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2. Juli 2019

Immer der Nase entlang

von Gabriela Lürssen

Endlich war es soweit, wir hatten ein paar Tage Urlaub und wollten diese im Harz verbringen. Der Harz ist relativ nah und wunderbar mit der Bahn zu erreichen. Wir fuhren zum Hauptbahnhof. Die Menschenmassen, die uns dort erwarteten, waren unvorstellbar. Man konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen und das, obwohl der Berufsverkehr schon durch war. Wir fühlten uns, als wären wir mitten in einem Ameisenhaufen gelandet. Der Bahnhof platzte wirklich aus allen Nähten. Wir gingen die Treppe zu unserem Bahnsteig hinunter und suchten uns einen Platz, der einigermaßen sicher und nicht so überlaufen war.

„Inga, pass‘ auf! Der Mann da sieht so aus, als ob er Portemonnaies sammelt“, sagte Florian und zeigte auf einen Mann, der keinen Koffer trug und langsam auf dem Bahnsteig schlenderte.
„Was du immer hast. Der will bestimmt nur seine Frau oder irgendjemanden abholen“, sagte ich und wusste natürlich, dass es wahrscheinlich nicht so sein würde und Florian recht hätte. Aber ich liebte es, Florian alles aus einem anderen Blickwinkel darzustellen.
„Jetzt muss er aber bald mal kommen“, sagte mein Mann ungeduldig mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck.
„Wieso soll er jetzt kommen. Eben wolltest
du doch, dass er nicht zu uns kommt“, antwortete ich. Mit so einer Aussage konnte
ich meinen Florian so richtig schön auf die Palme bringen.
„Inga, der Zug müsste allmählich kommen. Nicht der Mann“, erklärte Florian leicht genervt.
Ich hatte wirklich Spaß daran, Florian ein wenig zu reizen und fand es zu lustig, wenn er es nicht merkte und immer wieder darauf hereinfiel. Das passierte häufig, wenn er sehr fixiert auf eine Situation oder Sache war, also hier auf die Abfahrtszeit. Er war dann irgendwie nicht aufnahmebereit für meine Untertöne.
„Es bringt überhaupt nichts, wenn du ständig von einem Bein auf das andere trittst und im Abstand von 30 Sekunden auf die Uhr schaust. Die sagen schon, wenn der Zug einfährt“, erklärte ich Florian.

Und da kam schon die Stimme aus dem Lautsprecher, die darüber informierte, dass der Zug jetzt einfahren würde.
„Pünktlich ist das nicht“, kam es aus Florians Mund geschossen.
„Natürlich. Schau‘ doch mal auf die Uhr. Wir haben noch zwei Minuten bis zur Abfahrt.“ „Zwei Minuten, Inga, zwei Minuten, und in der Zeit muss der Zug einfahren, anhalten, die Leute ein- und aussteigen und wieder abfahren.“
„Florian, du bist erschreckend pingelig geworden. Wahrscheinlich wirst du alt. Dein Vater war früher ja auch so …“
„Komm‘, wir müssen schon mal zur Tür gehen, Inga.“ Ich verkniff mir jeden Kommentar, nahm meinen rot-schwarz-gemusterten Koffer und folgte meinem Mann. Ich merkte, wie es in ihm brodelte, als er die Menschentraube vor dem eingefahren Zug sah. Ich presste meine Lippen aufeinander und ermahnte mich erneut, nichts zu sagen. Florian drängelte sich in den Zug, ich sah die Lage deutlich entspannter. Erstens bringt Drängeln genauso wenig wie Hupen auf der Straße, zweitens hatten wir eine Sitzplatzreservierung und drittens ließ ich lieber die ganz Hektischen zuerst einsteigen, so konnte mir zumindest keiner in die Hacken fahren oder treten. Als ich endlich im Zug war, sah ich Florian in der Mitte des Zuges. Seinen Kopfbewegungen nach zu urteilen, suchte er unsere Sitzplätze. Wir waren schon etliche Male mit einem ICE gefahren und bisher waren die Sitzplätze immer in der numerischen Reihenfolge gewesen. Dass die 17 neben der 63 oder die vier neben der 36 war, das hatte ich bisher noch nicht erlebt. Aber so aufgeregt wie Florian schaute, war es wohl dieses Mal anders. Ich sah, dass mein Mann unsere Plätze gefunden hatte, er zwängte sich in die Sitzreihe. Kurz danach hatte ich auch mein Ziel erreicht. Ich schob meinen Koffer vor den Sitz und setzte mich. Aus beiden Richtungen strömten Fahrgäste auf den Gang. Teilweise verhakten sich ihre Koffer. Diese Aktion wurde entweder von einem „Entschuldigung“ oder einem „Nun passen Sie doch auf“ begleitet. Das würde alles nicht passieren, wenn der eine oder andere Fahrgast auf den Wagenanzeiger geschaut hätte, der auf jedem Bahnsteig zu finden ist. Und natürlich steht an jedem Wagen auch dessen Nummer. Um diese zu sehen, müsste man vielleicht den Kopf in die Waagerechte bringen. Natürlich wusste ich, dass ich da sehr viel von den Handysüchtigen verlangte. Vielleicht muss ich einfach nur akzeptieren, dass mancher Bahnfahrer ein Quereinsteiger ist. Der Zug fuhr los und Florian schaute auf die Uhr.

