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2. Dezember 2019

Fannys schönstes Fest

Kurzgeschichte von Marlies David

Im letzten halben Jahr bemerkt Fanny das langsame Schwinden ihrer Kräfte. Trotz ihrer sechsundachtzig Jahre war sie bisher immer noch gut zu Fuß. Aber heute musste sie auf jedem Treppenabsatz eine Pause einlegen und sich auf die unterste Stufe setzen. Das Atmen fiel ihr schwer, die Knie schmerzten und ihr Herz raste.
Der Entschluss, noch vor dem Weihnachtsfest in das Altenheim zu ziehen, bedrückte sie, da der Termin unweigerlich näher rückte.

Mühsam schleppte sie sich in die dritte Etage. Umständlich kramte sie den eisernen Schlüssel für die Bodentür aus einem kleinen Lederbeutel hervor. Ein schwacher Lichtschein fiel durch die Dachluke in den düsteren Raum. Fanny überlegte angestrengt, in welche Abseite sie die Kartons mit dem wunderschönen Weihnachtsschmuck gestellt hatte.

„Es dürfte so an die zehn Jahre her sein, seit ich das letzte Mal hier oben war“, bemerkte sie flüsternd, als würde ihr jemand zuhören.
„Oh je, was ist denn da passiert?“ Entsetzt starrte sie auf die aufgerissenen, durchwühlten Weihnachtskartons. Alle Schachteln mit dem wertvollen Weihnachtsschmuck waren geöffnet worden. Teilweise lagen sie leer, achtlos hingeworfen, neben noch geschlossenen Kästchen. Jemand musste gestört worden sein und hatte hastig den Raum verlassen.

Sprachlos starrte Fanny auf den kleinen, noch verbliebenen Rest ihrer wertvollen Erinnerungsstücke. Jahrzehnte hatte sie liebevoll jedes Teil gehütet wie einen kostbaren Schatz. Selbst durch die Kriegswirren konnte sie die Weihnachtskartons, unter Lebensgefahr aus dem schon brennenden Haus retten.

Es waren Erbstücke von den Großeltern und Eltern, die sie an unendlich viele, wunderbare Weihnachtsfeste ihrer Kindheit erinnerten.

Die karierte Wolldecke, die sie über die Kartons gebreitet hatte, lag jetzt zerwühlt in der Ecke.
Fanny bückte sich nach der Decke, faltete sie mehrfach und kniete sich darauf. Dann betrachtete sie die leeren Kartons, die sie sorgsam mit Inhaltsangaben beschriftet hatte.

„Flugzeug aus weißem Engelshaar“ las sie mit zittriger, tränenerstickter Stimme. Sie hörte die Worte ihres Vaters: „Sieh nur, Fannymaus, in diesem Flugzeug ist der Weihnachtsmann gekommen, um alle Geschenke zu bringen. Du darfst es nur ansehen, nicht anfassen! Du musst wissen, es ist ganz zerbrechlich!“

Ihr Bruder Anton durfte auch den schönen, bunten Weihnachtsmann mit dickem Bauch und langem Bart nicht berühren, denn er stammte noch von den Großeltern und ihm fehlte schon eine Hand.

Fanny suchte verzweifelt nach dem etwas größeren Karton. Sie hob die gefalteten Hände empor: „Oh, mein Gott, den Weihnachtsmann werden sie mir doch gelassen haben?“

Die großen Augen von Anton, als er die Figur das erste Mal sah, würde sie niemals vergessen können. Er klatschte damals vor Freude in die Hände und seine blauen Augen strahlten vor Glück im Schein der Kerzen am Weihnachtsbaum.

Nur einmal hatte Anton während des Krieges zum Weihnachtsfest Heimaturlaub bekommen. Noch heute hörte sie seine Worte: „Damit du es weißt, Fanny, der Weihnachtsmann geht später in meinen Besitz über.“ Sie hatte damals stumm genickt.
Ein halbes Jahr später war Anton bei Stalingrad gefallen.
Ganz schwer wurde es ihr jetzt ums Herz, sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Es hatte sie alles so angestrengt, sodass sie eine bleierne Müdigkeit überkam.

Es kostete Fanny einige Mühe, ihre Decke auf dem Boden auszubreiten. Dann legte sie sich umständlich darauf und schlief sofort ein. Sie träumte vom alten Gutshaus … In der guten Stube steht Mutter und lauscht. Sie hört die Schellen vom Pferdeschlitten, in dem die Großeltern zum Weihnachtsfest, wie jedes Jahr, zu Besuch kommen. Auch dieses Mal bringen sie einen Weihnachtsanhänger für den Baum mit. Sie sieht im Traum die filigrane Glocke aus Glas, ein kleines Kunstwerk. Im Traum streichelt sie Lotte, ihrer Puppe, über die langen Locken, drückt und herzt sie. Plötzlich sieht sie Flammen, schreit laut und muss zusehen, wie Lotte in den Flammen verbrennt …

Schreckstarr erwachte Fanny und wusste im ersten Moment gar nicht, wo sie war. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Benommen strich sie sich über die Augen. Jemand streichelte ihre Hand. Sie sah zwei Kinderbeine, die in einer Jeanshose steckten, mit Winterstiefeln an den Füßen.

„Was machst du hier, Oma Mirow? Warum liegst du hier und schläfst … hast du kein Bett?“
Fanny rückte ihre Brille zurecht, richtete sich auf und sah in das strahlende Gesicht des fünfjährigen Jonas, der mit seinen Eltern neben ihr wohnte.
„Es ist doch bald Weihnachten, mein Kleiner, und ich … ich wollte nach meinen Weihnachtssachen sehen!“ Jonas überlegte kurz: „Meine Mama hat gesagt, dass du mit uns Weihnachten feiern musst, das machst du doch, oder?“ Fanny schwieg.
Von unten hörte sie Jonas‘ Mutter aufgeregt nach ihrem Sohn rufen.
Wie ein Wirbelwind rannte er zur Tür und sprang zwei Treppen auf einmal hinunter.

Der Karton der filigranen Glocke aus Glas war auch leer. Genau wie der Karton zuunterst mit der Aufschrift „Dicker Weihnachtsmann“. Mehr als die Hälfte ihres schönen Baumschmuckes war gestohlen worden.
Fanny war zutiefst erschüttert. Sie hatte das Gefühl, ihrer Kindheit beraubt worden zu sein. Traurig und entmutigt verließ sie den Bodenraum. Vorsichtig stieg sie hinunter bis zur ersten Etage. Im Wohnzimmer hing ein Bild ihrer Eltern. Schuldbewusst stand sie davor, meinte sich entschuldigen zu müssen und sagte laut: „Ich weiß, schimpft ihr nur. Ja, es ist meine Schuld, ich hätte alles in meiner Wohnung aufbewahren sollen!“
Jeder Familie im Haus war eine Ecke auf dem Boden zum Abstellen sperriger Sachen zugewiesen worden. Die Kellerräume waren einfach zu klein. In all den Jahren war nie etwas abhanden gekommen … und jetzt so etwas, dachte Fanny enttäuscht.

Der eisige Hauch des Winterabends drang in ihre Wohnstube, als sie für einen Moment das Fenster öffnete.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und begann die Dinge, die in ihren Weihnachtskartons fehlten, aufzuschreiben. Tränen tropften dabei auf das Blatt Papier und verwischten ihre Schrift.

Eine Woche später, die ersten Schneeflocken waren gefallen, stand ein kleiner Umzugswagen vor dem Haus in der Sonnenallee.
Fanny ging ein letztes Mal durch die leeren Räume. Erinnerungen an wundervolle Jahre mit ihrem Fritz gingen ihr durch den Kopf.
Sie zögerte, sie wusste, wenn sie jetzt die Haustüre das letzte Mal abschloss, war dieser Lebensabschnitt beendet, für immer vorbei.
Wie frisch die Luft hier draußen war, bemerkte sie und zog den Mantel enger um ihre Taille. Fröstelnd setzte sie sich neben den Fahrer ihres Umzugswagens.
Am Fenster sah sie Jonas, er winkte ihr mit beiden Händchen zu. Wehmut erfasste sie, gerne hätte sie Kinder und Enkel gehabt, aber es hatte nicht sein sollen.

Am nächsten Morgen lag die Welt unter tiefem Neuschnee. „Sehen Sie doch, Frau Mirow, er liegt ganz hoch und ist weich wie Watte. Wir werden weiße Weihnachten haben, ist das nicht herrlich?“ Maria, das Hausmädchen, war gerade dabei die schweren Gardinen aufzuziehen. Fanny erwiderte nicht einmal den Morgengruß. Seit ihrer Ankunft hatte sie kaum ein Wort gesprochen. Am liebsten wäre sie im Bett geblieben. Aber die Kartons mit ihren Sachen mussten noch geleert und diese in den Schränken verstaut werden.

