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8. Dezember 2017

Die Weihnachtsmütze

Kurzgeschichte von Marlis David

Der Junge jongliert so gekonnt mit den Bällen, als hätte er nie etwas anderes gemacht.
Er ist von kleinem Wuchs, sein Körper durchtrainiert, biegt sich wie eine Weidenrute im Wind. Er wirbelt die sechs Bälle hoch in die Luft, fängt sie auf, um sie sofort wieder zu werfen, sich zweimal zu drehen und sie dann kunstfertig zu fangen. Jetzt jongliert er sie hinter seinem Rücken hoch hinauf, dreht sich blitzschnell und fängt sie geschickt auf. Nicht ein Ball hat die Erde berührt. Stolz verbeugt er sich, als der Applaus nicht enden will.
Kostja ist erst zehn Jahre alt und arbeitet seit seinem sechsten Lebensjahr bei Onkel Wasja im Zirkus. Seine Mutter kam durch einen Sturz vom Hochseil ums Leben.
Jetzt ist Tante Katjuscha mit ihrer Clownnummer an der Reihe, sie läuft an ihm vorbei, drückt ihm noch schnell einen Kuss auf die Stirn.
Das Programm wird nur von der Familie bestritten, zu der vier Erwachsene, drei Kinder, fünf Hunde und zwei Pferde gehören.
Beim nächsten Auftritt, Onkel Wasja als Messerwerfer, ist Kostja wieder an der Reihe. Es ist sein liebster Auftritt, weil er so männlich ist, denn es gehört schon Mut dazu, sich vor den schnell geworfenen Messern nicht zu fürchten.
Der aufbrausende Applaus macht ihn stolz, lässt ihn strahlen.
Der „Circus Russia“ tingelt schon jahrelang durch die Provinzstädte. Jedes Jahr verkündet Onkel Wasja, es sei nun das letzte Mal, denn das Geld reicht weder zum Leben noch zum Sterben.
Ursprünglich stammt seine Familie aus dem Kaukasus, doch Onkel Wasjas Vater war nach der Kriegsgefangenschaft in Deutschland geblieben und hatte die Familientradition der Gaukler und den Wanderzirkus wieder aufleben lassen.

Gestern kam Tante Katjuscha mit zwei kleinen, rosa Ferkelchen in einem Korb aus dem nächsten Dorf zurück. „Ihr werdet sehen, man kann sie wie Hunde abrichten, sie sind sehr schlau, es dauert natürlich eine Weile. Sollte es nicht gelingen, können wir sie ja immer noch zum Fest schlachten.“
Das Weihnachtsfest ist nicht mehr weit, nur noch acht Tage. Doch durch den frühen Wintereinbruch finden kaum Besucher den Weg zu ihren Vorstellungen. Sie sind überglücklich, ein Winterquartier in einer alten Scheune für sich und die Tiere gefunden zu haben. Die Scheune bietet so viel Platz, dass sie in der Mitte eine kleine Manege herrichten konnten, um ihre Darbietungen zu präsentieren.
Onkel Wasja ist 43 Jahre alt und hat melancholische Augen. Er hat sich immer in Moskau auf dem Hochseil gesehen, bewundert und gefeiert. Stattdessen steht er am Eingang einer Scheune, verkauft Eintrittskarten und muss sich um alles kümmern. Vor allem die Sorge, seine Familie nicht mehr ernähren zu können, bereitet ihm schlaflose Nächte.

Paula sieht aus dem Fenster, sie klatscht vor Freude in die Hände: „Es schneit, es schneit! Ich werde meinen Schlitten aus dem Keller holen und zum Rodeln gehen.“ Ihre Mutter ruft besorgt aus der Küche: „Zieh dich aber warm an und komm nicht so spät, wir wollten doch zu dem kleinen Zirkus gehen!“ Paula zieht ihre Fellmütze noch fester über die Ohren. „Bin rechtzeitig zurück!“
Von weitem sieht sie eine kleine Gestalt näher kommen. Die beiden Schilder, die der Junge vorn und hinten auf seinem Körper befestigt hat, reichen bis auf den Boden. Er ist ohne Kopfbedeckung, und in viel zu großen Schuhen ohne Schnürsenkel trägt er keine Strümpfe. Seine dünne Hose und die verschlissene Jacke schützen nicht vor der Kälte. Als er näher kommt, liest sie laut:
„Circus Russia.
Kommen Sie, staunen Sie.
Diese Sensationen müssen Sie gesehen haben.
Kommen Sie noch heute Nachmittag in unsere Vorstellung.“

