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1. Juli 2019

Patricias Geheimnis (Teil 3)

Duvenstedt, im Februar

 Lothar Bergmann hatte sich vorab gar nicht erst erkundigt, ob Polizeihauptmei­ster Jörg Krull im Dienst ist. Er war einfach in der Dienststelle aufgetaucht und hatte nach ihm gefragt.
Nun sitzen sie sich in einem kleinen Büro an einem aufgeräumten Schreibtisch gegenüber. Krull hat Bergmann auf Landeskosten einen Kaffee spendiert. Seitdem sie vor einigen Jahren in der Affäre um den jungen Hamburger Senator Magnus Peters Seite an Seite fast draufgegangen wären, verbinden Respekt und Wertschätzung die beiden grundverschiedenen Männer.
„Ich kann dir die Akte nicht zur Einsicht geben“, sagt Krull. „Du weißt, dass ich dazu nicht autorisiert bin. Außerdem habe ich keinen Zugriff. Der Vermisstenfall Patricia Vogt ist Soko-Sache und fällt nicht in meine Zuständigkeit.“
„Ach, erzähl‘ mir doch nichts, Jörg. Dies hier ist schließlich dein Stadtteil. Patricia wohnte hier. In ihrem Vermisstenfall gibt es viele Fragen, aber kaum Antworten. Und du willst mir ernsthaft weismachen, dass all das nicht an deiner Bullenehre kratzt? So wird aus dir nie ein Sheriff, der die bösen Jungs von seiner Stadt fernhält.“
Krull rollt mit den Augen. Weshalb bloß musst der alte Mann ihn immer wieder piesacken?
Er sagt: „In jedem Vermisstenfall gibt es unbeantwortete Fragen, solange die Person nicht gefunden wurde und der Fall nicht voll und ganz aufgeklärt ist. Fakt ist: Im Vermisstenfall Patricia Vogt gibt es seit Jahren nichts Neues.“
„Das stimmt nicht. Karin Kleinschmidt hat das …“
„Ja, ich weiß“, unterbricht Krull. „Sie hat ein Mädchen gesehen, das verblüffend ähnlich aussieht wie Patricia Vogt. Doch es ist auszuschließen, dass dieses Mädchen tatsächlich Patricia gewesen ist, und das weißt du so genau wie ich. Seit Patricias Verschwinden sind sechs Jahre vergangen. Sofern sie noch lebt, ist sie jetzt doppelt so alt wie damals und wird allein schon deshalb optisch erheblich verändert sein. Hör‘ zu, Lothar, die Aussage der Kleinschmidt reicht nicht aus, dass die Kollegen den Vermisstenfall wieder anfassen. Wäre es ein neuer Hinweis, dann ja, aber hier handelt es sich um eine eindeutige Fehleinbildung.“
„Das Mädchen trug eine gelbe Jacke wie Patricia sie am Tag ihres Verschwindens getragen hat.“
„Tat sie das? Von Patricias Jacke gibt es lediglich eine vage Beschreibung. Kein Herstellername, keine Modellnummer. Die Eltern gaben an, sie hätten die Jacke wenige Monate zuvor auf einem Flohmarkt gekauft. Somit gibt es nicht mal einen Kassenbon, mit dem sich etwas anfangen lässt. Dass das besagte Mädchen eine gelbe Jacke mit Fell an der Kapuze trug, bedeutet nicht, dass es sich um dieselbe gelbe Jacke mit Fellkapuze handelt, die damals Patricia getragen hat. Ganz abgesehen davon, dass diese Jacke der Patricia von heute wohl kaum noch passen würde.“
