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15. Mai 2019

Patricias Geheimnis (Teil 2)

Duvenstedt-Krimi von Andreas Richter

Düsseldorf, im Februar

 Der Anruf erreicht Ulf Vogt am Abend. Die angezeigte Mobilfunknummer kennt er nicht.
Er nimmt den Anruf entgegen.
„Kriminalkommissar Thorsten Schwenn, Kripo Hamburg. `n Abend, Herr Vogt. Haben Sie kurz Zeit für mich?“
Vogt schluckt. In seinem Kopf poppen alte Bilder auf.
„Ja“, sagt er mit dünner Stimme.
„Ich melde mich in der Vermisstensachbearbeitung Ihrer Tochter Patricia. Ich würde jetzt natürlich lieber an Ihrer Tür klingeln, doch von hier bis zu Ihnen nach Düsseldorf ist es zu weit für einen kurzen Abstecher. Am Telefon kann ich mich nicht mit dem Dienstausweis identifizieren, doch damit nicht der Eindruck entsteht, dies sei ein betrügerischer Anruf und ich wäre keine real existierende Amtsperson: Sie können auflegen und unter Eins-Eins-Null Ihre örtliche Polizeibehörde anrufen. Nennen Sie den Kollegen dort meinen Namen. Meine Dienstnummer und Polizeidienststelle gebe ich Ihnen vorher gerne durch. Rückversichern Sie sich, doch die Kollegen aus NRW werden Ihnen vermutlich sagen, dass es nicht ohne weiteres möglich ist, einen Polizeibeamten aus Hamburg zu bestätigen. Ländersache, verstehen Sie?“
Vogts Beine werden weich. Er setzt sich.
„Kenne ich Sie?“, fragt Vogt.
„Wir haben uns einmal gesehen. Ich gehörte der Sonderkommission an, die im Vermisstenfall Ihrer Tochter kriminalpolizeilich ermittelt hat.“
Vogts Gedanken fliegen ungeordnet umher. Was würde nun kommen? Er zwingt sich zur vollen Konzentration.
„Gibt es was … Neues?“
„Eine Dame aus Ihrer ehemaligen Nachbarschaft ist davon überzeugt, heute Ihre Tochter gesehen zu haben. Allerdings sagt sie, dass das Mädchen etwa so alt ist, wie Patricia zum Zeitpunkt des Verschwindens war. Somit ist es schlichtweg unmöglich, dass dieses Mädchen Ihre Tochter ist. Ich informiere Sie dennoch, da nicht auszuschließen ist, dass die Presse davon erfährt und die Vermisstenangelegenheit zumindest kurzfristig wieder an die Oberfläche holt.“
Vogt nickt vor sich hin.
„Sie sollten Ihre Ex-Frau informieren, damit auch sie vorgewarnt ist.“
„Evelyn lebt wieder in England.“
„Das weiß ich. Aber ein Anruf oder eine WhatsApp oder irgendeine andere Nachricht von Ihnen ist bestimmt nicht die schlechteste Idee.“
„Wir stehen nicht mehr im Kontakt miteinander. Meine Ex-Frau will nichts mehr mit mir zu tun haben. Weil ich auf unser einziges Kind nicht gut aufgepasst habe, sagt sie – und sie hat Recht damit.“
„Und Sie, wie ergeht es Ihnen dort unten im Rheinland? Zieht es Sie nicht in den Norden zurück?“
„Nein. Hier gefällt es mir. Ich habe einen guten Job und meine Frau stammt von hier. Vermutlich wissen Sie bereits, dass ich wieder verheiratet bin. Eine Soko ist ja schließlich selbst dann auf dem Laufenden, wenn sie quasi nur noch im Standby-Modus ist, um bei neuen Hinweisen sofort wieder loszulegen.“
„Richtig. Wir bleiben am Ball, um Ihre Tochter zu finden.“
„Das ist Ihnen sechs Jahre lang nicht gelungen. Mir fehlt längst der Glaube daran, dass Ihnen das noch gelingt.“
„Es geschieht nur selten, dass Menschen spurlos für immer verschwinden. Der Tag wird kommen, an dem Ihre Tochter gefunden wird. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass wir zeitnah die Identität des Mädchens herausgefunden haben werden, die die Dame für Ihre Tochter hält. Möchten Sie, dass ich Sie dann informiere?“
„Ja. Damit ich den Schrecken, den Sie mir eingejagt haben, wieder loswerde.“
Die beiden Männer verabschieden sich mit knappen Worten und beenden das Gespräch.
Vogt lässt das Telefon neben sich auf das Sofa fallen. Einen Moment lang bleibt er noch sitzen, dann steht er auf, tritt ans Fenster und blickt hinaus.
„Die Hamburger Polizei?“
Vogt schaut über seine Schulter. Seine Frau Marie steht plötzlich neben ihm. Sie ist attraktiv und erheblich jünger als er.
„Ja, die Kripo“, murmelt er und blickt wieder aus dem Fenster.
„Und …?“, fragt sie.
„Nichts.“
„Nichts? Die melden sich doch nicht wegen nichts.“
„Jemand meint, Trisch gesehen zu haben. Aber der Bulle meinte, es sei nicht möglich, weil das Mädchen viel zu jung sei. Er rief nur an, weil es sein könnte, dass die Presse daraus eine Geschichte macht.“
Marie stellt sich auf die Zehenspitzen, küsst ihn auf die Wange und sagt: „Es kann immer sein, dass zwischendurch etwas hochkommt, aber das war doch die ganze Zeit klar. Eines Tages werden sie die Akte schließen.“
„Nein, das werden sie nicht. Manchmal findet sich nach dreißig Jahren und mehr eine plötzliche Spur. Dann, wenn niemand mehr an die Sache denkt. Und dann rollen sie den Fall neu auf. Mit frischem Personal, mit Ermittlern wie Terrier.“
Einige zähe Sekunden lang stehen sie schweigend nebeneinander, dann wendet sich Vogt abrupt ab.
„Ich brauche jetzt ein Bier“, murmelt er und verlässt den Raum.