Der Junge hat blau gefrorene Hände, er zittert. Seine Haare hängen ihm nass ins Gesicht.
„Wie heißt du?“
„Kostja. Und du?“
„Paula. Bist du vom Zirkus?“
„Ich bin die Hauptattraktion, kann jonglieren und Messer werfen.“
Kostja schlottert vor Kälte. Paula nimmt ihre Fellmütze ab, setzt sie Kostja auf den Kopf. „Kannst du mir heute Nachmittag zurückgeben, da kommen wir in die Vorstellung.“ Hastig dreht sie sich um und läuft davon.

Am Nachmittag sitzen fünfzehn Personen in der Scheune. Gebannt starren sie auf das Zirkusrund, in der Hoffnung, kleine Sensationen zu erleben.
Paula ist mit ihrer Mutter gekommen. „Noch zehn Minuten bis zur Vorstellung, ich gehe noch schnell zu den Tieren.“ Ihre Mutter nickt verständnisvoll: „Komm aber nicht zu spät!“
Auf dem Hof stehen die Wohnwagen, zusammengestellt wie eine Wagenburg. Überall riecht es nach Heu und Stroh und dem Misthaufen hinter den Gebäuden. Gerade will sie zu den Pferden gehen, als sie Kostja entdeckt. Er hat schon sein Trikot für den Auftritt angezogen, will gerade zur Scheune laufen.
„Hallo Kostja!“
„Oh, Paula, schön, dass du gekommen bist! Willst du deine Mütze holen?“
Paula schüttelt verlegen den Kopf.
„Hast du Mut?“
„Nicht so sehr.“
„Stell dich dort an die Wand! Bleib ganz ruhig stehen. Hab nur keine Angst!“
Paula macht, was er sagt, sieht ihn aber ungläubig an.
Kostja hat die Messer für Onkel Wasja in der Hand, will sie gerade zur Manege bringen. Unzählige Male hat er mit den Messern schon geübt, beherrscht sein Handwerk.
Aus zwei Metern Entfernung will er Paula nun zeigen, dass er mit den Messern umgehen kann.
Er wirft mit voller Kraft ein Messer neben ihr Knie. Paula beißt sich auf die Lippen, steht wie versteinert. Sie will ihm zeigen, wie mutig sie ist.
Ein Gongschlag ertönt aus der Scheune. Kostja rafft die Messer zusammen und läuft zum Eingang. Paula folgt ihm mit zittrigen Beinen.
Die Vorstellung beginnt mit Tante Katjuscha als Clown, der alle Kinder zum Lachen bringt. Es folgt Natascha mit ihrer Pferdedressur und dann Onkel Wasja mit dem Messerwerfen. Anschließend kommt Kostja mit dem Jonglieren der Bälle. Die Vorstellung dauert eineinhalb Stunden und alle bekommen großen Applaus. Der Beifall will nicht enden, immer wieder wird eine Zugabe verlangt.
Auf dem Heimweg schwärmt
Paula begeistert von dem kleinen Zirkus. Verzückt betrachtet sie die dunkelrote Stoffrose, die Kostja ihr zum Abschied zugeworfen hat.

