrorenen Boden liegen. In Windeseile verwandelte sich die Landschaft in eine überzuckerte Postkartenidylle.
Robert klopfte den Schnee von seinem Mantel, als er erneut das Geschäft von E. C. Stiller betrat. Die Verkäuferin, die ihn gestern so freundlich bedient hatte, saß an einem der kleinen Tische bei einer Beratung. Er setzte sich an einen anderen Tisch und gab einer herbeieilenden Verkäuferin zu verstehen, indem er auf die Kollegin im grauen Kostüm deutete, dass er auf diese warten möchte.
Endlich, nach geraumer Zeit, kam sie zu ihm. „Bitte, ich muss diesen Ring haben, genau diesen besonderen Ring, Sie erinnern sich?“ Könnte Ihre talentierte Goldschmiedin ihn noch einmal fertigen?“ Robert sah die Verkäuferin flehentlich an.
„Ich werde die junge Dame fragen. Ich weiß nicht, wie die momentane Auftragslage ist, bitte warten Sie einen Moment.“ Robert eilte ein paar Schritte hinter ihr her: „Kann die Künstlerin vielleicht einmal herkommen, damit ich noch einige Änderungen mit ihr besprechen könnte?“ Die Verkäuferin schüttelte den Kopf: „Das geht leider nicht, sie ist im Moment unabkömmlich!“ Schon war sie hinter einer Tür verschwunden.
Unruhig ging Robert im Geschäft auf und ab. Er sah auf die mit herrlichen Diamanten besetzten Schmuckstücke in den Glasvitrinen. Jedoch kein Stück fand sein wahres Interesse. Es sollte dieser besondere Ring sein, der, wie er glaubte, so einmalig zu seiner Laura passen würde.
Nach endlos langer Zeit kam die Verkäuferin zurück. Sie lächelte und nickte ihm schon von weitem zu. „Sie haben Glück, aber Sie müssen sich ein wenig gedulden, vier Wochen wird es wohl dauern. Sie möchten mir die Änderungen und die Größe sagen, ich werde alles weiterleiten.“
„Die Größe habe ich nicht, ich denke vielleicht wie … Ihr Ringfinger“, er deutete auf ihre linke Hand. „Es soll eine große Überraschung werden. Der Ring besteht ja aus Platin und Gold und auf den Goldteil möchte ich die Gravur ‚Vier Augen sehen mehr als zwei‘ – in einer besonderen Schrift, bitte!“
Die Verkäuferin sah ihn verzückt, mit einem besonderen Augenaufschlag, an. „Sie müssen aber sehr verliebt sein. Wie wundervoll, dass es so etwas noch gibt.“ Robert nickte, eine leichte Röte überzog sein Gesicht.