Einen Tag später

Lothar Bergmann ist Mitte Siebzig und in Duvenstedt bekannt wie ein bunter Hund. Vor längerer Zeit war er ein geachteter Journalist, bis herauskam, dass er eine Reportage, für die er erst kurz zuvor einen renommierten Reporterpreis erhalten hatte, vom ersten bis zum letzten Wort erfunden hatte. Bergmann fiel schneller und tiefer, als er es sich jemals hätte vorstellen können, und als wenig später seine Ehefrau zuhause tödlich ver­unglückte, zerbrach sein Leben wie dünnes Glas. Unter einer Glocke aus Gleichgültigkeit und Selbstmitleid hatte er gerade eben noch ausreichend Kraft, die Tristesse der leeren Tage zu überstehen. Mit kleineren Schreibaufträgen hielt er sich über Wasser und hoffte halbherzig, auf die eine Story zu stoßen, die ihn aus der Vergangenheit befreien und in die Gegenwart tragen würde.
Einige Jahre verbrachte Bergmann in diesem Zustand, der weder das Leben noch der Tod ist. Dann kam der Tag, an dem zwei Jungen im Duvenstedter Brook einen Leichnam fanden. Das sichere Gespür für Geschichten mit doppeltem Boden hatte Bergmann nicht verlassen. Er ermittelte auf eigene Faust, und am Ende stand die Verhaftung eines jungen Senators, der auf dem Sprung war, Hamburgs nächster Erster Bürgermeister zu werden. Der Fall sorgte für großes Aufsehen. Bergmanns Ansehen war wiederhergestellt, auch wenn sein großer Fehler damit nicht ausradiert wurde.

Und nun sitzt Bergmann an diesem himmelgrauen Nachmittag in seinen vier Wänden vor dem in die Jahre gekommenen Notebook. Im Zweifinger-System füttert er die Suchmaschine mit allem, was ihm zum Vermisstenfall Patricia Vogt einfällt, doch er stößt auf nichts, das er nicht bereits weiß. Es scheint, als schliefe der Fall tief und fest.
Das Gespräch, das er heute Vormittag mit Karin Kleinschmidt geführt hatte, geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er kennt Karin seit vielen Jahren. Eine Frau, die es nicht in den Vordergrund zieht und die gewiss nicht unter Halluzinationen leidet. Wenn Karin also behauptet, sie habe ein Mädchen gesehen, das niemand anderes gewesen sein kann als Patricia, dann dürfte es Patricia gewesen sein – auch wenn es eigentlich nicht möglich ist. Doch was ist es denn nicht in dieser immer verrückter werdenden Welt?
Auch mit Björn Frieling hatte Bergmann gesprochen. Gleich nachdem Karin Bergmann erst angerufen und sich anschließend mit ihm getroffen hatte. Nein, hatte sie ihm versichert, sie habe nur der Polizei von der seltsamen Begegnung mit dem Mädchen berichtet und mit niemanden sonst gesprochen, sie wolle sich ja nicht ja zum Idioten machen. Bei Bergmann stünden die Dinge anderes, man schätze sich und für sie sei er nach wie vor ein großartiger Journalist. Sie wolle wissen, wie er die Sache sehe, so absurd sie auch klänge.
Auf Bergmann machte Frieling einen ziemlich gewöhnlichen Eindruck. Frieling tat nichts anderes, als Karins Erzählung zu bestätigen und das Mädchen so detailliert zu beschreiben, wie es ihm möglich war. Nein, er würde nicht über die Begegnung vor dem Supermarkt reden; weshalb solle er, das Ganze sei ja sowieso völlig unlogisch. Die ältere Dame habe sich getäuscht und war erschrocken, Ende der Geschichte.