Bergmann streicht sich durch das schüttere Haar. Nachdenklich fixiert er einen Kratzer auf der Schreibtischoberfläche. Gemäß aller Logik hat Krull recht und das Mädchen vor dem Supermarkt ist nicht Patricia – wie sollte sie es bei aller menschlicher Vernunft auch sein. Doch dieser ganze Vermisstenfall ist so mysteriös, dass sich Logik fast schon verbietet.
Schließlich sagt er: „Ein fünfjähriges Mädchen sitzt auf dem Kinderkarussell des kleinen Duvenstedter Weihnachtsmarkts. Zu jenem Zeitpunkt besuchen rund siebzig Personen den Weihnachtsmarkt. Die meisten stehen zu zweit oder in Grüppchen zusammen und reden, trinken Glühwein oder heiße Schokolade, essen Schmalzgebackenes oder eine Wurst vom Schwenkgrill. Das Karussell dreht seine Runden. Alles wirkt friedlich, alles scheint wie immer zu sein an diesem bereits in Dunkelheit gehüllten Nachmittag. Doch plötzlich sitzt das Mädchen nicht mehr auf dem unechten Pony, während das Karussell weiterhin in Bewegung ist, denn die mehrminütige Fahrt ist noch nicht beendet. Der Vater des Mädchens bemerkt irgendwann, nachdem er gemäß eigener Aussage lediglich einige Sekunden lang nicht zum Karussell geschaut hatte, dass seine Tochter wie von Geisterhand vom Karussell verschwunden ist.“
Bergmann legt eine bedeutungsschwere Pause ein, richtet seinen Blick auf Krull und fährt fort: „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein fünfjähriges Kind den Mut aufbringt und die körperliche Sicherheit verspürt, ohne helfende Hände von einem sich drehenden Karussell zu steigen. Und falls doch, vergeht vom Herabsteigen vom Pony bis zum Runterspringen vom Karussell einige Zeit. Sagen wir mal dreißig Sekunden. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass während dieser halben Minute niemand mitbekommen hat, dass Patricia vom Karussell gesprungen ist und anschließend den Weihnachtsmarkt verlassen hat. Seltsam, dass selbst der Mann im Kassenhäuschen des Karussells nichts bemerkt haben will. Weshalb nicht? Die dreißig Sekunden wurden ja wohl kaum von der Uhr gestrichen und ebenso wenig wird es einen entsprechenden Zeitsprung gegeben haben. Oder vielleicht doch? Ist auf dem Weihnachtsmarkt die Welt dreißig Sekunden lang stehen geblieben? Wurde die gesamte Weihnachtsmarktszenerie zu einem Standbild und nur Patricia ist in Bewegung geblieben?“
Einen Moment lang sehen die Männer einander schweigend an. Als Bergmann klar wird, dass Krull ihm nichts weiter zu sagen hat, steht er behutsam auf und sagt: „Der Fall Patricia Vogt will endlich aufgeklärt werden, Jörg. Möglicherweise ist das der Grund für das Auftauchen des Mädchens, das so aussieht wie Patricia einst aussah. Ich sage dir, dass das Mädchen geschickt wurde – vom wem und wie auch immer.“
Ächzend drückt er den Rücken durch. „Danke für den Kaffee. Das nächste Mal darf er gerne stärker sein.“
Mit diesen Worten verlässt Bergmann das Büro.