„Kein Wort, Florian, du sagst jetzt kein Wort“, ermahnte ich ihn.
„Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst, aber die zwei Minuten holt er bestimmt noch wieder rein“, sagte Florian. Ich glaube, er merkte gar nicht, dass er ständig auf die Uhr schaute. Vielleicht war das auch eine Sucht, so ähnlich wie bei Rauchern. Die zünden sich häufig eine Stresszigarette an und werfen diese dann nach ein oder zwei Zügen wieder weg. So gesehen hatte Florian sich eine sehr kostenarme Sucht ausgesucht. Auf dem Gang waren immer noch Fahrgäste mit Koffern, sonstigem Gepäck und To go-Bechern unterwegs. Für mich sind diese Menschen echte Akrobaten. Ich habe schon Schwierigkeiten mit einem Koffer und einer Handtasche. Wie die das schaffen, zusätzlich zum Gepäck noch diese umweltfeindlichen Papp- oder Plastikbecher mit überteuerten Getränken und zusätzlich ein Handy zu halten, ist mir echt ein Rätsel. Und als ich gerade darüber nachdachte, warum Menschen immer etwas zu trinken in der Hand haben mussten, fiel auch schon so ein Becher einem Fahrgast auf den Boden. Glücklicherweise fast leer, so dass nur ein wenig Kaffee in den Teppich sickerte. Wenn das öfter passiert, dann hätte die Bahn wieder einen Grund, die Fahrpreise zu erhöhen. Moment mal, möglicherweise war das schon der Grund für die letzten Erhöhungen. Ich muss da mal genauer ins Thema einsteigen, oder vielleicht sollte ich der Bahn mal schreiben.
„Na, hier ist wohl nicht so richtig Platz, um die Jacken aufzuhängen und gleichzeitig aus dem Fenster zu schauen“, stellte Florian völlig richtig fest und brachte mich ins reale Leben zurück.
„Stimmt, das wurde wirklich etwas eng kalkuliert. Platztechnisch wäre es sicher sinnvoll gewesen, eine oder zwei Sitzreihen einzusparen“, sagte ich und versuchte meine Jacke im Sitzen auszuziehen. „Zieh‘ doch auch deine Jacke aus, so kalt ist es hier doch nicht. Ich leg‘ meine auf den Koffer.“
„Sehr witzig, Inga, du bist ja auch viel kleiner als ich“, bemerkte mein Mann, als er versuchte aufzustehen, um seine Jacke auszuziehen. Irgendwie schafften wir es zusammen, Florian aus seiner Jacke zu befreien.
„Also ich kann das einfach nicht verstehen“, sagte eine tiefe Männerstimme hinter uns.
„Was kannst du nicht verstehen?“, fragte eine zweite männliche Stimme.
„Na, dass die einfach ihre Rucksäcke nicht abnehmen können, wenn die schon durch den ganzen Zug laufen müssen“, erklärte die erste Stimme.
„Mir hat mal einer im Bus so richtig den Rucksack ins Gesicht geknallt. Und das Schlimmste, der hat nicht mal reagiert“, erzählte eine andere Stimme, „geschweige denn, sich entschuldigt.“
„Habe ich recht, dass der ein Handy in der Hand hatte und während des Einsteigens telefonierte? Wahrscheinlich hatte er auch noch diese dicken, Typ „Großmutters Ohrwärmer-Kopfhörer“ auf, stimmt’s?“, fragte der erste Mann.
„Wenn ich darüber nachdenke, dann muss ich sagen, dass der wirklich so aussah. Du solltest Hellseher werden“, sagte der andere Mann, „wisst ihr, was mir aufgefallen ist?“
„Na, erzähl‘ schon“, sagten mehrere Männer gleichzeitig.
„Es gibt mittlerweile so viele ferngesteuerte und rücksichtslose Marionetten über 40. Hier im Zug habe ich seit Kiel auch schon einige davon gesehen. Das ist doch wirklich erschreckend.“
Die Männer sprachen uns und einigen anderen lauschenden Fahrgäste aus der Seele. Zumindest nickten sie zustimmend. Ich wollte nun aber auch wissen, wer da hinter uns saß und uns so gut unterhielt. Ich schaute mich um. Es waren sechs ältere Herren, die wohl einen Ausflug machen wollten.
„Florian, kannst du meinen Koffer in die Ablage legen, ich glaub‘, dann haben wir ausreichend Platz für unsere Beine“, bat ich meinen Mann.
„Mach‘ ich. Dazu muss du nur einmal kurz aufstehen“, sagte er schon hörbar entspannter. Ich schaute auf den Gang, sah keine akut rennenden Fahrgäste und stand auf. Florian tat dasselbe, nahm meinen Koffer und legte ihn in die Ablage. Kaum saß er wieder, da kamen tatsächlich wieder rollende Koffer mit Menschen am Griff vorbei.
„Ich hoffe, dass nach Harburg die Rennstrecke bis Hannover geschlossen wird“, sagte ich lachend.

