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24. September 2019

Hofnarren

Gedankenspiele von Marlies David

Oh … Gott bewahre, damit meine ich natürlich nicht Sie, sondern all die Menschen, die zu viel arbeiten. Schon lange bedaure ich, dass bisher keine Anleitung mit den Theorien über die Faulheit erschienen ist. Man könnte vermuten, dass die wissenden Faulen einfach zu faul sind, die Theorien zu verbreiten.
Es ist ein Jammer, dass eine so menschliche Seite bisher nicht erforscht wurde. Aber die Hoffnung schwindet ja bekanntlich zuletzt. Neulich musste ich feststellen, dass die ersten Anzeichen zu der theoretischen Begründung der Faulheit gemacht wurden. Natürlich kamen die ersten Anzeichen von der anderen Seite, von einem Fleißigen. Doch auch ein Psychologe vertritt die Meinung, dass Fleiß eine Krankheit sein kann. Nach sehr langer Tätigkeit, er ist inzwischen 83 Jahre alt, kam er zu der Einsicht, dass Fleiß eine Krankheit sein kann. Er hat die Arbeitswut als eine Neurose enthüllt.

Betrachtet man nun die Handwerkskunst in diesen Hofgemäuern, die ich beeindruckend finde, so trifft man ganz fleißige, überaus gesunde, arbeitswütige Künstler, die ihrer Berufung nachgehen, denen Neurosen völlig fremd sind. Das Tollste, sie machen es mit einer wahren Begeisterung, nichts kann sie davon abhalten, nicht einmal wir faulen Hofnarren.

Wir Schreiberlinge sind hier die Hofnarren, die meinen, dass die Faulheit der natürliche Zustand des Menschen sei. Es gibt keine faulen Tiere, dazu sind sie nicht intelligent genug, ausgenommen manches domestizierte Tier, das von Menschen belehrt wurde. Die Vermenschlichung der Affen konnte nur mit der Arbeit erreicht werden. Es war ein ganz dummer Affe, der auf die Idee kam, sich durch Arbeit vermenschlichen zu lassen. Ein viel zu hoher Preis für solch ein Privileg. Die Affen schuften schon eine unendlich lange Zeit und sind noch nicht zu Menschen geworden.

Die Arbeit war – und ist immer noch – notwendig. Der Fleiß wurde ja auch über Jahrtausende gelobt. Die Lobgesänge haben natürlich die Faulen für die anderen ausgedacht.

Um einen faulenzen zu lassen, müssen schon mehrere Menschen fleißig arbeiten. So sieht man doch wieder einmal, das Erhalten und die Steigerung des Fleißes verdankt die Menschheit den Faulen, wie natürlich auch den gesamten Fortschritt und alle neuen Erfindungen.

Letztendlich ist der Fleiß eine Art der Faulheit, wenn auch eine bösartige, eine neurotische Art. Es wird geschuftet, um nicht nachdenken zu müssen, wie man die Arbeit am besten loswird.

Es ist ein ganz großer Trugschluss, dass die Faulen nicht arbeiten, sie finden es nur so sinnlos. Die Lebensumstände zwingen sie dazu, besser und produktiver zu arbeiten als die Fleißigen. Sie arbeiten weit schneller, denn sie wollen die Arbeit ja schnell hinter sich bringen. Der Unterschied liegt einzig und allein darin, dass ein Fleißiger mit großem Vergnügen seine Arbeit verrichtet, ein Fauler erst, wenn sie erledigt ist. Der Faule befindet sich immer in einem Ausnahmezustand, über den man lange grübeln muss, bis man sich dafür oder dagegen entscheidet. Die Faulen werden selten nutzlose Arbeiten verrichten, weil es ihnen zuwider ist, sich für nichts und wieder nichts anzustrengen.

Nun wurden wir faulen Hofnarren hier eines besseren belehrt, denn wir durften die Glanzstücke der Handwerkskunst schauen. Es ist ein wahrer Augenschmaus, was  hier mit Fleiß, viel Schweiß und Ausdauer geschaffen wurde.
Was sagt uns diese Lehre nun? Packen wir es an – es gibt noch viel zu tun!
Ihr glaubt, wenn wir hier ein wenig schwafeln, dass es mit Arbeit nichts zu tun hätte?
Weit gefehlt! Auch wir haben närrisch geschwitzt!“

Marlis David

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