Rundblick

15. Mai 2019

Der Nachwuchs brennt fürs Ehrenamt

In der Kinderabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Tangstedt lernen die Jüngsten spielerisch die Grundlagen der Rettungsarbeit

„Unfallopfer“ Ole Behncke, verschnürt von Thomas (l.), Nick, Felix, Class, Fabian und Michaela Strunk

Beherzt nimmt der achtjährige Frederik eine Hand der scheinbar ohnmächtigen jungen Frau, legt sie unter deren Wange und schaut dann etwas ratlos zu Florian
Strunk. „Wer weiß noch den Merkspruch für die stabile Seitenlage?“, fragt der Ausbilder. „Kaktus, kuscheln, Knie“, ruft die neunjährige Frederike und schon hat Frederik den Faden wieder, um das vermeintliche Unfallopfer perfekt in der gewünschten Lage zu positionieren. Ein wichtiges Training, um keine Berührungsängste im Ernstfall von morgen zu haben, den die Kleinen in den Räumen der Freiwilligen Feuerwehr Tangstedt üben.

Seit September gibt es in der Gemeinde eine Kinderabteilung für Sechs- bis Zehnjährige. Anfragen gab es immer wieder, doch erst eine Änderung des Brandschutzgesetzes für Schleswig-Holstein machte die Gründung möglich. Laut Landesfeuerwehrverband sind in Schleswig-Holstein bereits 31 Kinderabteilungen mit 520 Mitgliedern gemeldet; im Kreis Stormarn dagegen gibt es sie bisher nur in Ohe bei Reinbek und in Tangstedt, das dafür mit der Ortswehr Wulksfelde kooperiert.

„Es ist wichtig, frühzeitig mit der Nachwuchsgewinnung zu beginnen, denn mit zehn Jahren, wenn die Kids in die Jugendabteilung eintreten dürfen, haben sie sich oftmals bereits anderweitig orientiert“, sagt Florian Strunk.

Jeden ersten Sonnabend im Monat treffen sich 15 „Fire Kids“, darunter drei Mädchen, um spielerisch die Grundlagen der Brandbekämpfung und Rettungsarbeit zu erlernen. Auf dem „Dienstplan“ stehen Knoten- und Gerätekunde, Erste Hilfe und Verkehrserziehung – an erster Stelle werden die angehenden Brandschützer an Teamgeist und Kameradschaft herangeführt. Matteo gefällt’s. „Ich möchte Menschen helfen“, sagt der Achtjährige ernst und streicht stolz über sein knallrotes Uniform-T-Shirt mit dem Emblem der „Fire Kids“.

Dass es die junge Truppe gibt, ist dem Engagement von Florian Strunk zu verdanken. Der 46-Jährige zog vor vier Jahren nach Tangstedt und suchte nach einer ehrenamtlichen Aufgabe. Die fand er in der örtlichen Wehr, obwohl sie anfänglich aus Zeitgründen für ihn am wenigsten geeignet schien. „Doch meine ‚Ausreden‘ beeindruckten Wehrführer Kai Kattner gar nicht und so packte das Feuerwehr-Fieber nicht nur mich, sondern meine ganze Familie“, erinnert sich der IT-Leiter. Mittlerweile hat er den Dienstgrad des Oberfeuerwehrmanns und absolvierte eine Ausbildung zum Jugendleiter. Ehefrau Michaela ist als Brandschutzerzieherin in Kitas und Schule tätig und Tochter Frederike macht selbstverständlich bei den „Fire Kids“ mit, die von ihren Eltern gemeinsam mit einem Team aus zwei FeuerwehrkameradInnen sowie drei „zivilen“ Betreuerinnen mit viel Spaß geleitet werden.

Den haben die jüngsten Feuerwehrleute vor allem, wenn es um „Einsätze“ geht. Heute lautet die Aufgabe: Ein Verkehrsopfer für den Abtransport sichern. Mit Feuereifer und unter Aufsicht bugsieren fünf Jungs mit vereinten Kräften ihren älteren Kameraden Ole in der leeren Fahrzeughalle auf ein sogenanntes „Spineboard“ –
in kurzer Zeit ist er auf dem gelben Rettungsbrett mit Gurten zu einem handlichen Paket verschnürt. Michaela Strunk ist zufrieden mit den Junghelfern und verteilt eine Runde Bonbons. In der Regel gehe es sehr diszipliniert zu – falls nicht, brauche sie nur das Wort „Alarm“ zu rufen und der trubelige Haufen stürme in den Mannschaftsraum, um dort auf weitere Anweisungen zu warten. „Das klappt immer“, verrät die Feuerwehrfrau.

„Damit es nicht bei der Theorie bleibt, haben wir zur Übung auch kindgerechte Ausrüstungsgegenstände wie etwa D-Schläuche mit einem Durchmesser von 25 Millimetern, die auch kleine Kinderhände halten können“, erklärt Florian Strunk. Eines ist ihm ganz wichtig: „Wir bieten hier keine kostenlose Kinderbetreuung am Wochenende – die Kleinen müssen aus eigenem Antrieb kommen wollen.“ Noch gibt es freie Plätze, maximal 23 junge Brandschützer aus Tang­stedt und Wulksfelde können bei den „Fire Kids“ mitmachen und sogar erste Feuerwehrabzeichen einer hoffentlich langen Karriere ablegen.

Claudia Blume