Duvenstedt, im Oktober

 Ich bin traurig. Mama und Papa streiten sich schon wieder. Sie sprechen laut Deutsch und Englisch durcheinander. Mama schimpft mit Papa. Papa schimpft auch. Ich will nicht, dass Mama und Papa sich schon wieder streiten. Ich höre, dass Mama weint. Ich muss auch weinen. Papa kommt in mein Zimmer und nimmt mich in die Arme. Ich finde es schön, wenn Papa mich in die Arme nimmt. Aber nicht jetzt. Er nimmt mich so komisch in die Arme. Ich habe Angst.

Duvenstedt, im Februar

 Da weder Karin Kleinschmidt noch Björn Frieling sich mit der Begegnung vor dem Supermarkt an die Presse gewandt hatten, lässt sich während der folgenden Tage kein Journalist in Duvenstedt blicken. Der Vermisstenfall Patricia Vogt schläft weiter.
Es ist Mittag. Vor einer halben Stunde ist Bergmann vom Grab seiner Frau zurückgekehrt, das er bei Wind und Wetter jeden dritten Tag besucht. Zuhause hatte er sich in den Sessel gesetzt, den Fernseher eingeschaltet und war kurz darauf weggedöst.
Das Klingeln des Telefons holt ihn zurück. Bergmann kennt die angezeigte Nummer. Die Polizeidienststelle. Vermutlich Krull. Bergmann ist sofort hellwach. Er nimmt den Anruf entgegen.
„Damit wir uns verstehen: Dieses Telefonat findet nicht statt.“ Krull spricht mit gedämpfter Stimme.
„Schon klar. Was hast du für mich?“
„Dieses Mädchen, du weißt schon … – es ist erneut gesehen worden.“
„Ehrlich?“, fragt Bergmann staunend. Er setzt sich aufrecht hin. Augenblicklich schießt es ihm in den Rücken. Er unterdrückt ein Wimmern. „Wann und wo?“
„Heute früh gegen viertel nach sieben. Vor dem Kindergarten.“
„Wer sagt das?“
„Eigentlich darf ich es dir nicht stecken, doch wie ich dich kenne, bekommst du es eh heraus. Also, die Frau heißt Nadine Gärtner. Sie hat heute früh ihren Jüngsten im Kindergarten abgegeben, und als sie wieder nach draußen tritt, sieht sie das Mädchen dort stehen. Gärtners ältester Sohn ist Patricias Jahrgang, die beiden waren damals in derselben Kindergartengruppe, daher kannte sie Patricia. Die Gärtner hat sofort mit dem Handy ein Foto von dem Mädchen gemacht und ist anschließend in das Gebäude zurückgeeilt, um eine Kindergärtnerin oder einen anderen Erwachsenen zu holen, doch als sie wiederkam, war das Mädchen fort.“
„Ich muss das Foto sehen.“
„Du weißt, dass das nicht geht. Hör‘ zu, ich habe es mir angeschaut. Die Qualität ist nur mäßig. Draußen war es noch nicht richtig hell und die Gärtner hat vor Schreck ohne Blitz fotografiert. Also, das Mädchen trägt eine gelbe Jacke mit Fellkragen. Und wenn man es sich unbedingt einreden will und außer Acht lässt, dass mittlerweile sechs Jahre vergangen sind, dann … ja, dann könnte man tatsächlich meinen, das Mädchen sei Patricia. Trotz der mäßigen Aufnahmequalität ist eine erstaunliche Ähnlichkeit unverkennbar.“
„Ich hatte geahnt, dass das Mädchen wieder auftaucht“, murmelt Bergmann vor sich hin. Dann mit fester Stimme: „Wer weiß alles von heute früh?“
„Das kann ich dir tatsächlich nicht sagen. Bei den Kindergarteneltern dürfte es längst die Runde gemacht haben. Die Gärtner stand völlig neben sich, als sie mir von der Begegnung berichtete. Sie schwört Stein und Bein, dass es sich bei dem Mädchen um Patricia Vogt handelt.“
„Du wirst die Soko davon in Kenntnis setzen, stimmt‘s?“
„Ja. Ich habe zwar keine Ahnung, ob das Grund genug ist, sich die Akte wieder vorzunehmen, doch selbstverständlich muss und werde ich den Kollegen Bericht erstatten.“
Bergmann verdreht die Augen. So sehr er Krull mittlerweile auch schätzt, dessen Dienstvorschriftengenauigkeit geht ihm immer wieder auf die Nerven.
Als schaue er direkt ins Bergmanns Kopf, sagt Krull: „Ich muss mich nun mal an die Regeln halten, Lothar. In drei Stunden werde ich die Kollegen informieren. Drei Stunden. Mehr als diesen Vorsprung kann ich dir nicht verschaffen.“
Drei Stunden sind so gut wie nichts, denkt Bergmann, doch immerhin springt Krull zumindest ein wenig über seinen Schatten. Vielleicht wird aus ihm irgendwann doch noch ein richtig guter Cop.
Bergmann bedankt sich und die Männer beenden das Telefonat. Einen Moment lang sortiert Bergmann seine Gedanken, dann quält er sich aus dem Sessel hoch und sagt vor sich hin: „Du bist also zurückgekehrt, Patricia. Mir ist zwar nicht klar, wie und auf welche Weise – doch ich werde es herausfinden.“

