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1. Juli 2019

Katzenjammer

Kurzgeschichte von Marlis David

Der Wecker klingelte an diesem schönen Frühlingsmorgen wie jeden Morgen um 7.30 Uhr. Noch müde und verschlafen schaute ich aus dem Küchenfenster. Es war noch keiner da. Meine kleinen Racker schliefen wohl noch. Genau wie meine beiden Mitbewohner, Kater Reddy und Katze Sanny, die es beide geschafft haben, vor Jahren unser Haus zu besetzen.

Vor ihnen gab es so einige entzückende Katzen, die leider inzwischen verstorben sind. Ganz seltsam, als hätten sich alle Katzen in unserem Stadtteil abgesprochen, unsere Adresse preisgegeben oder es war bereits in ganz Hamburg bekannt – jedenfalls kam es uns so vor: Wenn eine unserer Katzen aus Altersgründen verstarb, stand schon die nächste vor der Tür.

So war es auch mit Mimi und ihren drei Jungen. Neben unserem Haus gibt es eine große Pferdeweide mit einem Stall für sechs Pferde. Zwei- bis dreimal im Jahr bringt ein Landwirt aus der Umgebung das Heu für die Tiere. Im Sommer 2016 wollte eine seiner Katzen einen Ausflug in die schöne Umgebung machen. Auf der Pferdeweide angekommen, sprang sie mit einem gekonnten Satz auf die Weide und verschwand. Nach gar nicht langer Zeit stand sie bei mir vor der Tür. Sie sah mich mit großen, smaragdgrünen Augen herz­erweichend an. Natürlich bekam sie etwas zum Fressen. Nun saß sie jeden Tag vor der Tür, aber anfassen konnte man sie nicht. So ist es bis heute geblieben, sie ist sehr ängstlich und scheu.

Im Herbst stellten wir fest, dass sie trächtig war. Auf einem Boden im Geräteschuppen der Nachbarschaft brachte sie drei Junge zur Welt, die sie zu einer Nachbarin schleppte. Bei mir fürchtete sie Reddy und Sanny. Aber natürlich fütterten wir die Kleinen. Leider wurde eines wohl überfahren. Nun waren noch zwei bildschöne Katzenkinder mit smaragdgrünen Augen und die Mutter übrig.

Was sollte ich tun? Ein Anruf im Tierheim Süderstraße war sehr hilfreich. Eine Katzenbeauftragte versprach, mit ihrem Struppiwagen und großen Kisten vorbeizukommen, um alle drei einzufangen. Im Tierheim sollten sie untersucht und kas­triert werden. „Danach muss ich sie aber wieder zurückbringen, denn wir sind bis unters Dach voll!“, kündigte sie an. Zustimmend nickte ich.

Es ist von der Stadt Hamburg mit dem Tierheim vereinbart, dass ein Tierarzt sich um die Operation kümmert und die Stadt die Kosten übernimmt. Sonst würde es wie in südlichen Ländern viele herumstreunende, sich ständig vermehrende Katzen geben. Es sind jetzt schon viel zu viele.

Als wir die Mutter eingefangen hatten, waren die Kleinen verschwunden. Nur die leeren Töpfe zeigten mir, dass sie noch lebten. Drei Tage brauchten wir, bis wir alle zusammen in die Süderstraße bringen konnten. In der Zwischenzeit richtete ich unsere Gartenlaube katzengerecht her, damit sie ein Zuhause vorfanden, wenn sie wieder zurück waren.

Heute haben sie ihre festen Zeiten, stehen drei Mal am Tag an meinem Küchenfen­ster, warten geduldig auf ihre Mahlzeiten und verstehen jedes Wort, bilde ich mir ein.

Jedoch an diesem Frühlingsmorgen 2017 war alles anders. Als ich erneut aus dem Fenster sah, blickte ich in zwei große, gelbe Augen. Eine pechschwarze, langhaarige Katze sah mich an und maunzte herz­erweichend. Verwildert sah sie aus und bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass sie voller Zecken war. Sie musste direkt in einem Zeckennest geschlafen haben. Vorsichtig strich ich ihr über den Kopf, sie ließ mich gewähren sie anzufassen, sodass ich alle Zecken entfernen konnte. Abgemagert sah sie aus und hatte einen Mordshunger.

