Artikel

8. Oktober 2017

Expertentipps

… und die humorvollen Betrachtungen eines bemühten Laien

Der Entschluss stand fest: Ab sofort wird nicht mehr laienhaft in den Tag hinein gelebt. Nein, nun werden endlich die Fachleute zu den Themen Gesundheit, Karriere, Zentralheizung, innerer Seelenfrieden und anderen Herausforderungen des Alltags ernst genommen. Schließlich raten sie uns einfachen Bürgern in den Medien täglich, wie man auf den rechten Weg einbiegt. Also Schluss mit unreflektierten Gewohnheiten.

Da traf es sich gut, dass die Zeitung einen Sonderteil zum Thema Heizkosten brachte: „Wir sagen Ihnen, wie Sie bis zu 30% Energie sparen“. Der erste Tipp lautete, man soll im Winter nicht bei offener Tür heizen. Nun gut, gegen einen humorvollen Einstieg in die Materie ist nichts einzuwenden. Zweiter Tipp: Die Zimmertemperatur um ein Grad senken. Richtig, das hört man seit der Ölkrise 1972 immer wieder und hat es gern befolgt. Allerdings habe ich mit dem letzten Absenkmanöver die Raumtemperatur bereits auf frauenfeindliche 15 Grad gedrosselt, diese Goldader betrachte ich als ausgekratzt. Der dritte Tipp beschrieb das richtige Lüften: Fünfmal am Tag alle (!) Fenster für mehrere Minuten öffnen, bei jedem (!) Wetter. Das lässt sich umsetzen und ist sogar schon in manchen Mietverträgen zur Pflicht geworden. Die Blumentöpfe verschwinden von der Fensterbank, für Regenwetter liegen Wischtücher bereit, gegen Mücken hilft Mückenspray, der Besuch bekommt Wolldecken angeboten und erscheint ohnehin seltener. Ein erstes Lüften erfolgt morgens nach dem Aufstehen, dann nach der Arbeit vor dem Abendessen, als nächstes bei oder nach dem TV-Krimi, schließlich noch vor dem zu Bett gehen. Ich hab’s ausprobiert, das ist zu schaffen. Das sind allerdings nur vier Lüftungen. Die Terminierung der fünften macht mir noch Schwierigkeiten. Eine Blitzumfrage im Kollegenkreis brachte dazu keine Entscheidungshilfe. Mir scheint, ich gehöre auf dem Sektor noch zu den Vorreitern.

Auch der Gesundheit soll nun mehr Aufmerksamkeit zuteil werden. In verschiedenen Medien wurde verbreitet, dass man vor Keimen keinerlei Furcht entwickeln muss, sofern man die üblichen Hygienestandards einhält: getrennte Schneidebretter für verschiedene Lebensmittel, getrennte Küchentücher, tägliches Auswechseln der Tücher und Waschgänge bei Temperaturen kurz unter dem Siedepunkt. Außerdem: Händeschütteln unterlassen, vor und nach dem Toilettengang. Eine Blitzumfrage im Kollegenkreis ergab, dass diese üblichen Standards noch nicht überall üblich sind. Irritierend ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Expertentipp, die Wäsche generell bei niedrigen Temperaturen zu waschen. Würden die Leute ihren gewissenlosen Hygienefimmel ablegen, könnte man viel Strom sparen und den Planeten kühlen. Das ist einsehbar. Ich habe die Küchentücher schnell noch einmal bei lauen 30 Grad gewaschen, um mein Gewissen zu beruhigen. Die Dinge müssen sich noch einspielen. Für das richtige Verhalten in unserer kleinen Büroküche habe ich einen Leitfaden für die Kollegen formuliert, in einem heiteren, kollegialen Stil, ohne gängeln oder belehren zu wollen.
Im Fernsehen wurde kürzlich das korrekte Händewaschen vorgeführt: „Verteilen Sie die Seife mindestens 30 Sekunden in den Händen und zwischen allen Fingern, bevor Sie die Hände abspülen und gründlich trocknen.“ Ein Mann im weißen Kittel führte den gesamten Vorgang fachmännisch vor. Er wirkte zufrieden mit sich und überspielte taktvoll sein Unverständnis gegenüber unsachgemäßen Waschungen. Alles in allem ein gelungener Filmbeitrag, wenn auch mit Längen im Mittelteil. Diese Waschempfehlung lässt sich durchaus befolgen. Den weißen Kittel kann man zur Not weglassen. Am Arbeitsplatz oder im Theater muss sich lediglich an andere Abläufe gewöhnt werden. Bei rund 55 Sekunden brutto pro Person und Waschbecken kann ein Durchsatz von 66 Personen in der Stunde erreicht werden. Wo dieses Quantum nicht ausreicht, könnte man die Pausen verlängern. Oder die Sanitärbereiche ausbauen. Das Herren-WC an meinem Arbeitsplatz ist mit genau einem Waschbecken ausgestattet. Den neuerdings hinter mir wartenden Kollegen habe ich die Gründe für mein ausgeweitetes Waschzeitbudget erläutert. Ob sie denn den Handwasch-Film nicht gesehen hätten? Die Reaktion war durchwachsen. Mir scheint auch, die Kollegen gehen mir in letzter Zeit aus dem Weg.

