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3. Dezember 2019

Patricias Geheimnis (Finale Teil 5)

Duvenstedt, im Dezember

 Ich freue mich ganz doll auf morgen. Papa sagt, dass er morgen nicht arbeitet. Ich muss dann nicht in den Kindergarten. Wenn es dunkel ist, gehen Papa und ich auf den Weihnachtsmarkt. Papa sagt, wenn die ganzen Lichter an sind, ist es dort viel schöner. Auf dem Weihnachtsmarkt fahre ich Karussell. Das Karussell hat auch ein Pony. Kein echtes, aber ich spiele, dass es echt ist.

 

Düsseldorf, im Februar

Ulf Vogt sitzt allein am Tisch in dem griechischen Restaurant in der Altstadt. Er hat eine Kleinigkeit gegessen und bereits zwei Altbier, eine Flasche Rotwein und mehrere Ouzo intus. Benebelt kaut er an einem Zahnstocher und starrt vor sich hin.
Die Kellnerin tritt an den Tisch und fragt Vogt, ob sie ihm noch etwas bringen könne. Vogt verneint und bittet um die Rechnung. Die Kellnerin nickt und geht davon.
Vogt vergräbt das Gesicht in den Händen. Gott, wie sehr er das alles hasst. All diese Gedanken und Bilder. Dieses Leben. Sich. Die ständige Wut lässt sich kaum noch ertragen.
Trisch. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht an sie denkt. An seine Tochter, sein Baby, seinen Engel. Seit sechs Jahren, zwei Monaten und einigen Tagen ist sie verschwunden – und wird nicht mehr auftauchen.
Niemand weiß es sicherer als er.
Vogt schüttelt den Kopf. Es hätte dazu nicht kommen dürfen. Niemals. Weshalb bloß hatten Evelyn und er sich nicht dagegengestemmt? Sie hatten nicht gekämpft und am Ende hatten sie den höchsten Preis gezahlt, den Eltern zahlen.
Das Leben des eigenen Kindes.
Die Kellnerin bringt die Rechnung und stellt einen weiteren Ouzo hin. Vogt zahlt und gibt ein großzügiges Trinkgeld. Die Kellnerin bedankt und verabschiedet sich.
Vogt kippt den Ouzo herunter. Was, wenn dieses Trisch so ähnlich sehende Mädchen doch kein Trick der Soko-Bullen ist? Wenn es keine Idee der Ermittler ist, sondern es sie wirklich gibt? Oder ist vielleicht sogar das Unmögliche wahr geworden und Trisch ist tatsächlich zurückgekehrt?
Wie auch immer das möglich sein kann.
Plötzlich ist Vogt kalt. Es nützt nichts, sagt er sich, er muss hoch nach Hamburg und sich das Ganze mit eigenen Augen anschauen.
Angestrengt denkt er nach. Bargeld, EC-Karte, Autoschlüssel, Papiere … – er hat alles dabei, um sich sofort auf den Weg zu machen. Vogt blickt auf die Uhr. Wenn er gut durchkommt, ist er vor Mitternacht oben und kann sich in einem kleinen Hotel noch für ein paar Stunden aufs Ohr hauen, bevor er sich morgen früh auf die Suche nach dem Mädchen macht. Zwar hat er noch keinen Schimmer, wie die Suche aussehen soll, doch während der Autofahrt hat er ausreichend Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Er wird seine Frau anrufen und ihr einen Bären aufbinden, weshalb er vorerst nicht nach Hause kommt, und in der Firma wird er sich krankmelden. Scheiß‘ drauf, ob man ihm glaubt.
Das hier ist jetzt wichtiger.
Vogt steht auf und prüft sich. Alles klar, beschließt er, fahrtüchtig. Er hat sich schließlich schon in anderem Zustand hinters Lenkrad gesetzt.
Vogt zieht sich seine Jacke über und verlässt das Restaurant.