Nach gefühlten drei lauffreien Minuten kamen sie wieder, die Fahrgäste mit erhöhtem Bewegungsdrang. Allerdings ohne Koffer.
„Wie weit ist das denn noch bis zum Bistro?“, fragte eine ältere
Dame ihren jungen Begleiter, als sie auf dem Gang an uns vorbeiging.
„Nicht mehr weit …“, antworte dieser in einer Lautstärke, die mich zusammenzucken ließ. Doch es wurde noch besser. Ich schaute den Gang entlang, weil ich das Gefühl hatte, die nächste mobile Aufführung rücke näher.
„Gisela, weiß du, wie dreckig die Toiletten im letzten ICE waren?“, fragte eine, der Stimme nach, mittelalte Frau.
„Ja, dass kommt immer, wenn Frauen und Männer auf eine Toilette gehen. Das geht nie gut. Du weiß doch, wie das ist, mit dem Hinsetzen“, antwortete die zweite Frau. Beide waren jetzt direkt auf unserer Höhe.
„Oh oh oh“, sagten die Männer hinter uns nahezu einstimmig. Die Herrengruppe kommentierte die Aussagen der Damen so einmalig, dass ich einen Lachanfall bekam. Die Frauen drehten sich nicht um. Sie schienen so vertieft in ihren Erfahrungsaustausch.
„Na, die Aussage kann ich nicht bestätigen“, sagte ich immer noch lachend leise zu Florian, „ich kenne viele weibliche Wesen, die es auch nicht so genau …“
„Inga, es ist gut jetzt“, ermahnte mich mein Mann.

Ich schaute aus dem Fenster und stellte mal wieder fest, dass die Landschaft zwischen Hamburg und Hannover ziemlich grün, sehr flach und für mich immer wieder etwas ermüdend ist.

„Inga, riechst du das auch?“, fragte mich Florian und riss mich ein wenig aus dem Dämmerzustand.
„Was, was meinst du?“, fragte ich leicht verwirrt.
„Ich sage nur Mettbrötchen“, antwortete mein Mann.
„Ja, stimmt. Jetzt rieche ich es auch“, bestätigte ich.
„Früher hat sich mein Kollege Peter immer in der Frühstückspause ein halbes Mettbrötchen mit Zwiebeln aus der Kantine geholt. Jeder wusste damals, wo Peter gerade steckte. Erst roch der Fahrstuhl, dann der Flur und schließlich das Büro. Im Winter war es besonders schlimm, da konnten wir nicht lange durchlüften“, erzählte Florian.

Mettbrötchen mit Zwiebeln sind völlig untauglich für geschlossene Räume.

„Ja, Mettbrötchen mit Zwiebeln sind völlig untauglich für geschlossene Räume“, sagte ich.
„Genau, und auch nicht für Großraumwagen geeignet“, ergänzte Florian.
„Was ist denn das für ein Gestank?“, fragte eine Frau eine Sitzreihe vor uns, die aufgestanden war und sich umschaute.
Plötzlich war Totenstille im Wagen. Viele Fahrgäste waren zu Salzsäulen erstarrt.
„Das ist der Geruch von Mettbrötchen mit Zwiebeln, da bin ich mir ganz sicher“, sagte ein mittelalter Mann, der zwei Reihen vor uns saß. Und genau diese Aussage brach das Schweigen, hauchte den Salzsäulen wieder Leben ein und war der Start einer Diskussion über „Dos“ und „Don’ts“ in öffentlichen Räumen. So etwas hatten wir noch nicht erlebt. Fahrgäste standen auf und trafen sich in der Mitte vom Großraumwagen. Es wurde angeregt über Essverhalten, Rucksäcke und vieles andere diskutiert. Richtig sachlich und mit viel Humor. Selten hatte ich Erwachsene so herzlich lachen hören. Mich erinnerte diese Situation an den legendären Werbespot von Hella von Sinnen und Ingolf Lück.

Dann sahen wir einen jungen Mann in der letzten Reihe, der plötzlich zu uns schaute, seine Kopfhörer abnahm und zu unserer Diskussionsrunde kam.
„Ist was passiert?“, fragte er etwas besorgt.
„Nein, wir sprechen nur über Mettbrötchen mit Zwiebeln und andere Dinge“, sagte eine Frau.
„Entschuldigung, aber was sind Mettbrötchen?“, fragte der junge Mann.
„Sie kennen keine Mettbrötchen?“, fragte eine andere Reisende ein wenig ungläubig und erklärte es ihm dann ganz ausführlich.
Der junge Mann hörte aufmerksam zu. Ich bemerkte, dass der Mettbrötchengeruch jetzt ganz nah war, obwohl ich das Corpus Delicti nicht sehen konnte. Auch die anderen Fahrgäste schienen es zu riechen.

„Was essen Sie denn da?“, fragte ein Herr.
„Oh, das ist ein veganes Sandwich mit geräuchertem Tofu und frischen Zwiebeln“, erklärte der junge Mann.
„Aha“, sagte der Mann von der Herrengruppe und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Wissen Sie eigentlich, was Sie mit Ihrem Sandwich angerichtet haben?“
„Nein“, antwortete der junge Mann schüchtern und blickte auf sein Sandwich.
„Sie haben uns die schönste Bahnfahrt aller Zeiten beschert. Noch nie habe ich so viele nette Menschen kennengelernt und mich so wunderbar unterhalten“, sagte der Herr.
Kaum hatte er den Satz beendet, brach tosender Applaus der Fahrgäste aus. So was hatte wohl noch keiner von uns erlebt.
„Ausstieg in Fahrtrichtung rechts“, kam die Stimme aus dem Lautsprecher.
„Tja, da ist sie wieder, die trockene Bahnrealität“, stellte ich fest und musste darüber genauso lachen wie die anderen Fahrgäste. Wir verabschiedeten uns, nahmen unsere Sachen und gingen zur Tür.
„Du Inga, hast du auch gesehen, dass das Bahnpersonal mal wieder zu kurze Hosen trägt?“, fragte mich Florian.
So war er, mein Mann, dachte ich und lächelte.

 

Gabriela Lürßen

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Gabriela Lürßen

 

Gabriela Lürßenist als Beraterin, Do­­zen­tin sowie Autorin tätig. Sie lebt seit vielen Jahren im Alstertal. In den letzten Jahren veröffentlichte Gabriela Lürßen zwei Bücher. „MILIAN – Tierisch verkatert“ ist ein herzberührender Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Ein ganz anderes Genre bedient sie mit „ALLTAGSSPITZEN – Portionierte Satire to go“. Das gesellschaftliche Verhalten wird von hier in 27 Episoden mit viel trockenem Humor und Augenzwinkern in einem besonderen Schreibstil beschrieben. Ihr drittes Buch „BROT MIT STINKKÄSE“ wird in den nächsten Tagen veröffentlicht.