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27. Februar 2018

Der Zufall

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Wenigen Schritte, um den Wagen hatten genügt, richtig nass zu werden.

Kurzgeschichte von Marlis David

Der Regen prasselte lautstark auf das Garagendach. Das Geräusch verstärkte meine Nervosität, ich trommelte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad. Wie immer kommt er in letzter Minute, dachte ich verärgert. Endlich hörte ich seine hastigen Schritte, die Autotür wurde geöffnet und Fabian sprang behände auf den Beifahrersitz. „Was für ein schreckliches Wetter, jetzt kommt auch noch Sturm auf … scheußlich! Ich bin nur froh, dass ich mit dem Zug fahre. Danke, dass du mich zum Bahnhof fährst, Jana, oder wäre es dir lieber, wenn ich ein Taxi rufe?“

„Nein, nein, ist schon recht! Wir sind spät dran und müssen uns sputen, sonst fährt der Zug ohne dich ab.“

Der Sturm trieb die Äste der Bäume über die Straße. Mein Scheibenwischer konnte die Regenmassen kaum auffangen, eine Straßenbegrenzung war nicht mehr zu erkennen. Solche Herbststürme gab es häufiger um diese Jahreszeit, aber heute empfand ich es besonders dramatisch. „Wir haben bestimmt Windstärke sieben oder

acht … ist ja beängstigend … glaubst du, wir erreichen den Bahnhof rechtzeitig?“ Fabian sah mich nervös über seine randlose Brille an. Seine Worte nahm ich kaum wahr, das Unwetter verlangte meine volle Konzentration. In einiger Entfernung sah ich, total verschwommen, die Blinklichter eines Polizeifahrzeuges. „Ich glaube, vor uns liegt ein entwurzelter Baum quer über der Straße … verdammt!“ Fabian sah mich erschrocken an: „Jana, ich muss diesen Zug nach Basel kriegen, ohne mich kann die Konferenz nicht stattfinden!“ Wütend trat ich auf die Bremse:

„Ist das meine Schuld? Ich habe dieses Wetter nicht bestellt! Warum machst du alles in letzter Minute!“

„Lass mich ans Steuer, ich werde versuchen durch die Parkstraße zu fahren.“ Verdutzt sah ich ihn an: „Das ist eine Einbahnstraße, hoffentlich geht das gut!“

Der Sturm wütete dermaßen stark, dass man große Mühe hatte die Autotür zu öffnen. Die wenigen Schritte um den Wagen hatten genügt, richtig nass zu werden. Wir sahen uns an, die Spannung löste sich und wir mussten beide herzhaft lachen. Wie zwei begossene, nasse Pudel saßen wir in Fabians weißem VW-Cabrio und sausten mit 120 Sachen durch die Einbahnstraße
Richtung Bahnhof. Wir hatten Glück, bei dem Unwetter war kein Mensch, auch kein Auto, weit und breit auf der Straße. In letzter Minute erreichten wir den Zug. Der Zugbegleiter hatte schon die Kelle gehoben und gepfiffen, als Fabian die Tür aufriss und hineinsprang. Winken war nicht mehr möglich.

Verloren stand ich auf dem Bahnsteig und starrte dem Zug hinterher. Der Sturm hatte noch zugenommen und der Regen peitschte mir ins Gesicht. Von dem Weg zum Auto war ich erneut durch und durch nass, denn einen Schirm konnte man gar nicht aufspannen. Keine Menschenseele war sichtbar, alles wirkte auf mich gespenstisch, bedrohlich, wie in einem schlechten Film. Mich fröstelte zusehends und die Dunkelheit ängstigte mich.

Auf der Heimfahrt fiel mir ein, dass ich keine Zigaretten mehr hatte. Das Hotel „Badener Hof“, in der nächsten Querstraße rechts, hatte einen Automaten. Die Straße war menschenleer, als ich aus dem Wagen stieg. Für die zwei Minuten kann ich den Motor laufen lassen, ich habe den Wagen ja im Blick, ging es mir durch den Kopf. Gerade hatte ich die Münzen in den Automaten gesteckt und wollte meine Marke ziehen, als ich hinter mir den Motor eines Autos aufheulen hörte.