Was es genau war, weiß ich nicht, aber meine Hauskatzen sowie die Mama mit den Kleinen hatten Angst vor dem langhaarigen, schwarzen Teufelchen mit den gelben Augen. In den nächsten Tagen versuchte das „Schwärzchen“, wie ich sie nannte, bei allen anderen Katzen die Oberhand zu gewinnen.

Es musste wohl ein unkastrierter Kater sein, dem ganzen Verhalten nach. Er kam nun jeden Tag und trieb seine Machtspielchen, indem er alle Katzen angriff oder vertrieb. Meine Katzen wurden immer mutloser und trauriger, alle hatten große Angst. Vielleicht war es die schwarze Farbe, die sie ängstigte oder der Geruch? Sie zogen sich mehr und mehr zurück.

Ein Anruf im Tierheim genügte und es kam auf schnellstem Wege jemand vorbei. „Oh, was für ein bildschönes Tier, da müssen wir einmal sehen ob wir den Halter ermitteln können, denn Rassetiere sind meist registriert. Vielleicht hat sie ja einen Chip? Meinen Sie, dass Sie es schaffen, wenn ich Ihnen ein Gerät überlasse, mit dem Sie die Katze abtasten können?“ „Bestimmt!“ Hoffnungsvoll nickte ich.

Noch am selben Tag gelang es mir und ich konnte eine Nummer durchgeben. Sofort setzte sich das Tierheim mit der Firma, bei der die Nummern gelistet sind, in Verbindung. Die Besitzer der Katze wohnten nicht weit von uns entfernt.

Wir verabredeten uns telefonisch. Noch am selben Tag kamen sie glücklich und freudestrahlend mit ihrem Katzenkorb, um ihren Kater abzuholen. Aber schon zwei Tage später saß er wieder bei mir vor der Tür. Die Besitzerin versprach, ihn kastrieren zu lassen, damit er nicht weiterhin auf Brautschau ginge und dabei alle Katzendamen verschreckte.

Nun kehrte wieder Ruhe und Frieden auf unserer kleinen Asylantenfarm ein. Doch wer weiß, wann der nächste Kater vor der Tür steht?

Mich hat es unendlich froh gestimmt, dass es gelungen war, den Besitzern ihren bildschönen Kater zurückzubringen, bevor er vielleicht überfahren oder in einem Tierheim landen würde.

Zwei Monate vergingen, zwei Monate, in denen alles friedlich blieb und meine Katzenkinder in Ruhe und Frieden herumtollen konnten.

Doch an einem Morgen lagen ausgerissene Katzenhaare vor meiner Haustüre und meine Sanny war von ihrem Morgenspaziergang noch nicht zurück. Kater Reddy war auch vom Erdboden verschluckt. Mein lautes Rufen blieb ohne Erfolg, auch die Kleinen ließen sich nicht blicken.

Nach endlos langer Zeit hörten wir ein leises Wimmern direkt über unseren Köpfen. Hoch oben in einer unserer Eichen saß unsere Sanny und gab uns zu verstehen, dass sie allein nicht runter konnte von diesem Baum.

Es war noch dunkel, aber wir beschlossen trotzdem, unsere Leiter aus dem Schuppen zu holen, um unsere Kleine zu retten. Schnell nahmen wir noch einen großen Karton, in den sie hineinklettern sollte, damit wir sie sicher hinunterbringen konnten. Sie begriff sofort und kletterte hinein, so dass mein Mann sie mir auf halbem Wege reichen konnte.

Für uns war sofort klar, wer sie in diese missliche Lage gebracht hatte. Der schwarze Kater musste zurück sein. Unser Kater Reddy, der inzwischen über drei Stunden verschwunden war, würde hinter ihm her sein. Langsam beschlich mich die Angst, denn er musste über zwei Hauptstraßen laufen. Hoffentlich würde mein Stoßgebet gehört, dass er wieder heil zurückkommen möge.

Noch bevor die vierte Stunde vergangen war, saß er plötzlich an der Tür. Glücklich schaute ich zum Himmel empor. Ganz furchtbar ist es, einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch für mich ist es auch entsetzlich, ein mir anvertrautes Tier, welches man jahrelang gehabt hat, durch dessen Tod hergeben zu müssen. Zu oft ist es mir passiert und es war jedes Mal eine Tragödie.

Es hatte zu regnen begonnen, anfangs ein leichter Nieselregen, aber es wurde immer heftiger. Aus meinem Arbeitszimmer blickte ich auf die Gartenlaube.
Und wen sah ich da, friedlich schlafend? Den schwarzen Kater! Und neben ihm im großen Hundekörbchen lag unsere Katzenmutter.

