Schlusslicht

20. Mai 2019

Der Nachbar, das wohlbekannte Wesen

Das letzte Wort hat Wulf Rohwedder

Der Fernsehspot eines großen Versicherungskonzerns zeigte schon vor mehr als drei Jahrzehnten: Die wichtigste Grundlage für eine gute Nachbarschaft in Deutschland ist – eine Rechtsschutzversicherung.
Diese gefühlt unendlich oft wiederholte Werbung muss ganze Generationen von Mietern und Eigenheimbesitzern geprägt haben: Ich habe Recht und wenn nicht, dann wenigstens Rechtsschutz, also ziehe ich jeden Konflikt durch. Justiz, Polizei und Behörden können von den Folgen solcher oft aus nichtigen Anlässen begonnenen Nachbarschaftsfehden ein Lied singen.
Als ehemaliger Bewohner eines größeren Mehrfamilienhauses und Mitglied im Verwaltungsrat eben jener Anlage durfte ich solche Entwicklungen quasi hautnah verfolgen – ein wahrer Kulturschock nach der Idylle der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Anstand und Datenschutz verbieten mir, hier ins Detail zu gehen.
Einig war man sich höchstens dann, wenn es gegen einen gemeinsamen, äußeren Feind ging. „NIMBY“ heißt für Soziologen, Juristen und Psychologen das Zauberwort, das aus Nachbarfeinden Verbündete macht: „not in my backyard“ – überall, aber bitte nicht hier.
Nun wohne ich wieder in einem, sagen wir mal, übersichtlicheren Umfeld. Auch da klingelt der Nachbar schon mal, aber nicht, weil er sich beschweren will, sondern weil er eine Frage zu seinem Handy oder Computer hat. Dafür stehen aber auch öfter mal Blumen oder was Selbstgebackenes auf der Schwelle, wenn ich von der Arbeit komme. Post wird jederzeit problemlos angenommen, der Briefträger weiß schon Bescheid. Wenn irgendwann mal die Jalousie länger geschlossen bleibt, klingelt man, um nachzusehen, ob etwas passiert ist.
Probleme kommen natürlich auch mal vor, aber sie werden angesprochen und gelöst – meist sehr schnell. Dabei sind viele Konflikte vermeidbar, wenn man sich ein bisschen zurücknimmt. Eine vielleicht ungewöhnliche Farbgestaltung von Dachziegeln ist durchaus zu tolerieren, wenn man nicht krankhaft darauf starrt und dabei Bebauungsvorschriften wälzt. Einmal mehr Jäten ist auch bei mir drin, damit der Golfplatz-taugliche Rasen nebenan nicht kontaminiert wird – auch wenn ich selbst gar nicht so viel gegen, nun ja, ökologisch wertvolle Wildkräuter, dafür umso mehr gegen bodennahe Gartenarbeit habe.
Gute Zäune machen gute Nachbarn, so schrieb der US-Poet Robert Frost vor mehr als hundert Jahren. Ganze Generationen von Literaturwissenschaftlern haben sich daran abgearbeitet, streiten bis heute darüber, was er mit dem Werk wohl gemeint hat. Für mich habe ich eine Antwort gefunden: In meinem Gartenzaun klafft eine große Lücke. Nachbarn haben damit eine Abkürzung und besseren Zugang zum gemeinsam genutzten Komposthaufen. Auf diese Weise spare ich nicht nur die Rechtschutzversicherung – oder wie es in einem anderen historischen Werbespot heißt: Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn.

Wulf Rohwedder