Bergmann steckt sich eine Zigarette an und zieht den Drehaschenbecher dichter an sich heran. Er legt den Kopf in den Nacken und schaut dem ausgestoßenen Qualm hinterher.
Ihm will einfach kein Mädchen einfallen, das der Patricia von vor sechs Jahren ähnlich sieht. Allerdings kennt er auch nicht jedes Kind in der Gegend. Und wer sagt denn, dass das Mädchen überhaupt hier wohnt? Vielleicht ist es bloß für ein paar Tage zu Besuch. Oder war nur auf der Durchreise und dessen Eltern hatten am Supermarkt einen kurzen Stopp eingelegt, um Getränke für die Weiterfahrt zu kaufen. Das Mädchen hätte sich aus dem Supermarkt schleichen, ohne dass es jemand mitbekäme, oder aus dem Wagen steigen können, in dem es eigentlich brav hätte warten sollen.
Nein, denkt Bergmann. Kein Besuch und auch keine Durchreise, nein.
Und warum nicht?, fragt eine Stimme in Bergmanns Kopf, die nicht klingt wie seine eigene.
Bergmann zieht an der Zigarette und blickt mit zusammengekniffenen Augen auf die Pinnwand. Dort hat er die Öffentlichkeitsfahndung aufgehängt, die kurz nach Patricias Verschwinden als Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Hamburg herausgegeben wurde und die Bevölkerung um sachdienliche Hinweise gebeten hatte. Bergmann hatte sie jahrelang in einem seiner unzähligen Ordner abgelegt. Manche bezeichnen es als schrullige Eigenart von ihm, Aufzeichnungen und Unterlagen eine gefühlte Ewigkeit lang aufzubewahren. Bergmann nennt es Erfahrung.
Und warum nicht?, wiederholt die Stimme in Bergmanns Kopf, nun ein Spur ungeduldiger.
„Weil für meinen Geschmack zu viel zusammenpasst“, murmelt Bergmann. „Laut der Fahndung trug Patricia eine gelbe Daunenjacke mit Fellbesatz an der Kapuze. Das Mädchen gestern steckte auch in einer solchen Jacke.“
Er schüttelt den Kopf. „Für den Polizeitrottel ist das Ganze bloß das Hirngespinst einer verrückten Alten. Unfassbar, er hat Karin und Frieling nicht mal nach der Bekleidung des Mädchens gefragt.“
Bergmann zieht ein letztes Mal an der Zigarette, um sie anschließend im Bauch des Aschenbechers verschwinden zu lassen. Mühsam erhebt er sich. Der Rücken macht ihm mehr und mehr zu schaffen.
Er nimmt den Fahndungsaufruf von der Pinnwand und schaut sich einige Sekunden lang die Aufnahme von Patricia an. Ein hübsches Kind. In Gedanken setzt er ihr eine rote Wollmütze auf den blonden Lockenkopf. Zum Zeitpunkt des Verschwindens hatte sie eine solche Mütze getragen.
Das Mädchen, das Karin und Frieling gestern gesehen hatten, trug keine Mütze.
„Mützen kann man versehentlich irgendwo liegenlassen“, sagt Bergmann vor sich hin. „Oder man verliert sie. Etwa beim Verstecken. Oder auf der Flucht.“
Er drückt den Zettel gegen seine Brust und schließt die Augen. „Was ist mit dir geschehen, Patricia?“, fragt er leise. „Welches dunkles Geheimnis trägst du mit dir herum?“

Duvenstedt, im September

Ich heiße Patricia. Aber nur meine Kindergärtnerin sagt Patricia zu mir. Alle anderen sagen Trisch.
 Ich mag Tiere. Meine Lieblingstiere sind Pferde und Katzen. Wenn ich groß bin, kaufe ich mir ein Pferd und eine Katze. Jetzt können wir keine Katze haben, weil Mama von Katzen rote Augen kriegt und niesen muss.
 Ich mache Ballett, aber das macht keinen Spaß. Fast alle anderen Mädchen sind älter als ich. Mama und Papa sagen, dass Ballett jetzt gut für mich ist und ich später was anderes machen kann. Am liebsten möchte ich reiten.
 Am allerliebsten von allen Dingen auf der Welt mag ich Mama und Papa. Mama kommt aus England, da spricht man Englisch. Zuhause sprechen wir nur englisch. Auch wenn Papa da ist. Wenn Mama nicht da ist, sprechen Papa und ich deutsch. Aber nur dann.
 Nächstes Jahr komme ich zur Schule. Ich freue mich ganz doll darauf. Papa sagt, das kann ja was werden. Dann verdreht er immer so lustig die Augen. Papa ist ganz oft lustig. Aber leider muss er viel arbeiten. Er ist viel weg. Dann ist Mama immer traurig und weint manchmal ein bisschen. Aber sie ist immer lieb zu mir. Papa auch.

Andreas Richter