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8. Oktober 2017

Zugige Beobachtungen

von Gabriela Lürssen

Vor ein paar Tagen wollten mein Mann und ich mit der S-Bahn in Richtung Innenstadt fahren. Nachdem wir die ersten Stufen der Treppe am Bahnhof genommen hatten, stoppten wir abrupt. Die Stufen sahen aus wie die Kombination aus einer öffentlichen Taubentoilette, einem Rekordversuch im Zigarettenkippenwegwurf und einem Testgebiet für Klebestärke ausgespuckter Kaugummis. Diesen mehr oder weniger Naturdünger wollten wir nicht unbedingt in unseren Profilsohlen verewigt haben, aus diesem Grund gingen wir in einer Art ballettartigem Slalom weiter. Was mich aber nicht davor schützte, in ein relatives frisches Kaugummi zu treten.
Auf den unteren Stufen hatten wir mit einem weiteren Hindernis zu kämpfen. Es waren die DNA-Spuren, die regelmäßig verteilt auf diesen Stufen zu finden waren. Nicht nur der Inhalt aus einem Mund, nein, es waren bestimmt mehrere Münder, die zur glibbernden Dekoration der Stufen beigetragen hatten. Wenn es für unseren Gang eine Videoaufzeichnung gäbe, die HVV-Mitarbeiter hätten mal richtig was zu lachen gehabt.
Auf dem Bahnsteig angekommen hörten wir, wie sich zwei wartende Fahrgäste unterhielten.
„Das soll doch alles neu sein“, sagte der Mann.
„Ja, und der Busbahnhof wurde sogar prämiert“, fügte die Frau hinzu.
„Ich finde, dass das hier dreckiger ist als die Reeperbahn am Tag. Und stinken tut das. Also früher sah das hier doch viel gepflegter aus.“
Ob sich die beiden weiter unterhielten, konnten wir nicht mehr hören, da die S-Bahn einfuhr.
Wir stiegen ein.
Wie „gewohnt“ saß im letzten Wagon ein Fahrgast, der tief und fest schlief. Wir setzten uns ein wenig weiter vorne hin. Die Luft war hier auch angenehmer. Aber nur kurz. Dann stiegen zwei junge Männer ein. Beide hatten irgend etwas in der Hand. Ein Döner war es eher nicht. Essen duftet ja eher, als dass es riecht. Diese Dinger rochen dagegen sehr intensiv. Es war ein sehr gewöhnungsbedürftiger Duft. Aber vielleicht schmeckten diese Teile ja ganz anders. Von einem Selbstversuch wollte ich aber absehen.
Die Bahn fuhr los.
An der nächsten Haltestelle stieg ein Vater mit seinem Sohn ein. Beide mit ihren bepackten Fahrrädern. Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, hätte da nicht schon dieser große Koffer von einem anderen Fahrgast gestanden.
„Pass auf, dass du nicht gegen den Koffer stößt“, sagte der Vater zu seinem Sohn.
„Soll ich den Koffer wegnehmen?“, fragte der Kofferbesitzer blitzschnell.
„Nein, der stört uns nicht“, sagte der Vater.
Eine ältere Dame, die mit ihrem Rollator ebenfalls einsteigen wollte, „rannte“ zur nächsten Tür. Vater, Sohn und der Kofferfahrgast schauten der Dame reaktionsfrei nach. Wir schauten uns kopfschüttelnd an und fragten uns, warum der Koffer bloß so verbeult war?
Und schon waren wir am Umsteigebahnhof, wo wir ausstiegen. Wir wollten von hier weiter mit der U-Bahn fahren. Kaum waren wir die halbe Treppe hinunter gegangen, da hörten wir schon ein lautes Stimmenwirrwarr. Wir sahen mehrere Personen mit Hackenporsches, die am Fahrstuhl standen. Nein, das waren keine älteren oder schwächeren Menschen. Es waren fünf junge Männer.