Für mich eine Gelegenheit, die Kater-Besitzerin zu bitten, ihn bei uns abzuholen. Aber das sollte leichter gesagt als getan sein.

Er wollte nicht mit ihr nach Hause, versteckte sich und ward nicht mehr gesehen. So ging das nun jeden Tag. Irgendwann muss er wohl kastriert worden sein, denn er wurde von Tag zu Tag etwas umgänglicher. Seine Besitzerin erzählte, dass sie ihn schon Monate nicht gesehen hatte.

Doch im Frühjahr stand er wieder vor unserer Tür, kaum zu erkennen, denn er war teilweise rasiert, hatte seine schöne, schwarze, lange Haarpracht verloren. Es war gut so, denn die Zecken saßen dicht an dicht auf seinem Hals und Rücken. Jetzt konnte man sie wunderbar entfernen. Sein Fell war so verklebt, da half nur noch rasieren, kämmen war nicht möglich. Er ließ alles geduldig über sich ergehen. Dafür verlangte er mehrmals am Tag Futter. In schöner Regelmäßigkeit erschien er nun am Futtertrog.

Inzwischen ist ein Jahr vergangen, der Schwarze ist zum zweiten Mal von seiner Besitzerin rasiert worden, damit man die Zecken besser entfernen kann, und kommt in schöner Regelmäßigkeit zu uns zum Fressen. Inzwischen habe ich es aufgegeben bei der Besitzerin anzurufen, da sie nicht in der Lage ist, den Kater in den Griff zu bekommen.

So kann ich doch zu Recht behaupten, dass wir ein Asylantenheim für Katzen geworden sind.

Woher kennen die kleinen Stubentiger nur immer den Zeitpunkt, um bei uns vorstellig zu werden? Wie der schwarzweiße Kater mit seinem verkürzten Bein, von dem der Tierarzt meinte, er sei schon so auf die Welt gekommen. „Humpi“ hatte noch fünf schöne Jahre bei uns, bekam einen Herzinfarkt und fiel tot um.

Schon stand „Felix“ vor der Tür. Ein bildschöner, roter Kater, der nur noch einen halben Schwanz hatte und eine offene Wunde. Jemand musste ihn verletzt haben oder er hatte einen Autounfall. Er war in der ganzen Umgebung bekannt und hatte wohl schon bei jeder Familie auf dem Sofa gesessen. Er war ein kleiner Streuner, was ihm auch den Tod brachte, denn er wurde leider überfahren.

Einen Monat später stand sein Abbild vor unserer Tür. Er sah ihm zum Verwechseln ähnlich. Wir haben ihn natürlich aufgenommen. Heute möchte ich ihn auf keinen Fall missen. Am Anfang war er sehr kratzbürstig, aber nach der Kastration wurde er lammfromm. Heute liebe ich diesen Kater sehr, habe das Gefühl, dass er alles versteht und mit mir kommuniziert. Wir sind ein Pott und ein Deckel, zum Leidwesen meines Mannes.

Nun haben wir zwei Hauskatzen und vier Asylanten zu versorgen. Jeden Tag ist es ein schwieriges Thema, denn erst muss der Schwarze im Vorraum, dann die Anderen gefüttert werden, damit es keine Streitereien oder gar Futterneid gibt.

Gestern spielte unser Reddy „Mäuschen­ertränken“. Sein großes, schwarzes, piepsiges Fellmäuschen hatte er in einen großen Wasserbehälter befördert, um es zu ertränken. Mein Mann rettete es, rieb es ab und wickelte es zum Trocknen in ein Handtuch. Die Spielmaus gab keinen Laut mehr von sich.
Es war noch dunkel, da hörte ich einen wehleidigen, piepsenden Dauerton. Reddy hatte das Mäuschen aus dem Handtuch befreit, das zu seiner Freude die Sprache wiedergefunden hatte. So kann man mit kleinen Sachen auch Katzenkindern Freude machen.

Jedes Mal, wenn uns ein Kätzchen verlässt, sage ich zu meinem Mann: „So, es kommt mir keine neue Katze ins Haus!“ Doch die Beerdigung ist gerade vollzogen, da kann man sicher sein, dass schon wieder eine neue Mietze an die Türe pocht.
Aber ins Herz habe ich sie alle geschlossen.

Marlis David

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