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15. Mai 2019

Das blaue Haus

Kurzgeschichte von Marlis David

Nachdem Nina sich ins Kondolenzbuch eingetragen hatte, ging sie ganz langsam, fast zögerlich, den langen Weg bis zum Sarg. Ihr Blick wanderte zu seinem großen Foto, links daneben. Er lächelte sie an, mit diesem charmanten Augenausdruck. Ihre Beine drohten zu versagen, gleich würde sie ohnmächtig werden und alle würden es wissen. Verstohlen wischte sie sich Tränen aus den Augenwinkeln. Ihr Blick fiel auf das mit weißen Rosen geschmückte Herz. Auf der Schleife stand „Für immer Deine Hanna“. Auch der Sarg war mit weißen Rosen und blauen Vergissmeinnicht geschmückt. Andächtig legte sie einen Feldstrauß mit Mohnblüten, Ähren und blauen Kornblumen vor dem Sarg nieder, drehte sich langsam um und setzte sich in die zweite Reihe. Am liebsten wäre sie im Laufschritt aus der Kapelle geflohen.

Roberts Lieblingsfarbe war Blau. Er hatte es fantastisch verstanden, bei all seinen Geschenken etwas in blauer Farbe einfließen zu lassen. Entweder waren es Vergissmeinnicht oder blauer Enzian, blauer Rittersporn oder, oder … Er war ja immer so erfinderisch. Ein Leben ohne Robert konnte und wollte sie sich überhaupt nicht vorstellen.
In der ersten Reihe bemerkte sie jetzt Hanna, seine Witwe. Sie wirkte sehr gefasst. Neben ihr saß Ulla Fortenbacher, sie arbeitete mit Hanna zusammen in Roberts Apotheke, im blauen Haus. Daneben saß Sabine, Sabine Rauch, sie leitete die Praxis für Naturheilkunde zusammen mit Robert, in der ersten Etage des Hauses. Alle hatten auch ihre Wohnungen in diesem Haus. Mit vielen guten Argumenten war es Nina gelungen, ihre Kosmetikpraxis in der Innenstadt zu behalten, zumal auch eine kleine Wohnung dazu gehörte. Robert wollte es damals nicht verstehen. Seine ganze Familie, wie er immer wieder betonte, wollte er am liebsten beisammen haben.

Während der Andacht schweiften Ninas Gedanken zurück in die Zeit ihrer ersten Begegnung mit Robert …
Damals, vor acht Jahren, war er nicht mehr der Jüngste mit seinen 52 Jahren. Das war der Grund, es sich so bequem wie möglich einzurichten. Nina war es ein besonderes Anliegen, ihn ganz für sich allein zu gewinnen. Jedes Mal, wenn er bei ihr war, vergaß sie die Realität. Es ging so weit, dass sie glaubte, er gehöre ihr allein. Sie lebte dann in ihrer eigenen Welt. Für sie war er ihr Mann und gehörte nur ihr. Er war überaus großzügig, bezahlte ihre Wohnung, ihre Geschäftsmiete und so vieles mehr. Ohne ihn hätte sie ihr Geschäft nicht halten können. Sie kannten sich gerade acht Wochen, als er ihr seine Lebenskonstellation, wie er sie sich vorstellte, offen und ehrlich darlegte. Er bat sie, ihm aufrichtig zu sagen, sollte sie nicht mehr damit leben können. Ihm würde dann schon etwas einfallen.
Mit seiner Frau war er 30 Jahre verheiratet und dachte nicht im Traum daran sie zu verlassen. Er hatte eine Liebschaft mit Ulla begonnen, sie ins blaue Haus geholt und sie führten eine Ehe zu dritt. Als etwas später Sabine ihre Naturheilpraxis in der ersten Etage eröffnete und immer tagsüber mit ihm zusammen war, blieb es nicht aus, dass ebenfalls eine Liebschaft daraus wurde. Nun musste er es nur noch einrichten, jede Frau, ohne dass Eifersucht aufkam, gleichermaßen zu befriedigen. Jede wusste von der anderen und alle lebten wie eine große Familie zusammen.