 

Duvenstedt, im Februar

Den Abstecher zu der anderen Familie, mit deren Tochter Patricia häufiger gespielt hat, hätte sich Bergmann schenken können. Die Mutter hatte ihn an der Haustür in aller Kürze abgefertigt. Nein, sie wolle nicht über Patricia sprechen. Ja, sie habe von dem ominösen Mädchen gehört. Nein, es interessiere sie nicht weiter. Schönen Abend noch. Tür zu.
Während Bergmann das Grundstück verlässt, zieht er den Schal um seinen Hals enger. Es ist klirrend kalt geworden. Bergmann sieht den wenige Meter entfernt abgestellten Mittelklassewagen, der vor rund zwei Minuten noch nicht dort stand. An dem Wagen lehnt ein großer Mann mit breiten Schultern und zerzaustem, vollen Haar. Er hat die Hände in den Manteltaschen vergraben und sieht Bergmann an. Es ist offensichtlich, dass er auf ihn wartet.
„Herr Bergmann!”, sagt er und geht langsam auf ihn zu.
Bergmann mustert ihn so gut es das matte Licht der Straßenlaternen zulässt. Der Mann strahlt Autorität aus, wirkt aber nicht bedrohlich.
„Kennen wir uns?”, fragt Bergmann.
„Zumindest kenne ich Sie.”
Bergmann zieht fragend eine Augenbraue hoch.
„Kriminalkommissar Torsten Schwenn. Ich leite jetzt die Sonderkommission, die im Vermisstenfall Patricia Vogt ermittelt. Herr Bergmann, wir müssen reden!”

 

Duvenstedt, im Dezember

Manchmal nimmt Mama mich mit, wenn sie einkaufen geht, und manchmal sagt sie, ich soll zu Hause bleiben, und dann darf ich Fernsehen gucken. Manchmal ist Mama ganz schön vergesslich, wenn sie einkauft. Sie vergisst nämlich mal Sachen zu kaufen, die sie eigentlich kaufen wollte. Gestern hat Mama alles vergessen. Als sie wieder nach Hause kam, hatte sie nichts mitgebracht. Als ich Mama fragte, wo die eingekauften Sachen sind, hat sie angefangen zu weinen und gesagt, dass ich das Papa nicht sagen darf. Auf gar keinen Fall. Ich habe es versprochen.

 

Duvenstedt, im Februar

Das Mädchen schläft. Die Frau sieht es liebevoll an und würde es am liebsten küssen, doch das könnte es aufwecken. Es ist gut, dass das Mädchen jetzt schläft. Die vergangenen Tage waren anstrengend.
Die Frau steht auf und schaltet das Deckenlicht aus. Nun wirft nur noch der eingeschaltete und auf stumm gestellte LED-Fernseher Licht in den kleinen Raum. Die Frau setzt sich wieder auf den schmalen Sessel unter dem zugezogenen Fenster. Sie betrachtet das Mädchen und ihr Herz quillt über vor Glück, mit Trisch zusammen zu sein.
Es ist fast wie früher.
Fast.

