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26. Juni 2019

Kindermund tut wohl und kund

„Nächster Halt: Kiwittsmoor.“ Am frühen Nachmittag gibt es in der U1 Richtung City erfreulich viele freie Sitzplätze, und sofern die Bahndammbepflanzung schon zur Genüge bekannt ist, kann man sich für die nächste halbe Stunde bequem ins Smartphone versenken. Wie es viele Fahrgäste tun. Was ja mitunter kritisiert wird. Aber breit aufgeklappte Zeitungen, drei Dutzend pro Waggon, waren früher eigentlich problematischer. An diesem Tag lockt die Nachrichtenlage bei Spiegel-online jedoch nicht zu vertiefter Lektüre. Brexit, HSV, Parteiengezänk, ausgeleierte Rhetorik aus dem Kanzleramt – kein aufheiterndes Thema in Sicht.
Unterhaltsame Alternative: Dem kleinen, hellwachen Jungen lauschen, drei oder vielleicht knapp vier Jahre jung, der ein paar Plätze weiter seine Mutter zu andauernder Unterhaltung herausfordert. Die junge Stimme klingt durch den ganzen Wagen, von keinerlei Geknatter umgeblätterter Zeitungsseiten getrübt. Der Wortschatz des jungen Vortragsreisenden ist beeindruckend. Eine kleine Sprachunfertigkeit wirkt dabei nicht weiter störend: Die Endsilbe „de“ spricht er bei mehrsilbigen Wörtern aus wie „be“. In diesem Alter kann das noch auftreten und wird sicher bald verschwinden. Die Mutter sieht deshalb auch davon ab, ihn immer wieder zu korrigieren. „Ist aber schabe“, bedauerte er gerade, nachdem seine Mama feststellen musste, dass sie den Regenschirm zu Hause vergessen hat.

„Nächster Halt: Langenhorn Markt“, ertönt es aus dem Lautsprecher. Die Mutter sagt: „Noch vier Stationen, dann müssen wir aussteigen. Weißt du noch, wie der Bahnhof heißt?“. Ihr Junge überlegt nicht lange: „Göttingen?“. Verhaltenes Schmunzeln der schweigenden Mehrheit im Waggon. Mama korrigiert vernehmlich, aber entspannt: „Nein, Ohlsdorf. Nach Göttingen fahren wir wieder, wenn wir die Oma besuchen“. Die Unterhaltung der beiden verströmt friedliche Leichtigkeit, ein ungleich angenehmerer Sound als das im ÖPNV üblich gewordene Handygeplapper von notorischen Laut-Sprechern. Beiderlei Geschlechts. Da hört man doch lieber diese Kinderstimme, zumal der Kleine ja auch seine Sprache übend weiterentwickeln soll. Heißt es nicht, dass es für die frühkindliche Sprachentwicklung ein besonders empfängliches Zeitfenster von etwa drei Jahren gäbe, in dem die verbale Anregung überaus wichtig sei? Die Mama und ihr Sohn haben dieses Zeitfenster bislang anscheinend gut genutzt. Und der Junge redet, als bekäme er dafür Akkordlohn.

Jetzt wendet er sich einer Erkenntnis zu, die ihn wohl neuerdings beschäftigt. Dabei knüpft er ganz offensichtlich an frühere Gespräche an: „Ich weiß ja, wie das bei Jungs heißt“. Er scheint kurz im Stillen sein frisch erworbenes Fachwissen zu memorieren. „Und bei Mädchen. Und bei Frauen ja auch so“, schiebt er nach. Die Mutter nickt kurz und ist im Übrigen der Überzeugung, dass alle anderen Mitfahrerinnen und Mitfahrer auf diesem Gebiet ebenfalls einwandfrei Bescheid wissen und jetzt nicht lautstark daran erinnert werden müssen. Rasch will sie seine Aufmerksamkeit auf anderes Terrain ziehen: „Schau‘ mal, jetzt hält unser Zug an“.

Das trifft zwar zu, aber damit kann sie ihren Jungen nicht aus der Spur bringen. Er zeigt sich ablenkungsresistent wie ein Frank Plasberg in Bestform und kennt womöglich auch schon die durchsichtigen Manöver, mit denen die Mama gelegentlich versucht, in seinen Gedankenströmen den Verkehr zu regeln. Jedenfalls bleibt er beim Thema. Denn es gibt ganz ohne Zweifel Interessanteres im Leben als bremsende U-Bahnen, soviel ist ihm schon klar geworden.

Eben steigt eine Frau ein und sucht sich in der Mitte des Waggons einen freien Sitzplatz. Der kleine Mann nimmt den Faden mit klarer Stimme wieder auf: „Die Frau hat auch ‘ne Scheibe. Und Melanie auch“.

Die zugestiegene Dame schaut sich irritiert um, und der Mutter bleibt jetzt ein Zeitfenster von gut drei Sekunden, um zu entscheiden, ob sie ihren Sohn diesmal korrigieren soll. Und wenn ja, wie laut. Sie entscheidet sich für eine leise Variante, beugt sich flüsternd zu ihm herab. Ohlsdorf steigen sie aus. Eigentlich schabe – äh, schade.

Dafür steigen drei Mädchen zu, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, und räkeln sich in die Sitzgruppe schräg gegenüber. Lebhaft herumalbernd erproben sie ihre Wirkung auf die bahnfahrende Öffentlichkeit. Ihr Klamotten-Mix ist selbst für die heutige Zeit auffällig, die Bemalungen in Gesichtern und an Händen asymmetrisch und experimentell. Ein Accessoire sticht besonders hervor: Alle drei tragen eigenartige große Brillen mit dunklem Gestell, offenbar 3D-Brillen fürs Kino, die sie aus Jux in der Bahn aufgesetzt haben. Die schrillen Grazien sind vereint in augenblicklicher Sorglosigkeit, reißen Witze, tratschen beschwingt über die Knutschpraktiken verflossener Freunde und kommentieren von Zeit zu Zeit ihr schräges Aussehen mit diesen Brillen.

Nebenan sitzt eine Frau mit ihrer höchstens fünfjährigen Tochter. Die Mutter schaut in die Ferne, kann ihre Ohren sicher nicht verschließen und denkt sich amüsiert ihr Teil. Das kleine Mädchen aber hat sich ein wenig vorgebeugt und schaut an ihrer Mama vorbei gebannt zu den Teenies. Mit großen Augen, den Mund leicht geöffnet, alle Sinne auf Em­pfang. Als eine der jungen Damen kurz zu ihr hinguckt, dreht sie schnell den Kopf weg, aber gleich darauf bestaunt sie wieder intensiv das lustige Trio. Jedes Wort und jedes modisch-verrückte Detail scheint sie aufzusaugen, und sie ahnt wohl, dass sich dort für ein paar Minuten so etwas wie ein kleines Vorschaufenster in ihre eigene Zukunft öffnet. Was sie dort sieht und hört, ist noch weit weg, aber hat dennoch irgendetwas mit ihr zu tun. Wenn nicht heute, dann sicher später. Sie schaut und schaut ohne Unterlass. Und sie denkt nach, man kann es deutlich sehen.

Nach drei Stationen dreht sie sich zu ihrer Mutter und flüstert mit leiser Vorfreude: „Zu Hause habe ich auch eine Sonnenbrille.“

Brexit, HSV, Parteiengezänk – es gibt Tage, da wird einem ganz besonders deutlich, wie wohltuend die Rhetorik unserer Jüngsten sein kann.

Wolfgang Wunstorf