Er kaufte ein Ferienhaus auf der griechischen Insel Santorin und flog nun abwechselnd, mit jeder Geliebten, mehrmals im Jahr dorthin und verbrachte zauberhafte Tage. Die gesamte Insel erstrahlte in Blau-Weiß und er konnte nicht aufhören zu schwärmen. Die weißen Häuser mit ihren blauen Kuppeln und Dächern waren sein begehrtestes Fotomotiv. Er liebte diese Insel, nirgendwo fühlte er sich glücklicher als auf diesem Fleckchen Erde. Jeder Geliebten gab er das Gefühl, sie sei ihm die Einzige und Liebste von allen. Seine Frau wusste davon, sie schwieg und nahm alles, anscheinend gelassen, hin. Sie selbst fuhr nie mit ihm in dieses Haus.

Bei Nina hatte es sofort gefunkt, in der ersten Sekunde. Bei ihm war es vielleicht diese ausgeprägte Sucht, jede Frau, die ihm gefiel, unbedingt besitzen zu wollen. Er sammelte Frauen wie andere Männer Uhren oder Autos.

Sie hatten beide die gleiche Leidenschaft, als sie sich vor acht Jahren kennenlernten: Sie tanzten für ihr Leben gerne Tango. Eifrig studierte Nina am Wochenende Anzeigen der Tanzschulen. In einer Anzeige konnte man sich für argentinischen Tango anmelden und es war gar nicht so weit entfernt von ihrem Studio. Schon drei Tage später sollte die erste Stunde für den neuen Kursus stattfinden. Etwas schüchtern betrat sie den abgedunkelten Raum eines düsteren Hinterhauses auf St. Pauli. Schon von draußen hörte man „Blue Tango“ von Leroy Anderson. Diese wundervolle Musik berührte sogleich ihre Seele, sie hielt den Atem an. Sofort machte sie ein paar Tangoschritte. „Gar nicht schlecht für den Anfang“, hörte sie plötzlich eine Stimme aus einer dunklen Ecke flüstern. Der Versuch, etwas zu erkennen, misslang. Doch dann bekam die Stimme ein Gesicht, ein sehr sympathisches Gesicht. Braungebrannt, blondes Haar wirr in die Stirn fallend, so dass es fast die Augen verdeckte. Jugendlich sah er aus, in seinen engen Jeans und dem offenen, schwarzen Hemd. Die Musik war immer noch „Blue Tango“, als er Nina einfach an sich drückte, ruckartig wieder wegstieß, um sie dann fest zu umklammern. Plötzlich machte er eine Drehung, verbeugte sich ganz tief und sagte mit sonorer Stimme: „Robert Manhard, ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr erschreckt?“ Lächelnd entgegnete sie: „Hier bin ich genau richtig!“ Nun trafen sie sich jede Woche im Kurs, um gemeinsam den argentinischen Tango zu erlernen. Sie waren bereits richtig gut, als Herr Raposo, ihr Tanzlehrer, sie zu einem Turnier anmeldete. Der Gewinn sollte ein weiteres Jahr Schulung sein, um hochgradige Perfektion zu erlangen. Robert, ihr Tanzpartner, ließ es nicht zu, wenn andere Mitstreiter Interesse zeigten, mit ihr zu tanzen. Robert war sofort zur Stelle und vergraulte jeden Mitbewerber. Nach einem Jahr waren sie ein gut eingespieltes Team. Das Turnier meisterten sie bravourös und gewannen.

„Was denkst du, Nina, kannst du mich ein weiteres Jahr ertragen? Vielleicht sogar länger? Oder war’s das jetzt für dich?“ Gespannt versuchte er ihren Gesichtsausdruck zu deuten. „Komm, wir trinken noch einen Wein beim Italiener an der Ecke und werden alles in Ruhe besprechen.“ Sehr spät an diesem Abend brachte Robert sie nach Hause. Er blieb bis zum nächsten Morgen. Das war der Beginn einer großen Liebe, leidenschaftlich, mit Höhen und Tiefen, himmelhochjauchzend, oft zu Tode betrübt. Sie waren unzertrennlich und keiner konnte ohne den anderen existieren.

Nachdem sie sich drei Monate kannten, fuhr er mit ihr zu seinem blauen Haus mit der klassischen Altbaufassade aus der Gründerzeit. Es lag direkt an der Außenalster, mit herrlichem Blick auf die dahingleitenden Segelschiffe und Alsterdampfer. Er hatte es in einem zarten Blau streichen lassen, damit es sich von den anderen Bauten abhob.