Für ihn war es damals Liebe auf den ersten Blick. Noch nie war ihm so etwas passiert. Sie hatte ihn gar nicht bemerkt, sie saß in der Leseecke einer Buchhandlung, den Kopf in beide Hände gestützt, und blätterte verklärt in einem großen Bildband. Mit abwesendem Blick sah sie auf und durch ihn hindurch.
Diese Augen … fasziniert starrte er sie an. Große, rehbraune Augen, mit funkelnden Goldpünktchen, so schien es ihm jedenfalls. Ihre dunkelbraunen Haare glänzten wie Seide im Schein der Halogenlampe. Hingerissen blieb er vor ihr stehen und starrte sie an.
„Entschuldigen Sie, ich sehe gerade, Sie haben das Buch mit den Edelsteinen. Ich suche ein Buch über Strandsteine, ist es Ihnen zufällig begegnet?“ Sie lächelte und zeigte stumm zum Informationsstand. Für ihn war es das wundervollste Lächeln der Welt. Er nahm sich irgendein Buch aus dem Regal, setzte sich ihr gegenüber in einen Ledersessel und tat, als würde er lesen.
Sie setzte sich eine Fellmütze mit Ohrenklappen auf den Kopf, kroch ganz tief in ihren Sessel. Sie sah nicht einmal zu ihm hinüber.
Die Buchhandlung war erst vor vier Wochen im Stadtteil eröffnet worden. Hier konnte man alles finden, was das Herz begehrte. Über drei Etagen war Literatur akribisch genau in die verschiedensten Sparten eingeteilt.
Robert war ständiger Gast, er liebte Bücher und verbrachte ganze Nachmittage in diesem Haus.
Nun konnte er den Blick nicht von ihr abwenden, er musste sie unentwegt ansehen. Jede Bewegung von ihr bereitete ihm Herzklopfen. Sie bemerkte ihn gar nicht, hatte nur Interesse für ihr Buch. Krampfhaft überlegte er, wie er es anstellen könnte, sie in ein Gespräch zu verwickeln.
„Wohnen Sie auch in diesem Stadtteil? Ist es nicht toll, dass wir jetzt dieses Geschäft haben?“ Sie sah ihn kurz an und nickte. Er gab nicht auf. „Sind Sie auch jeden Tag hier? Ich schon, ist fast mein zweites Zuhause.“
„Wollen Sie mir ein Gespräch aufzwingen? Bitte, ich möchte lesen“, sagte sie kurz und wandte sich wieder ihrem Buch zu.
Er merkte, es war zwecklos. Kurz entschlossen stand er auf und fragte: „Vielleicht sind Sie morgen wieder da?“ Sie nickte ohne ihn dabei anzusehen und vertiefte sich sofort wieder in ihr Buch. „Ich glaube einfach, dass vier Augen mehr sehen als zwei, meinen Sie nicht auch?“ Sie sah ihn neugierig an, ohne etwas zu erwidern.
Den ganzen Abend musste er an sie denken, sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Diese wunderschönen Augen konnte er nicht vergessen. Sie muss mich anhören, ich muss sie kennenlernen, egal, was ich dafür anstellen muss, dachte er, bevor er in einen unruhigen Schlaf fiel.
Am späten Nachmittag des nächsten Tages stand er wieder in der Buchhandlung. Er eilte durch alle drei Etagen, nichts, nichts war von ihr zu sehen. Na ja, vielleicht kommt sie noch, dachte er zuversichtlich. Wahrscheinlich hatte der erneute Schneefall sie abgehalten, er wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Aber sie kam nicht, auch am nächsten Tag nicht. Deprimiert betrat er am dritten Tag das Geschäft – da saß sie, die Fellmütze tief ins Gesicht gezogen, auf dem gleichen Platz. Freudig eilte er auf sie zu: „Oh, wie schön Sie zu sehen, ich hatte schon Furcht, Sie würden nie mehr kommen!“ Sie sah ihn mit diesen wundervollen Rehaugen an: „Warum? Was haben Sie davon mich hier zu sehen?“ Robert spürte sein Herz bis zum Hals klopfen. Jetzt bloß nichts Falsches sagen, dachte er gerade, als er sich sagen hörte: „Mir ist so etwas noch niemals zuvor passiert, bitte, das müssen Sie mir glauben. Ich kann an nichts anderes mehr denken, Sie kreisen Tag und Nacht durch meine Gedanken, bitte, nennen Sie mir Ihren Namen?“ Er sah sie flehentlich an. „Bitte, nur Ihren Vornamen, ich heiße übrigens Robert.“
Einen kurzen Moment zögerte sie, sah ihn durchdringend an, dann sagte sie: „Laura, ich heiße Laura, möchten Sie noch etwas wissen? Schuhgröße, Gewicht oder so?“ Jetzt mussten beide lachen, es war ein ganz befreiendes Lachen. „Sie kennen mich doch gar nicht, wieso spuke ich in Ihrem Kopf herum? Dazu gehört doch noch viel mehr, nicht nur das äußere Erscheinungsbild!“
Diesen Nachmittag fassten sie kein Buch mehr an, sie sprachen über Vorlieben, Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen.
„Bitte, Laura, ich muss Sie wiedersehen, wann und wo können wir uns treffen?“ Sie zögerte, dann sagte sie: „Hier, wir können uns hier treffen, meinetwegen jeden Tag.“ Robert stutzte, aber dann sagte er schnell: „Ja, gut, vorerst bin ich einverstanden. Aber demnächst möchte ich mit Ihnen ins Theater, Konzert, Kino und zum Tangotanzen … das ist meine große Leidenschaft. Natürlich nur, wenn Sie Lust haben“, fügte er schnell hinzu.
Laura sah ihn ganz seltsam an, er dachte, er hätte etwas Falsches gesagt. „Darf ich Sie nach Hause begleiten?“, fragte Robert, kurz bevor die Buchhandlung schließen wollte. „Nein, bitte gehen Sie zuerst, ich möchte noch einen kurzen Moment alleine hier bleiben.“ Laura hatte das so eindringlich gesagt, dass Robert sofort aufstand. „Also dann bis morgen, Laura, zur gleichen Zeit.“ Ohne sich noch einmal umzudrehen verließ er den Buchladen. Draußen schlug er seinen Mantelkragen hoch, band seinen Schal enger, da erneut dichtes Schneetreiben eingesetzt hatte.