Schwenn und Bergmann sitzen im Wagen, in dem es dank der Standheizung auch ohne laufenden Motor angenehm warm ist. Zuvor hatte Schwenn, nachdem er Bergmann auf dessen Verlangen hin den Dienstausweis und die Metallmarke der Kriminalpolizei gezeigt hatte, den Wagen in eine andere Straße gefahren.
„Ich will nicht lange um den heißen Brei reden“, sagt Schwenn. „Ich habe spitzgekriegt, dass Sie sich im Vermisstenfall Patricia Vogt umhören. Weshalb?“
„Ist ein ziemlich seltsamer Fall, und dieses Mädchen macht es nicht weniger mysteriös.“
„Hören Sie, Herr Bergmann, vor rund fünf Jahren habe ich mitbekommen, welches Risiko Sie eingegangen sind, um Senator Magnus Peters‘ Machenschaften ans Licht zu bringen, und bis heute weiß ich nicht, ob ich Sie dafür als mutig oder dämlich bezeichnen soll. Jetzt sind Sie fast fünfundsiebzig Jahre alt und meinen erneut, Sheriff in einen Fall spielen zu müssen, der ein paar Nummern zu groß für Sie ist.“
Bergmann lässt die Seitenscheibe runter, zieht die Zigarettenschachtel aus der Jackentasche und steckt sich eine Zigarette an. Er pustet den Qualm nach draußen und hält die Hand mit der Zigarette raus. Dann wendet er sich Schwenn zu und sagt: „Lieber Herr Kriminalkommissar, Ihr Problem ist, dass Sie keinen Schimmer haben, wie Sie Licht in diese Sache bekommen. Doch das müssen Sie, denn der mediale Druck wächst und wird spätestens in zwei Tagen gewaltig sein. Aktuell stehen Sie da wie der letzte Depp, denn Sie laufen dem geheimnisvollen Mädchen nur hinterher, und kein Leiter einer Soko gibt in der Öffentlichkeit gerne die Rolle des Depps. Sie ahnen, dass ich Ihnen voraus bin und Sie benötigen meine Unterstützung, um möglichst schnell zu liefern.“
Schwenn lächelt dünn. „Nennen wir es eine Partnerschaft auf Zeit, von der beide Seiten profitieren, denn im Gegenzug biete ich die Ressourcen, die für mehr Geschwindigkeit sorgen: Personal, Equipment … – Sie wissen schon. Werfen wir unsere Kompetenzen zusammen, Herr Bergmann.“ Plötzlich wird seine Stimme streng: „Dies ist kein Wettlauf zwischen Ihnen und der Polizei, sondern der tragische Vermisstenfall eines fünfjährigen Mädchens, der endlich aufgeklärt werden muss. Für Wettbewerbsdenken und persönliche Eitelkeiten ist kein Raum.“
Bergmann zieht zweimal an der Zigarette, um sie anschließend in die Dunkelheit zu schnippen.
„Also gut“, sagt er dann. „Fahren wir zu mir nach Hause. Dort habe ich etwas, das Sie interessieren dürfte.“

 

Duvenstedt, im Dezember

Wir sind mit dem Auto zum Weihnachtsmarkt gefahren. Als wir aussteigen, trifft Papa einen Freund. Ich kenne ihn nicht. Papa sagt, ich kann seinem Freund vertrauen und soll brav mit ihm mitgehen, wenn mal was ist. Ich verstehe nicht, was Papa meint. Sein Freund geht ein Stück mit uns mit. Er ist nett.

 

Duvenstedt, im Februar

Jörg Krull blickt auf die Notizen, die er sich während der Telefonate und der Online-Recherche gemacht hat und fragt sich, ob seine Gedanken ihm Streiche spielen oder ob er tatsächlich richtig liegt, wenn er eins und eins zusammenzählt.
Kann es wirklich sein, dass …?
Und wenn ja: Wozu das Ganze?
Krull pustet tief durch. Eigentlich müsste er es sofort an die Soko weitergeben, anderseits war es Bergmann gewesen, der ihn gebeten hatte, genau diese Informationen zu beschaffen. Es war allein Bergmann Idee, außer ihm war bislang niemand darauf gekommen, also hatte Bergmann das Recht, es als erster zu erfahren. Es ist nur fair, und außerdem: Was sind schon fünf Minuten Vorsprung, bevor auch die Soko informiert ist?
Krull greift bereits zum Telefon, als er beschließt, nicht anzurufen. Er hat kein gutes Gefühl. Was, wenn seine Anrufe nachverfolgt werden? Ein eingeleitetes Disziplinarverfahren aufgrund des Verdachts eines Dienstvergehens ist das Letzte, was er sich einhandeln will. Nein, es dürfte sicherer sein, Bergmann zu treffen anstatt ihn anzurufen. Es ist kurz vor einundzwanzig Uhr und wahrscheinlich ist Bergmann zu Hause.
Zwei Minuten später macht Krull sich auf den Weg zu Bergmanns schmalem Reihenhaus, das längst zu groß geworden ist für den alleinstehenden alten Mann.