Ulf Vogt sitzt in seinem Büro im sechsten Stockwerk des Versicherungsgebäudes und blickt aus dem Fenster. Für gewöhnlich genießt er den Ausblick auf den Rhein, doch jetzt sieht er durch den träge dahinfließenden Fluss hindurch. Vogt ist von bleierner Schwere umgeben und in seinem Kopf herrscht ein dumpfes Pochen.
Seit Kriminalkommissar Schwenns Anruf vor drei Tagen kann er nur noch schwer klare Gedanken fassen. Aufgetaucht. Ein Mädchen, das aussieht wie Trisch. Wie seine Tochter, sein Baby, sein Engel.
Doch es ist nicht Trisch. Sie kann es unmöglich sein. Kein Mensch wird Trisch jemals wieder zu Gesicht bekommt. Wie auch.
Eigentlich ist die Sache offensichtlich. Es gibt dieses Trisch so ähnlich aussehende Mädchen nicht und somit hat auch niemand sie zu Gesicht bekommen. Das Ganze ist bloß eine Idee der Soko-Bullen. Weil sie seit Jahren auf der Stelle treten und mit ihren Ermittlungen am Ende sind, haben sie sich dieses Mädchen ausgedacht. Um Trisch ins Bewusstsein der Menschen zurückzuholen. Um Unruhe zu stiften. Um Menschen nervös zu machen. Menschen wie ihn, von denen sie meinen, dass sie mit Trischs Verschwinden etwas zu tun haben könnten. Selbstverständlich rechnen die Bullen nicht damit, dass irgendjemand dermaßen die Nerven verliert, dass der eine große Fehler begangen wird, der Trischs Verschwinden plötzlich auflöst. Vielmehr setzen sie auf den Dominoeffekt, bei dem eine einzige Unachtsamkeit nach und nach alles zum Umfallen bringt.
Vogt löst seinen Blick vom Fenster. Er steht auf und geht rüber zu dem schmalen hohen Schrank, den er stets unter Verschluss hält. In seiner Position als Teamleiter Controlling hat er es mit einer Menge sensibler Daten und Zahlen zu tun, so dass niemand auf die Idee käme, Vogt zu fragen, weshalb er den Schrank ständig verschlossen hält.
Er zieht den kleinen Schlüssel aus der Hosentasche und schließt den Schrank auf. In allen Regalen stehen Aktenordner mit beschrifteten Rückenschildern. Vogt steckt seinen Zeigefinger in das metallgefasste Griffloch eines ganz unten stehenden Ordners und zieht ihn heraus. Der Ordner ist leer. Dort, wo er eben noch im Regal stand, kommt eine Flasche Wodka zum Vorschein. Sie ist halb voll. Mit einer bereits x-fach ausgeführten Bewegung nimmt Vogt die Flasche aus dem Regal, dreht zeitgleich den Verschluss auf und setzt an.
Der Wodka fließt erst über die Zunge und läuft dann die Speiseröhre runter. Ein zweiter Schluck, ein dritter und vierter, ein fünfter. Dann dreht Vogt die Flasche zu, stellt sie zurück und schiebt den Ordner wieder davor, verschließt den Schrank. Das Ganze hat keine zehn Sekunden gedauert.
Vogt geht es augenblicklich besser. Vom Magen aus verbreitet sich ein wohliges Gefühl. Der Alkohol beginnt bereits zu wirken. Vogt atmet durch.
Nein, sagt er sich, die Bullen tappen weiterhin im Dunkeln. Doch zugegeben, die Idee mit dem Mädchen ist nicht schlecht. Zumindest ist es mal was anderes.

Bergmann hatte die drei Seiten, die Duvenstedts Straßenverlauf und alle damit im Zusammenhang stehenden Informationen zeigen, aus dem Hamburger Cityatlas rausgerissen und an die Pinnwand gehängt. Dort, wo sich der Supermarkt befindet, hat er ein rotes Fähnchen gesteckt, beim Kindergarten ein gelbes.
Der Kindergarten ergibt Sinn, denkt Bergmann zum wiederholten Mal, aber der Supermarkt?
Er tritt einen Schritt zurück, um einen besseren Blick auf die Übersicht zu haben.
Der Supermarkt. Welchen Bezug hatte Patricia, weshalb ist das Mädchen ausgerechnet dort zum ersten Mal aufgetaucht?
Bergmann schiebt sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zündet sie jedoch nicht an. Vielleicht war der Supermarkt gar nicht der Ort ihres erstes Auftauchens, überlegt er. Möglicherweise war das Mädchen zuvor bereits an anderen Standorten gewesen, ohne jedoch jemandem aufgefallen zu sein.
„Wo in der Gegend hat sich dein junges Leben abgespielt, Patricia?“, murmelt Bergmann. „Wo warst du häufig und vor allem gerne – und wo hast du dich unwohl gefühlt? Dich vielleicht sogar gefürchtet?“
Er zieht ein weiteres gelbes Fähnchen aus der Korkplatte der Pinnwand und drücktes dort in die Straßenkarte, wo das Haus stehen müsste, in dem Patricia mit ihren Eltern wohnte. Es ist rund zwanzig Minuten Fußweg entfernt.
Bergmann schaut aus dem Fenster. Es ist bewölkt, sieht aber nicht nach Niederschlag aus. Es spricht also nichts gegen einen Spaziergang.

