Moderne Medien

8. Oktober 2017

M-V-E-M-J-S-U-N-P *

Ansichten eines Nerds

Mein Sohn, mittlerweile Erstklässler, treibt mich mit seiner Eigenschaft, sich in Wissensgebiete regelrecht zu verbeißen zuweilen in den Wahnsinn. Bis vor kurzem waren Pyramiden mit toten Pharaonen darin das Feld der Wahl. Ich habe noch nie in einem Haushalt gelebt, der so viele Bücher, Modelle und handgemalte Bilder zum Thema „Altes Ägypten“ enthielt. Und plötzlich, nach circa zehn Monaten, ist der Spuk vorbei. Nicht langsam, schleichend oder mit Ankündigung, sondern zack, einfach so, von jetzt auf gleich. Wenn Sie nun glauben, dass es damit weniger bunt und anstrengend zuginge, dann irren Sie leider. Denn das nächste große Ding krachte wie ein Meteorit mit voller Wucht durch unser Dach: das Sonnensystem. Wo vorher Papp-Pyramiden und gemalte Hieroglyphen-Tafeln den Staub auffingen, stehen nun Modelle von Planeten und hängen Lehr-Poster über unsere neun (wir haben uns intern auf neun geeinigt) Planeten, die Sonne und den ganzen Rest. Mein Bedarf an Styropor-Kugeln und Acrylfarbe war in meinem ganzen Leben noch nicht so hoch wie dieser Tage.

Und wie immer, so werde ich auch dieses Mal vom Filius mit Fragen konfrontiert, die mich dazu nötigen meinen eigenen Wissensschatz zu erweitern. Und ich werde interessanterweise in ungewohnt kontrovers geführte Diskussionen am Spielfeldrand (vergleiche Duvenstedter Kreisel, Juli/August 2017) verwickelt, denn der Weltraum enthält tatsächlich einiges an Zündstoff. Gegen eine in Bandagen gewickelte Mumie, so scheint es, gibt es nichts oder nur sehr wenig einzuwenden. Sie ist tot, liegt rum, kann man röntgen und bestaunen, muss man aber nicht. Die Reaktionen auf Mars-Missionen, Raumsonden und gigantische Teleskope fallen nicht selten deutlich emotionaler aus. Nach nur wenigen Wochen mehr oder weniger intensiver Gespräche mit anderen Eltern kristallisierten sich zwei Top-Killerphrasen heraus, die Sie sicher schon einmal gehört haben und auf die ich mir eine Antwort an dieser Stelle nicht verkneifen kann.

Beginnen wir mit einem Einwand, der uns auch in anderen Bereichen des Lebens gerne begegnet, quasi einem Klassiker: „Für das ganze Geld könnte man sehr viele Probleme auf der Erde / sehr viel wichtigere Probleme lösen.“ Ja, das ist richtig, wenn auch nur die halbe Wahrheit. Natürlich könnte man das tun. Und man kann für das Geld eines neuen Mittelklasse-Autos 125 hungernde Kinder der Dritten Welt ein Jahr lang ernähren. Ein Blick auf unsere Straßen zeigt mehr als deutlich, dass den meisten Menschen Mobilität wichtiger ist als Gutes zu tun. Ist dieser Vergleich an den Haaren herbeigezogen? Vielleicht. Aber er veranschaulicht, wie schwierig es sein kann, die Verwendung von Ressourcen zu bewerten. Abgesehen davon löst die Raumfahrt tatsächlich Probleme auf der Erde, wenn auch weniger fundamentale. Denn ohne Satelliten würden wir nicht mehr ohne weiteres mit 125 Fernsehkanälen voller Shopping-Sender und Astro TVs beglückt. Der fast schon obligatorische Navigator im Auto könnte uns nicht weiter als bis zur Garageneinfahrt führen. Und dann sind da noch die Dinge, die unter dem Leidensdruck ins All zu wollen, praktisch nebenbei erfunden wurden. Isolierungen, Schaumstoff, Stoßdämpfer und sogar Microchips zeigen, dass Menschen ein großes Ziel brauchen um Großes zu leisten.