Vogt wird immer müder. Bereits zweimal ist er während der vergangenen Minuten in Sekundenschlaf gefallen, doch zum Glück ist nichts passiert. Mit den per Tempomat geregelten hundertachtzig Sachen wäre ein Unfall nicht glimpflich ausgegangen.
Vogt dreht die Musik lauter, lässt die Seitenscheibe ein Stück herunter und flucht in sich hinein. Es war keine gute Idee gewesen, sich vor dem Start an einem Kiosk drei Dosen Bier zu kaufen und sie während der Fahrt zu leeren. Er beschließt am nächsten Rastplatz anzuhalten und an der kalten, frischen Luft einige Dehnübungen zu machen. Das sollte reichen, um wieder fit zu werden und es dann in einem Rutsch bis nach Hamburg zu schaffen.
Vor ihm liegen noch hundertdreißig Kilometer.

 

Duvenstedt, im Dezember

Papa und ich sind jetzt auf dem Weihnachtsmarkt. Da ist das Karussell. Gleich fährt es los. Ein anderes Kind sitzt auf dem Pony. Ich warte, bis das Pony frei ist. Ich will nicht woanders sitzen. Papa hält mich an der Hand. Er spricht nicht viel mit mir. Mit Mama spricht er überhaupt nicht. Ich finde Papa heute ganz seltsam.

 

Duvenstedt, im Februar

Schwenn staunt nicht schlecht. Er steht neben Bergmann vor dessen Pinnwand mit den aus dem Cityatlas ‘rausgerissenen Seiten, in denen die Fähnchen stecken.
„Zum ersten Mal gesehen wurde das Mädchen vor dem Supermarkt, doch da mir nicht klar ist, welche Rolle der Supermarkt spielt, habe ich dort erst mal ein rotes Fähnchen gesteckt“, erklärt Bergmann. „Überall dort, wo ein gelbes Fähnchen steckt, ist Patricia gerne gewesen. Im Kindergarten, in der Reitschule, im Schwimmbad, im Zuhause der Spielkameradinnen und so weiter. Sie hatte zu jedem der Orte mit gelbem Fähnchen einen positiv besetzten Bezug. An einigen der markierten Orte war sie bereits, an anderen bislang noch nicht.“
„Oder sie war bereits dort, ist jedoch nicht gesehen worden“, sagt Schwenn.
„Wo sie nicht gesehen wurde, ist sie auch nicht aufgetaucht. Das Auftauchen des Mädchens geschieht nicht zufällig, sondern ist wie eine Inszenierung. Es ist immer so gesteuert, dass sie gesehen wird – am besten von jemanden, der Patricia kannte.“
Schwenn nickt vor sich hin. „Wir müssen wissen, an welch‘ weiteren Orten Patricia gerne gewesen ist. Wenn Sie richtig liegen, wird das Mädchen sich dort bald blicken lassen – und dann haben wir es.“
Bergmann entgegnet nichts. Stattdessen zieht er ein gelbes Fähnchen aus der Pinnwand und ersetzt es durch ein rotes.
„Sagten Sie nicht, dass gelbe Fähnchen die Orte markieren, an denen Patricia gerne war?“, fragt Schwenn verwundert.
„Ja, genau.“
„Wenn mich nicht alles täuscht, markiert dieses Fähnchen die Stelle, an der Patricias Elternhaus steht. Weshalb wechseln Sie zur Farbe Rot?“
„So wie beim Supermarkt ist das rote Fähnchen auch hier ein Fragezeichen. Wir wissen nicht, ob das Zuhause für Patricia tatsächlich ein Ort der Liebe war – oder die Hölle.“

Die Pause auf dem Rastplatz hat nur kurz ‘was gebracht. Vogt kann kaum noch die Augen offenhalten. Er hat Kopfschmerzen und immer wieder zucken seine Muskeln unkontrolliert.
Noch neunzig Kilometer Autobahn.