In der Apotheke brannte Licht, wie auch in der Praxis im ersten Stock. Entschlossen griff er ihre Hand, als er ihr aus dem Auto half. Er ließ sie auch nicht los, bis sie in der Apotheke vor seiner Frau standen.

„Hanna, darf ich dir Nina vorstellen? Du hast ja schon von ihr gehört. Wir haben das Turnier gewonnen und noch lange gefeiert!“ Mit lauerndem Blick sah Hanna sie von oben bis unten an. Einen kurzen Moment standen sie sich stumm gegenüber. Nina schien es wie eine Ewigkeit, bevor Hanna müde lächelnd die entgegen gereichte Hand ergriff. In diesem Moment kam Ulla Fortenbacher, die Apothekerin, aus einem hinteren Raum und lief freudestrahlend auf Robert zu. Sie küsste ihn rechts und links auf die Wange: „Wo warst du denn? Bist wohl im Sieges­taumel unter die Räder gekommen?“ Sie warf Nina einen etwas abwertenden Blick zu, bevor sie sich einer Kundin zuwandte. Plötzlich stand Sabine hinter ihnen. Schnell hielt sie Robert die Hände vor die Augen: „Na, wo treibst du dich wieder herum, fischst du in fremden Gewässern?“ Robert lächelte sie an, bevor er Nina vorstellte. „So, du kannst nun selber entscheiden, ob du zu dieser chaotischen Familie gehören möchtest“, flüsterte er ihr zu. Seine drei Frauen wussten in diesem Moment, dass er es ernst meinte und keine Widerrede duldete.

Für Nina stand fest, dass sie sich nicht in den Verbund eingliedern würde, sondern ihre Eigenständigkeit behalten wollte. Letztendlich hatte er es akzeptiert und die wundervolle Zweisamkeit sehr genossen. Für sie war er immer ihr Mann und nur sie waren ein Paar. Auch, dass sie ihn teilen musste, verdrängte sie, ließ es einfach nicht aufkommen, gab diesem Gedanken keinen Raum.

Standen Festlichkeiten an, wurden sie meist mit allen gemeinsam im nahen Hotel gefeiert. Nur die Ferien verbrachte jede Frau mit Robert allein. Diese Wochen waren für Nina die schönsten des Jahres. Sie waren beide so glücklich und unendlich frei und sorglos. Er vermittelte ihr stets das Gefühl, nur sie allein wirklich zu lieben, und sie, sie wollte es auch glauben.

So gingen die Jahre in gleichmäßigem Ablauf dahin. Von ihrem Kosmetikstudio konnte sie, ohne große Ansprüche, ganz gut leben. Robert vermied es geschickt, ihr von seinen anderen Liebschaften zu erzählen. Es war ein unausgesprochenes Übereinkommen, ohne dass sie je darüber ein Wort verloren hatten.
Dann kam dieser verhängnisvolle 11. August, ein Donnerstag, gegen 17.00 Uhr. Voller Vorfreude war Nina gerade damit beschäftigt, den Tisch für ein gemeinsames Abendessen zu decken, als das Telefon läutete: „Hallo Nina, Robert ist mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert worden, du brauchst nicht länger zu warten!“ Hannas Stimme überschlug sich fast vor Aufregung. „Wir haben schon…“ „Was ist denn passiert, Hanna?“, fragte Nina mit zitternder Stimme. Hanna fing an zu weinen. „Am besten, du kommst her!“