Sekunden stand ich wie erstarrt, dann rannte ich los. Mein Auto …unfassbar …, da saß ein Mann in meinem Auto, wendete und raste auf mich zu.

Mit weit ausgebreiteten Armen stand ich mitten auf der Straße und wollte tatsächlich versuchen, mein Auto anzuhalten, unter Einsatz meines Lebens. Mein Verstand war in dem Moment ausgeschaltet. Die Blechkiste war mir wertvoller als mein Leben. In letzter Sekunde sprang ich zur Seite, stolperte und lag in einer Pfütze am Kantstein. Die Siele konnten die Wassermassen nicht mehr aufnehmen, Wasserfontänen sprudelten heraus und ergossen sich über die Straße. Schwerfällig erhob ich mich, sah an mir hinunter auf meine Schuhe, in denen das Wasser stand. Meine Kleidung war klitschnass, die Haare trieften und das Wasser lief mir in Rinnsalen über mein Gesicht. Durch die Tränen vermischte sich meine Wimperntusche mit dem Regen, sodass ich, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, nach einer halben Stunde Fußmarsch die Polizeiwache erreichte.

Durch den immer noch wütenden Sturm musste ich mich gegen die Eingangstür der

Wache stemmen, um sie zu öffnen.

Die Polizeibeamten handelten sofort und ließen alle Ausfallstraßen sperren. Aber es war zu spät, der Kerl war über alle Berge, auf und davon. „Wenn mein Mann von seiner Geschäftsreise zurück kommt und sein Wagen ist futsch, bekommt er garantiert einen Schreikrampf!“ Der Polizist lächelte: „Gute Frau, wenn Sie wüssten, wie viele Autos hier täglich geklaut, über die Grenze verschoben werden und nie wieder auftauchen, würden Sie sich nicht so aufregen. Es sind natürlich meist Edelkarossen, die richtig Kohle bringen, und deshalb könnten wir Glück haben, den kleinen Käfer wiederzufinden. Gehen Sie voller Hoffnung nach Hause … Sie hören dann von uns.“

In den nächsten Tagen nervte ich die Beamten auf der Wache. Entweder sprach ich persönlich vor oder rief an. Es tat sich absolut nichts, unser Käfer blieb verschwunden.

Am zweiten Tag rief Fabian völlig aufgeregt an: „Jana, ich vermisse meinen Ehering, er muss mir im Auto vom Finger gerutscht sein, als wir die Plätze gewechselt haben. Bitte durchsuche den Wagen ganz gründlich, er kann mir nur dort abhanden gekommen sein!“

„Ja, ja, ich werde nachsehen, aber ich komme erst morgen dazu.“

Das nun auch noch, bisher hatte ich meinem Mann am Telefon nichts davon erzählt, das wollte ich mir für seine Rückkehr aufheben, in der Hoffnung, dass der Wagen vielleicht gefunden würde.

Am fünften Tag stand ich auf dem Bahnsteig, um meinen Mann abzuholen. Mir war doch etwas mulmig, denn Fabian liebte dieses Auto. Er hatte es von seinem besten

Freund geerbt, nachdem dieser mit nur 45 Jahren verstorben war.

Zuletzt hatten die Ärzte Richard noch ein Bein abgenommen und er hatte sich sein VW-Cabrio umrüsten lassen, damit er trotzdem mobil bleiben konnte. Aber seine Zuckerkrankheit war schon zu weit fortgeschritten. Fabian hatte den Wagen dann wieder in den alten Zustand zurück versetzt. Für ihn war dieses Auto mehr als nur ein

fahrbarer Untersatz, er fühlte sich dadurch mit Richard verbunden.