 

Duvenstedt, im Dezember

Endlich sitze ich auf dem Pony. Ich habe mich so doll darauf gefreut. Gleich geht’s los. Ich darf zwei Fahrten machen. Ich nenne das Pony Charly. Wenn ich später ein echtes Pferd habe, heißt es auch Charly.

Das Klingeln an der Haustür kommt so unerwartet, dass ein verwunderter Ausdruck über Bergmanns Gesicht huscht, der Schwenn nicht verborgen bleibt. Mit wenigen Schritten Abstand folgt er Bergmann an die Tür.
Bergmann öffnet. Krull. Er trägt zivil.
„Schlechtes Timing“, raunt Bergmann.
„Passt schon“, sagt Krull. Er nickt Schwenn zu. „Ich habe Ihren Wagen am Straßenrand entdeckt. Daraufhin wollte ich erst nicht klingeln, doch dann dachte ich mir, dass ich eher etwas Ärger mit Ihnen riskiere anstatt die Informationen länger hinterm Berg zu halten. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch keinen Ärger.“
„Den gibt es nicht“, sagt Bergmann und wendet sich Schwenn zu. „Diese Bedingung ist geknüpft an unsere Partnerschaft auf Zeit. Ich verlasse mich auf Sie.“
Schwenn nickt.
„Komm‘ rein“, sagt Bergmann.

Fünfzig Kilometer vor Hamburg fällt Vogt in den nächsten Sekundenschlaf. In dem Moment, als er auf den Lastwagen auffährt, reißt er die Augen auf. Es erscheint Vogt wie in Zeitlupe, dass der Wagen unkontrolliert über die Fahrbahn schießt. Er ist klar und ruhig. Im Licht des einen noch funktionierenden Scheinwerfers sieht er die Mittelleitplanke mit dem dahinter stehenden Mast der Schilderbrücke auf sich zukommen.
Verzeih‘ mir, Trisch, denkt er noch, bevor der Wagen erst in der Leitplanke einschlägt und dann am Mast zerschmettert. Vogt ist augenblicklich tot.