Sofort griff Nina hastig nach Mantel und Autoschlüssels und eilte aus dem Haus. Wirre Gedanken gingen ihr im Kopf herum. Sabine, Ulla und Hanna saßen völlig aufgelöst in Hannas Wohnzimmer. „Was ist denn passiert?“, rief Nina aufgeregt. Sabine berichtete mit kurzen, knappen Worten: „Er lag oben bei mir im Flur, in der Praxis, er war nicht mehr ansprechbar. Er hatte eine Atemlähmung, einen Kreislaufkollaps. Wir haben sofort den Notarzt gerufen. Jetzt haben sie ihn ins Krankenhaus gebracht. Wir müssen anrufen, was jetzt ist, ob er schon aufgewacht ist.“ Hanna sprang auf, eilte zum Telefon und ließ sich mit der Station verbinden. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie zurückkam: „Er ist noch nicht wach, sie versuchen alles, ihn wiederzubeleben“, flüsterte sie kaum hörbar. Ulla sagte die ganze Zeit nichts, sie wirkte völlig abwesend. Nina schnürte eine furchtbare Angst die Kehle zu, sie konnte kaum sprechen. „Wenn er nun nicht mehr erwacht?“, rief sie mit zitternder Stimme und sah alle erschrocken an. „Das darfst du gar nicht denken, Nina, er ist im Krankenhaus doch gut versorgt“, meinte Sabine beruhigend. Nach einer Stunde sprang Nina plötzlich auf: „Ich fahre ins Krankenhaus, ich muss Gewissheit haben!“

Im Krankenhaus ließen sie niemanden zu ihm, der in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis stand. Nina wartete auf dem langen, kalten Flur, Stunde um Stunde. Nachts um 3.00 Uhr gab sie auf und fuhr nach Hause.

Morgens um 7.00 Uhr kam der Anruf aus dem Krankenhaus, dass er verstorben sei. Er hatte das Bewusstsein nicht wiedererlangt.

Nun saßen sie alle in dieser kleinen Kapelle, alle vier in Schwarz gekleidet und wollten ihm einen würdigen Abschied bereiten, so, wie er es sich gewünscht hätte. Die Kapelle war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Pastor sprach über Roberts Leben, von der Kindheit bis heute, doch es spiegelte nicht sein wahres Leben wider. Seine vier Frauen wurden mit keinem Wort erwähnt. Das hätte Hanna auch nicht zugelassen. Im Leben hatte sie ihm jegliche Freiheiten gelassen, um ihn nicht zu verlieren, aber jetzt, nach dem Tode, hatte sie das Zepter fest in der Hand. Jede seiner Geliebten durfte sich noch ein Lied zum Abschied wünschen, das war ihr einziges Zugeständnis. An letzter Stelle sollte der „Blue Tango“ von Leroy Anderson gespielt werden. Das war Ninas einziger Wunsch. Ihr schossen Tränen in die Augen, ihr schmächtiger Körper bebte und es wurde ihr bewusst, dass alles zu Ende war. Danach fuhr sie sofort nach Hause. Wochenlang war sie nicht fähig zu arbeiten. Jeden Tag fuhr sie zum Friedhof, um ihm nahe zu sein. Gewaltige Emotionen wirkten wie stürmische Wellen der See, die alles zu verschlingen drohen. Willenlos wurde sie mitgerissen, die Vernunft war überhaupt nicht aktiviert. Nina ließ sich darauf ein, ohne an den nächsten Tag zu denken.

So vergingen einige Wochen. Dann kam ein Brief vom Erbschaftsgericht, der Nina mitteilte, dass sie sich zur Eröffnung des Testamentes am nächsten Mittwoch einfinden möge. Dass Robert sie in seinem Testament bedacht hatte, kam für sie sehr überraschend. Damit hatte sie nicht gerechnet. Zur Testaments­eröffnung sah sie Hanna, Sabine und Ulla zum ersten Mal seit der Beerdigung wieder.
Die drei wohnten alle im blauen Haus und mussten wohl oder übel miteinander auskommen. Zu Nina hielten sie eine gewisse Distanz. Sie machten ihr bewusst, dass sie nichts mit ihr zu tun haben wollten. Als das Testament verlesen wurde und sie großzügig bedacht wurde, sah sie in den Gesichtern maßloses Erstaunen. Robert hatte ihr das Haus auf der Insel Santorin und eine kleine Rente vermacht. In der Begründung hieß es: „Nina hat meinem Leben einen Sinn gegeben. Ich durfte noch einmal die große Liebe erfahren.“ Jede hatte ein Erbe erhalten. Sabine bekam die Praxis in der ersten Etage und ihre Wohnung; Ulla wurde an der Apotheke beteiligt und durfte auch ihre Wohnung behalten. Hanna erbte das blaue Haus und das gesamte Barvermögen. Robert hatte alle bedacht, aber Nina wurde das Gefühl nicht los, dass keine so recht zufrieden war.
„Mir wäre lieber, Robert würde noch leben und wäre jetzt in unserer Mitte!“, sagte Nina leise beim Hinausgehen. Es folgte keine Reaktion.