Von da an trafen sie sich jeden Tag zur gleichen Zeit in dem Buchgeschäft. Laura verlangte jeden Abend, dass Robert zuerst gehen möchte. Nach vier Wochen hatte Robert allmählich den Verdacht, dass Laura womöglich verheiratet sei und es ihm nicht sagen wollte. Er sprach sie darauf an, aber sie lachte nur und schüttelte den Kopf. „Bitte, Laura, es beginnt ein neuer Kurs im Tangotanzen, bitte, wollen wir nicht daran teilnehmen? Es wird dir bestimmt auch gefallen!“ Er war überrascht, dass sie zustimmte. Er konnte es gar nicht fassen. Sie gab ihm auch ihre Telefonnummer, falls irgendetwas dazwischen kommen sollte. Jetzt wird alles gut, dachte er beglückt.
Am Morgen ihrer Verabredung rief sie ihn im Verlag an, in dem er als Lektor arbeitete. Seine Angst, sie würde nicht kommen, war völlig unbegründet, sie wollte nur wissen, welche Garderobe beim Tangotanz angebracht wäre. Er freute sich riesig und konnte die Zeit bis zum Abend kaum abwarten.
Er würde sie im Arm halten, sie ganz fest an sich drücken, ihren Körper spüren, ihren Duft einatmen. Bei dem Gedanken wurde ihm ganz schwindelig.
Der Abend übertraf all seine Erwartungen. Es war so wundervoll, wie sie sich anschmiegte, sie harmonisch über die Tanzfläche schwebten, um im nächsten Moment kraftvoll mit den Füßen aufzutreten. „Mein Gott, Laura, du bist ja perfekt, woher kannst du das?“ Sie zuckte mit den Schultern und lachte.
In einem kleinen Weinlokal ließen sie den schönen Abend ausklingen.

Am nächsten Nachmittag war Laura nicht im Buchgeschäft. Er war beunruhigt, sollte ihr der Abend doch nicht gefallen haben? Zum ersten Mal wählte er ihre Telefonnummer. Sie entschuldigte sich kurz und knapp, gab vor, fürs Studium lernen zu müssen, sie hätte heute keine Zeit. „Laura, wie fühlst du dich nach diesem wunderschönen Abend gestern?“ Er hörte nur ein kurzes: „Ist schon gut, alles ist gut, bis morgen.“ Er war total irritiert über diese merkwürdige Reaktion.
Die nächsten vier Wochen trafen sie sich fast jeden Tag im Buchgeschäft. Hin und wieder verabredeten sie sich zum Tangotanzen, zweimal waren sie im Konzert, auch ein paar Mal im Kino. Bis auf einen flüchtigen Abschiedskuss, bevor Laura ins Taxi stieg, war es zu keinen Intimitäten zwischen ihnen gekommen. Wenn Robert sie beim Tango im Arm hielt, spürte er ein starkes körperliches Verlangen. Er sehnte sich nach Nähe, wollte ihren nackten Körper an seinem spüren. Seine Sehnsucht konnte er nur schwer bezwingen. Er fragte sich, was wohl mit ihr los sei, warum sie so abwehrend war.
Nach jedem Treffen wollte sie ihn erst am übernächsten Tag sehen. Dann sprach sie kaum noch von ihrem schönen Abend. Er fand keine Erklärung für dieses seltsame Verhalten. Traf er sie aber in der Buchhandlung, war er erneut überaus fasziniert von ihr, sodass er all seine Bedenken verwarf. Für ihn war sie die Frau seines Lebens, mit ihr wollte er eine Familie gründen, mit ihr wollte er alt werden. Er nahm sich vor, ihr in fünf Wochen, an ihrem Geburtstag, einen Heiratsantrag zu machen.