„Woher hast du bloß deinen Riecher, Lothar?“, fragt Krull.
„Instinkt und Erfahrung“, antwortet Bergmann. „Was hast du in Erfahrung gebracht?“
Krull zieht den Notizzettel aus der Gesäßtasche. Er wirft Schwenn einen abschätzenden Blick zu. Schwenn nickt auffordernd. Die Vereinbarung steht.
„Ich habe telefoniert“, erklärt Krull „Auch mit England. Ich habe ein paar Kollegen und andere Leute angerufen. War nicht ganz einfach, aber ich habe Interessantes herausgefunden, das ich für die Internet-Recherche genutzt habe.“
Er überfliegt die Notizen und fährt dann fort: „Ich halte das Ganze bewusst einfach, denn alle Details bekomme ich nicht mehr zusammen, ich bin ja nicht vom Fach. Also, Evelyn Vogt – oder besser Harries, wie sie wieder mit ihrem Mädchennamen heißt – befindet sich seit Jahren in Behandlung. Sie ist an einer, wie es als Überbegriff benutzt wird, Psychose erkrankt. Sie leidet an Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die wahrscheinlich durch Patricias Verschwinden ausgelöst wurden, wobei Evelyn bereits früher unter Angststörungen litt. Der Psychologe hat Evelyn seit einem Jahr nicht mehr gesehen, und einen anderen scheint sie nicht aufgesucht zu haben, jedenfalls hat sie seitdem keine Antipsychotika mehr verschrieben bekommen.“
„Heißt also, die Krankheit ist seit einem Jahr unbehandelt“, stellt Schwenn fest.
„Offensichtlich“, sagt Krull. „Evelyn ist seit einer Woche nicht mehr zur Arbeit erschienen. Seitdem wurde ihre Kreditkarte auf der Insel nicht mehr belastet, jedoch auf dem Festland. Erst in Frankreich und zuletzt in Deutschland.“
„Sie ist hier“, sagt Bergmann ohne Verwunderung.
Krull nickt.
„Weiter“, fordert Schwenn. „Was haben Sie noch?“
„Nicht nur Evelyn ist seit einer Woche verschwunden, sondern auch ein Mädchen. Jolie Miner aus Brighton, fünf Jahre alt. Jolie wurde morgens von ihrer Mutter in den Kindergarten gebracht. Nach dem Frühstück war sie plötzlich fort.“
„Entführt?“, fragt Schwenn. „Aus dem Kindergarten? Wie geht denn das?“
Krull zuckt mit den Schultern. „Jedenfalls sehen die Ermittler einen Zusammenhang zwischen Jolies und Evelyns Verschwinden.“ Er holt sein Smartphone hervor und öffnet ein Foto, reicht Schwenn das Handy und sagt: „Das ist Jolie. Evelyn muss lange nach einem Mädchen wie ihm gesucht haben. Es ist Patricia fast wie aus dem Gesicht geschnitten. Wenn man sich Patricias Haarfarbe und Frisur dazu denkt, geht Jolie nahezu eins zu eins als Patricia durch, zumal nach fünf Jahren Abwesenheit mit Ausnahme der Eltern wohl niemand mehr mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, ob es sich zweifelsfrei um Patricia handelt.“
Schwenn schüttelt ungläubig den Kopf. „Evelyn entführt ein kleines Mädchen, kommt mit ihm hierher, macht es perfekt als Patricia zurecht und schickt es durch die Gegend. Weshalb zum Teufel macht sie das?“
„Vielleicht will Evelyn auf etwas aufmerksam machen“, sagt Krull. „Aber wieso macht das Kind all das mit?“
„Die Harries wird ihr was versprochen haben“, sagt Schwenn. „Dass sie bald wieder nach Hause darf und dort eine tolle Überraschung auf sie wartet. Evelyn Harries wird es verstanden haben, schnell das Vertrauen des Kindes zu gewinnen.“ Er zückt sein Handy. „Ich kümmere mich um die Fahndung.“
Bergmann schiebt Schwenns Hand mit dem Telefon zur Seite und sagt: „Evelyn mag krank sein, aber sie ist verdammt clever. Sie hat alles bis ins Detail geplant und weiß, dass man ihr auf den Fersen ist und ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Am besten Sie lassen die beiden Orte observieren, von denen sie einen für den Abschluss vorgesehen hat: Dort, wo der Weihnachtsmarkt stattfand, und dort, wo die Familie Vogt gewohnt hat. Wenn Sie Evelyn und das Mädchen dort erwischen, wird man Sie für Ihren Scharfsinn feiern, mein lieber Herr Kriminalkommissar.“
Schwenn sieht Bergmann an. „Wieso bloß klingt es in meinen Ohren jedes Mal wie Spott, wenn Sie mich anstelle meines Namens mit meinem Dienstgrad ansprechen?“
Bergmann schmunzelt.

 

Duvenstedt, im Dezember

Papas Freund hält mich an der Hand. Wir gehen so schnell, dass ich aufpassen muss, dass ich nicht stolpere. Wo gehen wir hin? Und wo ist Papa? Ich drehe mich um. Wir gehen vom Weihnachtsmarkt weg. Warum? Eben saß ich doch noch auf dem Pony. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass ich abgestiegen bin. Hat Papa oder sein Freund mich runtergehoben? Ich erinnere mich nicht. Ich frage Papas Freund nach Papa und er sagt, dass Papa gleich nachkommt. Papa hat gesagt, dass ich bei seinem Freund mitgehen soll. Ich mache immer, was Papa sagt.