Freudig umarmte Fabian mich, froh, wieder daheim zu sein. Vor dem Bahnhof fragte er: „Hast du den Ring gefunden?“ Ich schüttelte den Kopf. Fabians Gesichtsausdruck verfinsterte sich, als er meinte: „Das ist nicht gut, hoffentlich kein schlechtes Omen!“ Wo hast du unseren Kleinen geparkt?“

„Gar nicht!“

„Wieso, hattest du einen Schaden?“

„Nein … er ist weg!“

„Wie weg … Totalschaden?“

„Nein, geklaut!“

„Wie bitte? … Sag das noch mal!“

„Ja, einfach geklaut.“

„Das glaube ich jetzt nicht!“

Dann erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Er wollte sofort zur Polizei um zu erfahren, wie weit die Ermittlungen gekommen waren. Wir ließen uns mit dem Taxi hinbringen. Es gab keine neuen Erkenntnisse.

Nach einer Woche bekam ich einen Anruf. „Wir haben Ihren Wagen beinahe geschnappt, aber leider ist er uns entkommen.“

Auf dem Revier erzählte man dann: „In Hessen stand der Wagen, der ja zur Fahndung ausgeschrieben war, an einer Tankstelle, seitlich geparkt.

Es war gegen drei Uhr nachts. Einer Polizeistreife kam es verdächtig vor und sie verlangten die Papiere. „Mir gehört der Wagen nicht, ich warte hier nur auf meinen Freund“, beteuerte der Mann, der im Auto saß. Der Polizist glaubte es, machte einen Vermerk, sah aber leider nicht in der Kartei der gestohlenen Fahrzeuge nach.

Anschließend häuften sich die Anzeigen über unseren Käfer. Fahrerflucht beim Tanken, mindestens ein Dutzend Mal, dann Tankstellenüberfälle und nächtliche Einbrüche in Kioske. So konnten wir den Weg der Verbrechen bis in den Dezember verfolgen. Immer wieder entwischte er den herbeigerufenen Polizeistreifen.

An einem kalten Dezembermorgen klingelte schon um acht Uhr früh unser Telefon. „Wir haben ihn … Ihr Wagen ist wieder da! Kommen Sie, wenn möglich, am besten gleich aufs Revier!“ Fabian strahlte, nahm mich in den Arm und schwenkte mich vor Freude im Kreis herum. Sofort machten wir uns auf den Weg. Herr Heinze, der freundliche Polizist, der uns am Morgen angerufen hatte, war nicht an seinem Platz. Wir beschlossen zu warten. Fabian sah nervös auf die Uhr, er musste dringend in seine Firma. „Geh nur, ich werde dich nachher anrufen und dir alles berichten.“ Nach einer Stunde kam Herr Heinze, freundlich lächelnd, auf mich zu. „Ich hatte es Ihnen doch prophezeit, den Kleinen kriegen wir!“ Diese Erfolgsmeldung brachte ihn richtig in Hochform, er strahlte mich an.

„Ist er beschädigt?“, wollte ich neugierig wissen. „Der Reihe nach, die Sache ist unglaublich, Sie werden staunen.“ Gespannt hörte ich mir die Geschichte an:

… In Eschwege fuhren zwei Kollegen, Zivilfahnder, am frühen Morgen zum Dienst, als dem einen ein weißes VW-Cabrio mit fremdem Nummernschild auffiel.

Folgendes hat sich dann abgespielt: „Halt doch mal an, siehst du den geparkten Wagen da vorne? Das Nummernschild habe ich irgendwo schon gelesen in der letzten Zeit, sieh doch mal im Fahndungsbuch nach, ob die Nummer dabei ist.“ – „Volltreffer! … Dein Animus hat dich nicht getäuscht. Der Wagen wurde vor fast zwei Monaten als gestohlen gemeldet!“

Die beiden Fahnder parkten ihren Wagen hinter dem VW und beschlossen eine gewisse Zeit zu warten, in der Hoffnung, dass der vermeintliche Dieb auftaucht …