Dann sah er diesen wunderschönen Ring im Schmuckgeschäft Stiller, der so perfekt zu Laura passen würde. Er wollte ihn zum Geburtstag überreichen und dabei den Antrag machen. Mehrfach hatte er ihr seine Liebe gestanden, sie hatte ausweichend geantwortet. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass auch sie ihn liebte, aber irgendetwas stand zwischen ihnen, das spürte er.

Nach vier Wochen kam der Anruf vom Schmuckgeschäft, dass der Ring fertig sei. In freudiger Erwartung eilte er ins Geschäft. Sein Blick suchte die Verkäuferin im grauen Kostüm. Sie war nicht zu sehen, eine andere Verkäuferin bediente ihn. Sie legte eine blaue Samtunterlage auf den Glastisch, dann den angefertigten Ring darauf. Er war wunderschön geworden, Platin und Gold ineinander verschlungen. Für Robert symbolisierte es zwei Liebende, die sich umschlungen hielten. Er las die Gravur „Deine Augen sehen mehr als zwei“ – er stutzte, las erneut. „Der Text stimmt so nicht, ich hatte  „Vier Augen sehen mehr als zwei“ angegeben!“ Die Verkäuferin sah sich den Auftragszettel noch einmal an: „Ja, Sie haben recht, warten Sie bitte, ich werde in der Werkstatt nachfragen.“
Es dauerte eine Weile, dann hörte er die Stimme der Verkäuferin: „Dahinten, der Herr in den blauen Jeans, Frau Anders, das ist der Kunde.“ Er drehte sich um und sah eine junge Frau im Rollstuhl, die jetzt direkt auf ihn zusteuerte. Ihm verschlug es die Sprache, er verstand die Welt nicht mehr. Dann stotterte er: „Lau … ja, Laura, wo kommst du denn jetzt her? Wieso sitzt du im Rollstuhl, hast du dich verletzt?“ Er wusste gar nicht, wie ihm geschah, er starrte Laura fassungslos an. Laura begann zu weinen, sie schluchzte: „Ich wollte die Gravur nicht schreiben, das waren die Worte, die du mir gesagt hast, das hat zu weh getan!“
Langsam stockend brach es jetzt aus ihr heraus: „Einmal musst du es ja doch erfahren. Ich bin … ich bin gelähmt, habe Kinderlähmung, bin auf den Rollstuhl angewiesen … kann meine Beine nicht bewegen.“ Tränen standen ihr in den Augen als sie sagte: „Deshalb wollte ich immer nach dir den Buchladen verlassen. Mein Rollstuhl stand etwas abseits, den solltest du nicht sehen.“ Robert sah sie mit offenem Mund ungläubig an: „Moment mal bitte, hier kann etwas nicht stimmen, wir waren doch Tango tanzen, im Konzert, im Kino, zum Essen, was erzählst du mir denn da?“ Beschämt sah Laura zu Boden: „Das war Lisa, meine Zwillingsschwester, die ich gebeten hatte mit dir auszugehen. Ich wollte dich doch nicht enttäuschen, ich wollte, dass du wiederkommst, wollte auf unsere Gespräche nicht verzichten … sonst hatte ich doch nichts. Bitte verzeih‘, dass ich dich so getäuscht habe. Ich bin Goldschmiedin und habe deinen Ring angefertigt, den du Lisa geben willst. Aber verzeih‘, die Worte für die Gravur gehören mir, die wollte ich nicht schreiben.“Marlis_David_954x1200w-dv
Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, musste einige Male heftig schluchzen. „Dann ist es also Lisa, die studiert?“ fragte Robert fassungslos.
Er stand auf, sah Laura lange an, dann verließ er ohne ein Wort das Geschäft. Nach einer Stunde stand er wieder bei E. C. Stiller. „Ich möchte meinen Ring abholen, aber Frau Anders soll ihn mir bitte persönlich aushändigen.“
Es dauerte eine Weile, dann kam ihm Laura im Rollstuhl entgegen. Sie konnte ihm nicht in die Augen schauen.
„Laura, vier Augen sehen mehr als zwei … willst du meine Frau werden?“ Liebevoll streifte er ihr den Ring über den Finger.
„Ich glaube ich träume das alles nur, das ist ja wie im Märchen“, flüsterte sie.

 

Marlis David