Für das berufliche Überleben gibt es ebenfalls fruchtbare Tipps. Die Wochenendbeilage der Zeitung enthält unter der Rubrik „Erfolgreich im Beruf“ regelmäßig Interviews mit Unternehmern und Personalchefs. Auf die Frage, was sie Berufseinsteigern raten, antworten sie ausnahmslos: „Volle Hingabe und restlose Begeisterung für die Arbeit“. Als eigene herausragende Eigenschaft geben diese Chefs ihre Ungeduld an. Und dass sie andere Menschen motivieren können. Das wird so Woche für Woche ohne Widerworte gedruckt. Ich muss dann an die vielen Menschen denken, die morgens in der vollen U-Bahn mit erkennbar gedrückter Miene auf dem Weg zu ihren ungeduldigen Chefs sind, um sich dort unter Vorspiegelung voller Hingabe eine Druckbetankung in Sachen Motivation abzuholen. Ob mit dieser Zeitungsrubrik wohl auch voll berufstätige Menschen angesprochen werden sollen, die einen Teil ihrer Hingabe der Familie zukommen lassen? Wohl kaum. Deren Existenz wird hier verschwiegen wie das Vorkommen verhornter Fußballen. In einem anderen Blatt wird jedoch dringend geraten, sein Leben auf drei Säulen zu stützen: Familie und Freunde, Beruf, individuelles Interessengebiet. Selbst bei elastischer Auslegung widerspricht das den Kernaussagen der Chef-Interviews. Die Rubrik „Erfolgreich im Beruf“ überfliege ich in letzter Zeit nur noch flüchtig, um mein Selbstwertgefühl zu schonen. Manchmal schaue ich mir auch nur die Bilder an: Fotomodelle neben einem Flipchart.

Die weiteren Expertentipps der letzten Woche habe ich noch nicht durchgesiebt. In der näheren Auswahl sind: Man soll sich 30 Minuten am Tag etwas Schönes nur zum eigenen Wohlbefinden gönnen. Und sich ehrenamtlich engagieren. Und 30 Minuten Ausdauersport treiben. Und Fahrgemeinschaften gründen. Und fünf Mahlzeiten mit frischem Obst und Gemüse einnehmen („üblicher Standard“). Und mit der Familie in Ruhe den Tag durchsprechen. Und das Gehirn mit einer neuen Fremdsprache geschmeidig halten. Und Entspannungstechniken anwenden. Und schauen, ob der einsame Nachbar auffällig wird. Und zeitig zu Bett gehen. Und sich mit Wechselduschen abhärten. Und das Liebesleben nachsalzen. Und den PC defrakmentieren. Und zwei anspruchsvolle Tageszeitungen lesen. All das rhythmisiert vom regelmäßigen Stoßlüften. Also, mich schafft schon eine einzige Zeitung mit ihrer Überdosis an eindringlichen Ratschlägen. Vieles lässt sich zeitlich auch gar nicht unter einen Hut bringen. Liebesleben kann man zur Not mit Fahrgemeinschaften koppeln, nicht aber mit Wechselduschen.

Als laienhaft lebender Bürger war ich irgendwie entspannter.

Wolfgang Wunstorf