 

Duvenstedt, im Februar

Es ist Samstagmorgen und die meisten Menschen sind zu Hause. Evelyn streicht Jolie über die Wange. Die Kleine sieht auch heute wundervoll aus. Jolie lächelt, doch ihre Augen bleiben ernst. Evelyn sagt, dass es das letzte Mal sei und Jolie morgen wie versprochen wieder zuhause ist. Dann löst sie den Sicherheitsgurt des Mietwagens und macht sich lang, um die Beifahrertür aufzustoßen. Jolie klettert aus dem Wagen. Sie weiß, was sie zu tun hat.
Evelyn blickt auf das Reihenhaus. Sie denkt daran zurück, wie schön sie es damals dort hatten, sie und Trisch und Ulf. Bis zu dem Tag, an dem sie diesen Mann kennengelernt hatte, der wie eine Urgewalt in ihr Leben geknallt war. Alles in ihr hatte gegen die Gefühle für ihn aufgeschrien, doch sie hatte dem nichts entgegenzusetzen. Zu groß war die Sehnsucht, wieder gesehen zu werden. Längst hatte Ulf sie schleichend aus den Augen verloren.
Ulf hat Trisch getötet. Er hat es ihr nicht gesagt und es nicht der Polizei gestanden, doch sie weiß es. Eine Mutter fühlt so etwas. Dennoch hatte sie ihn bei den Ermittlungen gedeckt, weshalb, versteht sie heute nicht mehr. Ulfs Eifersucht war schon immer schwer zu ertragen gewesen, und als die Sache mit dem anderen Mann rauskam, ist er geradezu durchgedreht. Er hat Trisch getötet, um Evelyn mit vollster Härte zu betrafen und sie für den Rest ihres Lebens mit Qual zu überziehen. Ein Mord aus den niedersten Beweggründen überhaupt.

 

Duvenstedt, im Dezember

Ich fahre mit Papas Freund. Ich weiß nicht, wo wir sind. Ich frage, wo Papa ist, aber Papas Freund antwortet nicht. Ich habe Angst. Dann treffen wir Papa und steige in Papas Wagen. Papa und ich fahren weiter. Ich frage Papa, wohin wir fahren und was wir machen, und Papa sagt, das ist sein und mein Geheimnis. Ich sage, dass er es mir sagen soll, aber er sagt, dann sei es kein Geheimnis mehr. Wir halten an, aber Papa macht das Auto nicht aus. Es ist ganz dunkel und leise hier. Er macht ein Fenster ein Stückchen auf und steigt aus. Ich sehe, dass Papa einen Schlauch durch den Spalt schiebt. Papa winkt. Ich winke zurück. Papa lächelt, aber ich glaube, er weint. Warum weint er? Ich werde müde. Immer müder.

 

Duvenstedt, im Februar

Schwenn klopft an die Scheibe der Beifahrertür. Evelyns Kopf fährt herum. Er hält seinen Dienstausweis hoch und sagt etwas. In Evelyns Augen liest es sich wie „es ist vorbei“. Sie nickt traurig und erleichtert zugleich. Es wird guttun, endlich zu reden und die Antworten zu kennen.
Zwei Beamtinnen in zivil schneiden Jolie den Weg ab und sprechen sie auf Englisch an. Jolie lächelt.
Evelyn wird warm ums Herz.. Trisch ist einfach wunderhübsch, wenn sie lächelt.

 

Duvenstedt, im Dezember

Ich heiße Patricia. Aber nur meine Kindergärtnerin sagt Patricia zu mir. Alle anderen sagen Trisch. Ich mag Tiere, ganz besonders Pferde. Doch am allerliebsten mag ich Mama und Papa. Ich werde Mama und Papa immer lieben.

Ende

 

Andreas Richter