„Du, Liebling“, sagte ich zu meinem Mann, „da ist wohl Schmuggelware für den Flughafen drin.“
„Mag sein. Die muss aber dann sehr leicht sein. Schau mal, wie entspannt die die Hackenporsches hochheben können. Also Rücken haben die nicht.“
Neben den Männern stand, oder besser saß, eine mittelalte Frau im Rollstuhl. Auch sie wollte, beziehungsweise musste, den Fahrstuhl benutzen, um auf den Bahnsteig zu gelangen. Als der Fahrstuhl endlich kam, drängelten sich die Männer samt „Porsches“ in den Fahrstuhl. Keiner beachtete die Frau.
„Mir fehlen die Worte“, sagte ich und starrte mit offenem Mund auf den Fahrstuhl. Die Augen der Rollstuhlfahrerin trafen meine. Sie zuckte nur mit den Schultern. Sie tat uns leid. Ich drückte noch auf den Fahrstuhlknopf und ging mit meinem Mann die Treppe zur U-Bahn hoch. Die Frau lächelte.
Der Bahnsteig war gut gefüllt. Nicht so voll wie im Berufsverkehr, aber es waren doch relativ viele Menschen unterwegs. Eine Frau stand „freihändig“ auf dem Bahnsteig. Sie hatte weder etwas zu essen, noch eine Tippmaschine oder einen Papp- oder Mehrwegbecher in der Hand. Auch hingen ihr keine Kabelwürmer aus den Ohren. Nichts. Ein Mensch wie früher. Ich hätte fast ein Foto von ihr gemacht, aber ich bin ja nun mal nicht handysüchtig. Was für ein Glück. Wie und wann sollte ich sonst solche Beobachtungen machen. Mit Kopf runter und zugedröhnten Ohren ginge das ja nicht.
Nachdem wir unseren Termin in der Stadt erledigt hatten, stiegen wir wieder in unsere S-Bahn. Im hinteren Teil, der nach Poppenbüttel fuhr, bemerkten wir wieder die vielen Menschen mit Koffern.
„Die wollen bestimmt alle zum Flughafen“, sagte mein Mann zu mir, „und somit sind die alle im falschen Zugteil.“
„Wie immer. Viele können die Anzeige am Einstiegsbahnhof nicht lesen. Wie auch, die meisten sind ja so mit sich selbst beschäftigt.“
„Na ja, du musst aber auch zugeben, dass die S-Bahn das nicht besonders gut ausschildert. Wie soll denn jemand, der selten mit der Bahn fährt oder von auswärts kommt, das wissen?“
„Ja, da gäbe es wohl schon ein wenig Nachholbedarf.“
Irgendwie sah diese S-Bahn anders aus als sonst. Ich brauchte einige Zeit, bis ich bemerkte, was anders war. Die Wagons waren durchgängig miteinander verbunden. Gelesen hatte ich vor einiger Zeit darüber, aber gefahren war ich noch mit keiner neuen Bahn. Das ist ein ganz anderes Fahrgefühl.
„Ich wette mit dir“, sagte mein Mann mit Blinzeln in den Augen, „dass die beiden, die da gerade eingestiegen sind, bestimmt durch den ganzen Zug laufen, um einen Sitzplatz zu bekommen.“
„Kann es sein, dass ich dich mit meiner Beobachteritis angesteckt habe?“, fragte ich.
„Ha, siehst du, da ganz hinten haben die sich hingesetzt.“
„Sehe ich.“
„Ich geh‘ noch weiter mit meinen Vorhersagen. Ich wette, dass die beiden an der nächsten Station wieder aussteigen werden.“
In diesem Moment fuhr der Zug im Bahnhof ein. Die beiden standen auf und stiegen aus.