Jeden Tag läuft Paula jetzt zur Scheune, fasziniert sieht sie den Zirkusleuten bei den Proben zu. Kostja trägt ständig Paulas Fellmütze. Wahrscheinlich liegt er auch damit im Bett, denkt Paula glückselig.
Am fünften Tag kann sie Kostja nirgendwo entdecken. Sie sucht alles ab, ruft mehrmals seinen Namen, aber er bleibt verschwunden.
Sie fasst sich ein Herz und sucht Tante Katjuschas Wohnwagen. An der Tür sieht sie ein Schild, auf dem steht:

DAS LEBEN IST ZU KURZ,
UM DÜNN ZU SEIN.
Hier haust Katjuscha

Zaghaft klopft sie an. Eine kräftige Stimme ruft: „Herein!“ Paula öffnet vorsichtig die Tür. Auf einer Liege sieht sie die Tante, neben sich die beiden kleinen, rosa Ferkel. Sie kannte die Tante ja nur in ihrem weiten Clownskostüm, hat sie noch nie in ihrer ganzen Fülle gesehen. Jetzt versteht sie das Schild an deren Tür und fragt sich, wie die Tante wohl durch die Tür passt. Die beiden Ferkel schnauben wohlig, haben die Augen geschlossen. Tantchens Gesicht trägt schon die Clownsmaske, mit einem riesengroßen, rot geschminkten Mund.
„Na, meine Kleine, was kann ich für dich tun? Suchst du das Komödiantenkind? Hast dich wohl verguckt in den Lausebub?“ Paula fängt an zu stammeln: „Ja, wo ist er denn … ich kann ihn nicht finden!“
„Wie alt bist du denn?“
„Gerade neun geworden.“
„Bisschen früh für die Liebe … oder?“ Dabei stößt sie eine blaue Rauchwolke aus ihrer Zigarre in Paulas Gesicht.
„Spaß beiseite, er liegt mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Sieht nicht gut aus, der arme kleine Kerl.“
„Aber … aber es ist doch bald Weihnachten und ich wollte ihn fragen, ob er am Heiligabend zu uns kommen würde?“
„Wir feiern kein Weihnachten, haben ja nachmittags noch Vorstellung. Der Kostja muss schnell gesund werden, denn wir müssen weiterziehen. Artisten leben davon, dass sie lebendig bleiben.“
Paula verabschiedet sich und sucht in der Scheune Natascha, die gerade dabei ist, mit ihrem Pferd eine neue Nummer einzuüben. Sie setzt gerade Popov, das Ergebnis einer Romanze zwischen einem Pudel und einem Cocker, auf den Sattel ihrer Stute. Popov ist der Star der Hundetruppe. Er steht jetzt wie eine Statue, die Zügel über den Hals gelegt und rührt sich nicht.
Eine ganze Stunde sprechen Paula und Natascha miteinander, bevor sie sich zufrieden trennen.
Endlich ist Heiligabend. Paula hat die Tage und Stunden gezählt, kann die Zeit kaum erwarten. Für Kostja hat sie ein kleines Päckchen gepackt, bevor sie sich auf den Weg zur Scheune macht. Ihrer Mutter hat sie versprochen, am späten Nachmittag zurück zu sein.
Heute sind ideale Bedingungen für einen Ausritt mit Nataschas Stute. Es hat aufgehört zu schneien und die Sonne bahnt sich einen Weg durch die Wolken.
Vor dem Krankenhaus steigt Paula zuerst ab, dann Natascha mit Popov auf dem Arm.
Zaghaft öffnet sie Kostjas Zimmertür und staunt nicht schlecht. Er liegt im Bett – auf dem Kopf ihre Fellmütze – und schläft.
Sie streicht ihm über die Wange. Sofort ist er hellwach, starrt sie mit großen Augen an. Ohne ein Wort zu sagen, geht sie zum Fenster und zeigt hinaus. Er folgt ihr und liest ein großes Transparent, auf dem „FROHE WEIHNACHTEN FÜR KOSTJA“ steht.
Natascha hebt Popov hoch und winkt ihm freudig zu. Dann führt sie ihm die neu einstudierte Pferdenummer vor. Kostja ist überwältigt.
Staunend betrachtet er die dicken Wollstrümpfe, die ihm Paula in die Hand drückt.
„Die Fellmütze … die darfst du auch behalten, damit du immer gut behütet bist.“
Verstohlen wischt sich Kostja die Tränen von den fiebrig glühenden Wangen, verlegen dreht er sich zur Seite, damit Paula es nicht sieht.
„Das ist bisher das schönste Weihnachtsfest in meinem Leben“, stottert er verlegen. Paula strahlt ihn glücklich an. „Für mich auch, Kostja.“

Marlis David