Sechs Wochen nach der Testamentseröffnung bekam sie einen Brief von der hiesigen Staatsanwaltschaft. Darin wurde ihr mitgeteilt, dass sie am 15. November um 9.00 Uhr in Zimmer 28 a im Gericht zu erscheinen habe. Das Krankenhaus hatte Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, wegen des Todes von Robert Manhard. Die Untersuchungen hatten ergeben, dass er durch das Gift Solanin, welches im blauen Enzianstrauch, einem Nachtschattengewächs, vorkommt, gestorben sei. Bei ihm wurden typische Symptome wie Herzrhythmusstörungen, Delirium, Atemlähmung und Kreislaufkollaps diagnostiziert. Da sein Herz schon vorgeschädigt war, führte das Solanin zum Tode. Es musste dringend abgeklärt werden, wer ihm dieses Gift verabreicht hatte.

Nina verschlug es die Stimme, sie brachte nur stockend einen Ton heraus, als sie bei Hanna anrief, um zu erfahren, ob alle Frauen am 15. November erscheinen müssten. Sie war auch außer sich und meinte nur: „Nun ja, Nina, alles Routine, das müssen die wohl machen!“
Dann kam der bewusste Tag, an dem die Verhandlung stattfand. Sie dauerte zwei Stunden und wurde ohne Ergebnis vertagt. Keine der Geliebten hatte einen Anwalt genommen, denn keine fühlte sich schuldig.

In der zweiten Verhandlung kam heraus, dass Sabine ihm einen Salat zubereitet hatte. Neben vielen anderen Wiesenkräutern waren auch Enzianstrauchblüten und -blätter beigemischt. Es konnte im Nachhinein aber nicht mehr nachgewiesen werden, ob das zum Tode geführt hatte. Was blieb, war ein ganz schaler Nachgeschmack.

Vielleicht konnte eine seiner Geliebten den Zustand nicht mehr ertragen? Hanna nahm sich einen Anwalt, der herausfinden sollte, ob es sich nicht doch um vorsätzlichen Mord handeln könnte. Sie hatte in Roberts Lederjacke, in der Innentasche, ein Schreiben gefunden, aus dem hervorging, dass es einen Streit gegeben hatte. Es stand nur ein Satz darin: Ich werde nicht aufhören und auch nicht ausziehen, da kannst du dich auf den Kopf stellen!

Hanna hatte den Terminkalender von Sabine fotokopiert und die Kunden, die sie in der letzten Zeit gehabt hatte, herausgesucht. Darunter waren zwei Patientinnen, die ihr bestätigten, ein sehr lautes Streitgespräch zwischen Robert und Sabine mitbekommen zu haben. Robert soll sie aufgefordert haben, auszuziehen oder endlich Ruhe zu geben. „Ich lasse mich nicht von dir erpressen!“, hatte er ihr zugerufen. Der Anwalt veranlasste ein erneutes Aufnahmeverfahren bei Gericht.

So kam es, dass man Sabine überführte, Robert eventuell vorsätzlich Solanin gegeben zu haben. Sie wollte Robert für sich alleine, er sollte sich von allen anderen Frauen trennen. Unter Tränen gestand sie, dass sie diese Konstellation nicht mehr ertragen konnte. Immer wieder hatte sie ihn gebeten, einem Kind zuzustimmen, da ihr die Zeit davonlaufen würde. Er hatte jedes Mal nur heftig den Kopf geschüttelt. „Aber ich wollte ihn doch nicht umbringen, es war ein Versehen, das müssen Sie mir glauben.“ Unter Tränen schluchzte sie: „Ich habe ihn doch so geliebt!“

Das Sabine zugedachte Erbe war hinfällig, das konnte der Anwalt für Hanna erreichen. Aber für eine vorsätzliche Mordabsicht reichten die Beweise nicht.

Sehnsüchtig wartete Nina auf den Tag ihrer Abreise nach Santorin, die sie in zwei Wochen mit dem Flugzeug antreten wollte, um dort in Erinnerungen Robert ganz nahe zu sein.

 

Marlis David

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