„Ich hab’s doch gewusst!“
„Guck mal, jetzt laufen die den ganzen Bahnsteig wieder runter, weil der Ausgang am anderen Ende liegt.“
„Wenn der HVV irgendwann mal die Sitzplatzanzeige auf den Bahnhöfen flächendeckend einführt, dann bricht garantiert eine neue Wanderbewegung an.“
„Ja, und ich weiß auch schon, wie die heißt: die „Sitzsüchtigen Bahnsteigläufer“.
Wir fuhren weiter.
Kurz vor Ohlsdorf wurden die Fahrgäste per Durchsage auf Deutsch und Englisch darauf hingewiesen, dass der vordere Zugteil zum Flughafen, der hintere nach Poppenbüttel, fahren würde.
Als der Zug in anhielt, stiegen zwei oder drei Personen mit ihren Koffern aus und gingen nach vorn, um dort wieder einzusteigen. Der Zug war immer noch sehr voll. Wir beide standen an der Tür. Wir blieben fast immer im Zug stehen. Man sitzt doch sowieso fast den ganzen Tag.
„Airport?“, fragte uns plötzlich ein Mann.
„No. Please take the first three cars“, sagte mein Mann in perfektem Englisch.
Der Fragende machte ein Zeichen und 14 Personen sprangen auf, nahmen ihre beachtliche Anzahl von Koffern, strömten aus dem Zug und liefen nach vorn. Leider zu spät, der Zugteil zum Flughafen war schon abgefahren.
„Wie jedes Mal. Das hatte ich ja schon vorhin bemerkt“, sagte mein Mann, „wenn man sich schon nicht auskennt, dann sollte man doch mal auf seine Tippmaschine gucken oder zuhören, wenn eine Durchsage kommt. Das machen wir doch auch, wenn wir im Urlaub mit der Bahn unterwegs sind. Ich weiß gar nicht, warum die die Dinger alle so verkrampft in den Händen halten, wenn sie sie nicht nutzen.“
„Ich stelle mir gerade vor, wie hätten einen echten Notfall. Da wären doch viele gar nicht mehr reaktionsfähig. So wenig wie die zuhören, wahrnehmen und umsetzen können.“
„Ich sag‘ nur, manchmal ist das Leben kein Computerspiel.“
Nach dem Halt in Wellingsbüttel strömten die ersten Fahrgäste gleich zu den Zugtüren.
„Meinst du, dass der Zug heute noch eine Extrastation einlegt?“, fragte ich meinen Mann ironisch, der mich sehr verwirrt anschaute.
„Wieso?“, fragte er zurück.
„Na, weil die jetzt schon alle wieder zu den Türen gehen. Sonst können die doch auch keine zwei Minuten stehen. Denk an die beiden von vorhin.“
An den Türen auf der linken Seite standen jetzt ungefähr zwölf Fahrgäste. Durch den Lautsprecher kam die Durchsage, dass der Ausstieg heute ausnahmsweise rechts wäre. Ich musste laut lachen, was sich bei mir manchmal wie das Grunzen eines Schweines anhört. Ich merkte, wie meinem Mann mein Ausbruch peinlich war. Der eine oder andere Fahrgast schaute mich auch komisch an.
Alle Fährgäste stiegen aus. Eine Frau mit einem Kinderwagen ging gleich zum Fahrstuhl, die anderen zur Treppe und Rolltreppe. Vor uns gingen zwei Frauen, beide in pink-schwarzer Sportbekleidung. Die beiden sahen ein wenig nach Pilates oder Yoga aus. Beide hatte eine aufgerollte Gymnastikmatte in der Hand beziehungsweise über die Schulter gehängt.
„Wetten, dass ich eher oben bin als die beiden?“, fragte ich ehrgeizig meinen Mann.
„Natürlich bist du das!“, antwortete er überzeugt, „obwohl du bestimmt 20 Jahre älter bist.“
Ja, und es kam wieder mal anders. Gerade als ich zum Spurt ansetzen wollte, gingen die beiden Frau auf die Rolltreppe. Ich schätze mal, dass 95 Prozent der Fahrgäste die Rolltreppe benutzen.
