Kolumne

25. November 2014

Tick, tack, tick, tack.

tick_tackGanz normaler Familienwahnsinn

Waaaaaas? Das Jahr ist schon wieder um? Aber, aber ich erinnere mich doch noch genau daran, wie ich am Neujahrsmorgen neben dem winzig kleinen Mausebär aufgewacht bin und dachte: „Das wird ein ganz besonderes Jahr.“

 

Der winzig kleine Mausebär wiegt inzwischen gute zehn Kilo, misst 76 cm und hat zwei Zähnchen. Und dieses Jahr war wirklich ein ganz besonderes. Man sagt ja immer, je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Das mag stimmen, aber wenn man Kindern dabei zusieht, wie sie wachsen, dann rast die Zeit förmlich.

 

Ich glaube außerdem, je mehr Aufmerksamkeit man einem Moment schenkt, desto weniger merkt man, wie die Zeit vergeht. Ich kann mich noch gut an die ersten Tage nach Monas Geburt erinnern: Ich habe oft neben ihr gelegen und sie einfach angeschaut. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Und schwups, plötzlich war eine ganze Stunde vergangen.

 

Sattsehen kann ich mich nach wie vor nicht. Allerdings kann ich Mona nun nicht mehr einfach so eine Stunde lang anstarren. Das geht nur noch, wenn sie ein Nickerchen macht. Zwei Mal am Tag wird das System noch kurzzeitig runtergefahren – allerdings selten länger als eine dreiviertel Stunde. Ansonsten ist hier den ganzen Tag Action in der Bude.

 

Einen Kuchen zu backen, dauert ewig.

Einen Kuchen zu backen, dauert ewig.

Alles ist interessant. Das Geräusch, das die Metallschüssel auf den Küchenfliesen macht, wenn man sie fallen lässt. Auch schön ist das Quietschen, das die kleine schwitzige Patschehand erzeugt, wenn sie langsam über den Parkettboden im Wohnzimmer streicht. Klopfen, Klatschen, Rasseln. Alles was Lärm macht, ist super. Gut, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, Mona eine Trommel oder Ähnliches zu schenken. Eine Mundharmonika haben wir zwar schon, aber die steckt sie sich immer längs in den Mund und pustet hinein. Bisher (zum Glück) ohne Erfolg.

 

Monas zweite Lieblingsbeschäftigung ist das Ausräumen. Ob es das Handtuchregal im Bad ist, der Wäschekorb, die Waschmaschine oder das Schuhregal im Flur und nicht zu vergessen, ihre beiden Spielzeugkisten. Nichts ist vor ihr sicher. Es dauert maximal eine halbe Stunde und die gesamte Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld.

 

Aber das Wichtigste ist, dass ihr jemand dabei zusieht. Es gibt zwar auch Momente, in denen sie gedankenversunken vor sich hinspielt, aber meist wird Mamas Anwesenheit lautstark eingefordert. Mal eben dies oder das erledigen, geht nur bedingt. Essen zu kochen oder einen Kuchen zu backen, dauert eeeeewig. Zumindest gefühlt. Improvisation ist gefragt, ebenso wie Spontanität. Zwei Eigenschaften, die ich jahrelang in meinem Job als Werbetexterin problemlos anwenden konnte. Privat musste ich das irgendwie erst lernen. Anfangs war es für mich ein Drama, von meinem ursprünglichen Plan abweichen zu müssen.

 

Aber wie sagte schon Brecht: „Mache einen Plan, sei ein großes Licht. Mache einen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.“ Natürlich gibt es inzwischen auch etwas Routine: die Zeiten für die Mahlzeiten und das Zubettgehen zum Beispiel. Und den Lehmsahler Müttertreff (LeMü) am Donnerstag.

 

Nein, das ist keine Handarbeits- oder Töpfergruppe. Es ist ein toller „Krabbeltreff“ – Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren können hier toben, spielen, singen und sich einander näher kommen. Und ich habe Zeit, bei einem köstlichen Frühstück andere Mütter aus meiner Nachbarschaft kennenzulernen und mich auszutauschen. Mona liebt diese Donnerstage, kaum sind wir im CVJM-Jugendhaus angekommen, bin ich erst einmal abgemeldet. Die anderen Kinder und das viele fremde Spielzeug sind so spannend, dass ich in diesen anderthalb Stunden tatsächlich mal in Ruhe einen Kaffee trinken kann. Wir profitieren also beide davon. Eine Win-Win-Situation sozusagen.

 

Angenehme Nebeneffekte hat diese Krabbelgruppe auch: Die Kinder beobachten sich gegenseitig, mehr, als man selbst manchmal wahrnimmt. Sie gucken sich Verhalten von einander ab und lernen so neue Dinge. Mona hat z. B. gelernt, dass man zum Hinsetzen nicht erst auf die Knie gehen muss, sondern sich wahlweise auch einfach auf den Po fallen lassen kann. Abgeguckt von einem anderen kleinen Hosenscheißer.

 

Nach diesen anderthalb Stunden mit den anderen Kindern ist Mona so platt, dass ihr Nickerchen dann immer etwas länger dauert. Und auch ich kann auf diese Weise immer ein bisschen mitdösen.

 

Doofer Nebeneffekt dieser Gruppe: Die Kinder stecken sich gegenseitig an – im besten Fall ist es nur ein Schnupfen. Allerdings sehe ich das eher positiv, denn so hat Mona vielleicht schon die Gelegenheit ihre Abwehrkräfte zu stärken. In der Kita wird sie bald täglich mit anderen Kindern (im Kitajargon sagt man dann: Bazillenschleudern) zusammen sein.

 

Beim Thema Kita merke ich auch sehr, wie schnell die Zeit vergangen ist. Vielleicht erinnern Sie sich an meinen Artikel aus dem vergangenen Jahr, in dem ich über die Bewerbung um einen Kitaplatz schrieb. Da war ich im siebten oder achten Monat schwanger und fand es ziemlich absurd, dass man sich so früh um einen Platz kümmern muss. Mensch, das ist noch soooo lange hin, dachte ich damals.

 

Nun rückt der Zeitpunkt immer näher. Und das ist ein Thema, bei dem ich sehr widersprüchliche Gefühle habe. Ursprünglich sollte Mona schon im Dezember in die Krippe gehen. So war damals mein Plan. Und ich war ziemlich enttäuscht, als klar wurde, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch keinen Platz haben werden. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe mein Kind und ich bin wirklich sehr, sehr gern Mutter.

 

Aber ich vermisse meine Arbeit. Ich habe wieder große Lust auf beruflichen Input, auch wenn das bedeutet, dass ich Mona dann nicht mehr rund um die Uhr sehe. Und jede Wette, wenn dann der Tag gekommen ist, an dem sie wirklich acht Stunden in der Krippe verbringt, werde ich mich schlecht fühlen und sie schrecklich vermissen.

 

Jetzt gerade bin ich nicht unglücklich darüber, dass wir den Kita-Platz nicht ab Dezember, sondern erst ab März haben. Meine Arbeit vermisse ich trotzdem. Und es gibt Tage, da sage ich scherzhaft zu meinem Mann, dass ich gern für ihn ins Büro gehen möchte und er zu Hause bleiben soll.

 

Ich bewundere und beneide die Frauen, die mit dem Mutter- und Hausfrauen-Dasein vollkommen zufrieden und erfüllt sind. Dass dies oft anstrengender ist als acht Stunden im Büro, weiß ich inzwischen selbst sehr genau. Es gibt keinen Feierabend, man ist immer im Einsatz. Und trotzdem reicht mir das auf Dauer nicht. Ich liebe meinen Beruf und freue mich auf meinen Wiedereinstieg und die Abwechslung. Und zum Glück ist die Kita-Eingewöhnung ja ein Prozess, der in Stufen verläuft.

 

Ich erinnere mich noch an den Satz der Kita-Leiterin, die zu mir meinte: „Die Eingewöhnung ist in vielen Fällen nicht nur der Prozess, das Kind an die Krippe zu gewöhnen, sondern auch ein Prozess des Loslassens der Mutter.“ Ich habe sie damals etwas ungläubig angestarrt. Es war so klar wie Kloßbrühe, dass Mona in die Krippe kommt, sobald sie ein Jahr alt ist.

 

Heute verstehe ich den Satz der Kita-Leiterin besser und weiß, dass meine Gefühle gemischt sein werden, wenn es bei uns so weit ist. Die Uhr tickt. Irgendeinen Countdown gibt es immer. In diesem Sinne: Ihnen allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

 

Teresa Stockmeyer