„Dann haben Sie sicher das Fahrzeug abschleppen lassen?“, meinte ich eifrig. Herr Heinze winkte ab: „I wo, die wollten doch den Kerl schnappen! Stellen Sie sich vor, nach einer halben Stunde kam ein Mann, steckte den Schlüssel in die Autotür, wollte gerade aufschließen, da sprangen die beiden aus ihrem Fahrzeug und liefen auf den Mann zu. Der erfasste sofort die Situation, machte auf dem Absatz kehrt und rannte, als wäre der Teufel hinter ihm her, davon. Er hastete hinunter zur Werra an einen Steg, die beiden Kollegen dicht hinter ihm. Voller Panik sprang er kopfüber in das eiskalte Wasser der Werra und schwamm davon. Er wollte sicher in die DDR auf der anderen Seite, aber sein dicker Wintermantel hinderte ihn daran. Noch vor der Mitte

des Flusses merkte er, dass seine Kräfte ihn verließen, so machte er kehrt. Am Ufer klickten dann die Handschellen.

Er hatte in Eschwege seine Freundin besucht und bei ihr die Nacht verbracht.

Diesen beiden aufmerksamen Beamten haben wir es zu verdanken, dass wir Ihren Wagen gefunden haben. Was sagen Sie dazu?“

Sprachlos saß ich Herrn Heinze gegenüber, stammelte nur: „Unbeschädigt?“ Er nickte. „Das hätte ich nicht gedacht!“

„Im Handschuhfach und auf dem Rücksitz lagen unzählige, noch verpackte Damenstrümpfe, die sicherlich aus den Einbrüchen stammten. Sie müssen jetzt den Wagen, so schnell es geht, aus Eschwege abholen, denn die Untersuchungen dort sind abgeschlossen.

Noch eine Bitte, lassen Sie nie wieder den Motor laufen und die Autotür offen stehen, sonst kann Ihnen Ähnliches durchaus noch einmal passieren.“

„Aber es war doch kein Mensch auf der Straße bei dem Sauwetter“, bemerkte ich kleinlaut. „Oh doch! Gegenüber, im stockdunklen Eingang des Möbelgeschäftes „Stemmle“, stand dieser Kerl, der sein ganzes Geld in einer Bar mit Animiermädchen durchgebracht hatte und nicht wusste, wie er bei dem Unwetter nach Hause kommen sollte. Da erschien ein rettender Engel … die Gelegenheit macht eben manchmal Diebe und genügend kriminelle Energie hatte der allemal. Der Zufall kam ihm zur Hilfe und Sie servierten ihm die perfekte Lösung! “

Am nächsten Tag fuhren wir nach Eschwege. Uns fehlte zu unserem Glück nur noch der Ehering.

Der Wagen war äußerlich einwandfrei, nur im Inneren sah er etwas verwahrlost aus.

Ohne jegliche Hoffnung auf Erfolg, nahmen wir jede kleinste Ritze, in der sich ein Ring verstecken konnte, unter die Lupe.

Nichts!

Fabian gab verzweifelt auf. Am nächsten Tag suchte ich noch einmal und entdeckte einen Riss in der Ledermanschette der Gangschaltung. Mit meiner Taschenlampe leuchtete ich das Innere aus. Für eine Sekunde sah ich etwas golden funkeln. Mit einer langen Pinzette angelte ich den Ehering mit den Initialen J+F 22.09.1996 heraus.

Hier kam der Zufall mir zur Hilfe und bescherte mir ein großes Glücksgefühl. Herr Heinze strahlte, als ich ihm einen wundervollen Herbststrauß überreichte. „Wir könnten Glück haben mit dem Kleinen, habe ich Ihnen doch gleich versprochen“, meinte er spitzbübisch lächelnd.

Marlis David

Marlis David,

geboren 1940 in Hamburg, war nach kaufmännischer Ausbildung in mehreren großen Firmen tätig. Im Ruhestand widmet sie sich ihrem Hobby, dem Schreiben. Es bedeutet für sie Glück und Berufung. Im Jahr 2011 veröffentlichte sie zwei Bücher mit Kurzgeschichten. Auch in verschiedenen Anthologien sind Kurzgeschichten von ihr zu finden. Zu Weihnachten konnte man Geschichten von ihr im Radio hören.