„Warum hat keiner von denen die Energie mal ein paar Stufen hochzugehen? So ein günstiges Fitnesstraining gibt’s sonst nirgends. Schau dich mal um, die stehen immer noch alle unten an. Alles junge Menschen. Das gibt es doch nicht“, sagte ich zu meinem Mann, als wir schon fast oben waren, „in Wellingsbüttel haben die schon an der Tür gekratzt und jetzt …“
„Ja, so ein paar Stufen ist deine Mutter ja locker noch mit 80 Jahren gegangen“, ergänzte mein Mann.
„80? Das hätte sie bestimmt noch mit 90 geschafft. Oder denk an Lise, die versucht, nach ihrem Schlaganfall jede erdenkliche Möglichkeit zur Bewegung zu nutzen.“
Oben angekommen, fragte ich meinen Mann, ob wir mit dem Bus nach Hause fahren oder lieber zu Fuß gehen wollten.
„Zu Fuß“, antwortete er so energisch, dass ich zusammenzuckte.
„So schnell kannst du dich sonst nie entscheiden.“
„Kannst du dich noch an den irren, rasenden Radfahrer erinnern, der uns letztes Mal anpöbelte, als wir auf den Bus gewartet haben?“
„Meinst du den, der beinahe in den Kinderwagen gerauscht wäre?“
„Genau den. Der ist so rücksichtslos durch die wartenden Menschen gerast. Da musste man echt Angst um seine Knochen haben. Ich sehe immer noch das erschrockene Gesicht der jungen Mutter.“
„Kinder und ältere Menschen können doch so einem Irren gar nicht ausweichen. Ich weiß auch nicht, warum Radfahren auf dem Busbahnhof erlaubt ist. Auf keinem U- oder S-Bahnhof darf man mit dem Rad fahren.“
„Nun reg‘ dich nicht so auf.“
„Ich will mich aber aufregen.“
Wir entschieden uns natürlich zu Fuß zu gehen. Als ich mich viel zu genervt von der Radfahrerdiskusion umdrehte, schlug ich mit meinem Knie gegen einen Koffer.
„Autsch“, schrie ich.
„Entschuldigung“, sagte eine Stimme, die mir bekannt vorkam, die ich aber nicht zuordnen konnte.
„Bianca, bist du das?“, fragte ich überrascht.
„Ich glaub‘ das nicht! Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Das sind doch bestimmt 35, 40 Jahre – oder?“
„Bestimmt“, sagte ich und dabei liefen mir die Tränen über die Wangen, „warum bist du denn nie auf den Klassentreffen gewesen?
„Ich lebe schon seit Jahren nicht mehr in Deutschland. Ich bin Entwicklungshelferin in Afrika.“
„Ja, da ist die Anreise dann wohl doch zu weit“, sagte ich grinsend.
„Schön habt ihr das hier. So sauber, ganz anders als in Afrika. Und die Tauben sind auch noch da. Weißt du noch, wie mein Vater früher immer zu uns sagte, dass wir den Tauben Salz auf den Schwanz streuen sollen?“
„Dass du dich daran erinnerst. Hast du noch Lust auf einen Kaffee?“
„Leider nicht. Mein Flieger geht gleich. Ihr habt hier jetzt ja so eine tolle S-Bahn zum Flughafen.“
Denk‘ dran, dass du Ohlsdorf umsteigst“, sagte ich und dachte an das heute Erlebte.
Meine Schulfreundin ging zur S-Bahn.
„Du, Liebling“, sagte ich zu meinem Mann nach einer langen Pause, „wir haben es doch eigentlich richtig gut in Deutschland.“
„Ja, das haben wir. Vielleicht sollten wir die heutigen Geschehnisse als aktives Kunstprojekt ansehen, an dem wir mitgewirkt haben, meine kleine Sau.“
„Gute Idee“, sagte ich lächelnd und stieß dabei ein kleines Grunzen aus.

Gabriela Lürßen