Moderne Medien

28. Februar 2019

Echt das Letzte

Ansichten eines Nerds

Passagier Filius Eins ist wie (fast) immer gut gelaunt und zählt Windräder. Nachdem wir uns die Suppe aus dem selbst gezüchteten Kürbis haben schmecken lassen, brachen wir ohne große Hast auf. Wohin genau, das muss leider unser Geheimnis bleiben. Gen Norden, soviel kann ich sagen. Das Wetter ist perfekt, die Autobahn frei und ich genieße das monotone Surren des Motors und der laufenden Räder. Es klingt nach Veränderung und mir wird ganz wohlig zumute. Beinahe wäre mir diese angenehme Tristess entgangen. Zum Glück schalte ich nach wenigen Minuten das Radio entnervt ab. In irgendeiner Meldung fiel das Wort „Datenklau”. Ein Terminus, bei dem dem Rest-Nerd in mir mittlerweile die Sicherung durchbrennt. Ich kann es nicht mehr hören. Keine Lust.

Ihnen wird dieses Thema in den letzten Wochen sicherlich auch untergekommen sein. Falls nicht, fasse ich die nicht mehr ganz so aktuellen Geschehnisse noch einmal kurz zusammen: Ein dummer Junge hatte im Internet persönliche Daten mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten zusammengeklaubt, aufgrund einer Profilneurose damit herumgeprahlt und damit so viel Wirbel verursacht, dass selbst unsere Politiker davon Wind bekommen und ein riesengroßes Skandal-Fass aufgemacht haben. Seither wird debattiert, werden Meinungen gehabt und – oh Wunder – die großen Regulierungswahn-Keulen geschwungen. Letztere mit Konzepten, wenn man sie überhaupt so nennen möchte, bei denen eines dämlicher ist als das andere. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Nun könnten Sie es vielleicht so empfinden, als zöge ich mit meiner Art der Formulierung das Ganze ins Lächerliche. Ich darf Ihnen verraten, dass Sie dies ganz richtig empfinden. An diesem Schmierentheater ist vieles derart absurd, dass ich gar nicht so genau weiß, wo ich eigentlich anfangen soll das genauer zu erläutern. Ich versuche es mal am Anfang. An dem steht der völlig willkürliche Zeitpunkt der Aufregung.

Dieses Internet-Dingsbums hat seine Tore vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche geöffnet. Und das schon – runden wir mal großzügig – seit zwanzig Jahren so weit, dass selbst der letzte Vollpfosten mitbekommen hat, dass es existiert. Glauben Sie etwa im Ernst, dass der oben genannte Bengel der erste ist, der sich aus Jux an fremden Daten vergreift? Doch wohl eher nicht. Was soll also diese spontane Hysterie? Erst recht, da es sich bei den gesammelten Informationen nicht um Baupläne für Thermo-Nuklear-Sprengköpfe handelt, sondern um größtenteils mehr oder weniger frei auffindbare Urlaubsfotos, Adressdaten und ähnlichen Mumpitz. Aber Sie müssen das eben qualitativ einzuschätzen lernen. Sie wurden über eine Kleinanzeigenbörse oder eine Auktionsplattform um ein paar tausend Euro erleichtert? Was treiben Sie sich da auch ‘rum? Selbst schuld. Sie werden von ausländischen Geheimdiensten bespitzelt? Ach, Sie haben doch nichts zu verbergen, oder? Aber wehe, ein Badehosen-Foto von irgendeinem bierbäuchigen Bundespolitiker taucht an einer Stelle im Web auf, an der er es nicht selber abgelegt hat. Da läuft die Staatsmacht zur Hochform auf und bläst zum Angriff auf ein Kind.

Der nächste Punkt ist der, dass dieser beklagenswerte Halbstarke nicht nur nicht die hellste Kerze auf der Torte zu sein scheint, sonst wäre er schließlich nicht aufgeflogen. Vor allem ist er eines nicht: ein Hacker. Gelangweilt und böswillig eventuell. Aber kein Hacker.

Was hat der Bursche denn Großartiges getan? Zunächst in irgendeinem Forum ein paar Seiten uralte, geklaute Konto-Daten abgegriffen. Es gab in den letzten Jahren immer wieder Angriffe auf große Onlinedienste. Yahoo ist ein prominentes Beispiel. Die haben es seinerzeit so richtig vermasselt und alle ihre Userdaten de facto verschenkt: Email-Adressen, Klarnamen, Passwörter etc.pp. Sind solche Datensätze noch heiß und frisch, werden sie auf dem Schwarzmarkt verkauft. Sind sie aber erstmal oll und gut abgehangen, kursieren sie nicht selten leicht verfügbar und für lau in einschlägigen Foren. Das ändert jedoch nichts daran, dass man mit ihnen nicht noch etwas anfangen kann. Als treuer „Ansichten eines Nerds”-Leser der ersten Stunde ahnen Sie bestimmt schon warum. Richtig! Verwenden Sie dasselbe Passwort für unterschiedliche Dienste, haben Sie schon verloren, wenn nur ein einziger Dienst gehackt wurde1. Wenn Sie den Nervenkitzel lieben, nehmen Sie auch noch leicht zu erratende Passwörter oder unkreative Variationen des immer gleichen. Aber das wissen Sie ja alles. So´n Frevel würden Sie niemals begehen. Ist doch klar.

