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24. September 2019

Reise ins eigene Land

Am Berg der Segelflieger

Rasch verliert der weiße Segler an Höhe, gleitet der Landebahn entgegen. Wir Zuschauer hören dicht über uns den Wind über seine elegante Spannweite hinwegrauschen und bewundern, wie der Pilot eine perfekte Landung hinlegt. Man möchte Beifall klatschen.

Segelflugzeuge sind leise, Motorräder sind laut. Beide Fortbewegungsmittel sind in großer Zahl auf der Wasserkuppe in der Rhön anzutreffen. Tagsüber führt das in der Summe zu einer lebhaften Kulisse, angereichert noch um den Trubel, den die Tagestouristen verbreiten. Abends aber, wenn die Wurstbuden und Souvenirläden geschlossen sind und alle den Berg verlassen haben, wird es ruhig auf gut 900 Metern Höhe.

Er stand schon lange auf der Reiseliste: der Berg der Segelflieger. Die einmalig weiten, zaunfreien Berghänge in alle Richtungen machen die Wasserkuppe seit über 100 Jahren zum besten Segelflugrevier weit und breit. Wer in Norddeutschland schon einmal ein Segelflugmodell in die Luft bringen wollte und abschüssige Wiesen ohne Stacheldraht suchte, träumte sich diese Landschaft herbei. Und die ist auch ohne Flugzeug im Gepäck sehr sehenswert, ein Genuss für Wanderer zu Fuß oder per Bike. Es muss ja nicht gleich eine Harley „Road Glide“ mit 90 PS und dem Spritverbrauch einer ausgewachsenen Familienkutsche sein.

Manche Reiseziele im eigenen Land umgab ja zeitweise und völlig zu Unrecht so etwas wie eine Aura des Langweiligen. Auch von der Rhön und der Wasserkuppe konnte man dergleichen hören. Und man weiß inzwischen gar nicht mehr so recht, wie das zustande kam. Lag es am Schulfunk, der die Rhön im Tonfall einschläfernder Belehrsamkeit beschrieben hatte? Oder rührte es daher, dass Onkel Theodor einmal dort zur Kur war, während andere bereits von der Toskana schwärmten oder auf die Kanaren flogen? Auf jeden Fall war es eine absolut idiotische Fehleinschätzung. Die Landschaft ist hinreißend und der segelnde Flugbetrieb auf dem Berg spektakulär.

Zur Einstimmung auf die Fliegerei lohnt ein Besuch im Segelflugmuseum, schräg gegenüber des Flugfelds gelegen. Andächtig steht man vor allen bedeutenden Gleitern und Seglern der letzten 110 Jahre. Einige sind perfekte und flugfähige Nachbauten. Imponierend die damalige Handwerksarbeit und der Mut zum Risiko. Die alten Flugapparate Marke Eigenbau nötigen einem Respekt ab, z.B. die sogenannte „Besenstielkiste“, erbaut Anfang der 1920er Jahre. Dieses Fluggerät sieht tatsächlich aus wie aus mehreren Besenstielen zusammengesteckt, eine Weiterentwicklung des Hexenbesens – vertrauenerweckend ist das nicht. Der Erbauer durfte folglich auch nicht an einem Flugwettbewerb teilnehmen, das Konstrukt wirkte zu unsicher. Bald darauf stellte er damit aber einen Rekord auf und blieb über acht Stunden in der Luft, auf einem Sitzbrettchen zwischen den Holzstangen hockend. Hut ab! Ein anderer Oldtimer bekam den schönen Spitznamen „Schädelspalter“, denn eine solide Strebe direkt vor dem Piloten schien auf unheilvollen Körperkontakt nur zu warten. Man musste als Flugpionier schon eine optimistische Grundhaltung mitbringen.

Auch wunderschöne Segelflugzeuge aus den 1940er und 1950er Jahren zeigt das Museum. Noch heute können viele Typen aus dieser Zeit bei Treffen von Modellbauern bewundert werden. Die „Minimoa“ oder der „Rhönsperber“, „Weihe“ und „Reiher“ – mit ihren damals üblichen Knickflügeln zeitlos schöne Flugzeuge und im Flugbild den gefiederten Namensgebern nicht unähnlich. In der nach Hans-Werner Grosse benannten Ausstellungshalle kann man sie bestaunen. Grosse war in den 1970er Jahren das Maß der Dinge. Mit seiner ASW 12 flog er von Lübeck aus in einem Rutsch 1460 km nach Biarritz. In 11,5 Stunden. Kaum vorstellbar diese Leistung für den interessierten Laien und völlig utopisch für die Generation Besenstielkiste.

Schon 1911 erprobten Studenten auf der Wasserkuppe das Gleitfliegen hangabwärts. Und weil nach dem Ersten Weltkrieg der Motorflug zunächst verboten war, wandte man sich verstärkt dem antriebslosen Fliegen zu. Es war eine mühsame Entwicklung, doch wurde 1920 immerhin eine Strecke von zwei Kilometern geflogen. Ja, das war schon Fliegen und nicht mehr nur Gleiten. Von da an ging es mit großen Schritten voran: 1921 flog ein Pilot mit der „Blauen Maus“ von der Wasserkuppe bis zum Ort Gersfeld hinunter, eine Strecke von knapp fünf Kilometern, zurückgelegt in 13 Minuten. Damit war er länger in der Luft als die Brüder Orville und Wilbur Wright.

