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24. September 2019

Patricias Geheimnis (Teil 4)

Duvenstedt, im Februar

 Es ist kälter geworden. Dicke Schneeflocken treiben durch die Straßen, legen sich auf die Dächer der Häuser und spannen weiße Laken über die Felder.
Lothar Bergmann sieht mit verhangenem Blick aus dem Fenster und fragt sich, weshalb Patricia Vogt ihn so sehr beschäftigt, dass er ununterbrochen an sie denken muss. Das Mädchen verfolgt ihn regelrecht. Fast kommt es ihm vor, als spüre er die Stöße ihres kalten Atems in seinem Nacken. Doch weshalb bloß? Er hat Patricia schließlich nie kennengelernt.
Damals, nachdem das kleine Mädchen wie vom Erdboden verschluckt wurde, herrschten überall in den Walddörfern Entsetzen und Fassungslosigkeit. Tagelang sprachen die Menschen über nichts anderes. Eltern fuhren ihre Kinder morgens wieder mit dem Auto zur Schule und sahen ihnen hinterher, bis sie im Gebäude verschwanden. Es wimmelte von Polizei, Presse und Neugierigen. Selbsternannte Seher boten ihre angebliche Hellsichtigkeit an und Kartenleger gaben die unterschiedlichsten Auskünfte. Hier und da zog stilles Misstrauen ein – wer ist mein Nachbar wirklich? Angst und Sorge verbreiteten Spekulationen und ließen Gerüchte gedeihen. Alles wirkte düster und schwer. Es schien, als würde Patricias Verschwinden Duvenstedt erdrücken.
Bergmann hatte den Fall mit nur geringem Interesse verfolgt. Während seiner Zeit als Journalist hatte er in so viele Abgründe geschaut, dass ihn nicht mehr viel erschüttern konnte. Patricia war bloß eines von mehreren tausend Kindern, die jährlich überall auf der Welt verschwanden. Daran änderte auch nichts, dass sie ganz in seiner Nähe gewohnt hatte. Bergmann war überzeugt, dass Patricias Leiche schon bald gefunden und der Täter wenig später überführt werden würde – und dass damit die Geschichte endete. Doch wie so viele andere auch, hatte er sich geirrt.
Die neue Eigentümerin von Patricias Elternhaus hatte Bergmann die Telefonnummer des Vorbesitzers gegeben. Bereits vier Mal hatte er auf die Mailbox gesprochen, zuletzt fast flehend um Rückruf gebeten. Bergmann wird zunehmend ungeduldig. Verdammt, er braucht dringend weitere Informationen. Denn dieses Mädchen, wer auch immer es ist, überbringt eine unmissverständliche Botschaft: Patricia will endlich gefunden werden, will, dass es zu Ende gebracht wird.
Und Bergmann wird immer besessener davon, dabei zu helfen.

Kriminalkommissar Torsten Schwenn hatte das Foto von dem Mädchen vor dem Kindergarten überall in Duvenstedt und den angrenzenden Stadtteilen verteilen lassen. Er war zuversichtlich gewesen, so schon bald ihre Identität zu erfahren. Doch bislang hatte sich niemand gemeldet.
Schwenn gefällt das alles nicht. Das Mädchen hat den Vermisstenfall Patricia Vogt aus der Vergessenheit zurückgeholt. Ihr Auftauchen vor dem Kindergarten spricht sich immer weiter herum. Die ersten Presseleute haben bereits angerufen und Schwenn die üblichen Fragen gestellt. Es wird nicht mehr lange dauern und Patricia dürfte wieder so gegenwärtig sein wie während der ersten Wochen nach ihrem Verschwinden. Nein, das konnte er überhaupt nicht gebrauchen.
Ein kurzes Klopfen an Schwenns geöffnete Bürotür, dann steht der junge Beamte auch schon vor dem Schreibtisch. Er hat einen wichtigen Blick aufgelegt und sagt: „Sie ist erneut aufgetaucht.”
Das Mädchen. Schwenn weiß sofort, von wem der Kollege spricht. „Wann und wo?”, fragt er.
„Vor rund einer Stunde. Im Parkbad Volksdorf. Aber nicht draußen, sondern drinnen. Im Kinderlandbereich. Sie stand plötzlich am Kinderbecken. In voller Bekleidung; sie trug auch diesmal die gelbe Jacke. Nach nur wenigen Sekunden ging sie wieder. Und ebenso wie niemand sie beim Betreten des Parkbades beobachte, sah niemand, dass sie das Gebäude verließ. Auch die Mitarbeiterin an der Kasse hat nicht gesehen, dass sie rein- oder rausgegangen ist.”
„Da sie sich wohl kaum in Luft aufgelöst haben wird, dürfte sie sich irgendwo im Gebäude versteckt haben.”
„In den Umkleiden und Nassbereichen war sie nicht, dort wurde nachgeschaut, doch das gesamte Gebäude wurde nicht durchkämmt.”
„Zeugen?”
„Neun Personen geben an, sie im Beckenbereich gesehen zu haben, darunter eine Badeaufsicht.”
Ungläubig schüttelt Schwenn den Kopf. „Was soll das Ganze? Welches Spiel wird hier gespielt?”
Der junge Beamte zuckt mit den Schultern, doch Schwenn schaut nicht hin.

An diesem Tag taucht das Mädchen drei weitere Male auf. Zuerst wird sie in Wohldorf auf dem Gelände einer Reitschule gesehen und später in Duvenstedt auf einem Spielplatz. Am frühen Abend betritt sie ein italienisches Restaurant unweit des Duvenstedter Kreisels. Ohne ein Wort zu sagen durchschreitet sie es und verlässt es wieder. Daraufhin ruft ein älteres Ehepaar, das alleine an einem Tisch sitzt, die Polizei. Später gibt es zu Protokoll, dass es sich bei dem Mädchen um Patricia Vogt handelte. Daran gäbe es keinen Zweifel, denn schließlich wären sie jahrelang die nächsten Nachbarn der Vogts gewesen und würden Patricia kennen, seit sie ein Baby war. Sie können also mit Sicherheit sagen, dass dieses Mädchen Trisch sei.

Jörg Krull ist hin- und hergerissen. Selbstverständlich darf er Bergmann nicht stecken, dass es Neues gibt und die Soko schon bald ihre Arbeit wieder aufnehmen wird. Krull ist Polizist aus vollster Überzeugung und für ehrbare Polizisten gibt es kaum Schlimmeres als Kollegen, die sich nicht an die Spielregeln halten. Auf der anderen Seite kennt er Bergmann gut genug, um zu ahnen, wie sehr das Mädchen den alten Mann beschäftigt und wie stark es an dessen Journalistenherz zerrt.
Eine Stunde lang hat Krull sich gerade so eben noch im Griff, dann kommt ein schwacher Moment und er greift zu seinem Privathandy.

Duvenstedt, im November

Mama fragt mich, ob ich sie lieb habe. Ich sage ihr, dass ich sie so lieb habe wie der große Hase den kleinen Hasen aus meiner Lieblingsgeschichte – also bis zum Mond und wieder zurück. Mama nimmt mich in den Arm. Sie sagt, oben beim Mond und bei den Sternen ist es friedlicher als auf der Erde. Ich verstehe nicht, was sie damit meint. Jetzt schaut Mama mich an. Ich glaube, sie weint ein bisschen. Sie fragt mich, ob ich mit ihr woanders hingehen würde. Ich frage, wohin? Mama sagt, überall hin, vielleicht auch bis zum Mond und wieder zurück. Ich sage ja. Mama lächelt und drückt mich fest an sich.

Duvenstedt, im Februar

 Bergmann hatte weitere Seiten aus dem Hamburger Cityatlas rausgerissen und um den bereits an der Pinnwand steckenden Duven­stedter Straßenverlauf herum aufgehängt. Wohldorf und Volksdorf. An den Orten, die Krull ihm vor einigen Minuten telefonisch durchgegeben hatte, stecken nun gelbe Fähnchen.
Gedankenschwer betrachtet Bergmann die Pinnwand. Hat Patricia Pferde geliebt? War dies ihr Lieblingsspielpatz gewesen? War sie häufiger und gerne im Parkbad? War sie hin und wieder mit ihren Eltern bei dem Italiener und hatte dort ihr Leibgericht gegessen? All dies muss so gewesen sein. Weshalb sonst hätte das Mädchen an diesen Orten auftauchen sollen?
Das Telefon klingelt. Wieder Krull, denkt Bergmann und greift nach seinem Handy. Doch das Display zeigt nicht Krulls Nummer an, sondern die, die Bergmann so sehnlichst erwartet. Er nimmt den Anruf entgegen.
„Krieger”, sagt eine männliche Stimme, „Sie sind ja ganz schön hartnäckig.”
„Nur, wenn es nicht anders geht. Danke für Ihren Rückruf.”
„Leider kann ich mit Ihrem Namen nichts anfangen. Worum geht‘s?”
„Ich rufe aus Hamburg-Duvenstedt an. Seit einigen Tagen wird hier immer wieder ein Mädchen gesehen, das der kleinen Patricia Vogt verblüffend ähnlich sieht. Die Kleine sagt Ihnen doch sicherlich noch was?”
„Selbstverständlich. Sie lebt?”
Bergmann berichtet in wenigen Sätzen, weshalb es so gut wie unmöglich ist, dass das Mädchen tatsächlich Patricia ist.
„Was haben Sie mit alldem zu tun?”, fragt Krieger.
„Ich bin Journalist und verfolge den Fall Patricia Vogt bereits seit dem Tag, als das Mädchen verschwand. Ich versuche die Lücke zu schließen, die dafür sorgt, dass der Fall noch immer nicht gelöst ist.”
„Dabei kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.”
„Vielleicht doch. Weshalb haben Sie und Ihre Frau Patricias Elternhaus nur zwei Jahre nach dem Kauf wieder verkauft?”
„Die Lebensumstände hatten sich verändert”, sagt Krieger mit harter Stimme.
„So rasch?”
„Das soll durchaus vorkommen. Sonst noch was?”
Bergmann ist klar, dass Krieger jeden Moment auflegen wird. Er geht aufs Ganze und sagt: „Patricia war im Haus. Sie haben sie nicht zu Gesicht bekommen, doch Sie haben ihre Anwesenheit gespürt. Sie dachten, es würde vergehen, doch das tat es nicht. Weil Patricia blieb. Zwei Jahre lang hat ihre unsichtbare Gegenwart Sie und Ihre Frau bedrückt und gequält. Schließlich haben Sie es nicht länger ausgehalten und das Haus verkauft.”
Krieger antwortet nicht sofort. Dann: „Es war, als würde das Haus von einem Geist bewohnt. Die Kleine … Patricia … sie war überall, in jedem Raum gleichzeitig. Wir sahen sie nicht und hörten sie nicht, aber wir spürten ihre Präsenz. Wo immer wir im Haus waren, war sie auch. Jederzeit. Zum Schluss haben wir fast den Verstand verloren. Das klingt für Sie sicherlich absurd, aber so war es tatsächlich.”
„Ich glaube Ihnen aufs Wort.”
„Was ist mit den neuen Hausbesitzern? Spüren sie Patricias Gegenwart auch?”
„Die Eigentümerin sagt nein.”
„Warum nicht?”, fragt Krieger mehr sich selbst als Bergmann.
„Keine Ahnung”, sagt Bergmann, doch er denkt: Vielleicht, weil die beiden ein Kind erwarten und du und deine Frau keines hatten.

Schwenn hat sich alle aktuellen Informationen über Ulf Vogt besorgt, die er auf die Schnelle bekommen konnte. Vor rund drei Jahren hatte er sich zuletzt mit Vogt beschäftigt, um anschließend den feststeckenden Vermisstenfall ruhen zu lassen.
Vogts Wohnsitz, Arbeitgeber und Familienstand waren unverändert. Neu war, dass Vogt vor einigen Monaten der Führerschein abgenommen wurde, nachdem er mit 0,7 Promille in eine Verkehrskontrolle geraten war. Es war Vogts erste Auffälligkeit hinsichtlich Alkohol am Steuer, doch vermutlich hatte er bis dahin einfach nur Glück gehabt. Aus den früheren Ermittlungen wusste Schwenn, dass Vogt auf Feiern und Veranstaltungen gerne ordentlich einen hob. Dann fiel er gelegentlich durch Streit provozierendes Verhalten auf, zumeist jedoch ohne dass es eskalierte, denn fast immer setzte jemand ihn rechtzeitig ins Taxi oder brachte ihn nach Hause. Offensichtlich war sich Vogt seines Verhaltens unter Alkoholeinfluss sehr wohl bewusst, jedenfalls mied er Betriebsfeiern konsequent. Bei den Befragungen der Polizei hatte er sich als jemanden bezeichnet, der in netter Gesellschaft gerne ein paar Gläser trank und dem es nicht das Geringste ausmache, auch über mehrere Wochen hinweg nichts anzurühren. Seine damalige Ehefrau hatte das genau so bestätigt, und nein, selbstverständlich war Ulf unter Alkoholeinfluss ebenso wenig gewaltbereit als wenn er nüchtern war. Im Leben nicht würde er ihr und Patricia oder irgendeinem anderen Menschen etwas antun.
„Ab jetzt stehst du unter voller Beobachtung, mein Freund”, murmelt Schwenn und greift zum Telefon.

Die Presse der Metropolregion Hamburg hat ihre Story und kommt mit einigen marktschreienden Headlines daher. Patricias Geist schockt Hamburg und Verschwundenes Mädchen ist zurück – hat sie die Zeit ausgetrickst? und Welches Geheimnis hütet die kleine Trisch?
Bergmann interessiert sich nicht für die Artikel, die nach und nach online erscheinen und morgen gedruckt am Kiosk liegen werden. Er kennt das Journalistengeschäft wie kein Zweiter und weiß, dass zu diesem Zeitpunkt der Vermisstenfall Patricia Vogt erst einmal aus der Versenkung geholt und mit dem Auftauchen des Mädchens garniert wird. Nichts, womit er sich aufhalten muss.
Während des ganzen Tages hat Bergmann telefoniert und Informationen gesammelt. Es fiel ihm nicht schwer, sie zu beschaffen. Zahlreiche Menschen in Duvenstedt kennen ihn und seine Geschichte. Nicht jeder mag den alten Mann, aber viele respektieren ihn. Auch deshalb, weil er vor einigen Jahren möglicherweise der Stadt Hamburg einen zutiefst unmoralischen Bürgermeister ersparte.
Auf den an der Pinnwand hängenden Seiten des Cityatlas stecken fünf weitere gelbe Fähnchen. Eine dort, wo sich das Freibad Duvenstedt befindet. Eine weitere beim Gut Wulksfelde, eine beim Museumsdorf Volksdorf und zwei in Duvenstedter Seitenstraßen. Orte, die Bergmann genannt wurden, an denen Patricia häufiger gewesen ist. In den beiden Seitenstraßen wohnen Familien, mit deren Töchtern sie besonders gerne spielte.
Bergmann beschließt, dort den Anfang zu machen. Er schnappt sich Jacke, Schal und Mütze und macht sich auf den Weg.

Duvenstedt, im Dezember

Mama und Papa reden nicht viel. Mit mir ja, aber nicht miteinander. Gestern beim Abendbrot hat Papa nichts gesagt und Mama hat nichts gegessen. Ich hatte dann auch keinen Hunger. Aber ich traute mich nicht aufzustehen und in mein Zimmer zu gehen, weil ich Angst hatte, dass Papa dann wieder mit Mama schimpft und Mama weint. Ich hätte gerne eine Schwester oder einen Bruder. Nicht immer, aber jetzt. Dann würde ich mich nicht so alleine fühlen. Gestern hat Mama mich wieder gefragt, ob ich mit ihr überall hingehen würde, auch bis zum Mond und wieder zurück. Ich habe wieder ja gesagt. Mamas Augen haben so anders geguckt.

Duvenstedt, im Februar

 „Trisch war für uns fast wie eine weitere Tochter”, sagt sie.
„Ja, das war sie”, sagt er.
„Sie war lieber hier als zuhause. Also, das war mein Gefühl.”
„Ja, das war auch meines.”
„Sie und Sophie-Charlotte haben niedlich miteinander gespielt, ganz reizend.”
„In der Tat.”
„Nie gab es Streit zwischen den beiden.”
„Nein, den gab es nicht.”
Während Bergmanns Blick zwischen den Eheleuten Fischer hin und her wandert, fühlt er sich wie in einem Dialog Loriots. Am liebsten würde er sein Gesicht in den Händen vergraben und kopfschüttelnd vor sich hin grinsen, doch das geht natürlich nicht. Also nickt er zustimmend.
„Frau Fischer”, sagt er dann, „die Frage mag Ihnen seltsam erscheinen, aber hatten Sie seit Patricias Verschwinden jemals das Gefühl, sie befände sich in der Nähe Ihres Hauses? Oder dass sie gar unmittelbar davor stehe?”
Sie schaut verdutzt. „Nein, das habe ich nicht.” Sie wendet sich ihrem Mann zu: „Du etwa?”
Er schüttelt den Kopf.
Bergmann sagt: „Dieses Mädchen, das einige Personen für Patricia halten, dürfte schon bald hier auftauchen.”
„Wie kommen Sie denn darauf?”, fragt sie.
„Offensichtlich sucht es Orte auf, zu denen Patricia einen Bezug hatte. Da Patricia sich bei Ihnen wohlgefühlt hat, dürfte Ihr Haus auch auf der Liste stehen.”
„Mein Gott, ich würde mich zu Tode erschrecken. Hoffentlich sehen wir sie dann nicht.”
„Das werden wir mit Sicherheit”, sagt ihr Mann so unerwartet, dass Bergmann kurz die Luft wegbleibt. „Das Mädchen soll gesehen werden. Und es geht um Wirkung. Wenn wir das Mädchen vor unserem Haus sehen, erzielt das eine größere Aufmerksamkeit, als wenn Dritte es hier sehen. Deshalb wird sie erscheinen, wenn wir im Hause sind.”
„Ach, und wie soll sie wissen, dass wir zuhause sind?”, fragt sie schnippisch, „und dann auch noch sicherstellen, dass wir im richtigen Moment aus dem Fenster sehen?”
„Vermutlich beobachtet jemand das Haus und schickt sie dann. Sie könnte klingeln und weglaufen, nachdem wir die Haustür geöffnet und sie gesehen haben.”
Nun sieht Fischer Bergmann an: „Deckt sich das mit Ihren Überlegungen?”
Bergmann nickt.

Duvenstedt, im Dezember

 Papa sagt, dass bald alles anders wird. Ich weiß nicht, was er damit meint. Er sagt alles, also alle Sachen werden anders. Ich sage, wenn alles anders wird, muss ja die ganze Welt anders werden. Papa sagt, nicht die ganze Welt, aber unsere Welt. Also meine und seine und Mamas. Ich verstehe schon wieder nicht, was er damit meint. Aber nächstes Jahr komme ich ja zur Schule und dann weiß ich alles.

Duvenstedt, im Februar

 Fischer bietet Bergmann an, ihn zu der anderen Familie zu fahren, mit deren Tochter Patricia häufiger gespielt hat. Bergmann nimmt gerne an. Zum einen, weil sein Rücken ihm gerade übel zusetzt, vor allem aber deshalb, weil sein Instinkt ihm flüstert, dass Fischer ihm unter vier Augen noch was stecken will.
„Ulf Vogt war es nicht”, sagt Fischer, während er den Wagen exakt mit der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit durch die Dreißigerzone steuert.
„Was macht Sie da so sicher?”
„Väter von Kindergartenkindern kennen sich häufig nur flüchtig. Doch Ulf und ich kannten uns ein wenig besser. Ich war Auftragnehmer seines damaligen Arbeitgebers. Ich bin IT-Dienstleister, da hatte ich auch mit der von Vogt geleiteten Abteilung zu tun. Ein paar Mal haben wir zusammen Mittag gegessen. Scheinbar sind die Ermittler bis heute nicht über die Zusammenarbeit gestolpert, jedenfalls wurde ich zu Ulf nie befragt. Nicht, dass wir Freunde gewesen wären, aber wir kamen gut miteinander aus. Ulf hat Trisch vergöttert. Niemals hätte er ihr auch nur ein Haar gekrümmt, dafür lege ich meine Hand ins Feuer – und das würde ich nicht für jeden tun. Blinde Liebe ist kein guter Ratgeber. Sie wissen sicherlich, was ich damit meine.”
Fischer setzt den Blinker und stoppt den Wagen. Er deutet auf ein Haus. Sie sind am Ziel.
Bergmann bedankt sich und steigt behäbig aus. Er sieht Fischers davonfahrenden Wagen hinterher. Dann zieht er das Handy aus der Jackentasche und ruft Krull an.
„Jörg? Die Puzzleteile setzen sich zusammen. Doch du musst auf dem offiziellen Weg für mich eine Kleinigkeit herausfinden. Dürfte ein Leichtes für dich sein.”
„Du bringst mich noch in Teufels Küche, Lothar.”
„Ich brauche nur noch diese eine Information. Sie ist der Schlüssel. Komm‘ schon!”
Krull seufzt. „Lass‘ hören“, sagt er dann.

 

Andreas Richter