Das Dumme ist nur: Tun Ihre Freunde, Verwandten und Geschäftspartner dies auch nicht? In der schönen neuen Netzwelt, in der Freunde, Telefonnummern, Adressen, Mails, Kurzmitteilungen, Fotos und was weiß ich noch alles im Netz – oder auf „hipp” – in der „Cloud” gespeichert werden, bedeutet die Kompromittierung von Konten Bekannter oft auch eine Offenbarung von Informationen über einen selbst.

Was nützt es Ihnen, wenn Ihre persönliche Telefonliste mit einem 42 Zeichen langen Passwort gesichert ist, wenn die Ihres besten Freundes mit „123456” quasi öffentlich zur Verfügung steht? Aber ganz abgesehen davon, spielt das manchmal auch keine Rolle mehr. In einer Zeit, in der viele jeden noch so belanglosen Kram meinen ins Internet blasen zu müssen, landen fix mal ganz intime Einblicke ohne Wissen der Betroffenen in der Öffentlichkeit. Da können Sie noch so gut flunkern und Ihrem Lebenspartner erzählen, Sie seien auf einer Fortbildung gewesen. Spätestens, wenn Ihr angeduselter Kumpel Bilder von Ihnen mit der Großen Freiheit im Hintergrund bei Facebook hochlädt, ist das Ende des Familienfriedens absehbar. Aber bei so manchem bedarf es einer solchen „Relaisstation” noch nicht einmal. Erst die Netzgemeinde mit dem „Guck‘ ma‘, ich bin auf Mallorca am Strand und saufe Sangria – cool, was?”-Fotos beglücken und sich dann wundern, dass irgendwann mal die irgendwie doch nicht so geilen Badehosen-Schnappschüsse woanders auftauchen.

Das Internet ist, allen mehr oder minder bemühten Sicherheitsbestrebungen zum Trotz, kein privater Raum. Basta. Auch wenn Facebook und Co. uns das immer wieder glauben machen wollen.

Apropos Facebook: Quasi-Monopole machen alles noch viel schlimmer7. So müssen böse Buben nicht erst zehn verschiedene soziale Netzwerke abklappern, sondern suchen zentral beim blauen Riesen. Wie praktisch. Und das hat unser Sportsfreund ebenfalls getan. Das hat mit Hacken so wenig zu tun wie Papierflieger falten mit einem Pilotenschein. Selbst unter Anwendung mehr oder weniger komplexer Hilfsprogramme ist der Junge das, was man im Netzjargon etwas verächtlich „Script-Kiddy” nennt. Weil man alleine die Scheibenwischer wechseln kann, ist man noch kein Automechaniker. Und irgendwelche Suchprogramme starten zu können, hat noch nichts mit Hacken zu tun.

Immerhin bewegt er sich damit aber auf einem Niveau, dem unsere Ermittlungsbehörden und Politiker so gerade eben noch folgen können. Dass es allen beteiligten Stellen in dieser Komödie an Medienkompetenz mangelt, macht mich aber vor allem eines: fassungslos. Am Ende gibt es nur Verlierer. Ein Grünschnabel wird seines Lebens nicht mehr froh, die Behörden stehen da wie Deppen und das Internet wird in Deutschland wieder ein kleines bisschen mehr kaputt reguliert werden.

Die eigentlichen Probleme jedoch bleiben unberührt, gar so, als gäbe es die Enthüllungen eines Edward Snowden nicht und als würden sich einige wenige große Internet-Unternehmen an unseren Daten nicht dumm und dusselig verdienen. Außer Unverständnis, Schulterzucken und diesem Kommentar-Text bleibt mir da nicht viel.

Wir haben soeben Windrad Nummero zweiundvierzig passiert. Vor uns liegt der Fähranleger. Die Luft ist klar, die Briese herrlich steif und die Möwen ziehen ihre Bahnen am strahlend blauen Himmel. Worte wie „Facebook”, „Internet” und „Datenklau” verlieren plötzlich jede Bedeutung. Mein Handy mache ich gleich aus. Dort, wo wir hin wollen, benötige ich es nicht. Dort gibt es eh keinen Empfang. Wann wir wieder zurückkommen? Ach, es gibt dort so vieles zu entdecken und zu lernen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie lange es dauert, bis wir „satt” sind und ob das überhaupt jemals der Fall sein wird. Und selbst wenn, bin ich mir nicht sicher ob ich mich danach wieder richtig in die Rolle des Nerds werde einfinden können. Geschweige denn, ob ich das möchte. So ein kalter Aufguss ist schließlich auch nicht so das Wahre. Dennoch. Einen sehr, sehr wichtigen Tipp möchte ich Ihnen auf die Schnelle noch mitgeben: Achten Sie unbedingt darauf, dass Sie immer – und zwar wirklich immer… Uuuups, pardon, wir legen gleich ab. Ich muss leider schließen, sonst komme ich hier nicht mehr weg. Na, dann mache ich das dann mal so, wie man das in unserer herrlichen Heimat Hamburg eben so macht: Tschüss. Und danke für den Fisch.

Sascha Kluger

Am Ende gibt es nur Verlierer: Ein Grünschnabel wird seines Lebens nicht mehr froh.

Am Ende gibt es nur Verlierer: Ein Grünschnabel wird seines Lebens nicht mehr froh.