Torsten Schwenn fragt sich, was er von der Sache halten soll. Soeben hat er von Krull erfahren, dass das Mädchen heute früh vor dem Kindergarten gesehen wurde.
Was bloß stimmt mit den Leuten nicht, dass sie überzeugt sind, Patricia Vogt begegnet zu sein? Einem kleinen Mädchen, von dem seit etwas mehr als sechs Jahren jede Spur fehlt und das aller Wahrscheinlichkeit nach tot ist.
Schwenn sieht sich die Aufnahme an, die Nadine Gärtner gemacht und Krull ihm per WhatsApp geschickt hat. Ja, denkt er, das Mädchen sieht der Patricia Vogt von damals ziemlich ähnlich. Zu schade, dass die Qualität des Fotos nicht gut genug ist, um die Farbe der Augen und alle Feinheiten des Gesichts zu erkennen.
Schwenn hört sich seufzen. Es nützt nichts: Er muss herausfinden, wer das Mädchen auf dem Foto ist. Am besten, er fragt als erstes in den Kindergärten und Grundschulen der Umgebung nach. Und dann würde er sich die Akte Patricia Vogt schnappen. Es ist Jahre her, dass er sie zuletzt in den Händen gehalten hatte. Vermutlich ist sie zwischenzeitlich digitalisiert worden. Nicht, dass er glaubt, die Kollegen und er hätten damals irgendetwas übersehen, über das er nun stolpern würde. Nein, die Soko hatte ganze Arbeit geleistet und jeder hatte sich bis zur Erschöpfung in den Fall reingekniet. Insbesondere Ulf Vogt hatten sie sich immer wieder vorgeknöpft und ihn bis ins Kleinste durchleuchtet, und bis auf Vogts stille Gedanken gab es wohl nichts, was sie nicht herausgefunden hatten. Das gesamte Soko-Team war überzeugt, dass Vogt seine Tochter hatte verschwinden lassen, doch sie hatten nichts in den Händen, woraus sie ihm einen Strick hätten drehen können. Das hatte alle zutiefst frustriert.
„Es sind einige Jahre vergangen, Mistkerl“, murmelt Schwenn und schiebt das Handy in die Brusttasche seines Hemdes. „Vielleicht bist du mit der Zeit etwas unvorsichtig geworden. Ich werde mir dein jetziges Leben mal genauer anschauen.“

Bergmann ist überrascht. Das Ehepaar, das in Patricias Elternhaus lebt, ist ein anderes als jenes, das es gekauft hatte, nachdem Patricias Verschwinden Evelyns und Ulfs Ehe scheinbar so schnell gespalten hatte wie eine Axt frisch geschlagenes Holz. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass das Reihenhaus zwischenzeitlich ein weiteres Mal den Besitzer gewechselt hatte.
„Wir haben es vor einem Jahr gekauft“, erklärt die schwangere Frau, die ihn ohne jeden Argwohn hereingebeten hatte. „Ohne Makler und unterhalb des Verkehrswerts. Die Eigentümer wollten offensichtlich einfach nur schnell verkaufen. Sie sagten, sie müssten schon bald nach Bayern ziehen, weil beide dort neue Jobs hätten. Meinem Mann und mir kam es etwas seltsam vor, aber letztendlich war es uns egal und wir haben das Haus mit Handkuss gekauft.“
Bergmann zeigt ihr eine Aufnahme von Patricia.
„Wir hörten davon“, sagt sie und nickt betroffen. „Eine tragische Geschichte. Ich hoffe, das Mädchen wird eines Tages gefunden und ihre Eltern haben endlich Gewissheit und finden Frieden. Es muss unfassbar schmerzhaft sein, das eigene Kind zu verlieren.“ Wie zum Gebet schließt sie die Augen und streicht sich über den Bauch.
Bergmann fragt, ob sie und ihr Mann seit dem Hauskauf ein ähnlich aussehendes Mädchen zu Gesicht bekommen haben. Vielleicht sogar direkt am Haus.
Sie sieht ihn verwundert an. „Nein. Aber das wäre auch ziemlich geisterhaft, nicht wahr?“
Bergmann nickt und versucht ein zustimmendes Lächeln, doch es gelingt ihm nicht.

Duvenstedt, im Oktober

 Mama und Papa haben mir versprochen, dass wir heute zum Eis gehen. Mit Schlittschuhen. Das habe ich noch nie gemacht. In eine Halle mit Eis. Da war ich noch nie. Ich habe mich ganz doll darauf gefreut. Als wir los wollen, ist Mama nicht zu Hause. Jetzt fährt Papa allein mit mir. Er sagt nichts und guckt ganz böse. Ich möchte jetzt nicht mehr zum Eis. Aber das sage ich Papa nicht. Ich möchte nicht, dass er noch böser wird. Wenn Papa richtig böse ist, schmeißt er manchmal Sachen kaputt. Zu Hause verstecke ich mich dann immer. Hier im Auto kann ich das nicht. Warum ist Mama nicht hier?

Andreas Richter