„Werden Sie denn morgen, am Heiligabend, zu Ihrer Familie fahren, oder bleiben Sie im Hause?“ Maria wurde jetzt ganz geschäftig, sie schüttelte das Bett auf, legte es zum Lüften über einen Stuhl. „Bei uns ist es Weihnachten immer sehr schön. Es wird gesungen, der Pastor kommt und es gibt für jeden ein Päckchen“, ereiferte sie sich.
Fanny antwortete nicht, traurig stand sie am Fenster. Sie bemerkte nicht einmal, dass Maria gegangen war.

Dann kam der 24. Dezember. Schon früh am Morgen wurde vor ihrer Zimmertür „Vom Himmel hoch“ gesungen. Herrlicher Kaffeeduft zog durchs Haus und Tannenduft breitete sich aus. Den ganzen Tag herrschte eine hektische Geschäftigkeit. Nur Fanny konnte keine Freude empfinden. Sie hatte Heimweh nach ihrem Zuhause.

Später, es dunkelte schon, hörte sie Glockengeläut. Fanny sprang auf. „Der Schlitten mit Großmama und Großvater!“, rief sie erfreut. Die Vergangenheit hatte sie eingeholt.

Die Tür wurde aufgerissen und Jonas stürzte ins Zimmer. „Oma Mirow, komm‘!“ Er zog Fanny mit zur Tür. „Mutti steht unten mit dem Auto, wir fahren zu uns und warten dort gemeinsam auf den Weihnachtsmann!“ Fanny wusste gar nicht, wie ihr geschah. „Nicht so hastig, Jonas, ich muss mir etwas überziehen.“
Jonas konnte nicht schnell genug den langen Gang mit ihr an der Hand entlang­rennen. Fanny schnappte nach Luft und konnte kaum Schritt halten.
Große, weiße Schneeflocken wirbelten herab, als sie zum Auto eilten. Jonas‘ Mutter wartete schon, schloss Fanny herzlich in die Arme.
In den Straßen war alles ganz still und lautlos durch den Schnee, der gefallen war. Hinter vielen Fenstern brannten schon Kerzen am Baum und man hörte Kinder singen. Die Glocken der nahen Kirche läuteten das Weihnachtsfest ein.
Jonas‘ Mutter hatte den Esstisch festlich gedeckt und der Gänsebratenduft zog bereits durchs Haus.

Fanny durchlebte Erinnerungen an frühere, wundervolle Weihnachtstage ihrer Kindheit und fühlte sich glücklich.
„Wann kommt der Weihnachtsmann denn endlich? Bitte Mutti, lass‘ mich nur einen kleinen Spalt die Tür öffnen, nur sehen, ob er schon da war“, bettelte Jonas.
Fanny war genauso aufgeregt, sie verspürte wie damals die kindliche Spannung vor der anstehenden Überraschung.

Dann war es soweit, das Glöckchen läutete dreimal. Die Schiebetür wurde zu beiden Seiten geöffnet und Jonas ergriff Fannys Hand. „Stille Nacht“, spielte Jonas‘ Vater auf dem Klavier und alle sangen mit.

In der Zimmermitte stand ein großer Weihnachtsbaum, der so herrlich funkelte und glitzerte wie keiner je zuvor. Im Schein der Kerzen strahlte der ganze Baum und es duftete nach Mandeln, Rosenwasser und Tannenzweigen.

Fanny stand staunend, sprachlos da. Tränen kullerten ihr die Wangen hinunter auf ihr schwarzes Seidenkleid mit dem weißen Kragen.

Am Baum hing ihr gesamter Weihnachtsschmuck, in all seiner herrlichen Pracht. Sie brachte kein Wort hervor. Still faltete sie die Hände, bewegte die Lippen, aber sagen konnte sie nichts.
Bedächtig ging sie um den Baum herum, betrachtete jedes einzelne Stück, als hätte sie es noch nie gesehen.

„Ich war die Diebin, Oma Mirow! Es sollte unser Weihnachtsgeschenk an Sie sein“, beeilte sich Jonas‘ Mutter zu sagen. „Sie hatten alles doch zehn Jahre nicht mehr gesehen … und da dachten wir, Sie würden sich freuen!“

Nach kurzer Überlegung meinte Fanny: „Der ganze Weihnachtsschmuck, bis auf den dicken Weihnachtsmann, bleibt jetzt bei Ihnen, für alle Zeit. Das ist mein Weihnachtsgeschenk für Ihre Familie.“
Sie fasste Jonas an die Hand und ging mit ihm zu dem weißen Flugzeug aus Engelshaar. „Siehst du den Flieger dort? Damit ist der Weihnachtsmann gekommen und hat dir deine Geschenke gebracht, mein Kleiner! Du darfst es nur ansehen, nicht anfassen! Du musst wissen, es ist ganz zerbrechlich!“

 

Marlis David

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