1924 wurde auf der Wasserkuppe eine Flugschule gegründet. 1926 entdeckte man die thermischen Aufwinde und war damit in der Lage auch lange Strecken zu fliegen.

Unter der Nazi-Herrschaft war private Fliegerei auf der Wasserkuppe nicht mehr möglich, und nach dem Zeiten Weltkrieg ließen die Alliierten erst 1951 wieder Bau und Besitz von Segelflugzeugen zu. Die Wasserkuppe wurde abermals zum Zentrum der privaten Segelfliegerei. Dennoch gab es gelegentlich Probleme politischer Art und zwar in den Jahren der deutschen Teilung. Thüringen beginnt nur wenige Kilometer östlich der Wasserkuppe, und wer vor dem Mauerfall infolge ungünstiger Winde dort notlanden musste, hatte wochenlange Haft zu erwarten und konnte sein Flugzeug in der Regel abschreiben.

Von der Wasserkuppe hat man eine phantastische Fernsicht in alle Himmelrichtungen. Und in der Nacht wird der Sternenhimmel von keinem Stadt- oder Straßenlicht gestört. Die weichen Hügel der Rhön zeigen sich je nach Wetter und Tageszeit auf immer neue Weise. Das scheint auch der dort wohnhafte Rotmilan zu genießen, der uns in der Nähe des Modellflug-Areals gelassen seine gekonnten Segelmanöver vorführt – mit 1,70 Metern Spannweite. Seht her, so muss elegantes Fliegen aussehen!

Für Rotmilane ist ein Schutzkonzept entwickelt worden. Nicht, weil sie so selten sind; immerhin gibt es in der Rhön weit über 200 Brutpaare. Aber gerade daraus erwächst eine gewisse Verantwortung zur Erhaltung des Bestands, dafür wird sich eingesetzt. Die Intensivierung der Landwirtschaft setzt dem Rotmilan bei der Nahrungssuche zu, in hochstehenden Mais- und Rapsfeldern kann er keine Mäuse fangen. Die Naturschützer sind dabei, Vereinbarungen mit Landwirten zu treffen, um etwa den Umbruch von Grünland zu begrenzen. Auch werden die Brutstandorte geschützt, sperrige Manschetten um die Horstbäume sollen räuberische Marder und Waschbären fernhalten.

Die Rhön ist, wie schon erwähnt, bei Motorradfahrern beliebt. „Freie Straßen und eine atemberaubende Landschaft. Das und viel mehr können Sie als Motorradfahrer in der Rhön erwarten“ – so wird auf der Homepage www.rhoen.de um die Biker geworben. Die Hochrhönstraße ist zweifellos etwas für Genussfahrer. Und natürlich muss man dann auch einmal zur Wasserkuppe hoch. So brüllen sich also im Sommer täglich bis zu 300 Motorräder der schwereren Sorte den Berg hinauf, durchaus ein Kontrast zu den ruhigen Seglern (deren motorisierten Schlepp-Start wir jetzt mal außer Acht lassen).

Vor dem Flugfeld befindet sich ein großer Parkplatz nur für Motorräder; in der Hochsaison ist er chronisch überbelegt. Und es bietet sich dort ganztägig immer auf‘s Neue dasselbe Bild: Die Fahrerinnen und Fahrer in ihren dunklen Schutzanzügen steigen wie in Zeitlupe von ihren Maschinen, schauen erhobenen Hauptes einmal im Kreis herum, mit durchgedrücktem Kreuz, ja, man hat es hier herauf geschafft und sich von der Landstraße nicht klein kriegen lassen, und dann wanken sie wie Standuhrpendel zum Kaffeeausschank der Flugplatzterrasse. Seit Jahrzehnten gehört das zur Wasserkuppenfolklore. Und hätte man ein Motorrad, würde man es genauso machen.

Reizvoll ist ein Abstecher in die nur 25 Kilometer entfernte Barockstadt Fulda. Stadtschloss, Dom, Schlossgarten, Orangerie, Paulustor, Hauptwache, Adelspalais, Michaelskirche, Hexenturm – bei einer Führung durch das Barockviertel steht man alle 100 Meter vor einem neuen Prachtbau aus dem frühen 18. Jahrhundert oder aus dem Mittelalter. Anschließend ein Bummel durch die Altstadt, und man fragt sich schuldbewusst, warum man all die Jahre auf der A7 an Fulda immer nur vorbeigefahren ist. Dieser Stadtbesuch jedenfalls war eindrucksreich, ohne angestrengt zu haben.

Zurück auf dem Fliegerberg kann man gerade noch die letzten Landungen des Tages beobachten, dann geht es in das Quartier im kleinen, alten Hotel „Peterchens Mondfahrt“, einen Steinwurf vom Museum und zwei Würfe vom Flugfeld entfernt. Vom Balkon aus kann man am nächsten Morgen die ersten Frühstarts sehen. Und warum nicht einmal eine kleine Wanderung planen? Vielleicht zum benachbarten Schafstein (831 Meter) mit seinem urigen Wald und den Blockhalden unterm Gipfel, fossile Blockgletscher aus Basalt-Gestein. Liebe Rhön, ein weiterer Besuch wird wohl nötig sein.

Wolfgang Wunstorf