Der nächste Standard-Einwand: „Wir haben ja noch nicht einmal unseren eigenen Planeten vollständig erforscht.“ Auch das ist richtig, bedeutet aber im Umkehrschluss, dass man nur weiterforschen darf, wenn es nichts mehr zu entdecken gibt. Der Widerspruch ist offensichtlich. Zudem lässt dieses Argument völlig außer Acht, dass sich unsere Welt eben nicht in „hier unten“ und „da oben“ einteilen lässt, sondern die Gesetze der Physik im gesamten Universum gelten. Und während die Erkenntnisse rund um das, was unser Universum im Inneren zusammenhält eher schwer zu fassen sind, sind Entwicklungen, die die Weltraumforschung vorangetrieben hat interdisziplinär von Nutzen und absolut greifbar. Von ihnen profitieren unter anderem auch moderne Tiefsee-Roboter, die wegen Kälte, Wasserdruck und Salz mit extremen Bedingungen zu kämpfen haben und uns helfen, unseren eigenen Planeten besser zu verstehen.

Und, leider ja, ein wichtiger Aspekt ist auch, wie viel zu oft, die Wirtschaftlichkeit, beziehungsweise der mögliche Profit. Während eine neu entdeckte Falter-Spezies im Regenwald des Amazonas eher wenige Menschen und Aktionäre begeistern kann, weckt der kostengünstige Transport eines neuen Satelliten – z.B. zur Übertragung von 125 Sport-Kanälen – deutlich mehr akutes Interesse. Darüber hinaus ist es schlicht einfacher eine Sonde auf den Mars zu schicken als einen Tauchroboter nach Nessi oder dem Blauwale vertilgenden Riesenkalmar suchen zu lassen, so sonderbar das auch – auf mehreren Ebenen – klingen mag.

Vielleicht schwingt in dem genannten Einwand auch ein wenig Angst mit. Hier „unten“ ist alles schön bodenständig und vertraut. Der Blick nach oben kann dagegen sehr beängstigend sein. In meinen Bestrebungen wenigstens ein bisschen von dem zu verstehen, was die Einsteins und Hawkings dieser Welt bisher ausgeknobelt haben, besuchte ich vor einigen Jahren ein paar Lesungen und Vorträge. Am Ende der Tage fühlte sich mein Kopf in der Regel an, als wolle er platzen und ich mich als Mensch und Wesen nutzlos, klein und dumm. Zu groß das Thema, meine Wissenslücken und das Universum, in dem wir als Spezies so absurd klein und unwichtig sind, dass wir streng genommen morgen alle zusammen eine Riesenparty feiern sollten. Wir sollten alles auf den Kopf hauen, was da ist und den Laden einfach dicht machen. Uns wird eh niemand vermissen und die Natur es uns danken.

Was bleibt ist Demut und die Gewissheit, dass unsere Erde ein sehr kostbarer Schatz ist. Die Technologie mag uns irgendwann dazu befähigen den Mars zu besiedeln. Und das mag einmal die letzte Chance für die Menschheit sein zu überleben. Meinem Sohn wünsche ich jedoch, dass er eine heile Erde erkunden kann, mit all den großen und kleinen Wundern, die sie ihm bietet. Und ich wünsche mir, dass mit ihm eine Generation heranwächst, die sich des Privilegs bewusst ist dies zu können. Und zwar deutlich bewusster und konsequenter als es die vorhergehenden getan haben. Ist das Geld, sind die Ressourcen, die wir in die Erforschung des Alls stecken so am Ende nicht doch extrem gut angelegt? Ach, dabei fällt mir ein: Wussten Sie eigentlich, dass der Mars der einzige uns bekannte Planet ist, der ausschließlich von Robotern bewohnt wird?

Sascha Kluger
* Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto