Artikel

3. Dezember 2019

Zum Glück verloren

von Gabriela Lürssen

Geschafft. Die Arbeit für dieses Jahr war erledigt, der Schreibtisch aufgeräumt und die Schubladen von überreifen Bananen befreit. Einige Kollegen hatten sich schon von mir verabschiedet. Sie hatten „schöne Weihnachten und einen guten Rutsch“, meistens noch mit der Aussage, dass ich mir doch „ordentlich was schenken lassen sollte“ gewünscht. Ich musste darüber nur schmunzeln.
Als ich endlich im Auto saß, atmete ich erst einmal tief durch. Ich wollte die Weihnachtsfeiertage bei meinen Eltern verbringen. Einen Mann gab es zurzeit nicht. Nicht, dass ich keine Verabredungen hatte, aber die einen waren mir einfach zu flippig, die anderen zu karrierebesessen und wieder andere wollten sofort mit mir aufs Standesamt. So ein wenig Herzschmerz und Flugzeuge im Bauch sollten es dann aber schon sein. Aber jetzt freute ich mich erst mal auf entspannte Tage bei meinen Eltern.
Ich fuhr los und stellte das Radio an. Obwohl der 23. Dezember war, wurde kein Weihnachtslied gespielt. Vielleicht war das aber auch die „Stunde ohne Weihnachtslieder“.
Was für ein Glück, dachte ich, als ich durch die überraschend leere Stadt fuhr. Entweder waren viele noch bei der Arbeit oder bereits in den Weihnachtsferien. Vielleicht war das aber nur die Ruhe vor dem Sturm und die Last-Minute-Shopper würden ihrem Namen gerecht erst am 24. Dezember aktiv. Egal, morgen würde ich eh bei meinen Eltern sein, die ungefähr 80 Kilometer entfernt wohnten.
Der Jingle vom Verkehrsfunk riss mich aus meinen Gedanken: „Richtung Norden verlieren Sie ungefähr 20 Minuten vor der Baustelle in Höhe der Ausfahrt 12“, sagte die Sprecherin.
Na super, da waren sie also, die Autos, die in der Stadt fehlten, dachte ich. Nach 20 Minuten Fahrt war ich im Club der sich Stauenden auf der Autobahn angekommen. Hinter mir folgten weitere Autos, so dass ich schon sehr schnell nicht mehr die Letzte war. Ich schaute in den Rückspiegel und sah eine Fahrzeugschlange, deren Ende ich nicht ausmachen konnte.
Aus dem linken Augenwinkel bemerkte ich, dass auf der Spur neben mir ein marineblauer Mittelklassewagen stand. Ich schaute den Fahrer an. Er war geschätzt fünf oder sechs Jahre älter als ich. Von der Seite sah er sehr attraktiv aus. Mein Kopfkino sprang an. Wo der wohl hin wollte? Wahrscheinlich hat er eine bildhübsche Frau oder Freundin, die zu Hause auf ihn wartete. Ein Hupen beendete meine ausschweifenden Gedanken. Ich schaute nach vorn und bemerkte, dass das Hupen mir gegolten hatte. Also hob ich zur Entschuldigung kurz die Hand, lächelte in den Rückspiegel und fuhr los. Nach geschätzten 100 Metern kam der Verkehr wieder zum Stehen. Na super, dachte ich und entdeckte, dass sich in der Mittelkonsole und in den seitlichen Ablagen ganz schön viel Müll angesammelt hatte. Ich warf altes Bonbonpapier, Taschentücher und Parkausweise auf die Beifahrerfußmatte, um alles bei meinen Eltern zu entsorgen.
Der Verkehrsfunk meldete sich wieder. Die Moderatorin sprach jetzt von 30 Minuten Zeitverlust aufgrund des Staus. Da ich aber schon mittendrin war, hoffte ich darauf, bald wieder freie Fahrt zu haben. Ich blickte aus dem Fenster. Neben mir stand wieder der marineblaue Wagen. Der gut aussehende Mann lächelte in meine Richtung. Hatte er mich möglicherweise schon die ganze Zeit beobachtet? Ich fühlte mich ertappt und lächelte zurück. Er fuhr weiter.
Noch ungefähr 300 Meter, dann musste ich abfahren. So mit männlicher „Begleitung“ und Aufräumen war der Stau doch nicht so langwierig wie erwartet.
Noch 15 Minuten auf der Landstraße, dann würde ich den kleinen Ort meiner Eltern erreichen. Der Song „Driving home for Christmas“ im Radio ließ ein paar Tränen über meine Wange laufen, die ich schnell wieder wegwischte.
Ich hielt bei dem schönsten Blumenladen der Gegend an. Früher war dieses Geschäft ein Ein-Frau-Betrieb, heute gab es mehrere Angestellte. Ich betrat den Laden und war mal wieder fasziniert von der Anordnung der Blumen und Pflanzen auf unterschiedlichen Farbinseln. Meine Eltern und ganz besonders meine Mutter liebten diese Sträuße mit duftender Tanne, roten Dekorationskugeln und so weiter.
„Ich würde diesen nehmen“, sagte eine männliche Stimme hinter mir, als ich mir gerade die Sträuße ansah.
Ich drehte sich um und sah den Mann aus dem marineblauen Auto. Von vorn und so dicht sah er nicht weniger gut aus.
„Was machen Sie denn hier?“, fragte ich und war selbst überrascht über diese Frage.
„Ja, was macht man wohl in einem Blumengeschäft?“, war seine Gegenfrage.
Er nahm den Strauß aus dem Wasserbehälter und gab ihn mir. Ich musste so was von blöd aus der Wäsche geschaut haben und sagte nur noch: „Ja, ich glaube, den nehme ich wirklich.“
„Soll ich Ihnen den Strauß gleich einpacken?“, fragte der Mann und schaute mich mit seinen strahlend grünen Augen an.
„Sie? Nee, das kann lieber eine Floristin machen“, antwortete ich und ging in Richtung Kasse. Ich blieb kurz stehen und sah mir einen Deko-Stern aus duftendem Holz an. Dann bezahlte ich, ging zu meinem Auto, legte den Blumenstrauß auf die Rücksitzbank und fuhr vom Parkplatz. Im Rückspiegel sah ich wieder den blauen Wagen, der auch auf dem Parkplatz stand.
Endlich kam ich bei meinen Eltern an.
Ich klingelte, hörte Schritte und dann öffnete meine Mutter die Tür.
„Nele, schön, dass du da bist“, sagte meine Mutter und nahm mich in den Arm. Mein Vater kam aus dem Wohnzimmer, begrüßte mich und holte mein Gepäck aus dem Auto,
„Ich freu‘ mich auch. Hat etwas länger gedauert, als ich dachte. Unterwegs war ein kleiner Stau. Aber jetzt bin ich hier. Die Blumen sind für euch“, sagte ich.
„Wunderhübsch“, befand meine Mutter, während sie am Strauß roch.
„Ich habe Kirschsuppe mit Grießbrei und Donauwellen gemacht. Was möchtest du essen?“
„Donauwellen und ´nen Kaffee wären super, Mama“, antwortete ich,
„Wir freuen uns so, dass du Weihnachten mit deinen Alten verbringen willst. Das ist nicht selbstverständlich“, sagte mein Vater grinsend.
„Ich bin doch gern bei euch. Und Weihnachten erst recht“, versicherte ich und lehnte mich gemütlich zurück.
„Mama, die Donauwellen sind einfach zu lecker. Bei mir gibt es keine Konditorei, die an deine Qualität herankommt. Ich glaub‘, ich ess‘ noch ein Stück.“
Plötzlich klingelte es an der Tür.
„Erwartet ihr noch Besuch?“, fragte ich.
„Eigentlich nicht. Es hat sich zumindest keiner angekündigt“, antwortete mein Vater, als er zur Tür ging und diese öffnete.
„Guten Tag, mein Name ist Tim Stolpel. Ich suche eine Nele Baumeister. Bin ich hier richtig?“, fragte eine männliche Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkam.
„Ja. Und was möchten Sie von Nele?“, fragte mein Vater neugierig.
„Ich, ich möchte ihr etwas geben“, antwortete der junge Mann.
„Nele, komm mal bitte. Hier ist jemand für dich“, rief mein Vater.
„Ja, Papa, wer ist denn da?“, fragte ich und kam an die Haustür.
„Sie? Was wollen Sie denn hier? Und woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte ich völlig überrascht und möglicherweise ein wenig unhöflich.
„Nun kommen Sie doch mal rein, junger Mann“, sagte mein Vater.
„Vielen Dank. Ich habe die Floristin im Blumenladen gefragt, ob sie wüsste, wo Sie wohnen. Die hat mir Ihre Adres­se gegeben und jetzt bin ich hier“, erklärte der junge Mann.
„Sie haben mit Lea gesprochen? Und die gibt einfach meine, beziehungsweise die Anschrift meiner Eltern an Sie weiter? Das ist ja ´nen Ding. Lea ist die Zwillingsschwester meiner besten Schulfreundin“, erklärte ich, „aber einfach so den Datenschutz zu verletzen, das geht doch nicht!“
„Nele, ich darf doch Nele sagen? Vielleicht soll ich dir noch sagen, dass ich der Neffe der Blumenladenbesitzerin bin. Und dass meine Tante und mein Onkel mich eingeladen haben, Weihnachten mit ihnen zu verbringen“, sagte Tim.
„Ja und?“, fragte ich und erwartete mehr Informationen.
„Na ja, vielleicht ist das ein wenig altbacken, ungewöhnlich und unnormal für einen Mann in meinem Alter. Ich habe die letzten Jahre mit meiner Freundin in Süddeutschland verbracht. Sie ist aber völlig unerwartet und überraschend nach 13 gemeinsamen Jahren mit einem Südländer abgehauen. Einfach so. Und da kam das unverhoffte Angebot gerade recht“, erklärte Tim.
Ich konnte nur mit einem undefinierbaren „Aha“ reagieren.
„Sie heißen Stolpel, habe ich das richtig verstanden?“, fragte mein Vater.
„Ja, das stimmt“, antwortete Tim.
„Ich war mal mit einem Hermann Stolpel befreundet. Wie sind auf dieselbe Schule gegangen. Irgendwann ist der Kontakt aber abgebrochen. Sind Sie mit ihm verwandt?“, fragte mein Vater interessiert.
„Sie waren mit meinem Vater befreundet? Das glaub‘ ich nicht“, entfuhr es Tim.
„Ich erinnere mich. Hermann hatte damals eine wesentlich jüngere Schwester … und das müsste Jutta sein, die Inhaberin von der ‚Blüteninsel‘, stimmt’s?“, fragte mein Vater.
„Stimmt, das ist meine Tante. Sie ist sieben Jahre älter als ich“, erklärte Tim.
„Ich bin übrigens Harry“, sagte mein Vater, „du hast wirklich viel Ähnlichkeit mit deinem Vater.“
Meine Mutter und ich lauschten fasziniert und ein wenig ungläubig diesem Gespräch. Die beiden Männer waren so vertieft, dass meine Mutter sie mit lauter Stimme bitten musste, ins Wohnzimmer zu kommen.
„Nun setzt euch man hin und lasst uns den Kuchen genießen“, schlug meine Mutter vor.
„Vielen Dank. Aber woher kennen Sie denn nun unsere Tochter?“, fragte meine Mutter.
„Sie dürfen gern Tim zu mir sagen. Wir haben uns vorhin im Stau kennengelernt. Das war der angenehmste Stau in meinem Leben“, sagte Tim und schaute mich und meine Eltern an.
„Kennengelernt, das ist wohl etwas übertrieben, Tim“, stellte ich klar und erklärte kurz, wie es wirklich gewesen war.
„Was es nicht alles gibt“, sagte meine Mutter und lud Tim zum Abendessen ein. So kannte ich sie überhaupt nicht. Ein paar Minuten später verabschiedete sie sich in Richtung Küche. Ich folgte ihr. Die Tür zum Wohnzimmer war geöffnet, wir hörten, dass sich mein Vater und Tim immer noch unterhielten.
„Die reden ja ohne Punkt und Komma“, stellte meine Mutter fest.
„Ich glaub‘, dass Papa in Tim seinen Schulfreund sieht. Wahrscheinlich fällt ihm gerade seine ganze Kindheit und Jugend ein“, ergänzte ich, „ich wusste gar nicht, dass Papa so viel reden kann.“
„Ich auch nicht“, sagte meine Mutter und gab mir eine Schale Kirschsuppe mit Grießbrei. Ich genoss die Suppe und bekam so ein Gefühl von Heimat.
Ich deckte den Tisch und meine Mutter brachte das Essen aus der Küche ins Wohnzimmer. Selbst während des Essens unterhielten sich die Männer.
„Das ist alles wirklich ausgesprochen lecker“, sagte Tim nach dem Essen, „vielen Dank.“
„Sehr gern“, erwiderte meine Mutter.
„Ich muss jetzt leider los. Meine Tante und mein Onkel warten sicherlich schon.“
„Grüß‘ Jutta“, rief mein Vater. Man merkte an seiner Stimme und an seiner roten Gesichtsfarbe, wie aufgeregt er war.
„Ich bring‘ dich noch zum Auto“, versprach ich und hoffte noch zwei Minuten mit Tim allein zu sein.
„Sehr gern“, antwortete Tim und lächelte mich an.
„Was wolltest du mir eigentlich geben?“, fragte ich.
„Das hätte ich fast vergessen, weil ich so viel mit deinem Vater über früher, meinen Vater, die Dorfentwicklung und so weiter gesprochen habe. Warte, hier ist der Stern, den du dir vorhin angesehen hast“, sagte Tim und gab ihn mir.
„Danke, dass du das bemerkt hast“, sagte ich leise zu Tim, „dreh dich jetzt nicht um, meine Mutter steht am Fenster und beobachtet uns.“
„Das ist doch nicht weiter schlimm, Nele“,
antwortete Tim und schaute mich fragend an.
„Eigentlich nicht … es ist nur, sie schreibt ab und zu Geschichten für das Dorfblatt. Ich befürchte, dass sie über unsere Geschichte auch etwas schreiben wird“, sagte ich, „vielleicht wird die Geschichte ‚Zeit verloren – Weihnachtsengel gefunden‘ oder so ähnlich heißen. Da kenn‘ ich meine Mutter.“
Tim antwortete nicht, sondern nahm mich nur in den Arm. Dieses Mal fühlte es sich ganz anders an, als bei den anderen Männern. Es fühlte sich richtig an! Und so standen wir verträumt unter dem sternenklaren Dezemberhimmel, als plötzlich die Tür aufging und mein Vater sagte: „Ich freu‘ mich schon auf übermorgen, Tim. Und frag‘ Jutta unbedingt nach den Fotos.“
Darauf mussten wir nur noch lachen!

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern schöne und entspannte Feiertage, ein friedliches und gesundes neues Jahr sowie Zeit, die Gedanken mal schweifen zu lassen.

Ihre und Eure Gabriela Lürßen