Kultur & Unterhaltung

4. März 2019

Nicht hinterm Mond

Das frühe Zeitungswesen im Großraum Hamburg schuf wichtige Voraussetzungen für Aufklärung und Moderne

Die frische Goldfarbe auf den gepflegten Grabkreuzen aus Eisen leuchtet noch. Abgelegte Rosen zeugen vom Gedenken an den wohl berühmtesten Wandsbeker, beziehungsweise Wandsbecker. Das „c“ ging dem Adelsgut und kleinem Marktflecken 1879 aufgrund einer preußischen Verordnung verloren.

Da weilte der 1740 gestorbene Matthias Claudius schon lange nicht mehr auf Erden. Die Erinnerung an ihn aber wird im Bezirk Wandsbek hochgehalten. Wenige Meter vom Grab des Dichters entfernt steht eine mannshohe, gebogene Platte, auf der sein berühmtes Abendlied zu lesen ist, dessen Zeile mit dem Mond jedes Kind kennt. Nachts wird die Platte von zwei Scheinwerfern angestrahlt. Nur wenige Hundert Meter weiter gibt es die Claudiusstraße, von der selbstverständlich der Claudiusstieg abgeht.

Auch der „Wandsbecker Bothe“ ist nicht in Vergessenheit geraten. Es gibt sogar eine gleichnamige Kneipe im Stadtteil, die nach der Zeitung benannt ist, in der Matthias Claudius als einziger Redakteur die Zeilen nicht minder bedeutender Kollegen wie Goethe oder Herder veröffentlichte.

Eher unbekannt dürfte sein, dass dieser „Wandsbecker Bothe“ Teil eines Medienbooms in Norddeutschland war, durch den sehr früh ein eigenständiges, aufklärerisches und kritisches Zeitungswesen entstand. Von den Anfängen zyklischer Literatur im 15. Jahrhundert erschienen bis 1815 in der urbanen Verdichtung aus Hamburg und Altona, Schiffbek und Wandsbek 1200 Zeitungen, Zeitschriften und andere Periodika, so der Medienhistoriker Holger Böning. Diese Medien veränderten grundlegend Informationsverhalten und Weltbild einer breiten Leserschaft sowie deren Blick auf die Herrschaft – eine wichtige Voraussetzung für Aufklärung und politische Moderne.

Mittendrin: Wandsbeck. Das gehörte bis 1864 zu Dänemark. Von hier aus ließen sich deshalb bestens die Hamburger Eliten und Regierungskreise mit Skandalgeschichten ärgern. Die Zensur des Hamburger Rates war machtlos dagegen. Das tat bereits 1745 die Vorgängerzeitung des „Bothen“, der „Wandsbeckische Mercur“, der vor allem in Hamburger Schenken mit viel Vergnügen gelesen wurde. Schließlich wollte man ja nicht hinterm Mond leben.

Michele Avantario und Klaus Sieg
Fotos von Martin Langer

 

DAS WEISSE HAMBURG-BUCH richtet den Blick auf die hellen Seiten der Stadt. Es erzählt von demokratischen Aufbrüchen, glorreichem Aufbegehren, erfolgreicher Gegenkultur, genialen Tüfteleien, sozialem und technischem Fortschritt. DAS WEISSE HAMBURG-BUCH bildet somit das Gegenstück zum SCHWARZEN HAMBURG-BUCH (Junius, 2016). DAS WEISSE HAMBURG-BUCH versammelt 45 Geschichten. Vielen wohnt neben dem Hellen auch etwas Dunkles inne. Dafür aber leuchtet das Licht in ihnen umso stärker.

DAS WEISSE HAMBURG-BUCH
von Michele Avantario und Klaus Sieg, mit Fotos von Martin Langer

Conference Point Verlag, 168 Seiten, Hardcover, mit ca. 80 Farbabbildungen 19,80 Euro, ISBN 978-3-936406-59-7