Kultur & Unterhaltung

17. Mai 2019

Für das weibliche Geschlecht

 

Trotz Schikanen und politischem Druck setzte sich Emilie Wüstenfeld im 19. Jahrhundert für Frauenrechte ein.

Holländischer Brook, Altstadt

Für die Errichtung der Speicherstadt wurden Hunderte Wohnhäuser an den Fleeten und Kanälen der südlichen Altstadt dem Erdboden gleichgemacht. Auch die Hausnummer 25 des Holländischen Brook existiert seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Nur ungenau lässt sich heute bestimmen, wo Emilie Wüstenfeld einst die „Hochschule für das weibliche Geschlecht“ eröffnete – und damit ihr unermüdliches Engagement um die Rechte der Frauen begann.

Die 1817 geborene Emilie Capelle stammte aus einer hannoveranischen Kaufmannsfamilie. Als Fünfjährige verlor sie ihren Vater. Mit Mitte Zwanzig heiratete sie den Kaufmann Julius Wüstenfeld, mit dem sie drei Kinder hatte und im Jahr vor dem „Großen Brand“ nach Hamburg kam. Da das Feuer auch die Gegend verwüstete, in der sich die Wüstenfelds niedergelassen hatten, verlegte die Familie ihren Sitz anschließend in eine größere Wohnung im Holländischen Brook. Nur ein paar Hausnummern weiter fand sie 1850 die geeigneten Räumlichkeiten, um eine Lehranstalt für junge Frauen zu gründen. Die „Hochschule für das weibliche Geschlecht“ bildete ihre Schülerinnen in „frauenspezifischen“ Tätigkeiten weiter, wie zum Beispiel in der Kindererziehung.

Der Begriff „Hochschule“ wirkt angesichts der angebotenen Fächer etwas übertrieben. Aber sie war die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Und der Name lässt erahnen, was Wüstenfeld eigentlich vorschwebte: dem weiblichen Geschlecht einen besseren Zugang zur Bildung zu verschaffen. Dabei war ihr wohl bewusst, dass sie selber als Kind und Jugendliche gewisse Privilegien genossen hatte, indem sie eine Bürgerschule besuchen durfte und zusätzlich Privatunterricht in Zeichnen, Musik und Fremdsprachen erhielt.

Die „Hochschule“ im Holländischen Brook, die schon nach zwei Jahren mangels Unterstützer und auf politischen Druck hin schließen musste, war nicht die einzige Einrichtung, mit der sie ihr Vorhaben vorwärts trieb. Emilie Wüstenfelds fortschrittliche Gesinnung kam schon 1846 zum Tragen, als sie den ökumenischen „Frauenverein zur Förderung freier christlicher Gemeinden und humaner Zwecke“ ins Leben rief. 1866 gehörte sie zu den Initiatorinnen einer Armenschule für Mädchen im Paulsenstift. Ein Jahr später gründete sie den „Verein zur Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit“ und eröffnete eine Gewerbeschule für Mädchen und Frauen in der Straße Pumpen.

Nicht selten geriet Emilie Wüstenfeld mit ihren Aktivitäten und der liberalen Haltung, die ihnen zugrunde lag, in die Kritik von konservativen Kräften. Orthodoxe Pietisten feindeten sie an, weil ihre Anstalten Schülerinnen aller Konfessionen und aus verschiedenen sozialen Schichten aufnahmen. Dass Wüstenfeld auch Frauen das Scheidungsrecht zusprach und sogar selbst entsprechende Absichten hegte, galt als skandalös. Wegen ihrer Hilfsbereitschaft gegenüber religiös und politisch Verfolgten war sie den Schikanen der Polizei ausgesetzt.

Mit Anfang Fünfzig erkrankte Emilie Wüstenfeld so schwer, dass ihre Ärzte ihr von sämtlichen Vereinstätigkeiten abrieten. Sie machte trotzdem weiter, denn „sie wird keine Ruhe finden, bis sie sich selbst aufgibt“, wie ein Freund damals bemerkte. Und so kam es auch: Im Oktober 1874 erlag Emilie Wüstenfeld einem Schlaganfall. In den folgenden Jahren wurden die Stätten ihres Schaffens mit Handels-, Kontor- und Lagerhäusern überbaut, die heute unter Denkmalschutz stehen und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. An die „hervorragende Frau“ Emilie Wüstenfeld erinnert dagegen eine Sammelgrabtafel auf dem althamburgischen Gedächtnisfriedhof in Ohlsdorf.

Michele Avantario und Klaus Sieg

 

DAS WEISSE HAMBURG-BUCH richtet den Blick auf die hellen Seiten der Stadt. Es erzählt von demokratischen Aufbrüchen, glorreichem Aufbegehren, erfolgreicher Gegenkultur, genialen Tüfteleien, sozialem und technischem Fortschritt. DAS WEISSE HAMBURG-BUCH bildet somit das Gegenstück zum SCHWARZEN HAMBURG-BUCH (Junius, 2016). DAS WEISSE HAMBURG-BUCH versammelt 45 Geschichten. Vielen wohnt neben dem Hellen auch etwas Dunkles inne. Dafür aber leuchtet das Licht in ihnen umso stärker.

DAS WEISSE HAMBURG-BUCH
von Michele Avantario und Klaus Sieg, mit Fotos von Martin Langer

Conference Point Verlag, 168 Seiten, Hardcover, mit ca. 80 Farbabbildungen 19,80 Euro, ISBN 978-3-936406-59-7